JINJER, UNPROCESSED und TEXTURES - Stuttgart
21.02.2026 | 17:1312.02.2026, LKA / Longhorn
JINJER - European Duél Tour 2026.
Drei Bands, drei technische Schwergewichte – und ein Longhorn, das an diesem Abend nicht einfach nur Konzertlocation ist, sondern Druckkammer.
TEXTURES – Frühstart ohne Aufwärmphase
TEXTURES legt ungewöhnlich früh los. Wer nicht pünktlich zur Hallenöffnung im Raum steht, hört bereits komplex verschachtelte Riffs durch den Saal schneiden.
Die Niederländer brauchen keine Anlaufzeit. Ihr progressiver Metal-Style ist sofort da: rhythmisch anspruchsvoll, tight, präzise.
Selbst aus den hinteren Reihen – irgendwo zwischen Merch- und Bierstand – bleibt das Fundament klar nachvollziehbar. Weiter nach vorne geht es nach Hallenöffnung zunächst nicht.
Die Gitarren greifen ineinander, Breaks sitzen, die Band wirkt fokussiert und professionell. Kein überflüssiges Gerede, kein unnötiges Pathos. TEXTURES liefert kontrollierte technische Klasse und eröffnen den Abend auf hohem Niveau. Das macht definitiv Lust auf mehr.
UNPROCESSED – Modern Metal auf internationalem Format
UNPROCESSED knüpft direkt an und macht deutlich, warum die Band inzwischen mehr ist als nur ein Geheimtipp.Mit '111' startet das Set kompromisslos. Der Sound ist definiert, die Gitarrenarbeit messerscharf, die Rhythmik komplex – und dennoch sofort zugänglich.
'Sleeping With Ghosts', 'Beyond Heaven's Gate' oder 'Thrash' verbinden Djent-Ästhetik mit Songorientierung. Die Band verliert sich nie in technischer Selbstverliebtheit. Stattdessen entsteht ein durchgängiger Sog. Dynamikwechsel funktionieren, Hooks greifen, Breakdowns sitzen punktgenau.
'Sacrifice Me', 'Lore', 'Solara' oder 'Terrestrial' zeigen die Vielseitigkeit des Quartetts. Hier spielt keine Nachwuchsband, hier steht eine Formation auf der Bühne, die live auf internationalem Niveau agiert. UNPROCESSED nutzt die Spielzeit nicht zum Warmspielen des Publikums – sondern setzt ein eigenes Statement.
Bereits auf dem letztjährigen Metalacker-Festival in Tennenbronn zählte UNPROCESSED zusammen mit AVRALIZE zu den großen Überraschungen des Tages. Solche Talente haben viele dort noch nicht auf dem Schirm. Absolute Ausnahme-Könner an ihren Instrumenten – und live mindestens genauso überzeugend wie im Studio.
JINJER – Headliner-Druck, Headliner-Präsenz
Als JINJER die Bühne betritt, verändert sich die Intensität im Raum spürbar. Die Lautstärke steigt, vor allem aber wächst die physische Wucht. Das ist nicht nur lauter – das ist eine Spur größer.
Ein entscheidender Faktor – zumindest für die Fotografen im Graben einstimmig – ist die eigene Lichtanlage. Anders als bei manch anderer Longhorn-Show stehen die Musiker nicht in dunkler Nebelsuppe.
Jeder Akteur ist klar ausgeleuchtet, Bewegungen sind sichtbar, Interaktionen nachvollziehbar. Das verleiht der Performance zusätzliche Tiefe und unterstreicht die Professionalität der gesamten Produktion.
Frontfrau Tatiana Shmayluk (aka "Tati") erscheint in einem weißen Kleid, die Haare zu zwei Zöpfen geflochten, mit silbernen Spangen akzentuiert. Im ersten Moment drängt sich das Bild von Tami Stronach als "Kindliche Kaiserin" aus "Die unendliche Geschichte" auf.
Ein Look, der beinahe märchenhaft wirkt – aber nie ins Kostümhafte kippt. Tati trägt diesen Stil mit absoluter Selbstverständlichkeit. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts bemüht.
Visuelle Ästhetik und musikalische Aggression stehen nicht im Widerspruch – sie ergänzen sich. Und spätestens wenn die giftigen Vocals loszischen, verfliegt jede zarte Assoziation.
Die Ansagen bleiben kurz und eher zurückhaltend. Sobald jedoch ein Song startet, verschwindet jede Zurückhaltung. Growls, Cleans, rhythmische Verschiebungen – alles sitzt mit beeindruckender Kontrolle. Die Performance ist aggressiv, energiegeladen und dennoch technisch makellos. In den ersten drei Songs bleibt Zeit für Fotos – eigentlich ein enger Rahmen. Doch immer wieder wandert der Blick von der Kamera zu den Händen der Musiker. Präzision, Spielfreude, absolute Kontrolle. Sauber, Leute.
Die Setliste – kein Leerlauf, kein Durchatmen
Mit 'Duel' eröffnet JINJER kompromisslos. 'Green Serpent', 'Fast Draw' und 'Vortex' folgen ohne nennenswerte Verschnaufpause. Groove und Präzision dominieren.
'Judgement (& Punishment)' entfaltet live seine volle rhythmische Wucht, 'I Speak Astronomy' und 'Perennial' bringen atmosphärische Tiefe ins Set, ohne die Intensität zu reduzieren. Das Publikum bleibt permanent in Bewegung. Erste Stagediver tauchen auf, die Stimmung kondensiert spürbar an den Hallenwänden.
'Pisces# sorgt erwartungsgemäß für einen der Höhepunkte des Abends. Der berühmte Dynamikwechsel funktioniert live nach wie vor mit elektrisierender Wirkung. Der Spannungsbogen bleibt greifbar, bevor der Song in eruptiver Härte explodiert.
Nach einer kurzen Verabschiedung verschwindet die Band zunächst von der Bühne. Im LKA führt der Weg in den Backstagebereich allerdings über eine sichtbare Treppe nach oben – und solange niemand diese erklimmt, ist klar: Das war es noch nicht.
Und tatsächlich wird für einen letzten Song noch einmal alles mobilisiert. Mit 'Sit Stay Roll Over' endet das Konzert nicht versöhnlich, sondern mit Nachdruck. Kein Auslaufen, kein ruhiger Abschluss – sondern ein letztes, druckvolles Statement.
Fazit:
TEXTURES eröffnet technisch stark, UNPROCESSED überzeuget mit moderner Progressivität und Selbstbewusstsein, und JINJER liefert eine Headliner-Show, die in Sound, Performance und Lichtdesign Maßstäbe setzt. Das LKA Longhorn erlebt an diesem Abend keine routinierte Tourstation, sondern eine durchinszenierte, hochprofessionelle Metal-Produktion. Druckvoll, präzise und visuell beeindruckend.
So sieht 2026 Headliner-Format aus!
Text und Photo Credit: Marc Eggert
- Redakteur:
- Marc Eggert





