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STEEL PROPHET: Interview mit Nadir D'Priest

01.01.1970 | 01:00

STEEL PROPHET zählen zu den Urgesteinen der amerikanischen Metalszene. Trotz annähernd konstant guter Veröffentlichungen, einiger Tourneen, überschwenglicher Kritiken und sympathischer Ausstrahlung hat man den Eindruck, die Kapelle um Szeneveteran Steve Kachinsky würde auf der Stelle treten. Zuerst erntet man mit dem letzten Album allerorts mäßige Resonanzen, dann steigt auch noch Aushänge-Sirene Rick Mythiasin aus. Aber anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, überraschen uns die Jungs nicht nur mit einem erstklassigen neuen Sänger, sondern mit einem fast ebensolchen Album, auf dem man wieder deutlich back to the roots geht. Ausreichend Gesprächsstoff also, dem Neuling Nadir D`Priest nicht immer gewachsen war.


Holger:
Wenden wir uns zuerst der aktuellen Vergangenheit zu. Warum ist Rick denn nun eigentlich ausgestiegen?

Nadir:
Diese Frage könnte wohl Steve beantworten, aber ich habe absolut keine Ahnung, was vor meiner Zeit in der Band abgegangen ist.

Holger:
Könnte es an der teils doch recht harschen Kritik am Vorgängeralbum "Unseen" gelegen haben?

Nadir:
Leider muss ich auch hier wieder auf Steve verweisen, sorry.

Holger:
Hm, versuchen wir es mal anders herum. Konntest du die angesprochene Kritik an "Unseen" als Außenstehender denn nachvollziehen?

Nadir:
No comment.

Holger:
Auch keine Meinung kann eine Meinung sein. Aber lassen wir das. Dachte Steve nach Ricks Ausstieg eventuell über eine Auflösung von STEEL PROPHET nach, da seine Stimme ja schon ein prägnantes Merkmal der Band darstellte?

Nadir:
Ich glaube nicht, dass Steve jemals über eine Auflösung der Band nachgedacht hat. Er denkt höchstens darürber nach, sich von seiner Freundin zu trennen, hahaha.

Holger:
Der gute Mann lebt den Metal seit Dekaden! Kommen wir aber mal auf deine Person zu sprechen. Wie ist denn der Kontakt zu den Jungs entstanden? Gab es Auditions?

Nadir:
Sie hatten noch zwei andere Sänger in die engere Auswahl gezogen. Frag' mich bitte nicht, wer das genau war. Aber in der Nacht, in der ich mit der Band im Studio war, hat Steve eine Entscheidung gefällt. Und von dem Zeitpunkt an war ich offizielles Mitglied bei STEEL PROPHET.

Holger:
Kanntet ihr euch denn schon von früher, da ihr ja beide seit Ewigkeiten in der Szene herumwandert?

Nadir:
Nicht wirklich. Wir kannten die Bands des anderen, aber wir hatten uns vorher nie getroffen. Wahrscheinlich sind wir uns in den 80ern über den Weg gelaufen, da ich damals sehr viele Auftritte hatte und wir im gleichen Business tätig sind.

Holger:
Also gibt es auch keine Storys über gemeinsame Erlebnisse aus der guten alten Zeit?

Nadir:
Leider nicht.

Holger:
Vielleicht wäre es schlau, wenn du dich unserer jüngeren Leserschaft erst einmal vorstellen würdest. Immerhin bist ja kein Unbekannter in der Szene und hast mit deiner Band LONDON ganz schön für Aufsehen gesorgt.

Nadir:
Okay, ich war Mitglied einer der bekanntesten Hollywood-Party-Bands der 80er Jahre. Die Truppe hieß LONDON und wir hatten einige der größten Rock`n`Roll-Stars in unseren Reihen. So spielten bei uns Musiker, die hinterher Mitglieder folgender Bands wurden: GUNS`N`ROSES, THE CULT, MÖTLEY CRÜE, CINDERELLA und W.A.S.P. Ich war der Leadsänger auf allen drei Alben, die wir eingespielt haben. Das waren: "Non Stop Rock", "Don`t Cry Wolf" und "Playa Del Rock". Das dritte erschien auf Anraten meines Labels unter dem Namen D'PRIEST. Danach habe ich ein Solo-Album namens "Tatuaje" unter dem Banner Antonio Nadir aufgenommen, welches ich zusammen mit Matt Sorum zusammen produziert habe. Das war eine schöne Erfahrung, da auf dem Album tolle Leute wie Chuck Wright und Lanny Cordola (beide HOUSE OF LORDS) sowie der Backing-Sänger der ROLLING STONES, Bernard Fowler, mitspielen. Auf dieser recht experimentellen Platte hört ihr spanischen Rock. Sehr cool.

Holger:
Das war ja sehr schön ausführlich. Wie man an diesen Bands sehen kann, lag es nicht gerade auf der Hand, dass du in eine Band wie STEEL PROPHET einsteigen würdest.

