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SINNER: Interview mit Tom Naumann

12.07.2022 | 14:38

"Brotherhood" ist nicht nur ein neues Album in der SINNER-Historie, sondern auch ein absolutes Rock-/Metal-Statement vor dem Herrn, das die Band um Mat Sinner und Tom Naumann in bestechender, da ungemein vitaler, abwechslungsreicher, aber auch härterer Form zeigt. Für dieses bockstarke Album greifen viele Zahnräder ineinander, die wir mit Gitarrist Tom einmal aufdröseln und gemeinsam der Stärke der neuen SINNER-Platte auf den Zahn fühlen. Dazu kommen noch mehr als tolle Aussichten ob der Zukunft von SINNER und PRIMAL FEAR und die Gewissheit, dass man sich auf seine rockenden Pappenheimer verlassen kann. Mehr erfahrt ihr im sehr schönen Gespräch mit Naumanns Tom.

Tom, wie ist die Stimmung bei SINNER? Wie geht es dir?
Hallo Marcel, danke der Nachfrage. Mir bzw. uns geht es ganz gut. Wir freuen uns auf den anstehenden Release des neuen Albums und sind auf die Reaktionen gespannt. Soweit ich das bisher beurteilen kann, wird "Brotherhood" super angenommen und die Reviews sind bisher durchweg positiv.

Im August des letzten Jahres wurden alle PRIMAL FEAR-Shows für 2021 und 2022 aufgrund – ich hoffe ich irre mich jetzt nicht – Mats Krankheitszustand gecancelt. Darfst und kannst du da etwas Licht ins Dunkel bringen, was genau passiert ist und inwieweit er sich erholen konnte?
Eigentlich wurden erstmal alle Touraktivitäten dank Corona seit Mitte/Ende 2020 auf Eis gelegt. So mussten wir unsere Europa-Tour bereits dreimal und unsere Amerika-Tour zweimal verschieben. Hinzu kam später die Erkrankung von Mat. Da haben wir vorsichtshalber und fürsorglicherweise erstmal den Stecker gezogen, da die Gesundheit immer vor geht und wir kein Risiko eingehen wollten. Was genau passiert ist, kann ich dir nicht mal sagen, da ich kein Arzt bin und auch keine Ferndiagnose abgeben kann und werde. Das ist, meiner Meinung nach, auch eine private Sache und Mat wird sicherlich Licht ins Dunkel bringen, wenn es so weit ist, dass er darüber sprechen möchte. Fakt ist, dass Mat auf einem sehr guten Weg der Besserung ist und ich glaube, dass wir ihn bald wieder in Action sehen werden.

Das sind gute Neuigkeiten! Wahrscheinlich strotzt "Brotherhood" auch genau aus diesem Grunde vor Kraft und Vitalität. Ein ungemein starkes Album, das für mich noch wesentlich konsequenter auf den Punkt kommt als "Tequila Sunrise" und "Santa Muerte". Worin liegen deiner Meinung nach die Unterschiede zwischen dem aktuellen Bollwerk und den letzten SINNER-Alben?
SINNER war schon immer eine Band, die sich gerne etwas verändert. Die letzten beiden Produktionen gingen eher in Richtung Rock und wir hatten ja auch bei "Santa Muerte" mit Gio eine Sängerin mit am Start. Da haben wir musikalisch auch etwas experimentiert und über den Tellerrand geschaut. Da gab es neben irischen und spanischen Einflüssen auch eine coole Bluesnummer. So etwas hatten wir in der Art noch nie. Mat und ich saßen dann eines schönen Tages im Herbst 2020 in seiner Küche und haben Pläne für neue Songs geschmiedet und gemeint, dass wir etwas in der SINNER-Historie zurück gehen könnten. So entstand die Idee eine Scheibe zu machen, die an die die Releases "Bottom Line", "Judgement Day" und "Nature Of Evil" nahtlos anknüpfen könnte. Diese Alben entstanden Mitte der 1990er Jahre und gehören wohl zu den härtesten Releases der Band. Wir fingen dann auch sehr schnell mit dem Songwriting an und innerhalb von zwei bis drei Monaten war der Songwriting-Prozess beendet und wir hatten alle Songs für das Album.

