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Anneke van Giersbergen, Frames, Kill Ferelli - Augsburg

31.05.2012 | 12:04

15.05.2012, Spectrum

Unerwartet rockiger deutsch-holländischer Liederabend.

Man kann es nicht anders sagen: Die Trennung von der Band THE GATHERING war für Anneke van Giersbergen ein mutiger Schritt, den sie aber ziemlich konsequent zu Ende geht. So ist sie auf Tour, aber es wird weitgehend darauf verzichtet, Werbung mit dem Namen zu machen, mit dem sie so große Erfolge feiern durfte. Wie allerdings allgemein für das Konzert hier in Augsburg relativ wenig Werbung zu sehen war, aber möglicherweise habe ich das auch einfach übersehen, da für mich schon lange feststand, dass ich diesen Gig heute nicht verpassen würde.

Grund dafür war natürlich auch die Vorband. Moment, die Vorband? Nein, die Vorbands. Ich bin natürlich auf FRAMES gespannt, doch wie Manuel, der Keyboarder der Hannoveraner, mir gleich mitteilt, dürfen vorher noch KILL FERELLI ran. Auch Holländer, und später wird mir klar, wie das Paket zustande kam, denn der Gitarrist der beiden niederländischen Bands ist der gleiche. Sehr schön, nachdem man weiß, dass Anneke selbst ihre Vorgruppen ausgesucht hat und dabei FRAMES den Vorzug gab, indem sie die eigentlich vorgesehene Vorgruppe abgelehnt hat, kann man davon ausgehen, dass auch KILL FERELLI dabei sind, weil sie ordentlich musizieren können.

Pünktlich um 20.00 Uhr beginnt KILL FERELLI, deren Musik sich als angenehmer Hard-Rock entpuppt, der teilweise etwas mit Indie liebäugelt. Aufmerksamkeit erregt die schwer rockende Frontfrau, deren etwas ungelenkes, aber ungemein kraftvolles und ehrliches Organ die Band ausgezeichnet zwischen den Pfeilern Melodie und Garagenrock platziert. Sie steht natürlich im Mittelpunkt, der Rest der Band hält sich vornehm zurück. Dreißig Minuten lang versucht Kelly Kockelkoren - ja, so heißt die junge Dame wirklich - den Laden mitzureißen, scheitert aber weitgehend an zwei Dingen: Zum ersten ist des bislang eher mau besucht, und obendrein sind im Spectrum im hinteren Bereich Tische und Stühle aufgestellt. Da es sich beim anwesenden Publikum nicht gerade mehr um Jungspunde mit zuviel Energie handelt, sitzen die meisten am Tisch und nicken mit den Köpfen. Gefällt, unterhält, aber reißt eben nicht vom Hocker, was man in diesem Fall eben wörtlich nehmen darf.

Nach nur wenigen Minuten Pause kommen dann die Deutschen auf die Bühne. FRAMES sind so etwas wie Lieblinge unserer Redaktionsprogger, aber sie kriegen vom härteren Teil der Truppe hier auch gerne mal ihr Fett weg. Aber das liegt in der Natur der außergewöhnlichen Musik. FRAMES spielen nämlich ohne Gesang, und instrumentale Musik ist im Allgemeinen schon eher nicht für die Massen. Die recht dominanten Keyboards setzen im Verlauf der nächsten dreißig Minuten stark die Akzente, holen die Band bei rockigeren Parts wieder zurück auf die Erde, sorgen für einen angenehmen Fluss der Stücke, allerdings auch dafür, dass man sich der halben Stunde wirklich hingeben muss. Ansageversuche sind weitgehend fehl am Platze, auch wenn sie gut gemeint sein mögen, aber eigentlich sollte die Band ihrer Musik das reden überlassen. Auch wenn viele Anwesende etwas überfordert sind, macht die Band in schwarz ihre Sache sehr gut. Zwar dürft ihr von mir jetzt keine Setlist verlangen, so etwas fällt mir bei rein instrumentalem Bands ziemlich schwer, aber da nur zwei Veröffentlichungen bislang auf der Habenseite stehen und definitiv von beiden etwas gespielt wurde, war es für Kenner der Band sicher zufriedenstellend. So wie für mich, und ich bin definitiv enttäuscht, dass es nur 30 Minuten sind. (Ich bitte, die Qualität einiger Fotos in der Fotogalerie zu entschuldigen; schwarz glekleidete Menschen auf dunkler Bühne mit wenig Licht nur von hinten machen einem das Leben nicht leicht).

