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BLIND GUARDIAN - Köln

18.09.2022 | 17:48

14.09.2022, E-Werk

Es riecht nach Erinnerungen

Nostalgie – dein Name ist BLIND GUARDIAN. Wenn ihr aus Grevenbroich kommt und auch nur annähernd der orientierten Unterhaltungsmusik zugänglich seid, kommt ihr an den vier Barden aus Krefeld nicht vorbei. Und so sammelten sich schon 2007 und 2015 in Düsseldorf alle Grevenbroicher, um den damaligen Shows der Jungs beizuwohnen. Stets war es weniger ein Konzert als mehr eine Art Klassentreffen. Es wurde geherzt, gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Und nun sind zumindest ein paar alte Gesichter wieder versammelt, um dieser Special-Tour BLIND GUARDIANs beizuwohnen.

Passend zum 30-jährigen Jubiläums des "Somewhere Far Beyond"-Albums laden die BLIND GUARDIAN-Jungs ihre Fans ein, um mit ihnen auf eine Reise der wohligsten Erinnerungen zu gehen. Wir schreiben das Jahr 1992 und die Herren Kürsch, Olbrich, Siepen und Stauch stehen kurz vor der Veröffentlichung ihres vierten Albums. Die Haupthaare waren noch etwas üppiger, von Falten noch keine Spur und die Stimmung und Vorfreude famos. In Fan-Kreisen genießt "Somewhere Far Beyond" auch heute noch einen hohen Stellenwert und dass man das Album gut und gerne auch an einem Stück spielen kann, bewies die Band uns beispielsweise auf dem diesjährigen Rock Hard Festival. Also suchen wir an diesem Mittwochabend die Domstadt auf, geben das E-Werk ins Navi ein und nach rund 50 Minuten haben wir unser Ziel erreicht: eine Reise in die Vergangenheit.

Überall altbekannte Gesichter, die Vorfreude ist allen Anwesenden ins Gesicht geschrieben und obwohl eigentlich die ehemalige Philipshalle in Düsseldorf wie damals für solche Abende prädestiniert ist, macht auch das Kölner Gebäude gegenüber vom altehrwürdigen Palladium eine gute Figur. Und wohin man nur schaut: BLIND GUARDIAN-Shirts. Das gefällt mir. Pünktlich zur 20:15 Uhr-Primetime startet das Fest de la Nostalgie mit einem knapp 15-minütigen Video. Alle Zuschauer starren gebannt auf die Leinwand, auf der mit alten Proberaum-Aufnamen, Live-Momenten und Hintergrund-Videos die Zeit BLIND GUARDIANs im Jahre 1992 zelebriert wird. Unter anderem mit 'Spread Your Wings' hinterlegt, bekommt der Abend durch diese Einführung einen noch sympathischeren und intimeren Rahmen. Thomen am Schlagzeug, Hansi am Bass, Kai Hansen als Gast – das waren schöne Zeiten, an die sich nicht nur die Band sehr gerne erinnert.

Natürlich – und das offenbart auch Hansi selbst – stecken zumindest im ersten Teil des heutigen Abends nicht allzu viele Überraschungen. Und trotzdem ist die Darbietung des vollen "Somewhere Far Beyond"-Albums eine durch und durch tolle und authentische Inszenierung einer großartigen Zeit. Unter Applaus und lauten "Guardian"-Rufen startet das Gespann mit 'Time What Is Time', ehe der Frontmann uns durch die Blume mitteilen will, dass es wohl Probleme mit der Anreise gegeben hat und wir beinahe von einer 'Journey Through The Dark' hätten sprechen können. Doch BLIND GUARDIAN ist auf der Bühne, das E-Werk genießt einen kräftigen und voluminösen Sound und trotz ausverkauftem Abend sind vorne rechts noch einige freie Plätze, zu denen wir schließlich gehen. Es folgen mit dem beim Publikum etwas hapernden 'Black Chamber' und 'Theater Of Pain' weitere bockstarke Stücke, zu denen Hansi ein wenig krampfhaft versucht, eine passende Einleitung beizusteuern. Das braucht er allerdings nicht, denn 'The Quest For Tanelorn' und 'Ashes To Ashes' sprechen per se schon eine deutliche Sprache. Markus und André kommen aus dem nostalgischen Grinsen kaum noch heraus und durch die komplette Halle weht eine sehr angenehme, herzerwärmende "Weißt du noch, wie's früher war"-Mentalität. Da passt meinem Kollegen sogar noch das Shirt des 2003er BLIND GUARDIAN-Open-Airs. Sachen gibt's.