"Brotherhood" ist ein vieldeutiger Titel für das neue SINNER-Album. In erster Linie denke ich da an die familiäre Freundschaft zwischen den einzelnen Bandmitgliedern, insbesondere zwischen dir und Mat, die schon seit über 30 Jahren besteht. Ist der Titel darauf bezogen?
Der Titel hat mehrere Ansatzpunkte. Zum einen kennen Mat und ich uns schon seit fast 40 Jahren und haben nicht nur eine musikalische Verbundenheit, sondern sind auch privat gemeinsam unterwegs. Weiterhin ist es auch so, dass wir uns als Band untereinander schon sehr lange kennen und in irgendeiner Form in diversen Bands bereits zusammen musiziert haben. Von daher haben wir da menschlich auch einen sehr guten Draht zueinander. Das Album entstand in einer Zeit, als wir als Musiker ein Berufsverbot bekamen und nicht mehr live spielen durften und uns auch nicht mehr großartig zum Proben treffen konnten. Das hat uns natürlich in eine schwierige Situation gebracht und wir sind dadurch enger zusammengerückt. Dadurch kam auch die Idee, die Produktion mit Personen aus unserem Freundeskreis durchzuziehen. So konnten wir da etwas helfen und haben da auch dieses Band der Freundschaft weiter gestärkt.

Desweiteren halten die treuen SINNER-Fans der Band schon seit Anfang der 1980er Jahre die Stange. Wie wichtig ist euch der direkte und jahrelange Kontakt zu den Fans und was verbindest du in der Welt des Hardrocks und Metals mit dem Terminus Treue?
Also erstmal sind wir dankbar, dass wir als Band seit über 40 Jahren existieren und Produktionen veröffentlichen und noch auf Tour gehen können. Natürlich freuen wir uns auch, dass unsere Fans für uns da sind und auch unsere kleinen Stilwandel mitgehen. Es hat sich da auch über die Jahre eine wahre Freundschaft zu etlichen Fans entwickelt, die man auch immer wieder gerne sieht, wenn man Konzerte spielt. Der Begriff Treue ist in der Metal- und Rock-Community eh sehr stark verwurzelt, was für die gesamte Musikbranche spricht, da sich schon ein großer Zusammenhalt zwischen Fans und Bands entwickelt hat. Es haben sich auch zwischen den Bands großartige Freundschaften entwickelt und es ist immer wieder schön diverse Bands, Musiker und Freunde auf Festivals und auf Konzertreisen zu treffen.

Zum anderen könnte der Albumtitel auch zu eurem neuen Label passen. Ihr seid nun bei Atomic Fire im Schoße alter Bekannter. Was waren eure Beweggründe, zu Atomic Fire zu wechseln und welche Vorteile ergeben sich daraus für euch?
Die Jungs von Atomic Fire kennen wir schon seit der Anfangszeit von PRIMAL FEAR und wir waren damals auch mit SINNER bei Nuclear Blast unter Vertrag. Von daher ist das nicht nur eine Business-Geschichte, sondern auch und vor allem eine freundschaftliche Beziehung. Nachdem PRIMAL FEAR bei Atomic Fire unterschrieben hatte, lag es eben nahe, dass wir auch mit SINNER dorthin wechseln. Das hat aber nichts mit Unzufriedenheit mit unserem alten Label zu tun. Mit diesem hatten wir auch eine langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit. Der Vorteil ist eben nun, dass man nun zwei Bands, bei denen man spielt, unter einem Dach hat und die Ansprechpartner eben auch Freunde und Bekannte sind, die man schon über Jahre kennt und ihre Arbeit schätzt.

Ein Song, den ich sehr mag, heißt 'The Man They Couldn't Hang'. Obwohl ich eine Vermutung habe, magst du offenbaren, wer der Mann ist, der nicht kleinzukriegen ist?
Dieser Mann, der nicht kleinzukriegen ist, sollte eigentlich in uns allen sein. Jeder hatte doch schon Momente im Leben, in denen es nicht rund lief. Da muss man aber durch und sich eben nicht unterkriegen lassen und klein beigeben. Es gibt im Leben immer etwas für das es sich lohnt zu kämpfen, auch wenn man es manchmal nicht sieht oder sehen mag. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels und aufgeben ist keine Option. Wenn es mal nicht so läuft, sollte man sich kurz eine Auszeit gönnen, sich zurücklehnen und reflektieren wie viel schöne Dinge man besitzt oder schon erlebt hat. Oft ist man sich dessen gar nicht bewusst, weil man es mittlerweile als selbstverständlich ansieht.

