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SHATTER MESSIAH: Interview mit Curran Murphy

04.11.2007 | 22:45

Mit "God Burns Like Flesh" legt uns der ehemalige NEVERMORE- und ANNIHILATOR-Klampfer Curran Murphy mit seiner neuen Mannschaft SHATTER MESSIAH bereits sein zweites Album vor. Wie schon beim Debüt vor einem Jahr kann die Band mit fetten und bösen Riffs, wahnwitzigen Soli und vielen melancholisch düsteren Gesängen überzeugen. Ein Leckerbissen für alle Fans seiner ehemaligen Arbeitgeber, denn allzu weit davon hat sich Mr. Murphy nicht entfernt. So musste ich den Gitarristen und Kopf der Band mal kontaktieren, um ihm ein wenig auf den "Wie viel Kopie ist erlaubt?"-Zahn zu fühlen.

Chris:
Hey Curran, da wir zur ersten Scheibe "Never To Play The Servant" kein Interview geführt haben, möchte ich noch einmal kurz darauf zurückkommen. Gehe ich Recht in der Annahme, dass es sich bei den Songs für das Debüt um zahlreiche von dir geschriebene "Outtakes" für deine ehemaligen Arbeitgeber handelt?

Curran:
Nein. Die Songs für das Debüt, aber auch für "God Burns Like Flesh", sind alle komplett neu. NEVERMORE und auch ANNIHILATOR haben jeweils hervorragende Songwriter in ihren Bands. Das war ja auch mit ein Grund, warum ich jetzt SHATTER MESSIAH ins Leben gerufen habe. Ich war es einfach müde, immer in anderer Leute Bands zu spielen und keine Songs schreiben zu können. Daher war es für mich vollkommen klar, dass ich mit SHATTER MESSIAH nun meine eigene Band gründen musste.

Chris:
Auf dem ersten Album hattest du dich musikalisch noch nicht wirklich festgelegt. Da waren einige Thrash- und Death-Metal-Sachen drauf – vor allem was den Gesang von Greg betrifft. Auf "God Burns Like Flesh" hast du dich aber nun verstärkt in diese NEVERMORE-Ecke begeben. Ist es das jetzt, was du machen willst und für was SHATTER MESSIAH in Zukunft auch stehen werden?

Curran:
Wir sind da nicht festgelegt, sondern machen Heavy Metal, den wir zu dem bestimmten Zeitpunkt eben schreiben wollen. Für "God Burns Like Flesh" wollte ich sehr pompöse Songs schreiben mit haufenweise Soli und mächtigen mehrstimmigen Gesängen. Ich wollte uns mit Absicht mehr in diese melodischere Richtung drücken.

Chris:
Auf dem ersten Album warst du komplett fürs Songwriting und die Produktion verantwortlich. Ist auch das neue Album ein Alleingang, oder hattest du Hilfe von deinen Bandkollegen?

Curran:
Die Jungs haben alle mit großartigen Ideen, Riffs oder Arrangements dazu beigetragen, dieses Album zu machen. Die letztendliche Entscheidung, was tatsächlich wie auf dem Album landet, lag aber einzig und allein bei mir als Produzent.

Chris:
Meine Lieblingssongs sind das Titelstück (großartiges Break), 'Pathway' und 'Dirge Of The Christ', die allesamt mit Killerriffs ausgestattet sind. Wie kann ich mir denn so eine Arbeitsweise zwischen dir und beispielsweise Sänger Greg vorstellen?

Curran:
Stell dir einfach mal folgendes Szenario vor: Wags (Sänger Greg Wagner – Chris) und ich wären jeden Morgen zusammen ins Studio gegangen, um die Gesänge aufzunehmen, und er hätte weder Musik noch die Texte vorher gekannt. Wir hören also die Musik und ich erkläre ihm meine Vorstellungen von den Gesangsmelodien und Texten, worauf er nur sagt, ich solle die Klappe halten. Er marschiert also einfach mit den Textblättern in die Gesangskabine und liefert eine unglaubliche Gesangsperformance im "First Take" ab. Während wir an den Songs so arbeiten, hätten wir beide neue Ideen für mehrstimmige Passagen bekommen und uns einfach inspirieren lassen, um den Textfluss der Musik anzupassen – und genau so war es dann auch bei jedem einzelnen Song! Wir sind beide an die Sache herangegangen, ohne genau zu wissen, wie das Endresultat aussehen würde. Wir wussten aber, dass wir am Ende beide glücklich damit sein würden. Logischerweise wurden die Sachen nicht in nur drei Tagen aufgenommen.

Chris:
Hast du die kompletten Gesängen aufgenommen, oder hat Greg auch ab und an alleine eingesungen? Er klingt an manchen Stellen als würde er in einer anderen Tonart singen.