Nadir:
Ich mag alle Arten des Heavy Metal. Ich bin von ihm in meinem langen Jahren in Los Angeles umgeben gewesen. Der Grund, warum ich bei STEEL PROPHET einsteigen wollte, war die Herausforderung, etwas komplett anderes zu machen. Ich wollte ihre Musik mit tollen Melodien schmücken und mit ebensolchen Texten. Schon in den Anfangstagen von LONDON haben wir eher Heavy Metal gespielt als Glam, was man auf dem ersten Album gut nachhören kann. Dort singe ich bereits in sehr hohen Lagen und meine Texte sind teilweise sehr düster. Ich war damals ziemlich außer Kontrolle, es gab viele Aggressionen, da ich mich immer für meine Band gerade gemacht habe, während andere versucht haben, uns niederzumachen. Damals fand ich das spaßig. Tja, die guten alten Zeiten.

Holger:
Jetzt mal nicht sentimental werden. Hast du denn den Werdegang von STEEL PROPHET vorher verfolgt?

Nadir:
Nein, aber ich tue es jetzt, hahaha.

Holger:
Ach was. Du hast eben zwar bereits gesagt, dass du auf alle Arten des Metals stehst, aber wie sieht es denn genau mit Power Metal aus? Was waren deine Helden damals und welche sind es heute?

Nadir:
Klar, stehe ich darauf. Solange es gut klingt und nicht synthetisch wirkt, bin ich zufrieden. Meine Favoriten waren JUDAS PRIEST, SAXON, ACCEPT, IRON MAIDEN und DIO, um mal ein paar Namen zu nennen. Heute sind es STEEL PROPHET.

Holger:
Du stehst hinter der Band. Sehr schön. Kommen wir mal zum aktuellen Werk. Stand das Material schon komplett oder konntest du dich noch aktiv ins Songwriting einbringen?

Nadir:
Einige Nummern waren bereits von Steve und Vince (Dennis, bs. – der Verf.) fertiggestellt worden. Aber ich habe alle Lyriks geschrieben und konnte überall meine Arrangements einfügen, so dass die Kompositionen besser zu meinem Stil passten. Ich hatte sehr viel Spaß dabei.

Holger;
Wie war denn dein erster Auftritt mit STEEL PROPHET?

Nadir:
Sehr cool. Wir sind in Arizona in so einer riesigen Biker-Bar aufgetreten. Das war wie in diesen Filmen, überall Sand, diese Typen und wir hatten einen Höllenspaß. Das Motto lautete "Dwell In Darkness" und mit dabei waren FLOTSAM & JETSAM. Danach haben wir mit AGENT STEEL und HELLOWEEN im Key Club in Hollywood gespielt. Eine tolle Erfahrung mit diesen großartigen Bands die Bühne geteilt zu haben.

Holger:
Da dein Vorgänger eine andere Tonlage hatte, frage ich mich, ob du ein paar Gesangsmelodien der alten Songs verändern wirst?

Nadir:
Ich habe einiges umgeschrieben und auf tiefere Tonlagen verlegt. Das passt besser zu meiner Stimme und es klingt auch insgesamt etwas fetter. Die Melodien an sich sind klasse, aber ich habe halt meinen eigenen Stil, so dass ich wohl ein bisschen mit ihnen herumexperimentieren werde.

Holger:
Na, da dürfen wir ja gespannt sein. Würdest du mir zustimmen, wenn ich sage, "Beware" sei ein Album, das auf den Punkt gespielt ist, aber trotzdem eine technische Seite aufweist?

Nadir:
Da stimme ich dir vollkommen zu. Wir haben das Album sehr spontan aufgenommen, ohne unnötigen Schnick-Schnack.

Holger:
Das Teil ist herrlich abwechslungsreich. Während die ersten vier Nummern mächtig nach vorne losgehen, habt ihr mit 'Angels' und 'Killing Machines' auch wieder epischere Sachen am Start.

Nadir:
Korrekt. Noch beim Schreiben veränderten wir annähernd täglich irgendetwas. Selbst während der Aufnahmen wurden noch Sachen verändert. Ich liebe das Album und bin sehr stolz darauf.

Holger:
Für mich klingt es wie eine Mischung aus "Messiah" und "Book Of The Dead".

Nadir:
Keine Ahnung, ich habe mir ganz absichtlich die alten Alben vorher nicht angehört, damit ich völlig frei arbeiten konnte. Es kommt ganz automatisch, dass dir Teile der Musik im Ohr hängen bleiben und schon versuchst du, irgendwas zu kopieren oder orientierst dich daran. Das wollte ich verhindern.

Holger:
Mir fehlt allerdings der dunkle Aspekt, der "Dark Hallucinations" so faszinierend machte. Wahrscheinlich muss man in einer bestimmten Stimmung sein, um so etwas zu schreiben, oder?

Nadir:
Ja, wenn ich es ehrlich meinen soll und demnach dann auch mit entsprechend viel Gefühl singen soll, muss ich in einer entsprechenden Stimmung sein. Es bringt ja nichts, wenn man auf Krampf versucht eine Stimmung zu erschaffen, die man nicht reproduzieren kann.

Holger:
Ist es nicht fast schon lustig, dass ihr ausgerechnet mit so einem düsteren Werk so viel Erfolg hattet? Dunkle Emotionen ernten offensichtlich die positivsten Reaktionen ... verrückte Welt, nicht wahr?