Was waren eure Beweggründe, den THE KILLERS-Song 'When You Were Young' zu covern?
SINNER war schon immer eine Band, die versucht hat ihren musikalischen Horizont hier und da zu erweitern. Wir haben damals auch das BILLY IDOL-Cover 'Rebel Yell' gemacht, das erstmal musikalisch nichts mit SINNER zu tun hat. Den Song haben wir mittlerweile seit über 30 Jahren fest in unserer Setliste. Wir scheuen uns auch nicht, weitere Songs ins Programm aufzunehmen und auszuprobieren mit denen niemand rechnet. Bei der letzten Tour hatten wir z.B. eine POLICE-Nummer dabei. THE KILLERS fanden wir schon immer eine coole Band mit klasse Songs. Eines Tages kam Mat mit der Idee um die Ecke 'When You Were Young' mal aufzunehmen. Das haben wir probiert und uns hat das Ergebnis so gut gefallen, dass wir es mit in die Produktion nahmen.

Ich mag auch das Artwork der Platte, kann aber keinen richtigen Brückenschlag zum Titel bzw. zu den Songs herstellen. Magst du mir dabei behilflich sein?
Die letzten beiden Scheiben "Tequila Suicide" und "Santa Muerte" hatten ja einen Bezug zum Dia de Muertos, dem Tag der Toten, einem der wichtigsten mexikanischen Feiertage. Als wir nun für die neue Scheibe die musikalische Richtung etwas verändert haben, wollten wir nicht gleich alles komplett umändern und sind deswegen bei einem ähnlichen Artwork geblieben. Eine wunderschöne Trilogie.

Generell besticht die neue Platte auch vor Abwechslung. Es gibt ungemein offensive Stücke ('Bulletproof'), die typisch coolen Rocker ('Refuse To Surrender') und ungemein viel Energie (alle Songs). Wie wichtig ist für euch einerseits die Abwechslung auf Platten, andererseits allerdings auch sich von der musikalischen Ausrichtung her treu zu bleiben?
Es ist natürlich sehr wichtig, wenn man einen roten Faden innerhalb eines Albums und den Songs erkennen kann, ohne dabei eintönig zu werden. Ich denke, wir haben da sehr gut die Kurve bekommen und einen gesunden Mix an unterschiedlichen Songs zusammengebastelt, die aber in die selbe Richtung gehen. Wenn man die Songs wie z.B. 'Bulletproof', 'The Last Generation' oder 'My Scars' miteinander vergleicht, sind die Songs einzeln betrachtet schon sehr unterschiedlich, aber als Albumsongs sehr homogen und passend zueinander. Durch diese Zusammensetzung wirkt das Album nicht eintönig und auch nicht künstlich zusammengesetzt.

Ich glaube ihr hattet für ein SINNER-Album noch nie so viele Gastbeiträge wie nun für "Brotherhood". Auch unter diesem Aspekt hätte der Titel nicht besser gewählt werden können. Wie kam denn die lange Liste der Gäste zusammen? Und standen auch noch weitere Hochkaräter auf eurer Agenda?
Als wir mit der Vorproduktion für "Brotherhood" angefangen haben, waren wir ja mittendrin in der Pandemie. Da kam uns die Idee die Produktion im und mit dem engen Freundschaftskreis aufzunehmen. Wir gingen dafür ins Backyard Studio unseres Live-Mischers Basi Röder nach Kempten, um die Drums und Gitarren aufzunehmen. Unser Freund Mitch Kunz aus der Schweiz hat uns beim Editieren und Aufnehmen geholfen. Jacob Hansen aus Dänemark, den wir auch schon eine gefühlte Ewigkeit kennen, hat unser Album gemischt. Genauso verhielt es sich mit den Gastbeiträgen. Dadurch, dass man schon so lange im Business ist, kennt man eben genügend Musiker und hat Freundschaften geschlossen. Deshalb war es umso schöner, dass sich alle spontan dazu bereit erklärt haben, an dem Album mitzuwirken und ihren Teil dazu beigetragen haben. Wie cool ist es denn, Leute wie Dave Ingram von BENEDICTION, Tom Englund von EVERGREY, Ronnie Romero von RAINBOW, Erik Martensson von ECLIPSE, Ralf Scheepers von PRIMAL FEAR und Mark Basile von DGM auf einer Scheibe zu haben? Oliver Palotai von KAMELOT hat unsere orchestralen Visionen und Ideen auch super umgesetzt! Total unterschiedliche Musikstile, aber alle waren mit dabei und haben ihren Teil dazu beigetragen, dass das Album so klingt wie wir es jetzt hören.