Curran:
Interessant, dass du meinst, er würde manchmal tonal nicht ganz richtig sein. Ich denke einfach, die Töne, die wir uns ausgesucht haben, sind richtige Killer. Sie sind tonal in Ordnung, aber nicht die einfachen "do-re-me-fa-so-la-te-do"-Noten, die man für die gängige Musik benutzt. SHATTER MESSIAH stehen für all das Hässliche, was ich fühle, sehe und höre in dieser Welt. Wags greift diese Stimmung dann immer auf und vermittelt es auf seine Art, bei der sich mir regelmäßig die kleinen Härchen auf den Armen aufstellen – im positiven Sinne.

Chris:
Ein großes Kompliment muss ich dir auch für deine genialen Soli machen. Legst du darauf besonderen Wert? Immerhin hast du in der Vergangenheit unter anderem mit Jeff Loomis und Jeff Waters zusammen gespielt.

Curran:
YES! Ein Haufen Leute haben mir gesagt, dass sie auf der ersten Scheibe die Soli vermisst haben. Ich habe mir die ganzen Sachen dann noch einmal angehört und musste tatsächlich feststellen, dass ich mehr zweistimmige Melodiesoli gespielt habe als diese "let it rip"-Soli. Nun ja, ich habe mich also auf meinen Arsch gesetzt, hart an meinem Solokram gearbeitet und meiner Meinung nach ziemlich abgefahrene Killersoli auf dieser Scheibe abgeliefert.

Chris:
Womit du vollkommen Recht hast. Hast du denn beim Songwriting für die neue Scheibe irgendeinen Druck verspürt?

Curran:
Nein. Der einzige Druck, den ich wirklich stets fühle, ist Musik machen zu wollen, auf die ich stolz sein kann und die sich in meinem Kopf und für meine Ohren gut anhört. Wir hatten zwar noch einen Haufen älteres Material aus den "Never To Play The Servant"-Sessions, aber ich habe mich als Songwriter weiter entwickelt. Ich wollte eher neue Sachen machen und vor allem die Songs nutzen, die wir als Band zusammen geschrieben haben.

Chris:
Meiner Meinung nach tendierst du musikalisch jetzt enorm stark in die NEVERMORE-Richtung. Hat denn Jeff Loomis deine Sachen schon gehört?

Curran:
Ich weiß nicht, ob Jeff jemals unsere Songs gehört hat, aber ich weiß, dass Warrel das getan hat. Er sagte, er mag das erste Album. Die Parallelen zu diesem NEVERMORE-Sound sind für mich einfach unvermeidbar, denn ich habe mit Jeff Loomis so lange an der Perfektionierung der Gitarren für "Politics Of Ecstasy", "Dreaming Neon Black", "Dead Heart In A Dead World" und auch "Enemies Of Reality" gearbeitet, um vor allem seiner Vorstellung gerecht zu werden, so dass es auch ein Teil meines Stils geworden ist. Ich finde, daher geht das mehr als in Ordnung.

Chris:
Akzeptiert, aber trotzdem ist ein Song wie 'Tomorrow Immortal' hart an der Grenze zum Erlaubten, finde ich. Ab wann ist denn bei dir die Schmerzgrenze überschritten?

Curran:
Wenn ich aus Versehen anfange, ein NEVERMORE-Riff zu spielen ... 'Tommorrow Immortal' hat absolut einen NEVERMORE-Touch, aber sie haben meiner Meinung nach nie einen vergleichbaren Song geschrieben.

Chris:
Da kann man jetzt geteilter Meinung sein. Wo würdest du denn persönlich SHATTER MESSIAH auf dem heutigen Markt platzieren?

Curran:
Mmh, das ist schwer. Wir sind definitive eine neue Band, haben aber einen Haufen gestandener Musiker in unseren Reihen. Somit ist SHATTER MESSIAH vielen Bands bereits ein paar Schritte voraus. Trotzdem sind wir gerade erst dabei, uns einen eigenen Namen zu erspielen.

Chris:
Kommen wir mal zu den Texten, in denen du stark mit religiösen Symbolen arbeitest. Bist du kein Freund der Kirche?

Curran:
Ich benutze Worte wie "Gott" oder "Christus" in meinen Texten, um deine Aufmerksamkeit zu erregen. Von da an musst du natürlich etwas tiefer in sie eintauchen, um herauszufinden, was sie für dich selbst bedeuten. Ich schreibe sie auch, um bei all den verbohrten religiösen Menschen Empörung hervorzurufen, damit ich erkennen kann, mit welcher Art von Menschen ich mich tatsächlich nicht umgeben muss. Ich kann religiöse Ignoranz einfach nicht ertragen – da werde ich wahnsinnig.

Chris:
Was kannst du mir über die Produktion des Albums sagen? Gitarren-Pod und Drumcomputer?

Curran:
WAS?!? Denkst du das wirklich?!? FUCK YOU MAN FUCK YOU!!! Nein, war nur ein Spaß... Ich habe ein voll abgefahrenes Studio hier in Amerika, in dem ich arbeite und auch andere Bands aufnehme. Ich mache die Demos meist tatsächlich mit Gitarren-Pod und Drumcomputer, aber wenn es dann zu den regulären Aufnahmen kommt, reiße ich die Amps auf und Bobs (Drummer Robert Falzano – Chris) beginnt, "to hammer the fuck out of his drums".

