LA DISPUTE, VS SELF und PIJN - Stuttgart
16.03.2026 | 12:4913.03.2026, Im Wizemann
LA DISPUTE liefert im Stuttgarter Wizemann eine hochintensive, sprachgewaltige Clubshow zwischen emotionaler Verdichtung, innerer Unruhe und kontrollierter Eskalation. Dazu kommen mit VS. SELF und PIJN zwei ungewöhnliche, aber perfekt passende Supports.
Schon vor dem eigentlichen Konzert zeigt sich an diesem Freitag im Im Wizemann ein bemerkenswert gemischtes Bild. Vor den Eingängen, an der Garderobe und in den Vorräumen läuft ein Publikum durcheinander, das unterschiedlicher kaum sein könnte. Das liegt nicht nur an LA DISPUTE, sondern auch daran, dass parallel im Haus noch weitere Veranstaltungen stattfinden.
Entsprechend wirkt der Weg Richtung Club zeitweise wie ein kleiner Szenen-Querschnitt in Echtzeit: Zwischen Emo-, Post-Hardcore- und Screamo-Shirts stehen Leute, die ganz offensichtlich für ganz andere musikalische Baustellen im Wizemann unterwegs sind. Erst im Club selbst sortiert sich dieses bunte Durcheinander zu einem deutlich geschlosseneren Bild. Hier wartet ein Publikum, das ziemlich genau weiß, worauf es sich bei LA DISPUTE einlässt.
Und genau das macht die Atmosphäre von Beginn an besonders. Ein Konzert von LA DISPUTE funktioniert nun einmal anders als ein gewöhnlicher Gitarrenabend, bei dem sich alles an Eingängigkeit, Moshpit-Tauglichkeit oder dem nächsten großen Refrain bemisst.
Bei dieser Band geht es viel stärker um Verdichtung: um Sprache, um Bilder, um Spannung, um die Art, wie sich ein Song langsam aufbaut und dann emotional mit voller Wucht trifft. Was bei LA DISPUTE ein einzelnes Stück ist, ist bei anderen Acts ein ganzes Album. Jordan Dreyer schiebt nicht einfach ein paar Zeilen zwischen Strophe und Refrain, sondern Textmassen, Gedankenkaskaden und Erzählfragmente durch den Raum, die live eher wie kleine literarische Ausbrüche als wie klassische Rocklyrics funktionieren.
Das passt natürlich perfekt zur aktuellen Tour. Mit "No One Was Driving The Car" hat LA DISPUTE 2025 das erste Studioalbum seit sechs Jahren veröffentlicht, ein Werk, das sich thematisch mit Kontrollverlust, Überforderung, innerer Unruhe und gesellschaftlicher Schieflage beschäftigt. Genau diese Motive tragen auch den Abend in Stuttgart. Der Club wirkt von Anfang an nicht wie ein Raum, der auf Party wartet, sondern wie einer, der sich bereitmacht, in etwas hineingezogen zu werden. Weniger lockere Konzert-Routine, mehr gespannte Erwartung.
PIJN: Schwere, Weite und kontrollierter Sog
Den Anfang macht PIJN, und das erweist sich als ausgesprochen kluge Wahl. Die Band aus Manchester zieht den Abend nicht mit hektischer Unruhe an, sondern mit Gewicht, Atmosphäre und einem Sound, der sich langsam, aber nachhaltig im Raum festsetzt.
PIJN beschreibt den eigenen Stil als "cathartic, heavy post-rock", und genau so fühlt sich dieser Auftakt auch an: breit, schwer, spannungsgeladen und eher auf Sog als auf den schnellen Effekt ausgelegt.
Gerade als erste Band des Abends funktioniert das erstaunlich gut. Während sich der Raum noch sortiert, baut PIJN bereits diese dichte, fast körperlich spürbare Schwere auf, die perfekt zu einem Paket passt, das insgesamt viel stärker auf emotionale Intensität als auf reine Hit-Tauglichkeit setzt.
Das Publikum reagiert aufmerksam und konzentriert. Niemand bekommt hier den Eindruck, es gehe nur darum, die Zeit bis zum eigentlichen Konzertbeginn zu überbrücken. Stattdessen setzt PIJN früh einen Ton, der dem Abend Tiefe gibt.
