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SEID: Interview mit Jürgen Kosmos, Organ Morgan

15.11.2006 | 00:11

Stefan Kayser:
Space Rock, Psychedelic, Prog Rock und mehr. Der Sound von "Creatures Of The Underworld" zeichnet sich durch eine sehr eigenständige und interessante Mischung aus. Woher nehmt ihr eure Ideen?

Jürgen Kosmos:
Gute Frage, wir sind irgendwie immer schon wahllos auf die Musik zugegangen. Wir sind in der glücklichen Lage sagen zu können, dass wir einfach guten Rock kreieren und keine Ahnung haben, woher es kommt. Also, vielleicht weiß Burt [Rocket, ein weiteres Bandmitglied - SK] was, er ist unser Professor für Musikgeschichte. Wir haben bestimmt nicht das Rad neu erfunden, sind aber wahrscheinlich früher mal von ihm überfahren worden. Und darum klingen wir, wie wir sind.

Organ Morgan:
Wir alle sind Fans vieler Musikrichtungen, und SEID waren nie an eine bestimmte Sparte gebunden. Auch wenn einiges unserer Musik mit Jammen anfängt, haben wir die Tendenz, mit sehr strengen Arrangements aufzuhören. Ich glaube, SEID nutzen zeitweise Elemente von Space Rock, Prog Rock, Hard Rock, Elektronischem, Folk, Garagenrock, Samba, Krautrock, Psychedelic und vermutlich einigem mehr.

Stefan Kayser:
Der Sound erinnert mich teilweise an den Soundtrack von SF-Filmen oder -Fernsehserien. War dieser Höreindruck beabsichtigt?

Jürgen Kosmos:
Zumindest war es beabsichtigt, dem Hörer so eine Art Flucht zu geben, ein halbmagisches Hinfortfliegen im Alltag. Und alte Science Fiction kann spaßig sein. Ich persönlich weiß nicht allzu viel darüber, ich habe nur "Plan 9 From Outer Space" gesehen und mich die ganze Zeit schlapp gelacht. Wenn die Leute durch unsere Musik also übernatürliche Schwingungen verspüren, ist das ziemlich cool.

Organ Morgan:
Ich glaube, dass zumindest Burt Rocket auf "Futurama" steht, während mir die Atmosphäre der alten Science Fiction mehr gefällt, als es mir vollständig anzusehen. Wir lieben es beide, unsere Analogsynthesizer zu zwicken, und die Kombination davon ist das Produkt, das du hörst.

Stefan Kayser:
"Creatures Of The Underworld" hat einen deutlichen Retrosound. Vor allem die 1960er scheinen häufig durch. Was bedeutet euch diese Zeit und ihre Musik?

Jürgen Kosmos:
Es kommt uns nicht darauf an, retro zu klingen. Dennoch kommt viel unserer musikalischen Inspiration aus dieser Ära. Aber es muss ziemlich langweilig gewesen sein, in einer Zeit zu leben, in der die Frauen nicht ihre Achselhöhlen rasierten und es noch keinen Internetporno gab.

Organ Morgan:
Die Musikepoche von 1967 bis 1973 ist definitiv meine liebste, und ich glaube, es wäre schon fast seltsam, wenn sich das nicht zeigte. Aber ich stimme nicht unbedingt zu, dass unsere Musik selber retro ist, sofern du nicht unsere Retro-Ausstattung meinst.

Stefan Kayser:
Drei der fünf Bandmitglieder spielen Orgel und andere Tasteninstrumente. Im Clip zu 'Meet The Spacemen' präsentiert ihr euch als Zwei-Gitarren-Band. Werden die Tasten für euch wichtiger als die Saiten?

Jürgen Kosmos:
Nein, aber wir haben mit Burt Rocket und Organ Morgan zwei ziemlich fanatische Sammler alter Keyboards, Synthesizer usw. Da konnten wir uns ausmalen, dass wir sie dann auch damit spielen lassen müssen. Natürlich wird der gemeinsame Sound dieses ganzen Mellotron-Moog-Farfisa-usw.-Wahnsinns immer bedeutender für die Art, wie die Band letztendlich klingt. Es ist wirklich nicht besonders hart. Wir können nicht die Gitarren weglassen, und wir können nicht die Tasten weglassen. Wir hängen aneinander.

Organ Morgan:
Burt Rocket und ich sind richtige Fetischisten von Keyboards alter Jahrgänge, und wir teilen uns einige dieser Parts bei den Aufnahmen. Ich spiele die Tasten immer live, während Burt Rocket bei einigen Parts oder Liedern dazukommt. Jürgen ist mehr ein Sessionkeyboarder, der am kreativen Prozess bei der Entstehung des Albums teilnimmt.

