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frames: Interview

04.02.2010 | 12:25

Der Prog Rock auf dem richtigen Pfad? frames aus Hannover retten, was es zu retten gibt...

Mit der ersten frei erhältlichen EP hat der junge Instrumentalvierer aus der niedersächsischen Hauptstadt ein dickes und zartes Achtungszeichen gesetzt, welches raunend empfohlen wurde. Nun steht Ende März 2010 das erste Album an. Wir haben mit dem Drummer und Graphiker von FRAMES, Kyrill Kulakowski, gesprochen. Er als junger aufmerksamer Musiker vermutet einen neuen Zeitgeist, stellt die Freundschaft und die Band auf eine Ebene, kann sich vorstellen, dass die "Szenen" sich immer weiter öffnen werden. Das wird spannend.

Mathias Freiesleben:
Hallo, sehr geehrtes Nachwuchsprogrockquintett, hier also meine Fragen, um unsere Neugierde zu erschüttern.

Kyrill Kulakowski:
*räusper* Wenn, dann Quartett... (lacht)

Mathias Freiesleben:
Oh, Entschuldigung. (Roter Kopf) Wie lange gibt es euch, was waren die Umstände eures Zusammenkommens?

Kyrill Kulakowski:
Uns gibt es seit Oktober 2007. Jonas und ich haben vorher schon zusammen gespielt, ebenfalls eine instrumentale Sache, aber heavier und wesentlich schneller. Die Stagnation wurde gen Ende leider unerträglich und wir haben uns aufgelöst. Da ein Mucker aber mucken muss, Jonas schon immer sehr viel Material geschrieben hat und ich ein großer Fan seiner "schöneren" Sachen war, hab ich ihn überredet, ein neues Projekt auszuheben und eben diese umzusetzen. Kurz darauf haben wir Manuel übers Internet gefunden und unseren alten Bassisten Greger wieder ins Boot holen können. So ging's los.

Mathias Freiesleben:
Wer ist der Chef? Antwort vermute ich, kenn ich schon... (Grinsen)

Kyrill Kulakowski:
Bei uns läufts ähnlich wie beim Film, es gibt "Departments". Jeder von uns ist "Chef" in seinem Gebiet, d.h. hat das letzte Wort. Natürlich geht es vorher basisdemokratisch zu, aber wenn eine Entscheidung getroffen werden muss oder es um die Umsetzung geht, ist eben jeweils einer verantwortlich. Jonas kümmert sich um alles Musikalische, Kiryll um alles Visuelle, Moses um alles Wirtschaftliche und Manuel um Labelarbeit, Marketing, Promo. Gleichzeitig ist er Repräsentant, weil er der Gewissenhafteste und Organisierteste ist. (grinst nun auch)

Mathias Freiesleben:
Wie beschreibt ihr selbst euren Stil? Die Orientierungs-Pfade wie "Progrock", "Postrock" oder "Instrumentalrock" sind ja bereits sehr ausgetreten. Macht doch mal Vorschläge, gern auch mit Wortneuschöpfungen oder "Schubladenpersiflagen"!

Kyrill Kulakowski:
Da haben wir uns von Anfang an sehr schwer getan, bis heute. Die Wahrheit ist: Wir hätten selbst ganz gern ein Wort, mit dem sich das gut beschreiben lässt und wir uns wohl fühlen. Wir wissen aber keins. Unser Label hat uns jetzt "Art-Rock" genannt, unsere Reaktion war im Sinne von: "Heißt das so? Gut, wenn das so heißt..."
Wir Vier halten persönlich auch nicht so viel von expliziten Bezeichnungen, da scheinen die Orientierungs-Pfade, wie du sie nennst, schon mehr Sinn zu machen. Als Hörer weiß man halt, ob man grad Bock auf Metal oder Post Rock oder Grindcore hat, das lässt sich leicht unterscheiden. Die einzelnen Bands in den Genres klingen meist eh sehr unterschiedlich, da jetzt jeder eine Wortneuschöpfung zuzustecken, verfehlt auch wieder den Sinn der Orientierung. Wie will man denn in einem Wort den Sound von MASTODON, DILLINGER ESCAPE PLAN oder MESHUGGAH beschreiben?

Mathias Freiesleben:
Habt ihr einen jazzigen Hintergrund? Klassische Instrumentenausbildungen? Wart ihr gar Chorknaben?

Kyrill Kulakowski:
Manuel hatte 12 Jahre Klavier- und Keyboardunterricht, Jonas 6 Jahre Klavierunterricht, ansonsten sind wir Autodidakten. Schließlich spielt Jonas ja Gitarre. (lacht) Im Chor war, glaube ich, niemand, und jeder Mucker hatte sicherlich mal eine Jazzphase, aber ansonsten...?

Mathias Freiesleben:
Wollt ihr deshalb nicht singen?

