MOTHER TONGUE und WEREWOLF ETIQUETTE - Hamburg

08.01.2026 | 13:43

26.11.2025, Knust

Live nach wie vor eine absolute Macht!

Anfang der 00er Jahre hatte ich meine Hamburger Heimat verlassen, um am anderen Ende der Republik im wunderschönen Freiburg im Breisgau für vier Jahre dem Studentenleben zu frönen. Ich nenne die Zeit im Nachhinein auch gerne meine "Visions"-Jahre, da ich der harten Musik in jener Zeit ein wenig überdrüssig geworden war und statt Heavy Metal-Hauspostille nun eben jenes Musikmagazin und der "Musik Express" als Abo-Magazine meinem Briefkasten regelmäßigen Besuch abstatten sollten.



Von daher war es keine Überraschung, als zwei Kommilitonen und liebgewonnene Freunde zu der Zeit mich eines Tages zu einem Konzert schleppten, bei dem ich den Namen der dort aufspielenden Truppe noch nie zuvor gehört hatte. "Coole Band aus L.A., n bisschen Rock, Funk, Soul und so und vor allem live eine absolute Hausmacht!" So in etwa klang der kurze Überzeugungsversuch meiner Dudes und etwas skeptisch ließ ich mich dann von einer Mittäterschaft überzeugen.

Im tollen Freiburger Jazzhaus angekommen, suchte ich mir dann einen Platz im hinteren Bereich, um dem Bühnentreiben erst einmal entspannt beizuwohnen. Doch da hatte ich die Rechnung meiner beiden Kumpels nicht auf dem Zettel, die mich buchstäblich an den Armen packten und mich im wahrsten Sinn des Wortes in den bereits sehr aktiven Moshpit werfen sollten. To make a long story short: Dieser Gig ist bis heute eines meiner intensivsten und besten TOP 5-Konzerte ever geblieben.

Umso glücklicher war ich, dass die Band nun endlich mal wieder Halt in Europa machen sollte, nachdem das letzte geplante Gastspiel leider den Wirren um das große C zum Opfer gefallen war. Aber eines hat sich (leider) in den letzten 22 Jahren seit jenem denkwürdigen Abend zu Freiburg nicht geändert.

Die Kombo gilt auch weiterhin als absoluter Geheimtipp und feiert ihre größten (aber kommerziell sehr überschaubaren) Erfolge auch nach wie vor auf dem alten Kontinent, während man in der eigenen amerikanischen Heimat auch weiterhin sehr großflächig unter dem Radar fliegt. 

Heute spielt die in Kalifornien beheimatete MOTHER TONGUE im Knust auf und ich denke mir vorab, dass Venue und Band eigentlich ganz gut miteinander harmonieren dürften. Bevor es allerdings zum Hauptact kommt, übernimmt hier eine Band mit dem außergewöhnlichen Namen WEREWOLF ETIQUETTE den Support-Job.

Ich habe im Vorfeld keine großen Nachforschungen angestellt und bin daher doch überrascht, als mit Bassist/Sänger Davo Gould und Ex-Drummer Geoff Haba zwei MOTHER TONGUE-"Familienmitglieder" die Bühne entern, obwohl ich anfänglich in leichter Verwirrung kurz denke, wieviel Ähnlichkeit der Frontmann dort oben mit dem Sänger der später aufspielenden Hauptband doch hat. Aber da dürfte ich vermutlich nicht der einzige hier gewesen sein.

Vier Instrumente beherrschen nun das folgende musikalische Treiben. Bass und Gesang (Davo Gould) sowie Schlagzeug und Synthie/Keyboard (Geoff Haba). Bass 'n' Drum trifft das Gehörte daher also tatsächlich schon ganz gut. Der Rest ist Rhythmus und verdammt viel Groove, denn wenn das Wort Groove-Maschine auf irgendeinen Menschen da draußen zutrifft wie die Faust aufs Auge, dann ist es eben noch immer, Mr. Gould himself.

Eine wuchtige, aber durchaus interessante Mélange aus Stoner- und Blues-Klängen, Noise-Elementen, Heavy Psych und Alternative Rock überrollt das weite Rund im Knust, die klanglich so massiv daherkommt, dass sie heute mühelos mit deutlich größeren (und Gitarren-)besetzten Rockformationen mithalten könnte. Ich hätte hier ohne weiteres noch endlos zuhören- und vor allem zuschauen können, bin aber auch nicht gänzlich sauer, als nach einer guten halben Stunde Schicht im Schacht ist und meine Vorfreude auf den Hauptact beileibe nicht kleiner geworden ist.