Dir muss ich auch ein großes Lob ob der Produktion aussprechen. Du hast gemeinsam mit Mat der Platte einen enorm druckvollen, zeitlosen Sound verpasst. Wie kam es denn dazu, dass du bei der Produktion mitgewirkt hast? Hattest du auch schon auf den letzten SINNER-Alben deine Finger mit im Spiel bzw. an den Reglern?
Vielen herzlichen Dank für die Blumen. Freut uns natürlich, wenn dir die Produktion gefällt. Ich habe schon auf einigen Alben mitgewirkt und man hat ja hier und da auch seinen Teil dazu beigetragen ohne dabei erwähnt zu werden. Mat hatte immer das letzte Wort, wenn es um die Produktionen ging. Dieses Mal war es aber leider so, dass Mat nicht immer am Aufnahmeprozess teilnehmen konnte und er hat mir bei einem Telefonat ein kurzes knackiges "Tom, mach die Scheibe fertig. Ich vertrau dir da voll" zugeworfen. Das war natürlich erst einmal eine komplett neue Situation für mich. Es gab aber keinen Weg zurück und ich habe mich der Aufgabe so gut es ging gestellt und bin die die Sache mit Demut angegangen. War natürlich auch schön, dass Mat mir da voll vertraut hat und es hat auch, trotz der Verantwortung, einen großen Spaß gemacht. Ohne die anderen Jungs in der Band, die sich ordentlich reingeschmissen haben und natürlich das ganze Team drum herum, wäre das Album sicherlich anders geworden. Daher würde ich eher von Teamwork und Verbrüderung sprechen.

Wie wird es nach der "Brotherhood"-Veröffentlichung weitergehen? Ich kann mir gut vorstellen, dass als nächstes mit Ralf und Co. an einer neuen PRIMAL FEAR-Platte getüftelt wird?
Jetzt schauen wir erstmal, wie sich das Album macht und checken die Möglichkeit live zu spielen. Es gibt nichts Schöneres als neue Songs dem Publikum live zu präsentieren. Bei PRIMAL FEAR läuft der Songwriting-Prozess schon seit längerem und wir haben schon wieder gute Ideen am Start.

Du warst kürzlich auch auf dem RAMMSTEIN-Konzert in Stuttgart. Wie gefiel dir das Konzert und glaubst du, dass es sich um die letzte Konzertreise der Band handelt?
Ich bin eher nicht so der Konzertgänger. Erst recht nicht, wenn es sich um so Massenevents handelt. Ich muss allerdings sagen, dass RAMMSTEIN ein ordentliches Brett abgeliefert hat und ich froh war, bei diesem Event dabei gewesen zu sein. Show und Sound waren absolut Obersahne. Das hätte ich in dieser Art und Weise nicht erwartet. Ob es die letzte Tour von RAMMSTEIN sein wird, kann ich nicht beurteilen. Es gibt natürlich versteckte Hinweise der Band – siehe den Abschlusssong der Setliste mit 'Adieu' – aber RAMMSTEIN war ja schon immer eine Band, die Unvorhersehbares gemacht hat und bei der man nie genau weiß, wo bei ihnen die Reise hingeht.

Mein lieber Tom, vielen Dank für die Antworten auf meine brennenden Fragen. Ein Spitzenalbum ist's geworden, mit dem ich euch alles erdenklich Gute wünsche. Bleib gesund! Was möchtest du unseren Lesern und all den SINNER-Fans weltweit noch mit auf den Weg geben?
Vielen Dank, Marcel. Freut uns, wenn dir das Album gefällt! Hello to all our fans out there! Hope to see you somewhere on tour around the globe. Stay safe, sane and celebrate life!

Redakteur:
Marcel Rapp

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