AMORPHIS - Köln

03.01.2016 | 19:34

20.12.2015, Essigfabrik

Grandioser Tourabschluss vor ausverkauftem Haus!

Die Finnen AMORPHIS sind seit einigen Jahren bereits eine der Szenegrößen, an denen sich die Fan-Geister scheiden. Als die Band sich Ende der Neunziger von ihren Death-Metal-Wurzeln abwandte und eine deutlich melodischere Richtung einschlug, warfen ihr nicht wenige Fans der ersten Stunde Ausverkauf vor. Der Erfolg, der sich insbesondere seit dem Einstieg von Tomi Joutsen als Frontmann im Jahr 2005 eingestellt hat, gibt dem Sextett auf lange Sicht allerdings recht. So war es auch wenig verwunderlich, dass sich die finnischen Landsleute NIGHTWISH die Dienste von AMORPHIS als Support für ihre aktuelle Europa-Tour sicherten, immerhin kennen sich beide Bands durch das Mitwirken von Marco Hietala bei der Produktion der Vocals auf den Alben "Eclipse", "Silent Waters" und "Skyforger" seit einigen Jahren sehr gut. Die freien Tage innerhalb des Tourplans des NIGHTWISH-Treks nutzten die Mannen um Joutsen dabei, um einige wenige ausgewählte Headliner-Shows zu spielen und ihr aktuelles Album "Under The Red Cloud" zu präsentieren. Dadurch kommen auch die Kölner Metalfans an diesem Sonntagabend in den Genuss eines vollen AMORPHIS-Sets und erleben gleichzeitig das letzte Konzert der Finnen außerhalb ihres Heimatlandes in diesem Jahr.

Durch den recht spontanen Charakter dieser einzelnen Headliner-Shows haben AMORPHIS natürlich keine etatmäßige Vorband dabei, was in den jeweiligen Städten lokalen Bands die Möglichkeit gibt, sich als Anheizer zu präsentieren. Heute Abend übernehmen die Prog-Metaller DIAGNOSIS:DIFFERENT diese Rolle und entern um kurz vor Acht die Bühne einer bereits beachtlich gut gefüllten Essigfabrik. Für die noch recht junge Band ist der heutige Auftritt ein ganz besonderer, denn sie dürfen nicht nur den Abend für ein Schwergewicht der Metalszene eröffnen, sondern unterbrechen erstmalig eine 20 Monate dauernde Bühnenpause, die sie dazu genutzt haben, an neuem Material zu arbeiten. Gleichzeitig hat die Truppe um Sänger Michael Junker innerhalb dieser Pause zwei neue Bandmitglieder angelernt und so erleben Keyboarder Niklas Altmayer und Sängerin Macarena Unger heute ihr Debüt. Musikalisch liefert das Sextett dabei eine sehr solide Leistung ab, zwar merkt man an manchen Ecken noch die fehlende Routine, doch im Großen und Ganzen gibt es an der technischen Performance der Musiker absolut nichts auszusetzten. Inbesondere Gitarrist Stephan Seidel und Bassist Dominik Kwasny demonstrieren bei den neuen Stücken ihre Fingerfertigkeit, während sich Michael bemüht, das Publikum zum Mitmachen zu animieren. Doch seine Anstrengungen erreichen nur die Zuhörer in den ersten Reihen, der Rest des Saals wirkt großteils eher desinteressiert. Vielleicht sind die musikalischen Unterschiede zwischen Support und Hauptband heute Abend einfach zu groß, während der Headliner später auf eingängige Melodien setzen wird, bewegt sich DIAGNOSIS:DIFFERENT irgendwo in Prog-Gefilden zwischen DREAM THEATER und FATES WARNING. Hinzu kommt, dass es beim Songwriting einfach noch an packenden Momenten fehlt, die auch auf lange Sicht einen bleibenden Eindruck beim Hörer hinterlassen, weshalb die Sechs aktuell noch nicht mit den Größen ihres Genres mithalten können. So endet nach 40 Minuten ein eher unspektakulärer Auftritt, bei dem zwar die technischen Fähigkeiten der Musiker großen Eindruck schinden konnten, die Songs in ihrer Gesamtheit blieben dabei heute aber noch auf der Strecke.
Setlist DIAGNOSIS:DIFFERENT:
A World’s Breaker, Perspectives, Halls Of Mephisto, Shards Of Eden, Ghost Among The Living, Unseen

Anschließend wird es dann endlich Zeit für AMORPHIS, doch mit dem Umbau lässt man sich recht lange Zeit. Inzwischen haben sich noch einmal mehr Zuschauer in der Essigfabrik eingefunden, sodass die Menschenmassen inzwischen sogar bis direkt vor den Merchandise-Stand und die Garderobe in der hintersten Ecke der Halle reichen. Am Ende des Abends wird das Konzert den Stempel "ausverkauft" verdient haben, was für eine einzelne Headliner-Show, die auch nicht sonderlich aggressiv beworben wurde, schon eine ganz schön ordentliche Hausnummer ist. Um 21:20 Uhr erlöschen dann die Hallenlichter und die Finnen entern zum Intro des Openers und Titelsongs des aktuellen Albums "Under The Red Cloud" die Bühne. Der Song ist nicht nur einer der absoluten Höhepunkte des Longplayers, auch heute Abend verfehlen seine grandiosen Melodien nicht ihr Ziel. Schon von der ersten Sekunde an haben Tomi Joutsen und seine Mitstreiter das Publikum fest in ihrer Hand. Ohne Pause legen sie anschließend mit 'Sacrifice' und 'Bad Blood' zwei weitere Highlights des neuen Albums nach, bevor 'Sky Is Mine' mit seinem herrlichen Gitarren-Intro einen Blick zurück auf das 2009er Album "Skyforger" wirft.

