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Iron Maiden - Berlin

19.11.2003 | 05:37

18.11.2003, Arena Treptow

Was haben IRON MAIDEN mit einem Lemming gemeinsam? Sie steuern wie ein solches Tierchen auf den Abgrund zu - den kommerziellen. Zu beobachten beim Konzert in Berlin in einer fast ausverkauften "Arena". Ja, es sind wirklich viele Leute dorthin gekommen, trotz der Ticketpreise von rund 50 Euro...

Vom Einlass aus geht der Blick des vorfreudigen Konzertbesuchers nach links, dort lockt ein T-Shirt-Stand. Bei den Preisen schläft das Grinsen ein: Ein Maiden-Shirt für 30 Euro ist schlicht eine Frechheit. Wer noch mehr Geld übrig hat, kann sich sogar einen Kapuzenpulli für 60 Euro leisten. Die Knauservariante eines MAIDEN-Mitbringels? Ein Poster für 6 Euro... Oder eben Bier, nur drei Euro für null komma drei Liter. Was kostet die Welt? Richtig... Viel, viel Geld...

Der Blick vom T-Shirt-Stand schweift zur Riesenbühne. Dort kommen also diese seltsamen Klänge her. Da stehen ja sogar ein paar Burschen auf der Bühne. Nähere Identifizierung der Band mit Hilfe der großen Flagge im Bühnenhintergrund: FUNERAL FOR A FRIEND. Das der Hinweis auf den Namen so groß geschrieben ist, hat auch seinen Grund. Denn FUNERAL FOR A FRIEND klingen mit ihrem Heavy-Rock so erbärmlich gesichtslos, dass man sich eher in einer Bar als in einer großen Konzerthalle wähnt: Am Tresen sitzen, eine nichtssagende Band hören, quatschen. Leider gibt es hier keine Bar, dafür mehr als genug Leute zum quatschen. Einhelliges Urteil: Überflüssige Zugabe zu den 50 Euro.

Der Umbau für die MAIDEN-Show beginnt. Immer mehr Leute drängen in die Halle. Gespannte Gesichter, erwartungsfrohe Fäuste strecken sich in Richtung Deckendach. Irgendwann geht's los, ein klassisches Intro beginnt den Set. Dann die aktuelle Single "Wildest Dreams", die Meute feiert. Erste Erkenntnisse machen sich im Hirn breit: Bruce Dickinson ist nach wie vor einer der besten Frontmänner der Welt und stimmlich in Bestform. Außerdem rennt er immer noch wie ein 20-jähriger Knabe über die Bühne, ist ständig in Bewegung und beherrscht die 1000 Posen des Anheizers perfekt. Ähnlich agil benimmt sich die dreiköpfige Gitarrenfraktion, die ebenfalls große Strecken zurücklegt und fröhlich die Mähnen schüttelt. Dennoch will der Sinn eines Jannick Geers im aktuellen MAIDEN-Line-Up nicht so recht einleuchten, denn im Prinzip ist der Typ nur für die Kunststücke zuständig. Will heißen: Ständiges Umherwirbeln der Gitarre, aber nicht drauf spielen. Eine "sinnvolle" Maßnahme, die überhaupt nicht peinlich und aufgesetzt wirkt. Sonst gibt's an der Show nix zu mäkeln, besonders das imposante Bühnenbild begeistert: Das Ganze sieht aus wie eine große Burg, im Hintergrund wechseln sich ständig verschiedene Maidencover ab, die Lichtshow ist gigantisch und bunt. Auch Eddie bekommt zweimal seinen großen Auftritt: Einmal als riesige Hintergrundfigur bei 'Iron Maiden', einmal als 4-Meter-Bangpartner von Jannick bei 'Number Of The Beast'. Jannick wirft hinterher verzückt seine Gitarre in die Luft... Fast wirkt das Spektakel wie ein riesiges Rock-Theater, besonders als Dickinson bei 'Dance Of Death' mit Maske und Umhang auftritt und ein schauspielerisch respektables Phantom der Oper spielt. Schöner wäre aber das Original 'Phantom Of The Opera' von der ersten Scheibe gewesen: Zu sehr konzentrieren sich die eisernen Jungmädels auf ihre aktuellen Scheiben. Es ertönen zu wenige Songs des Formates 'Fear Of The Dark' oder 'Hallowed Be Thy Name', da fehlen noch Klassiker wie 'Two Minutes To Midnight', 'Running Free' oder 'Aces High'. Stattdessen dröhnen halbgare Songs wie 'Lord Of The Flies' aus den Boxen - aaahrg. Umso ärgerlicher ist es, dass die Mannen um Bruce Dickinson schon nach 90 Minuten und drei Zugaben die Segel streichen. Das ist für eine Band dieses Formates zu wenig, viel zu wenig. Im Publikum fühlen sich auch einige Fans verarscht, ungläubige Blicke gehen in Richtung Hallendach, wo schon die Neonröhren wieder an sind und kaltes Licht verbreiten. Gedanken kommen auf, böse Gedanken: Zum Beispiel eine gewisse Schadenfreude über den stetig währenden MTV-Boykott, den Bruce an diesem Abend auch verdammt hat. Denn 'mal ehrlich: Was unterscheidet IRON MAIDEN bis auf die großartigen Songs noch groß von Acts wie Robbie Williams? Selbst ein Mega-Seller wie Herbert Gröhnemeiyer spielt auf seiner Tournee drei Stunden und kostet zwischen dreißig und vierzig Euro. Ehe solche Gedanken zu Ende gedacht sind, kommen auch schon die Securitys, die Halle wird langsam geräumt. Die Fans verschwinden. Die meisten sehen zwar ganz zufrieden aus, doch MAIDEN-Sprechchöre wollen an diesem Abend in Berlin nicht mehr aufkommen. Schade!

Setlist IRON MAIDEN:

1. Wildest Dreams
2. Wrathchild
3. Can I Play With Madness
4. The Trooper
5. Dance Of Death
6. Rainmaker
7. Brave New World
8. Paschendale
9. Lord Of The Flies
10. No More Lies
11. Hallowed Be Thy Name
12. Fear Of The Dark
13. Iron Maiden

Zugaben:

14. Journeyman
15. The Number Of The Beast
16. Run To The Hills

Redakteur:
Henri Kramer

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