Nach wiederum nur einer kurzen Pause ist es dann Zeit für den Hauptact, der unter dem Namen der Sängerin als ANNEKE VAN GIERSGEREN auftritt. Das Spectrum dürfte mit höchstens 100 Zuschauern einer der kleineren Auftritte auf der aktuellen Tour sein, die in anderen Ländern wie Frankreich und Polen offenbar deutlich größere Zuschauerresonanz erfährt. Aber Anneke hat schon einige Jahre Bühnenerfahrung hinter sich und rockt gleich zu Beginn ordentlich los, ohne sich von der mageren Kulisse beeindrucken zu lassen. Es ist eine Weile her, dass ich ein Konzert mit ihr sehen konnte, so dass ich feststellen muss, dass aus dem Rockmädchen eine rockende Dame geworden ist. Sollte das bedeuten - nein, das kann nicht sein - aber dann doch, es ist nicht auszudenken - sollte ich etwas gealtert sein? Hm. Aber für so etwas ist jetzt keine Zeit, schon an vierter Stelle kommt mit dem AGUA DE ANNIQUE Song 'Beautiful One' der erste Höhepunkt. Ich muss sagen, dass ich einige Zeit gebraucht hatte, um mit diesem Album warm zu werden, da es mir doch insgesamt sehr ruhig und unspektakulär erschien. Auch heute enthält es für mich nur einige wirklich großartige Songs, aber dieser gehört auf jeden Fall dazu. Dabei kommen die Songs vom AGUA DE ANNIQUE Album auch deutlich rockiger rüber am heutigen Abend, live kann die Holländerin noch eine ganze Schippe Power drauflegen.

Überhaupt, Power. Dass Anneke als Sängerin einen eigenen Stil und eine allgemein anerkannte Klasse hat, ist bekannt, dass sie das Ganze aber auf der Bühne zu einem mitreißenden Erlebnis formen kann, ist für mich eine schöne Erfahrung. Denn Anneke bewegt sich viel und besucht ihr Mitmusiker, packt sich auch selbst mal die Gitarre, lacht und scherzt dabei - Beispiel: "Es muss eine Million Jahre her sein, dass ich in Deutschland gespielt habe. Ja, danke, ich habe mich ganz gut gehalten!" - und trifft dennoch jeden einzelnen Ton. Und das ist bei einigen der Songs schon nicht ganz selbstverständlich. Die Bühnenshow ansonsten ist reduziert, es gibt keine besonderen Mätzchen, die Musik steht im Mittelpunkt. Es herrscht ein angenehmes Clubgefühl, doch auch wenn einige Anwesende aufgestanden sind und nun vor der Bühne tanzen, ein bisschen mehr Enthusiasmus dürfte es schon sein. Schön, dass man dies aber weiterhin den Akteuren auf der Bühne nicht anmerkt. Dass es im Laufe des Sets nur einen einzigen THE GATHERING Song zu hören gibt, nämlich 'Saturnine', ist möglicherweise für manche eine Enttäuschung, aber wie eingangs gesagt, dies ist ANNEKE VAN GIERSBERGEN, und sie möcht mit ihren eigenen Kompositionen überzeugen und nicht in der Historienkiste wühlen.

Nach etwas mehr als 60 Minuten ist vorerst Schluss, aber da einige Songs recht kurz sind, hat die Band zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als ein Dutzend Lieder gespielt. Reicht natürlich nicht, und den Umständen der übersichtlichen Besucherzahl entsprechend macht der Laden doch ordentlich Radau, so dass Anneke und Band natürlich nochmal wiederkommen. Auf Zuruf intoniert man dann 'Hey Okay', gefolgt von drei weiteren Songs, bis 'Witnesses' nach einem weiteren Abgang, wiederum ein Song vom AGUA DE ANNIQUE Album, nach etwa 75 Minuten den Abend beendet.

Musikalisch kamen alle voll auf ihre Kosten, und wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann den, dass die Keyboards leider als Samples eingespielt wurden, statt eines livehaftigen Tastenmannes. Damit stehe ich möglicherweise alleine da, aber ein Umarrangieren von Songs für die Bühne im Gegensatz zu den Studioversionen empfinde ich als positiv. Ich kann dann auch auf Instrumente verzichten, anstatt sie einzuspielen. Live ist eben nicht Studio und Bands dürfen gerne mal etwas experimentieren, arrangieren, verändern. Aber dieser Abend ist sehr gelungen, mit zwei schönen, sehr anderen Vorgruppen, die beide einen sehr positiven Eindruck hinterlassen, und einer beeindruckenden Hauptband.

Setlist: Feel Alive, My Boy, Take Me Home, Beautiful One, Fury, You Want To Be Free, Circles, Down So Low, Saturnine, Stay, Slow Me Down, Too Late, 1000 Miles Away From You; Zugabe: Hey Okay!, Everything is Changing, Hope-Pray-Dance-Play, Hyperdrive; Zugabe 2: Witnesses

Redakteur:
Frank Jaeger

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