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ALCEST beschwert das UT Connewitz in Leipzig - Leipzig

18.10.2015 | 15:04

12.09.2015, UT Connewitz

Die Filigran-Franzosen schweben durch den Kinosaal. Und alle sind gebannt.

Nun habe ich mir dieses Mysterium doch mal aufgelöst. Von den Franzosen ALCEST wurde mir immer entweder ehrfürchtig erhaben berichtet oder klammheimlich das Tippdäumchen entgegengestreckt. Was ich wusste, ist, dass die Band einen gepflegten sphärischen Stil irgendwo zwischen Ambient Metal und Postrock mit französischen Texten pflegt. Weitschweifend, ausufernd, zart und schwarzmetallen ab und zu. Und dann also im angehenden Herbstgenebel im Leipziger UT. Bekannt für seine morbid-tröstende Atmosphäre – wenn alles stimmt. Voll ist es, sehr gemischtes Publikum. Zweimetermänner in Metalkutten, Hipsterbärte, zusammenklebende Pärchen.

Und ich stoße dazu, während die Vorband LANTLOS aufspielt. Die Jungs sehen jung aus, das was mich erreicht, ist schön und fließend arrangierter Postrock, mit Doppelgesang und tosenden Melodien zwischendurch. Ja, das muss ich mir ansehen. Ob es einen Grund für den Stilwechsel ab der Mitte ihres Konzertauftrittes gibt, in dem die Band beginnt, Black Metal im neuen Stil zu begehen, weiß ich nicht. Ich schiebe es mal auf das vorher beschlossene Konzert-Konzept: erst einlullen, dann umschubsen. Der erste Part gefiel mir besser. Einfach, weil der variationsreicher und gefühlvoller erscheint, und nicht so überhört daherkommt wie die drei, vier sehr lauten geschrienen Stücke, die das Auftreten des Quintetts beschließen. Aber die merke ich mir.

Apropos gefühlvoll. Fast schüchtern betreten zwei mittelalte sehr präsente Herren an Gitarren den Bühnenvordergrund. Die Chefs - les inventeurs - dieses Phänomens ALCEST, nehme ich an. Links ein Bild von einem Mann, der jedoch überraschend für mich die hohen und ganz zarten Gesangestöne beisteuern wird. In der Mitte der Taktgeber, Musikerfinder, Variateur. Wenn er zwinkert, zuckt und zögert, befindet sich auch der Rest des Quartetts sofort in Achtungsstellung. Hier sind jedoch solche Herzblutmusiker gemeinsam unterwegs, dass es mir niemals an diesem Abend bange wird, dass es auch nur in Ansätzen langatmig, öde, trist oder wiederholend wird. Begleitet von einem Bassisten, einer Mixtur aus Damo Suzuki und John Paul Jones – also einer coolen Sau – flächen und falten die Pariser nun ihre Songskulpturen aus, nach denen man süchtig werden könnte.

Ich muss sehr schnell an diese Mythen von dem alten, fragilen, dunklen und untergegangenen Untergrund einer Stadt wie Paris denken, wenn ich das hier erlebe und höre. Und das Gefühl und die Vorstellungen werden mich den gesamten Abend nicht loslassen. Wir sind nach dem 'Opale' vom aktuellen Album gleich zu Beginn mittendrin im Schweif. Hier fließt alles, fast perfekt gelingt es der Band, die Weite der Alben mit der Modernität eines sehr variablen Schlagzeugspiels zu verbinden. Der Mensch hinten in der Mitte hat einen sehr wichtigen Part in dieser Band, wie ich im Nachhinein immer mehr feststelle. Denn er trägt dafür professionelle Sorge, dass die Franzosen sich nicht in schwer greifbaren Klangteppichen verlieren, sondern immer wieder zum Stück, zu publikumsnahen Mitgeher zurückfinden. Das steigert sich bis hin zu den zwei, drei Ausbrüchen schwarzmagisch-metallener Art, zu Momenten, wo die Band in ihre Vergangenheit weist und ziemlich knusprige Passagen vom Hexen-Stapel lässt.

Das gefällt mir ebenso gut, weil die schnell wieder vorbei sind, also schon immer bewusst und effektiv sinnvoll eingesetzt erscheinen. Das Publikum ist ergriffen bis euphorisch. Um mich herum tanzen vier wilde Frauen, die sitzend oder raumgreifend die Musik der Morbiden ganz ankommen lassen. Links versetzt ein Riesentyp Marke Dorfdiskorausschmeisser, der mit geschlossenen Augen jedem Wechsel der Filigranen folgt. So kann der erste Eindruck falsch sein. Direkt vor mir ein Mensch aus dem Hardcore-Spektrum, der jede Temposteigerung von ALCEST dazu benutzt, in ebenso euphorische Rumpfzuckungen zu verfallen.

Das ist schön zu sehen – solch eine Bandbreite an Besuchern. In mir selbst hat dieses Konzertexperiment bewirkt, dass ich mich im Nachhinein immer mehr mit der Musik der Band... der überragenden Musik auf diesem Sektor... beschäftige. Der Ausflug war lohnenswert.

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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