Kyrill Kulakowski:
Ursprünglich wollten wir Gesang haben. Es hat sich niemand Passendes gefunden, also haben wir eben erstmal ohne weitergemacht. Als wir die EP dann im Kasten hatten, war der Zug irgendwann einfach abgefahren, und als wir das erste Mal mit der Musik auf der Bühne standen, haben wir den besonderen Reiz an instrumentaler Rockmusik gespürt. Zu sehen, wie die Leute drauf reagieren, das war schon spannend. Es stellt dich im Songwriting vor Herausforderungen, die dem Song musikalisch sehr viel geben, da kommen schöne Sachen bei raus.

Mathias Freiesleben:
Inwieweit seid ihr "Metal"? Hört ihr diese Teufelsmusik, seid ihr in Opposition dazu deshalb so gelassen und drückt das deshalb musikalisch aus? Denn hattest du da auf dem Foto nicht ein T-Shirt der JAPANISCHEN KAMPFHÖRSPIELE an?

Kyrill Kulakowski:
Wir haben alle mal mehr - ja, ich - oder weniger - Manuel zum Beispiel - Metal gehört und tun es mehr oder weniger heute noch, stehen als Band also auf keinen Fall in einer Opposition zu Metal. Wir sind nicht "Metal", aber hier und da entgleitet uns schon mal welcher. Vielleicht wird es auf dem nächsten Album mehr, vielleicht noch weniger hart, vielleicht beides jeweils extremer, mal schauen wohin es uns treibt.

Mathias Freiesleben:
Im Ernst: Der Ansatz ist ja bei euch ein eher "verhaltener"? Warum? Stellt ihr das in einen Kontext, der um euch herum passiert oder kommt die Musike von "innen"?

Kyrill Kulakowski:
Wir stellen da keine Überlegungen an. Das, was man am Ende hört, ist halt irgendwie aus uns rausgekommen. Wie beschrieben gründeten wir FRAMES als Projekt ursprünglich, um Jonas' "schönes" Material umzusetzen. Vielleicht hatten wir ja erstmal genug von der harten Schiene und wollten subtilere und kompliziertere Stimmungen transportieren, oder zur Abwechslung einfach mal schöne Musik machen. Es kam als kreative Entwicklung.

Mathias Freiesleben:
Ein gängiges Klischee lautet ja: Zu solcher Musik müssen Drogen sein! Stimmt denn das?

Kyrill Kulakowski:
Nein, das stimmt definitiv nicht. Wer Drogen mag, wird sie sicher auch mit dieser Musik mögen, aber eben auch mit anderer.

Mathias Freiesleben:
Apropos Innerlichkeit: Was seid ihr im "wahren" Leben. Beruflich?

Kyrill Kulakowski:
Jonas studiert Musik, Manuel ist Produktmanager und Familienvater, Moses arbeitet im Moment in der Pflege und ich bin freischaffender Fotograf.

Mathias Freiesleben:
Gestaltet ihr eure ansprechenden Layouts eigentlich selbst? Erinnert mich persönlich sehr an die Platten um die Jahre 1967-1972. Gibt es da vielleicht graphisch-gestalterisch Vorbilder?

Kyrill Kulakowski:
Ja, die mache ich, insofern: Danke. (freut sich) Vorbilder kann ich dir leider keine
nennen, ich mache einfach.

Mathias Freiesleben:
Ward ihr sehr überrascht, als die "Musikindustrie" anklopfte?

Kyrill Kulakowski:
Ganz so überrascht waren wir nicht, schließlich hat keine Musikindustrie bei uns angeklopft, sondern wir bei SPV, und das nicht erst seit gestern. Wir wussten, dass wir diesen Schritt machen wollen und haben alles getan um diese Entwicklung zu begünstigen. Da ist man nicht wirklich überrascht, wenn es tatsächlich klappt, eher glücklich. Wie es dann wirklich ist, sieht man natürlich immer erst, wenn's soweit ist, und wir haben sicherlich noch einiges an Eingewöhnungszeit vor uns.

Mathias Freiesleben:
War es gar Kalkül von euch, genau jetzt genau diese Art von Musik anzubieten?

Kyrill Kulakowski:
Die Idee vom Kalkül ist ja verwoben mit der Beobachtung, dass in den letzten Jahren Post-Rock-Bands scheinbar "wie aus dem Boden sprießen". Zum Einen denke ich nicht, dass das ein Genre ist, welches man bedient um Mädels und Deals abzustauben und zum Andern find ich das schön. Ich mag die Entwicklung, dass junge Leute zunehmend versuchen mit Rockinstrumenten richtig intensive Momente zu schaffen, intensiver als Aggression und nur nach vorne. Das sind absolut essentielle Musikgenüsse für unsere Generation plus/minus 1, aber man ist eben auch übersättigt. Vielleicht schimmert mit dieser Hinwendung zum Schönen, Filigranen oder einfach mal wieder zum Anderen ja grad sowas wie ein kommender Zeitgeist durch? Sei's drum, was uns angeht, wir haben nie kalkuliert, wir haben einfach geschrieben und gespielt.