Entscheidend ist dabei, dass PIJN, trotz der eher speziellen Nische, nicht wie ein Fremdkörper wirkt. Die Band bringt genug Eigenständigkeit mit, um aufzufallen, bleibt aber stilistisch nah genug an der emotionalen Wucht des Gesamtpakets, um den roten Faden nicht zu gefährden.
Gerade diese Mischung macht den Opener-Slot so stark. PIJN eröffnet den Abend nicht einfach nur, sondern schafft genau die atmosphärische Grundierung, von der der Rest des Line-Ups anschließend profitieren kann.
VS SELF: fragiler Druck und offene Nerven
Danach übernimmt VS SELF und verschiebt die Stimmung noch einmal spürbar.
Wo PIJN eher mit Fläche, Gewicht und kontrollierter Verdichtung arbeitet, kommt VS SELF nervöser, unmittelbarer und roher daher.
Der von der Band selbst verwendete Begriff "farwest emo" mag auf den ersten Blick ein wenig eigenwillig klingen, trifft die Wirkung live aber durchaus: Das ist fragile, emotional offene, leicht kratzige Musik, die sich nicht über große Gesten verkauft, sondern über Intensität, Kante und eine permanente innere Spannung.
Natürlich merkt man, dass VS SELF nicht zu den ganz großen Namen des Abends gehört.
Es gibt noch nicht diese lückenlose Wiedererkennung, kein kollektives Mitsingen ab dem ersten Ton und keine Reaktionen, wie sie ein Headliner oder etablierter Co-Headliner bekommt. Aber gerade das spielt der Band fast in die Karten.
VS SELF muss sich den Raum erarbeiten und tut das mit einer Präsenz, die weniger aus Pose als aus echter Nervosität und Dringlichkeit entsteht.
Das Publikum hört hin, beobachtet genau und nimmt diesen Auftritt sichtbar ernst. Gerade in Kombination mit PIJN wird dadurch deutlich, wie bewusst dieses Vorprogramm zusammengestellt ist.
Die beiden Supports unterscheiden sich klar voneinander, ohne dass der Abend auseinanderfällt. PIJN schafft die schwere, breite Grundspannung, VS SELF zieht die Nerven freier und direkter nach außen.
Zusammen ist das keine beliebige Supportstrecke, sondern bereits ein eigenständiger Spannungsbogen vor dem Headliner.
LA DISPUTE: Sprachgewalt, Spannung und kontrollierter Zusammenbruch
Als LA DISPUTE schließlich die Bühne betritt, verändert sich die Stimmung im Club sofort. Nicht im Sinne einer plötzlichen Explosion, wie man sie von anderen Bands kennt, sondern eher wie ein kollektives Zusammenziehen der Aufmerksamkeit.
Der Raum fokussiert sich. Alles wirkt dichter, gespannter, unmittelbarer. LA DISPUTE braucht dafür keine große Pose, keine übertriebene Animation und keinen aufgesetzten Showapparat. Die Band lebt davon, Atmosphäre aufzubauen, sie zu halten und dann mit voller Wucht in den Körper zu treiben. Gerade im Club des Wizemann funktioniert das ausgezeichnet, weil der Raum klein genug für Intimität und groß genug für Druck ist.
Was live sofort auffällt, ist einmal mehr die schiere Textgewalt dieser Band. Während andere Acts mit starken Hooks, einfachen Schlagworten oder prägnanten Mitsingmomenten arbeiten, türmt LA DISPUTE ganze Erzählwelten in einzelne Songs. Jordan Dreyer deklamiert, drängt, stößt, beschwört und erzählt. Genau das macht diesen Auftritt so eindrucksvoll. Die Songs wirken nicht wie einzelne Nummern, die man abhakt, sondern wie Abschnitte eines größeren, innerlich lodernden Textstroms.
Das Publikum reagiert darauf in einer Weise, die man so auch nicht bei jeder Band erlebt. Natürlich gibt es Bewegung, natürlich gibt es Momente, in denen sich die Intensität körperlich entlädt. Aber mindestens ebenso auffällig ist diese andere Form von Beteiligung: Blicke nach vorne, hochkonzentrierte Gesichter, leises Mitsprechen ganzer Passagen, dieses Gefühl, dass hier viele Leute nicht nur auf Lieblingssongs warten, sondern sich in den Texten, Bildern und Stimmungen einer Band wiederfinden, die seit Jahren wie kaum eine zweite aus emotionaler Überforderung Kunst macht.
