Zurück zu dem, was zusammengehört: JUDAS PRIEST und Rob Halford, "Angel Of Retribution"

01.02.2026 | 22:05

2005 kehrte Rob Halford zu JUDAS PRIEST zurück. "Angel Of Retribution" klang bewusst vertraut und setzte genau damit ein Zeichen. Über Rückkehr, Haltung und die Frage, was ein echtes Comeback im Heavy Metal bedeutet.

Es fühlt sich immer etwas merkwürdig an, über Dinge zu schreiben, die man erst in der Retrospektive erlebt hat. Die Rede ist von 2005, dem Jahr, in dem Rob Halford zu JUDAS PRIEST zurückgekehrt ist. Ich war damals 16 und hatte nicht allzu viel Ahnung von Heavy Metal. Mitte der 2000er waren in meinem Umfeld andere Dinge angesagt. Nu Metal, Emo, Core, alles, was neu war und irgendwie cool wirkte. JUDAS PRIEST lief jedenfalls (noch) nicht in meinem Teenagerzimmer.

2026 ist man etwas älter und weiser. Aus heutiger Sicht ist die Rückkehr von Rob Halford für mich nicht nur musikalisch ein großes Thema, immerhin eine meiner absoluten Lieblingsbands, sondern auch auf einer anderen Ebene interessant. Rückkehr ist schließlich nicht besonders hip. Wer zurückkehrt, zur Band, zum Job, an einen Ort oder in eine Beziehung, gilt schnell als rückständig oder orientierungslos. Bloß keinen Schritt zurück. Immer weiter, immer vorwärts.

Dabei ist manchmal genau das Gegenteil richtig.

Rückkehr ist kein Rückschritt

Vielleicht sollte man das Zurückkommen weniger skeptisch sehen. Es heißt nicht automatisch, dass einem nichts Neues mehr einfällt. Manchmal merkt man erst nach Umwegen, was das Eigentliche ist. Und dass genau dieser Schritt zurück gefehlt hat. Im Fall von JUDAS PRIEST und Rob Halford war es kein Rückschritt, sondern eher so, als würde die Band noch einmal Anlauf nehmen und dann mit mehr Wucht zurück auf die Bühne knallen. Doch dazu gleich mehr.

Goodbye, PRIEST

Rob Halford verließ JUDAS PRIEST 1992. Sein letztes Album mit der Band war "Painkiller" von 1990. Eine Platte, die bis heute als Meilenstein gilt. Danach war (erstmal) Schluss, zumindest mit PRIEST.

Halford hat in späteren Interviews mehrfach erwähnt, dass er sich Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger zunehmend eingeengt fühlte. JUDAS PRIEST wollte kommerzieller werden, während er selbst mehr Freiheit suchte. Dazu kamen persönliche Konflikte, die eng mit seinem Coming-out und seiner sexuellen Identität zusammenhingen. 1998 sprach Halford öffentlich darüber, homosexuell zu sein. In der damaligen Metal-Welt kein einfacher Schritt. Ein Neuanfang außerhalb der Band gab ihm Raum, sich selbst zu finden.

Es gibt sicher noch weitere Gründe. Aber diese reichen, um zu verstehen, dass der Bruch mehr war als nur ein musikalischer.

In den Jahren danach gründete Halford eigene Bands und veröffentlichte Solo-Material. FIGHT, 2WO, HALFORD. Projekte, die experimenteller waren, moderner, anders. Nicht alles passte zum klassischen PRIEST-Sound, aber genau darum ging es.

JUDAS PRIEST selbst hatte bis 1995 keinen festen Sänger. Die Band lag praktisch auf Eis. Von 1996 bis 2003 übernahm Tim "Ripper" Owens den Gesang. Zwei Alben entstanden, nicht ohne massiven Gegenwind aus dem Publikum. Aber das ist eine andere Geschichte.

Coming Home

Trotz allem gab es offenbar immer eine Sehnsucht nach der Band. Halford selbst deutete in späteren Interviews an, dass JUDAS PRIEST nie wirklich abgeschlossen war. Spätestens ab 1999 verdichteten sich die Zeichen.

Und dann, 2005, endlich das Comeback. "Angel Of Retribution". Das erste Album mit Rob Halford seit fünfzehn Jahren.

War das das erhoffte Comeback?

Die Reaktionen waren gemischt. Manche feierten das Album als großartig, andere nannten es halbherzig. Umstritten, wie so oft.

Musikalisch gab es wenig Überraschungen. JUDAS PRIEST fand bewusst zum klassischen Sound der Band zurück. Viele Erwartungen wurden erfüllt. Für einige war genau das das Problem. Das Gefühl von "Wir klingen wie früher" war deutlich spürbar und wurde von manchen als Komfortzone gelesen.

Aber genau darin liegt auch die Stärke von "Angel Of Retribution". Das Album greift Elemente früherer Werke auf, nicht aus Ideenlosigkeit, sondern aus Überzeugung. Kontinuität statt Anbiederung. Authentizität statt Trendanpassung.

Für mich ist das Album deshalb nicht nur musikalisch wichtig. Es ist vor allem ein Statement.

Mehr als Nostalgie

"Angel Of Retribution" legte den Grundstein dafür, dass JUDAS PRIEST in den folgenden Jahren wieder regelmäßig starke Alben veröffentlichen konnte. "Firepower" von 2018 wäre ohne dieses Comeback kaum denkbar gewesen.

Die Rückkehr von Halford stärkte das Vertrauen der Fans, aber auch das der Industrie. Sie zeigte, dass eine Reunion nicht automatisch Stillstand bedeutet. Sie kann ein Neuanfang sein.

Zurück zu den Wurzeln, ohne sich darin zu verlieren. Eine Art Königsdisziplin im Heavy Metal. Auch nach langen Unterbrechungen relevant zu bleiben.

An dieser Stelle denkt man fast zwangsläufig an die einige Jahre früher erfolgte Rückkehr von Bruce Dickinson zu IRON MAIDEN. Sein Comeback auf "Brave New World" erschien bereits 2000. In einer Zeit, in der Heavy Metal es im Mainstream schwer hatte und Nu Metal dominierte (auch in meinen Ohren). Die Rückkehr von MAIDEN wirkte wie ein bewusstes Statement gegen zeitgenössische Trends.

Beide Comebacks haben Symbolkraft. Die Rückkehr des klassischen Frontmanns. Die Wiedervereinigung dessen, was zusammengehört. Und beide zeigen, dass etablierte Heavy-Metal-Bands keine Relikte sind, sondern relevante Kräfte bleiben können.

Der Unterschied liegt vielleicht im Moment. Das Comeback von MAIDEN kam früher und war offensiver. JUDAS PRIEST wirkte 2005 abgeklärter. Weniger Kampfansage, mehr Selbstverständnis. Das Zusammenführen dessen, was zusammengehört.

Fazit

Bei "Angel Of Retribution" geht es nicht nur um Rückkehr-Narrative oder Nostalgie. Es gibt Dinge, die gehören einfach zusammen, auch wenn das pathetisch klingt. Manchmal braucht es eine Pause, Umwege und Distanz, um das zu erkennen. Und wenn man dann zurückkehrt, zeigt sich in der Rückschau oft, dass es richtig war. Dass man nicht gezwungen ist zu bleiben, sondern sich bewusst dafür entscheidet. Manchmal sogar bis zum Ende, auch wenn dieses hoffentlich noch lange nicht in Sicht ist.

Redakteur:
Katja Latz-Voinich

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