Chris:
Ist es denn Absicht, dass die Produktion an manchen Stellen gar ein wenig roh und unsauber klingt? Kein Geld für Pro-Tools?

Curran:
Nein, ich benutze Nuendo anstatt Pro-Tools, weil ich Pro-Tools wirklich hasse! Wie auch immer, das etwas Dreckige ist beabsichtigt. Ich habe oft das Gefühl, dass die meisten Leute heutzutage mehr Wert auf einen perfekten Pro-Tools-Sound legen anstatt einer perfekten Performance. Höre dir doch einfach nur mal deine ganzen alten Lieblingsscheiben an. Alles ist irgendwie etwas holprig und trotzdem total geil. Deshalb halte ich mich bewusst aus diesem Perfektionswahn heraus. Bevor ich anfange, Wags Gesänge geradezuziehen oder meine Gitarren zu bearbeiten, würde ich den Part lieber noch einmal aufnehmen, um einfach eine bessere Performance hinzubekommen.

Chris:
Gibt es eigentlich große unterschiedliche Reaktionen auf SHATTER MESSIAH in Europa, Asien oder den USA?

Curran:
Im Moment haben wir nur einen Deal in Europa – für die USA sind wir vielleicht einfach nicht gut genug. (lacht) Es gibt aber keine großartigen Unterschiede. Bisher hat jeder, der SHATTER MESSIAH gehört hat, es gemocht. Natürlich gibt es immer ein paar Leute, die unsere Musik nicht verstehen können, aber das ist immer so, wenn es um Musik, Kunst oder Poesie geht.

Chris:
Du hast ja bereits in zwei sehr diktatorisch geführten Bands gespielt. Bist du nun der Diktator in SHATTER MESSIAH oder führst du die Band eher demokratisch?

Curran:
Ich bin ein "wohlwollender Diktator". Das ist mittlerweile der einzige Weg, wie eine Band im heutigen Business wirklich funktionieren kann. Bobs und ich sind Geschäftspartner in Sachen SHATTER MESSIAH, aber was die Musik anbetrifft, geht alles nur über mich. Jeder hat die Aufgabe, Ideen und Musik einzubringen, aber ich bin dafür verantwortlich, dass am Ende alles zusammen passt. Ich bin ja nicht nur Bandmitglied, sondern auch gleichzeitig der Produzent.

Chris:
Jetzt wird es aber mal Zeit für eine Tour durch Europa oder zumindest für ein paar Festivals im nächsten Jahr. Wie schaut es aus?

Curran:
Da wirst du wohl unser Label fragen müssen. Genauso wie die Festivalleute, die uns bisher noch nicht eingeladen haben. (lacht)

Chris:
Besteht deine Live-Band aus den gleichen Musikern, die auch "God Burns Like Flesh" eingespielt haben?

Curran:
Yeah, das sind die gleichen Leute, denn das ist es ja auch, was eine richtige Band ausmacht. Vier oder fünf Typen, die zusammen Musik machen, eine Platte aufnehmen und dann gemeinsam auf Tour gehen. Alles andere ist keine Band, sondern nur ein Studio- oder Soloprojekt – und SHATTER MESSIAH ist definitiv nichts davon.

Chris:
Dann stelle uns doch mal bei der Gelegenheit deine Mitmusiker vor. Was wolltest du schon immer mal über sie erzählen?

Curran:
Ich bin ein verdammt glücklicher Idiot, dass mir diese vier Typen über den Weg gelaufen sind. Wags (ex-ARCHETYPE, ex-BREAKER) war der Erste, der in die Band eingestiegen ist. Er ist ein richtiges Aushängeschild für die Band – vor allem live - ein total Verrückter. Ich meine, er isst, schläft, atmet und lebt HEAVY METAL!! Bobs (ex-ANNIHILATOR) ist nicht nur der Drummer von SHATTER MESSIAH, sondern auch einer meiner besten Freunde. Wir arbeiten gemeinsam so hart an dieser Band und ich könnte mir nicht mehr vorstellen, wie es ohne ihn wäre. Jason Chamberlain ist der neue Bassist und einfach nur ein saugeiler Typ. Er ist sehr bodenständig und weiß immer, was getan werden muss. Und natürlich Gitarrist Dusty Holt, der jetzt erst richtig zur Entfaltung kommt bei SHATTER MESSIAH, denn er hat großartige Musik und Soli zur neuen Platte beigetragen.

Chris:
So, Curran, vielen Dank für das coole Interview. Jetzt hast du noch ein bisschen Platz, um ein paar Worte an deine deutschen Fans zu richten...

Curran:
Ich kann es nicht erwarten, bis ihr die neue Scheibe gehört habt. Ich weiß, ihr werdet durchdrehen. Vor allem möchte ich euch alle bei den Shows sehen, WENN wir es denn endlich mal in euer fantastisches Land schaffen sollten. SHRED SOME FUCKING SHATTER MESSIAH METAL AND DRINK BEERS!! Love, Curran.

Redakteur:
Chris Staubach

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