Dass sich bei 'The Bard's Song – In The Forest' das Publikum die Kehlen wundsingen darf, steht außer Frage und ich wundere mich derweil über mich selbst. Die alltäglichsten Sachen vergesse ich oder verstecke unbewusst meine Fernbedienung im Kleiderschrank (kein Witz!), aber den Text zu 'The Bard's Song' werde ich niemals nachlesen müssen. Der sitzt beim kompletten Kölner Publikum wie auch bei mir ähnlich fest wie die dadurch erzeugte Gänsehaut bei Hansi selbst. Vom folgenden 'The Bard's Song – The Hobbit' habe ich auf dem Heimweg einen beinah schon unverschämten Ohrwurm und mit 'Somewhere Far Beyond' folgt dem Ende hin der logische Schluss und einer der bockstärksten und atmosphärischsten Songs im BLIND GUARDIAN-Repertoire. Leute, das ist einsame spitze und eine Geschichtsstunde par excellence.

Dass es mit dem gediegenen Doppelkracher 'Lord Of The Rings'/'Nightfall' ebenso bockstark weitergeht, ist ebenso eine Überraschung wie die anschließende Explosion, als mit 'Born In A Mourning Hall' das Gaspedal durchgedrückt wird. Die Abwechslung am heutigen Abend kennt kein Halten mehr, Hansi ist zumindest im Gesang perfekt bei Stimme und es macht schlichtweg Freude, eine solch eingeschworene Mannschaft wie die sechs Herrschaften auf der Bühne bei ihrer offensichtlichen Lieblingsbeschäftigung zu sehen. Die etwas ausgedünnten Matten im Publikum wehen, sämtliche Fäuste werden gereckt und selbst das als neu angekündigte, wesentlich härtere 'Violent Shadows' knackt die Meute in Köln. "The God Machine" scheint am Rhein mächtig einzuschlagen, denn selten wurde ein neuer Song so abgefeiert wie heuer, was auch die Band überrascht. Langsam aber sicher neigt sich laut Hansi der Abend dem Ende zu, sodass mit 'Time Stands Still (At The Iron Hill)' allmählich das Ende der Geschichte in Köln eingeläutet wird. Zum scheinbaren Schluss singt sich das E-Werk in bester Stimmung die Seele aus dem Leib und damals wie heute wie auch wahrscheinlich bei künftigen Shows sind dies Klassiker, mit denen wir die schönsten, wohligsten Erinnerungen verbinden. Einfach herrlich, mit welcher Hingabe auch die Gardinen ihre Klassiker zum Besten geben. Eine kurze Pause setzt ein.

Unter lautem "Zugabe"-Geschrei ist BLIND GUARDIAN wieder auf der Bühne und setzt zum hymnischen und live vollends überzeugenden 'Sacred Worlds' an. Dass diese Band aber mit dem Klopfen an einer bestimmten Himmelspforte nicht gehen darf, ist klar. So pulverisiert 'Valhalla' alles, was sich diesem Evergreen in den Weg stellt, und fordert auch nach dieser superben Darbietung das Publikum noch weitere fünf Minuten lang. Doch Köln ist noch nicht müde! Lautstark wird 'Majesty' gefordert und Hansi wundert sich, warum jeder diesen Song so geil findet. Doch die Band ist, wie er selbst öfters meint, in Geberlaune und so stimmt das Keyboard das Klimperintro ein, ehe sich abermals die meterdicke Gänsehaut aufstellt und das E-Werk "Määäjeeestiiiiie" brüllt. Wahnsinn, wie die Stimmung hier und beim nun wirklich endgültigen Schlussakt kocht. Denn nach dem nicht minder tollen 'Mirror Mirror' beendet nach pickepackevollen zwei Stunden die Band nun wirklich den Abend, bedankt sich mit einem breiten, verschwitzten Grinsen und unter abermals lautstarkem Applaus.

Setliste: Time What Is Time; Journey Through The Dark; Black Chamber; Theatre Of Pain; The Quest For Tanelorn; Ashes To Ashes; The Bard's Song - In The Forest; The Bard's Song - The Hobbit; The Piper's Calling; Somewhere Far Beyond; Lord Of The Rings; Nightfall; Born In A Mourning Hall; Violent Shadows; Time Stands Still (At The Iron Hill); And The Story Ends; Sacred Worlds; Valhalla; Majesty; Mirror Mirror

Noch Minuten später feiert das E-Werk diese Band, diese hingebungsvollen Klassiker, diesen heutigen Abend. Hier werden noch einige Shirts zum absoluten Schnapperpreis von 35€ an den Mann gebracht, dort sieht man die Menschen strahlen, die Leute vor nostalgischer Glückseligkeit platzen, die Anwesenden schwärmen. Es war schlicht und ergreifend wunderschön. Die Rückfahrt wird zum erneuten Trip in die Vergangenheit: Wir sprechen über die Gigs mit ASTRAL DOORS 2006 und ORPHANED LAND 2015 im Vorprogramm, wir schwärmen über das BLIND GUARDIAN-Open-Air, blicken mit breitem Grinsen auf Alben wie "Imaginations From The Other Side", "Nightfall In Middle-Earth" und selbstverständlich "Somewhere Far Beyond" zurück und lassen diesen Abend noch einmal mit erfülltem Herzen Revue passieren. Herrlich war es.

Redakteur:
Marcel Rapp

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