Gerade das Material von "No One Was Driving The Car" fügt sich dabei nahtlos ein. Die neuen Stücke tragen genau jene Unruhe in sich, die den Abend insgesamt prägt: das Gefühl, dass Systeme entgleiten, innere Orientierung verloren geht und man sich trotzdem irgendwie weiter durchschiebt. Live wirken diese Songs nicht wie Pflichtmaterial der aktuellen Tour, sondern wie ein organischer Teil eines ohnehin schon dichten Katalogs. LA DISPUTE schafft es, neues und älteres Material so ineinander zu schieben, dass kein Bruch entsteht. Stattdessen wirkt das Set wie ein einziger großer Spannungsbogen, in dem verschiedene Bandphasen miteinander sprechen.
Beeindruckend ist außerdem, wie wenig Distanz zwischen Bühne und Publikum entsteht, obwohl LA DISPUTE alles andere als kumpelhaft auftritt. Die Band wirft sich dem Raum nicht platt an den Hals, sondern verlangt ihm Konzentration ab. Genau das funktioniert an diesem Abend aber hervorragend. Der Club nimmt diese Einladung an, oder vielleicht eher diese Zumutung. Denn leicht ist so ein Konzert nicht. LA DISPUTE liefert keine einfache Katharsis, sondern eine Form emotionaler Verdichtung, die im besten Fall gleichzeitig aufrüttelt, mitreißt und auslaugt. In Stuttgart gelingt genau das.
Darin liegt auch der entscheidende Unterschied zu vielen anderen intensiven Livebands. Bei LA DISPUTE entsteht Wucht nicht in erster Linie über Lautstärke, Produktion oder das Bild einer eskalierenden Masse, sondern über Sprache, Dynamik und dieses permanente Spiel aus Zurücknahme und Überforderung. Die Band spannt den Raum an, löst die Spannung kurz auf, zieht sie wieder an und hält das Publikum so über weite Strecken in einem Zustand zwischen Faszination und innerer Unruhe. Das ist keine beiläufige Rockshow, sondern ein Abend, der Konzentration fordert und genau daraus seine besondere Kraft gewinnt.
Ein bewusst gebauter Abend
Rückblickend erweist sich gerade die Zusammenstellung des Pakets als eine der großen Stärken dieses Konzertabends. VS. SELF eröffnet mit fragiler, nervöser Offenheit. PIJN verdichtet die Stimmung mit schwerem, kathartischem Post-Rock. Und LA DISPUTE setzt darauf einen Headliner-Auftritt, der nicht einfach nur größer, sondern inhaltlich und emotional noch einmal dichter wird. Dass die beiden Supports nicht die größten Namen sind, ist dabei kein Nachteil, sondern fast schon Teil des Konzepts. Beide Bands bringen genug Eigenständigkeit mit, um den Abend interessant zu machen, ohne ihm den roten Faden zu nehmen.
Ebenso prägend bleibt aber auch das Drumherum im Wizemann. Das gemischte Publikum vor den Räumen, die stilistisch völlig unterschiedlichen Parallelveranstaltungen im Haus und der Kontrast zwischen diesem bunten Vorraum-Chaos und der hochkonzentrierten Club-Atmosphäre, machen den 13. März zu mehr als nur einem weiteren Tourstopp. Im Gebäude laufen an diesem Abend sichtbar verschiedene Welten nebeneinander her, und gerade deshalb wirkt der Moment, in dem sich die Tür zum Club schließt und sich alles auf LA DISPUTE fokussiert, umso stärker.
Am Ende bleibt ein Konzert, das genau das einlöst, was man sich von dieser Band erhofft. Kein einfacher Wohlfühl-Abend, keine routinierte Hitparade, keine Show, die sich mit schnellen Effekten zufriedengibt. Stattdessen liefert LA DISPUTE im Im Wizemann eine intensive, sprachgewaltige und emotional hochverdichtete Clubshow, die von zwei klug gewählten Supports getragen wird und durch den seltsam gemischten Rahmen im Haus noch einmal eine eigene Farbe bekommt. Wer an diesem Abend im Club steht, bekommt kein gewöhnliches Konzert, sondern einen Abend, der sich eher anfühlt wie ein kontrollierter Zusammenbruch in mehreren Kapiteln.
Text und Photo Credit: Marc Eggert
- Redakteur:
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