Oft wird den Finnen unterstellt, dass ihre Show hin und wieder zu routiniert wirkt. Davon kann heute Abend allerdings nicht die Rede sein, viel mehr scheint die Band selbst extrem überrascht vom grandiosen Empfang zu sein, der ihnen heute Abend in Köln bereitet wird. Zeitweise will der Applaus zwischen den einzelnen Songs gar nicht verstummen, sodass Tomi Joutsen mehrfach warten muss, bis sich das Publikum beruhigt, damit seine Ansagen überhaupt Gehör finden. Gerade nach den Shows als Support für NIGHTWISH, bei denen das Sextett nicht immer so begeistert empfangen worden ist, muss der Anblick dieses Meeres aus Händen in der restlos ausverkauften Essigfabrik ein interessantes Kontrastprogramm sein. Aus der Ruhe bringen lassen sich die Musiker davon natürlich nicht. Auch heute liegt der Fokus der Show wieder auf den beiden Hauptakteuren Tomi Joutsen und Esa Holopainen, der Rest der Band hält sich vornehm im Hintergrund und beschränkt sich darauf, einen dichten Klangteppich zu weben, auf dem die beiden Protagonisten all ihre Stärken ausspielen können. Gerade Holopainen läuft im Verlauf der Show zur Hochform auf und entlockt seiner Gitarre mit einem breiten Grinsen eine grandiose Melodie nach der anderen. Aber auch Tomi Joutsen präsentiert sich heute wieder in bester stimmlicher Verfassung. Es gibt kaum einen anderen Sänger in der Metalszene, der so mühelos zwischen Growls und Klargesang wechseln kann und auch noch beide Disziplinen in Perfektion beherrscht. Auch optisch schindet er heute Abend gerade bei den anwesenden Damen mächtig Eindruck, wie das laute Kreischen der Mädels in den ersten Reihen beweist, das ertönt, als der Frontmann sich zur Mitte des Sets seines Shirts entledigt.

In puncto Setlist setzt AMORPHIS heute eher auf aktuelles Material, nachdem man im Dezember des letzten Jahres mit der Jubliäumstour zum Meilenstein "Tales From The Thousand Lakes" einen Blick in die eigene Vergangenheit geworfen hat. Eben jenes Album ist heute nur mit 'Drowned Maid' im Set vertreten, während "Elegy" mit 'On Rich And Poor' und dem unsterblichen 'My Kantele' zum Zuge kommt. Die übrigen Songs der Show stammen alle aus der Phase ab 2005, wobei der Löwenanteil des Materials auf dem aktuelle Album "Under The Red Cloud" und dem Vorgänger "The Circle" zu finden ist. Doch gerade in den Jahren seit dem Einstieg von Tomi Joutsen haben die Finnen einige ihrer größten Hits komponiert, wie das Doppelpack aus 'Hopeless Days' und 'House Of Sleep' zum Ende des regulären Sets noch einmal eindrucksvoll beweist. Hier schaffen es die Zuschauer zeitweise sogar, die Band mit ihren Gesängen zu übertönen, und so ist es kein Wunder, dass sich die Sechs zum Abschied noch einmal für diesen grandiosen Empfang bei den Fans bedanken. Natürlich ist der Abend damit aber noch nicht beendet, denn die Kölner wollen noch einen Nachschlag und bekommen diesen wie erwartet nach einer kurzen Unterbrechung. Mit der Single 'Death Of A King', 'Silver Bride' und dem melodischen 'The Smoke' werden noch einmal die letzten Reserven bei den Anwesenden mobilisiert, bevor der bärenstarke Auftritt der Finnen nach gut 90 Minuten endgültig zuende ist. Vielleicht wird man einige Mitschnitte des Auftritts aber noch auf einem zukünftigen Livealbum zu hören bekommen, denn wie einige aufmerksame Beobachter in den vorderen Reihen festgestellt haben werden, waren auffällig viele Richtmikrofone am vorderen Bühnenrand positioniert. Diese werden gerne benutzt, um die Reaktionen des Publikums mitzuschneiden. Sollten sich die Finnen dazu enschlossen haben, die heutige Show für die Nachwelt zu verewigen, dann haben sie definitv eine gute Wahl getroffen, denn eine so herausragende Stimmung habe ich selten in der Essigfabrik erlebt.
Setlist AMORPHIS
: Under The Red Cloud, Sacrifice, Bad Blood, Sky Is Mine, The Wanderer, On Rich And Poor, Drowned Maid, Enemy At The Gates, The Four Wise Ones, Silent Waters, My Kantele, Hopeless Days, House Of Sleep, Death Of A King, Silver Bride, The Smoke


Am Ende markiert der heutige Abend einen würdigen Abschluss für die diesjährigen Tour-Aktivitäten von Holopainen und Co, bei dem nicht nur die Stimmung des Publikums, sondern auch die Performance der Musiker zu begeistern wusste. Manch einer mag dem Sextett die Abgeklärtheit negativ auslegen, für mich zeigt es nur, zu welcher Perfektion die Musiker ihre Show in den letzten Jahren gebracht haben. Hier sitzt einfach jede Note und so kann der Zuhörer für die Dauer des Auftritts voll und ganz in der wunderbaren Musik des Sextetts abtauchen. Wer eine Vorliebe für wunderschöne Melodien in Kombination mit harten Gitarren hat, der muss AMORPHIS einfach live gesehen haben. Ein besseres Konzerterlebnis wird man in diesem Bereich nicht geboten bekommen!

Redakteur:
Tobias Dahs

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