Nadir:
JA! Verrückte Menschen, die in einer verrückten Welt leben. So läuft das halt und es wird verrückter, je länger wir leben.

Holger:
Beleuchten wir doch mal die Texte, die mir leider nicht vorliegen.

Nadir:
Das ist unterschiedlich. Ich habe einen kleinen Kerl in meinen Schädel, der ab und an mal hervor kommt. Der hört auf den Namen "Vamp". Er ist mein Alter Ego. Durch ihn entstehen Texte wie 'Beware' oder natürlich 'Transfusion Vamp'. 'Heavenly' dreht sich um die Metalfans und deren Seelen. Darum geht es auch in 'Angels'. Ihre Seelen sind immer auf dieser Welt zugegen, auch nach ihrem Tode. 'Killing Machines' handelt von den Soldaten im Irak, die aufgrund einer bescheuerten Regierung Menschen umbringen müssen. In 'Political Greed' geht es logischerweise um Habgier, nicht von den USA, sondern von allen Staaten der NATO. Ich hatte das Vergnügen vor Tausenden von Soldaten, die auch Metalfans waren, zu spielen. Das war auf der größten Navy-Base der Welt in Virginia Beach. Diese jungen Männer waren zurück vom Desert-Storm-Einsatz gekommen. Das sind Leute wie wir, die für die Regierung kämpfen und ihr Leben für uns riskieren. Es stimmt mich traurig zu wissen, dass auch in diesem Moment von ihnen welche sterben. Ich haben einen Neffen, der momentan in der Navy ist und auf Warteposition liegt.
'Leatherette' dreht sich um Fetisch und die dunkle Seite des Sex. Den Rest kannst du dir selbst denken, da sie alle einen gewissen Zusammenhalt haben. Ich habe sie geschrieben, als wäre das Album ein Film, so dass die Texte ineinander greifen.

Holger:
Warum klingt denn 'Political Greed' so heftig, dass man fast an Hardcore denken muss? Man kann ja deinen Ärger und deine Wut durch die Boxen fühlen.

Nadir:
Genau das ist auch die Idee dahinter. Ich wollte Spannung erzeugen. Es sollte nicht nur ein weiterer Song mit einer netten Melodie werden und offensichtlich hat das ja auch geklappt. Du hast gefragt, was ich mit der Nummer erreichen wollte. Ich wollte Spannung und Ärger rüberbringen. Danke!

Holger:
Gerne doch. Wie ich gelesen habe, wird es ein Video zu 'Leatherette' geben. Beschreibe das doch bitte kurz.

Nadir:
Das ist cool geworden. Es geht natürlich um Leder und Fetisch, aber es hat richtige Charaktere und sogar eine Handlung. Keine 'special FX'-Sachen, purer Heavy Metal halt. Super Qualität für den Preis. Check it out!

Holger:
Da du ja eine Veteran in der Glamszene bist, plauder' doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen ...

Nadir:
Oh, wo soll ich denn anfangen? Da gäbe es so viel zu berichten, ich weiß gar nicht ... Hm, was mir gerade einfällt: Auf dem ersten LONDON-Album spielt nicht Freddie Cory (CINDERELLA) Schlagzeug, sondern Bobby Marks (STEELER). Da ist ein falsches Photo auf dem Cover der Scheibe. Mehr fällt mir momentan nicht ein.

Holger:
So,so. Bleiben wir mal bei den alten Zeiten. Ist es nicht etwas komisch, dass ihr nicht als 'Kult-Act' bezeichnet werdet, obwohl das legendäre "Inner Ascendence"-Demo damals überall abgefeiert wurde?

Nadir:
Äh, du meinst jetzt STEEL PROPHET, oder? Ja sicher, du meinst das Demo. Wenn es damals gelobt worden sein sollte, weiß ich davon nichts. Finde ich aber großartig.

Holger:
Hm, anders herum gefragt. Viele Bands, die diesen Kultstatus inne haben, müssen aber leider mit der Tatsache leben, finanziell nicht erfolgreich zu sein.

Nadir:
Über wie viel Geld reden wir? Es gibt ausreichend Künstler, die für ihr Geld nichts zu bieten haben. Für mich ist es wichtiger, meine Sachen einem Publikum vorstellen zu können. Geld ist nur ein Werkzeug, damit Dinge funktionieren. Es macht Menschen nicht wirklich glücklich, wenn du weißt, was ich meine. Als Kult angesehen zu werden, bedeutet, dass Leute an deiner Musik interessiert sind und deiner Karriere folgen. Und genau das ist es, was wir erreichen wollen.

Holger:
Für mich sieht es eher so aus als ob ihr genau in das schwarze Loch dazwischen fallen würdet ...

Nadir:
In welches schwarze Loch? Die ganze Welt ist ein schwarzes Loch .

Holger:
Von dieser Seite habe ich das noch gar nicht betrachtet. Vielen Dank für diese interessante Sichtweise.

Nadir:
Vielen Dank für das Gespräch.

Holger:
Ich habe zu danken.

Redakteur:
Holger Andrae

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