Setliste: You Better Prey; Hurt People; Dear Me; Blow Out The Candles; Hold On Me

In der Umbaupause ziehe ich draußen einen Glimmstengel durch und komme mit einem in Bayern beheimateten Typen in ein nettes Gespräch, der auf meinen WOLVENNEST-Hoodie aufmerksam geworden ist. Ist aber ziemlich kalt, so dass ich relativ fix wieder Schutz im warmen Knust suche und mir schon mal ein gutes Plätzchen sichern möchte. Da ich eben bei der Vorband eher so suboptimal gestanden habe und der Laden heute, wenn auch nicht complete sold out, doch prall gefüllt ist. Als alter Knustianer kenne ich natürlich die guten, geheimen Plätze und bewege mich zielgerichtet nach vorne im ganz rechten Bereich und lehne mich chillig an die Wand. Keine Ahnung warum, aber genau hier kann man selbst bei ausverkaufter Hütte immer noch sehr entspannt stehen, ohne dass man hier Platzangst oder Atemnot zum Opfer fällt. Die Bühne kann man von hier aus ebenfalls ganz hervorragend sehen. Und dann ist es endlich so weit. MOTHER TONGUE is back in da house!

Es ist mir beim Auftritt von WEREWOLF ETIQUETTE bereits aufgefallen, aber Davo Gould sieht noch haargenau so aus, wie ich ihn in Erinnerung behalten habe. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass er fitnesstechnisch wohl noch einmal eine ganze Schippe draufgelegt hat. Statt Geoff Haba hat nun der etatmäßige Schlagwerker Sasha Popovic hinter der Trommelbude Platz genommen, und mit Christian Leibfried und Bryan Tulao betreten nun erstmals auch zwei gelernte Gitarristen an diesem Abend die Bühne. Es ist also angerichtet, und als bereits die ersten lässigen, cleanen Chords von 'Trouble Came' erklingen, fühle ich mich unweigerlich gleich an jenen denkwürdigen Novembertag im Jahr 2003 zu Freiburg erinnert. 

Da mit dem funky Headbanger 'Dark Side Baby' und dem wunderbar melancholisch-treibenden 'Alien' dann sogleich zwei Nummern von meiner Lieblingsplatte "Ghost Note" erklingen, ist es nun auch um meine Lässigkeit geschehen. Gut, dass ich ein wenig Platz um mich herumhabe, denn ich muss mich bewegen, und zwar in Ekstase. Irre, diese Band schafft es in Windeseile, selbst die überzeugtesten Bewegungslegastheniker wie mich hier in nullkommanix in nie für möglich gehaltene Wallung zu bringen. Mit 'Nightmare' hat man zwischen jenen beiden Songs übrigens einmal getestet, wie gut es mit der musikalischen Unterstützung des Publikums bestellt ist ("Nightmaaaaaaaaaare!!!"). Verdammt gut. Das nun vorgetragene 'Lines Drawn' ist ein mir unbekannter Bonustrack von einer 2016 erschienenen "Streetlight"-Version, good to know.

Eine weitere Parallele zu meiner ersten damaligen Live-Begegnung mit der Band: Der Vierer schafft es im Handumdrehen durch pure Bühnenpräsenz, dieser ganz eigenen Antenne zum Publikum und natürlich durch entsprechendes Liedmaterial, die zuhörende Bande aber mal sowas um den Finger zu wickeln. Ich habe von meinem Platz einen verdammt guten Blick über all das Treiben und muss sagen: Selten ein Hamburger Publikum so von Anfang bis Ende steil gehen sehen. 

Es folgen drei Songs vom selbstbetitelten Debüt. Bei 'Damage' tobt der Moshpit sogar bei dem herrlich improvisatorischen Mittelpart, womit eigentlich schon viel gesagt ist. Überhaupt, wie keine zweite Band auf diesem Planeten, schafft es MOTHER TONGUE, Funk-, Soul-, Blues- und Hardrock-Elemente zu einem so in sich stimmigen und mitunter auch durchaus eingängigen Soundkonglomerat zu vereinen, dass man sich kurz fragt, warum diese Kombo eigentlich nicht täglich ganze Stadien füllt. Ich, und wahrscheinlich auch jede Person um mich herum, kennt die Antwort natürlich insgeheim: Selbst im Falle des Falles funktioniert eine Band wie MOTHER TONGUE natürlich immer nur in der Intimität eines intimen unter 1000 Leute fassenden Clubs. Anders gesagt: der (längst) verdiente monetäre Erfolg wäre im Umkehrschluss wohl der sofortige kreative Koma-Tod der Band (Fun-Fact am Rande: es existiert ein einzigsprachiger Wikipedia-Eintrag, und der ist auf Deutsch).