Stefan Kayser:
Track 5 beinhaltet neben dem Lied 'Dragons & Demons' auch ein Zwischenspiel namens 'Opus Vulgaris' mit einer Gitarre, die mich etwas an SANTANA erinnert. Was könnt ihr zu diesem Stück sagen?

Jürgen Kosmos:
Es ist der kleine Zwischenraum zwischen Seite A und B, wenn das Album auf Vinyl erschienen wäre. So eine Art Nostalgie, schätze ich. Zeit, sich noch was aufzusetzen oder Tabak nachzustopfen oder was man sonst auch immer mag. Eine kleine Pause. Persönlich identifiziere ich mit diesem Stück den Traum, mit einer wohlrasierten Zwergin an irgendeinen Strand an der mexikanischen Pazifikküste zu entfliehen [Hat er echt so gesagt. - SK]. Und SANTANA ist doch von da unten, nicht wahr? Vielleicht treffe ich ihn ja.

Organ Morgan:
Ich stehe echt auf einiges Material der frühen SANTANA, aber eigentlich hatten wir diesen Höreindruck nicht im Sinn. Wir hätten gerne beide Alben auf Vinyl rausgebracht, aber unser Wunsch ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Trotzdem wollten wir das Album in zwei Hälften aufteilen, und 'Opus Vulgaris' ist für mich ein kleines witziges Zirkuslied.

Stefan Kayser:
Was haltet ihr für die wichtigsten Entwicklungen auf "Creatures Of The Underworld" gegenüber eurem Debüt "Among The Monster Flowers Again"?

Jürgen Kosmos:
Schwer zu sagen. Aber dieses Mal war die ganze Band am Schreiben der Stücke beteiligt. Das hilft. Musikalisch dürften wir unbewusst konzentrierter und mit mehr Zusammenhang dabei gewesen sein. Aber letztendlich sind die Hauptunterschiede, glaube ich, neue Lieder, neue Sounds und neue Möglichkeiten.

Organ Morgan:
Bessere Band, besserer Sound, dunklere Atmosphäre. Auch waren wir selbst stärker am gesamten Prozess beteiligt.

Stefan Kayser:
Ihr habt früher schon einige Singles veröffentlicht. Wird es auch zu "Creatures Of The Underworld" eine Single geben?

Jürgen Kosmos:
'Starla's Dream' sollte ausgekoppelt werden und ein großer Hit werden, Das würde eine Menge wirtschaftlicher Zwänge lösen. Aber nein, ich glaube nicht.

Organ Morgan:
Nö, alle 7"-Singles sind mehr oder weniger unabhängig von den CDs erschienen. Aber man findet einiges neu aufgenommene Material von den B-Seiten auf dem neuen Album.

Stefan Kayser:
Welche Bands haben euch geprägt?

Jürgen Kosmos:
Oh, mal nachdenken... Für mich GONG, FRANK ZAPPA, SONIC YOUTH, GORAN BREGOVIC und andere Verrückte vom Balkan, MOTORPSYCHO, zumindest die frühen. Mehr fallen mir jetzt nicht ein. Alles durcheinander.

Organ Morgan:
Wow, eine Menge. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Einige wenige sind CAMEL, KING CRIMSON, SHINING - "From The Kingdom Of Come, You Will Be A Monster" ist ein großartiges Album -, PINK FLOYD, SPECTRUM, DEEP PURPLE, URIAH HEEP, HAWKWIND, NO LIFE ORCHESTRA, LIONHEART BROTHERS, MOTORPSYCHO, BRIAN ENO, OPETH, GONG, CAN, KRAFTWERK, VAN DER GRAAF GENERATOR, CARAVAN, die Liste ist sehr lang und hört nie auf.
Zur Zeit höre ich WEST COAST NATURAL GAS, 13TH FLOOR ELEVATORS und die norwegische Prog-Rock-Band GARGAMEL, alles großartige Gruppen!

Stefan Kayser:
Wird man euch im deutschsprachigen Raum live erleben?

Jürgen Kosmos:
Wir sind kosmische Piraten, haben Platz und reisen. Aber wir müssen abwarten, wo wir auf unserer intergalaktischen Tour plündernd und heerend einfallen werden. Vielleicht kommen wir vorbei, vielleicht nicht.

Organ Morgan:
Wir hatten eine Menge Spaß auf Tour, besonders in Deutschland. Ich käme sehr gern wieder, aber derzeit leben wir weit voneinander entfernt. Ich weiß nicht, wann und ob wir uns wiedersehen.

Stefan Kayser:
Danke für das Gespräch. Ich hoffe, wir werden noch einiges von euch auf eurem 'Flug zur Sonne' hören.

Jürgen Kosmos:
Danke, dass du uns interviewt hast. Aber ist der 'Flight Towards The Sun' beendet, wir sind jetzt da. Viele Grüße von der Sonne!

Redakteur:
Stefan Kayser

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