NO SLEEP AFTER X-MAS Festival - Runkel / Limburg an der Lahn

14.03.2024 | 14:09

29.12.2023, Stadthalle Runkel

Das Festival "NO SLEEP AFTER X-MAS" in Runkel, in der Nähe der schönen Stadt Limburg an der Lahn, öffnet kurz vor dem Jahreswechsel 2023 / 2024 zum ersten Mal seine Pforten.

Die Zeiten, in denen Heavy-Metal-Festivals ausschließlich im Frühjahr, Sommer und allerspätestens bis in den Herbst stattfanden, ist definitiv vorbei. Sie ist in diesem Zusammenhang nicht mehr präsent, die sogenannte Saure-Gurken-Zeit. Beleg dafür ist das NO SLEEP AFTER X-MAS Festival, welches 2023 zum ersten Mal stattfindet. Der Festivalname ist dabei genauso abstrakt wie zutreffend. Denn das gewählte Datum ist der 29.12.2023 und fällt damit eigentlich in einen Zeitraum, in dem die meisten Menschen doch mit anderen Dingen zu tun haben, als zu Heavy-Metal-Events zu pilgern.

Umso überraschter bin ich, als ich die in der Mitte abgetrennte Stadthalle in Runkel bei Limburg an der Lahn betrete. Denn hier, im beschaulichen Mittelhessen, eher nicht als Heavy-Metal-Hochburg bekannt, versammeln sich etwa 700 Metalheads und feiern das dargebotene Programm in der nahezu ausverkauften Halle ziemlich ab. Laut Veranstalter kommt ein Drittel des Publikums aus dem regionalen Umkreis, ein weiteres Drittel reist aus einem Umkreis von etwa 150 km an, das letzte Drittel der Besucher setzt sich aus verschiedenen Nationen zusammen, zum Beispiel Frankreich, Niederlande, Österreich, Tschechien und der Schweiz.

Leider habe ich den Opener ISN'T verpasst und kann somit nichts über den regionalen Act berichten. An der Anzahl der Besucher mit entsprechendem Bandshirt lässt sich aber vermerken, dass ISN'T einen relativ hohen Bekanntheitsgrad in der Gegend vorzuweisen hat. Ebenso wie die folgenden Bands hat ISN'T die Möglichkeit, von einer längeren Spieldauer Gebrauch zu machen, denn die Oberhausener Truppe TALES OF RATATÖSK muss leider kurzfristig absagen.

Weiter geht es dann mit MUNARHEIM, die in etwa die stilistische Ausrichtung des Festivals abbilden. Spaß mit Metal und Folk ist das Motto dieser Damen und Herren, die zur Nachmittagsstunde das Publikum recht schnell im Griff haben und bereits jetzt für ausgelassene Stimmung sorgen. Vom Weihnachtsfeierkater scheint nicht mehr viel zu spüren, die 700 Leute sind gut drauf. Die Mischung aus ELUVEITIE und EQUILIBRIUM mit Flöte, Gitarre und lieblichem Gesang findet beim Publikum ausgezeichneten Anklang.

 

 

Es folgt ASENBLUT. Die Combo um Sänger Tim "Tetzel" Wagner (dessen zweite Band ALL FOR METAL 2024 hier aufspielen wird) liefert mit viel Herz und Vollgas einen souveränen Gig ab. Der skandinavisch angehauchte Death Metal mit deutschem Gesang passt zwar nicht so ganz in das Billing, dennoch kann die Band hier ordentlich abräumen, ohne auf die Showelemente der anderen vertretenen Künstler zurückgreifen zu können oder zu müssen.

 

 

HAGGEFUGG habe ich bereits im Sommer auf dem Celtic Open Air in Greifenstein erleben dürfen. Die Band, deren Musik sich am ehesten mit älteren SALTATIO MORTIS vergleichen lässt, liefert feine Spielmannskunst ab und weist mit dem neuen Track 'Märchenwald' auf das kommende Album hin, das demnächst erscheint. Die rot-schwarz gewandeten Kölner machen ihre Sache gut und ich stelle erstaunt fest, dass kaum jemand irgendetwas verpassen möchte. Selten habe ich ein Publikum erlebt, das fast frenetisch jede Band abfeiert. HAGGEFUGG passen also exakt zu diesem Event.