Mathias Freiesleben:
Oder sind wir eher gerade Zeuge eines Prozess-Abschnittes in eurer Entwicklung?

Kyrill Kulakowski:
Sicher, jedes Album, jeder Song ist ein Abschnitt eines Prozesses und ein Entwicklungsprozess an sich.

Mathias Freiesleben:
Wenn die Schreiberzunft euch teilweise schon die "Nachfolger" von LONG DISTANCE CALLING nennt, die selbst eigentlich noch recht frisch im Geschäft aufgetaucht sind, ist das doch ein Anzeichen für die Launigkeit, die Schnelligkeit dieser Branche! Was denkt ihr: Wo geht die Entwicklung hin?

Kyrill Kulakowski:
Ich denke die Entwicklung geht dahin, dass die Szenen sich zunehmend öffnen, Musikfreunde sich einen immer breiteren Geschmack aneignen und Nischen gewichtiger werden. Die Schnelligkeit der Branche spiegelt in meinen Augen lediglich die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft wider. Vor 27 Jahren oder so gabs den ersten Computer, heute wurde Apple's iPad vorgestellt und Jacko tanzt sein Geburtstagskonzert demnächst als Hologramm. Immer mehr Menschen, immer mehr Musik, Subkulturen, Web 2.0. Ich denke einfach, dass man heute und in Zukunft als Künstler oder Band mit ehrlicher Musik und ordentlicher Arbeit mehr Aussicht auf Erfolg hat als früher, wo es eher darum ging den nächsten großen Sound zu entdecken.

Mathias Freiesleben:
Was ist euch persönlich wichtig? Volle Clubs und Keller, auf eine Auflage von 300 grünviolette Vinyls ge-limitierte Alben oder die breiteste flächendeckendste Verbreitung eurer Musik im Internet per Downloads?

Kyrill Kulakowski:
Volle Clubs und Keller sind schön, limitierte Vinyls sind schön, flächendeckende Verbreitung ist schön ... da bin ich überfragt. (grinst) Uns ist in erster Linie wichtig, integer zu bleiben, uns als musikalisch Getriebene zu verwirklichen und zusammen eine sehr gute Zeit zu haben. Wenn sich Erfolg dazugesellt, empfangen wir ihn mit offenen Armen. Wenn wir dafür arbeiten müssen, erkennen wir es als gute Erfahrung an.

Mathias Freiesleben:
Was steht also in Kürze an? Was folgt der Albumveröffentlichung eures Debüts "Mosaik" Ende März 2010?

Kyrill Kulakowski:
Wir arbeiten im Moment mit unserem Label an einer Support-Tour im Zeitraum April/Mai, suchen noch einen weiteren Booking-Partner, planen Festivals und eine kleine Tour im Herbst. Übers Jahr verteilt gibt es noch weitere Vorhaben, aber ich möchte da noch nicht ins Detail gehen. Vielleicht sind wir ja Ende des Jahres schon wieder im Studio. (freut sich)

Mathias Freiesleben:
Wo werdet ihr spielen? Festivals? Wie kann man euch buchen?

Kyrill Kulakowski:
Die genauen Daten sind noch alle tba, buchen kann man uns immer bei manuel_schoenfeld@web.de. Fragt einfach an!

Mathias Freiesleben:
Zum Abschluss noch 5 kurze Antworten: (Bitte in einem Wort)
Euer Durchschnittsalter?

Kyrill Kulakowski:
22,5.

Mathias Freiesleben:
Gemeinsame(r) Lieblingsband/ Haupteinfluss, wo ihr überhaupt nicht diskutieren müsst?

Kyrill Kulakowski:
PORCUPINE TREE / TOOL ... da ist keine einzelne Antwort möglich. (lächelt)

Mathias Freiesleben:
DER Zukunftswunsch?

Kyrill Kulakowski:
Langanhaltende Freundschaft ... und die daraus resultierende gemeinsame kreative Kraft.

Mathias Freiesleben:
Angst vor Majors?

Kyrill Kulakowski:
Weshalb?

Mathias Freiesleben:
Angst vor was/wem?

Kyrill Kulakowski:
Angst ist überbewertet.

Mathias Freiesleben:
Ich wünsche euch alles Gute und hoffe, euch bald auch mal live zu sehen.

Kyrill Kulakowski:
Danke, dir ebenso. Komm vorbei! (lacht)

erste EP in Eigenregie

 

Redakteur:
Mathias Freiesleben
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