Laber nicht und komm zum Punkt. Äh, ja, ok. Hatte ich schon erwähnt, dass "Ghost Note" mein Lieblingsalbum ist und mit 'The Storm' und 'In The Night Time' nun zwei Stücke eben jenes Werkes auf der Setliste stehen? Bei dem sagenhaft smoothen 'The Storm' studiere ich intensiv das Bewegungsvokabular von David "Davo" Gould und erblasse kurz in Ehrfurcht: Dieser Mann fühlt augenscheinlich jede Schwingung, vibriert bei jedem Beat, schwebt körperlich innerhalb weniger Sekunden in alle vier Richtungen und dazwischen und, was das Perverse ist, macht bei alldem auch noch eine verdammt gute Figur.

Oder wieder anders ausgedrückt: Der Mann besteht on stage physisch lediglich aus Klängen und Rhythmus. Kann man nicht in Worte fassen, muss man in dem Fall einfach gesehen haben. Klingt nach einer halben Liebeserklärung? Kann sein, aber er macht es uns allen heute aber auch nicht wirklich besonders schwer. 

"I would love to play the house band here in this club every night." Sagt er hier übrigens nicht zum ersten und letzten Mal an diesem Abend. Wenn Gitarrist Christian Leibfried dann auch noch das obligatorische Totenkopf-Shirt in braun trägt, weiß man: Das ist keine in jeder Stadt daher gebetete Floskel, wenn man gerade auch um die politische Einstellung der Band weiß. Mit den letzten drei regulären Songs des Abends werden jeweils noch einmal die ersten drei Werke der Band gewürdigt, bevor es zum Schweiß abtupfen dann erstmals Richtung Backstage geht.

Aus Erfahrung weiß ich aber, dass die Jungs gerade in der Nachspielzeit noch einmal zur absoluten Höchstform auflaufen, und so ist es auch hier. Mit dem 'Helicopter Moon' wird dann noch einmal genau getestet, wer seine Reserven im Pit soweit eingeteilt hat, dass es hier noch ein weiteres Mal zum Zappeln und Pogen auf höchstem Niveau reicht.

Der Rest der Draufgaben ist einzig und allein Stücken der "Streetlight"-Platte vorgesehen. 'Casper' ist der wohl düsterste Song der Kombo, geht es hier doch um Menschen, die diese Welt bereits verlassen haben und um das, was dies mit den Hinterbliebenen anstellt. 'I'm Leaving' schlägt in dieselbe Kerbe, bevor es bei 'F.T.W.' ein letztes Mal turbulent im Graben zugeht.

Ganze vier Zugaben! Genau so muss das, denke ich, als ich als einer der ersten Richtung Garderobe eile, um die berühmte letzte Abend-Schlange zu umgehen. Dort angekommen vernehme ich allerdings erneute Klänge von der Bühne. Irre. Die Band meint es also wirklich ernst mit ihrer Liebe zur Hafenstadt. Die extrem lässige und fluffige Slacker-Ballade 'Modern Man' fungiert hier nun als ultimativer Rausschmeißer. Auch das passt wie Arsch auf Eimer, so dass ich, mittlerweile wieder unten angekommen, am Ende des Abends konstatieren muss: War wohl eines der besten Konzerte 2025! Bitte unbedingt bald wiederkommen und keine zehn oder zwanzig Jahre verstreichen lassen. Und wer die Band nun nicht auf dem Radar hat, ist schlicht und ergreifend selbst schuld.

Setliste: Trouble Came; Dark Side Baby; Nightmare; Alien; Lines Drawn; Damage; Burn Baby; Broken; The Storm; In The Night Time; Vesper; CRMBL; Erste Zugabe: Helicopter Moon; Casper; I'm Leaving; F.T.W.; Zweite Zugabe: Modern Man

Text: Stephan Lenze

Photo Credit: Stephan Lenze und MJ von DreMuFueStiAs

Redakteur:
Stephan Lenze

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