Mit Kitsch und Klischee auf der Suche nach dem heiligen Gral. Richtig bunt wird es dann mit GRAILKNIGHTS. Wer kennt sie nicht, die Jungs in ihren Superheldenkostümen? In der Halle scheint es niemanden zu geben, der die Powermetaller von GRAILKNIGHTS nicht abfeiert. Viele bunte Leuchtschwerter sind zu betrachten, was die Band selbst vermutlich überrascht. Aber die Jungs wissen, wie man ein Festivalpublikum bei Laune hält und wer nicht schon durch die Musik mitgerissen wird, der mag sich an der Show und der Interaktion mit dem Publikum erfreuen. Wenn es der Sinn dieser Veranstaltung ist, den Metalheads die triste Zeit zwischen den Jahren mit guter Unterhaltung zu verschönern, dann ist das spätestens jetzt gelungen.

Wenn nicht ohnehin schon gute Stimmung herrschen würde, könnte ich vermuten, dass selbige jetzt ansteigen wird. Aber es dauert ein wenig, weil sich diese Umbaupause etwas hinzieht, denn VISIONS OF ATLANTIS müssen (im übertragenen Sinne) erst ihr Boot zu Wasser lassen. Die Bühne verwandelt sich in ein Schiff, bevor die Band loslegt. Und das tut sie in gewohnt epischer Weise. Thematisch bietet das Festival einiges an Vielfalt, selbst Piraten-Metal. Sängerin Clémentine Delauney versteht es einmal mehr, das Publikum in den Bann zu ziehen, ebenso wie ihr männlicher Gegenpart Michele Guaitoli. Für manche ist VISIONS OF ATLANTIS in diesem Moment so etwas wie der heimliche Gewinner des Events.

Zugegeben, mit der angekündigten Hauptgruppe konnte ich bis dahin nicht wirklich etwas anfangen und es verwunderte mich, dass WIND ROSE hier als großer Headliner angepriesen wurde. Doch bereits nach wenigen Minuten ist klar, dass selbst ich mich dem Charme der Zwergentruppe nicht entziehen kann. Mit einer Urgewalt zieht WIND ROSE alle Register und holt das Letzte aus der feiernden Meute heraus. Das Publikum hüpft und springt wie verrückt, ich fürchte um den schönen Hallenboden. 'Diggy Diggy Hole' – am Ende haben die italienischen Zwerge auch mich in ihren Bann gezogen. Respekt also für ein durchaus gelungenes Festival.

Die Frage, ob es eine Fortsetzung gibt, kann an dem Abend bereits beantwortet werden, denn es hängen bereits Plakate aus. 2024 wird das "NO SLEEP AFTER X-Mas" sogar an zwei Tagen stattfinden, und zwar am 28. und 29. 12. 2024 - es werden dann circa 17 Bands am Start sein. An dieser Stelle können bereits folgende Bands für 2024 bestätigt werden: ALL FOR METAL wird exklusiv die erste 90-minütige Show spielen, dazu kommt noch HIRAES und KAMBRIUM in das Limburger Umland.

Zum Schluss haben wir den Veranstalter Dirk gefragt, woher der Name des Festivals stammt: "Ich hatte den Namen so ähnlich seit Jahren im Kopf und wollte unbedingt in dem Zeitraum vor dem Jahreswechsel mal was veranstalten. Außerdem fanden wir die Abkürzung auch witzig!"

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ein gelungener Auftakt mit vielen gut gelaunten Metalheads, einem spannenden Programm und überwiegend starken Auftritten. An den "Kinderkrankheiten", wie Engpässe bei der Speisenausgabe, dem hin und wieder nicht ganz so gutem Sound und der Lösung einiger kleinerer Logistikherausforderungen wird gearbeitet werden müssen. Aber schon der Auftakt hat gezeigt, dass auch die zwei Tage vor dem Jahreswechsel genutzt werden können, um einfach mal Heavy Metal abzufeiern. Dass dies auch woanders funktioniert, hat mir VISIONS OF ATLANTIS-Sänger Michele Guaitoli in einem Gespräch bestätigt. Die Band hatte tags zuvor einen Gig in Süddeutschland absolviert und bereits dort gingen die Leute in Scharen vor der Bühne steil, statt sich an den Resten des Weihnachtsfestes zu laben oder sich entspannt auf den Jahreswechsel vorzubereiten.

Text / Fotos: Frank Wilkens


Redakteur:
Hannelore Hämmer

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