Rage, Nightwish - Ludwigsburg
28.10.2000 | 08:2812.12.1999, Rockfabrik
*Noch in Bearbeitung*
Am zweiten Augustwochenende stehen Musikfans in Deutschland traditionell vor der Qual der Wahl: Die Vielfalt an Festivals und Konzerten ist überwältigend. Ein Luxusproblem der schönsten Art. Während viele meiner Kollegen nach Schlotheim pilgern, um beim diesjährigen PARTY.SAN METAL OPEN AIR den extremeren Klängen unserer Szene zu huldigen, oder in Hildesheim beim M’ERA LUNA dem sommerlichen Augustwetter eine ordentliche Portion Schwarz entgegensetzen, habe ich mich entschieden, ein Versprechen aus dem Vorjahr einzulösen. Mein Ziel: Eschwege, zum OPEN FLAIR FESTIVAL.Wer sich für die Ausrichtung dieses familienfreundlichen Festivals interessiert, das vom gemeinnützigen Arbeitskreis Open Flair e.V. organisiert wird, dem lege ich meinen Rückblick auf das Open Flair 2024 ans Herz. Denn auch 2025 bleibt der Charakter dieser Veranstaltung unverändert: Ein Programm, das Geschmäcker aller Art bedient, eine klar und offen gelebte politische Haltung sowie ein Stadtfest-Flair, das trotz namhafter Headliner spürbar erhalten bleibt und dafür sorgt, dass die wahre "Musik" oft auch abseits der großen Bühnen spielt. Ein ganz besonderes Flair eben. Auch 2025 ist das Festivalgelände wieder auf der idyllischen Werra-Flussinsel Werdchen beheimatet und traditionell fällt am Mittwoch mit der Eröffnung der Seebühne der offizielle Startschuss. Wer sich ursprünglich auf den Weg zum SonneMondSterne gemacht und dabei verfahren hat, kann sich im Elektrogarten austoben. Dabei handelt es sich um eine kleine Techno-Parzelle im Flair-Kosmos. (Abgesehen von einem kurzen Abstecher am Samstag habe ich es diesmal allerdings wieder nicht geschafft, diesen Bereich ausführlicher zu erkunden – vielleicht dann 2026?) Parallel dazu sorgen die ersten Walking-Acts für Festivalstimmung. Doch das Herzstück des Auftakts schlägt wie gewohnt auf der großen Bühne am Werratalsee.
Ihr kennt das sicher: Es gibt einfach zu viele Konzerte und Festivals im Jahr, und mit den Urlaubstagen muss man haushalten. Deshalb komme ich erst am Mittwochabend in Eschwege an, grade rechtzeitig, um bei RAUM27 entspannt vor der Bühne zu stehen. Mit FOCUS. habe ich damit leider einen möglichen Höhepunkt verpasst, wie mir auch meine Freunde später bestätigten. Und nein, es handelt sich nicht um die niederländische Progressive-Rock-Legende, sondern um Hardcore-Punk aus Riesa. Sonst hätte ich tatsächlich noch einen zusätzlichen Urlaubstag geopfert. Aber sei’s drum: Das Festival startet für mich mit gechilltem Indie-Pop aus Bremerhaven. Im Gegensatz zum letzten Jahr habe ich diesmal eine andere Strategie gewählt: (fast) keine Vorab-Recherche, sondern überraschen lassen. Und das funktioniert erstaunlich gut. Hatte ich RAUM27 noch irgendwo als Duo abgespeichert, freue ich mich umso mehr, dass die beiden Köpfe auf eine komplette Live-Band setzen. So bekommt der Sound eine schöne Fülle. Die Mischung aus Schrammelgitarren, sanften Klavierakkorden und melancholischen Pop-Melodien erinnert mich mehr als einmal an AnnenMayKantereit. Bei Songs wie 'Oft gesagt' oder 'Bitte bitte' hätte ich in einem Blindtest vermutlich daneben gelegen. Immerhin: Die Musik geht ins Ohr, manchmal sogar in die Beine, und der Kopf nickt gelegentlich mit. Besonders Neu-Bassistin Louise wirkt, als hätte sie sichtlich Spaß, fügt sich nahtlos in die eingespielte Crew ein und setzt eigene Akzente. Insgesamt ist mir das Ganze zwar etwas zu soft, zu gefällig und textlich recht zeitgeistig, aber auf jeden Fall wieder eine Band mehr auf meiner Bucket List.
Auch MAXÏMO PARK habe ich bisher noch nie live erlebt (wo auch?), aber diesmal weiß ich zumindest grob, was mich erwartet. Ihr Überhit 'Books From Boxes' läuft regelmäßig auf der Party-Playlist im Hause Rosenthal und dient dort quasi als Blaupause für die perfekte Mischung aus Indie-Rock, Britpop und Post-Punk. Es gibt nur wenige Bands, die so britisch klingen wie Sänger Paul Smith und seine Mitstreiter aus Newcastle. Und tatsächlich: Die keyboardlastige Formation hat deutlich mehr kleine Semi-Hits im Gepäck, als ich gedacht hätte und alle unverkennbar im starken Signature-Sound der Band verwurzelt, der ihre Herkunft zu keiner Zeit verleugnet. Spannend ist dabei ein Effekt, den man als Metalhead erstmal einordnen muss: Die Songs klingen live kaum härter als auf Platte. Wer bei einem Track wie 'Our Velocity' mit einem spontanen Headbanging gerechnet hat, wird kurz irritiert. Doch MAXÏMO PARK trägt das gemütlich-beschwingte Soundkleid mit beeindruckendem Selbstbewusstsein. Besonders Keyboarderin Jemma Freese verkörpert auf der Bühne auch visuell, wie die Band ihre eigene Musik versteht und zwar konzentriert, lässig, unaufgeregt. Unterm Strich ein wirklich starker Auftritt. Allerdings bleibt das Publikum überraschend verhalten. Die ganz große Euphorie will nicht aufkommen, und man hört hier und da auch skeptische Stimmen, ob MAXÏMO PARK tatsächlich das Zeug zum Headliner hat. Wenn man mich fragt - definitiv. Beim folgenden GROSSSTADTGEFLÜSTER kann man den Feier-Regler dann wieder höher drehen. Da ich aber den fluffigen-Sound der Engländer noch etwas nachhallen lassen möchte und mit diesem Elektropop aus der Hauptstadt wenig anfangen kann, suche ich für heute das Weite.
Am Donnerstag wird das Alternativprogramm spürbar erweitert: Nun öffnen auch die Bühnen im E-Werk, dem Kleinkunstzelt, dem Schlosspark, dem Weinzelt und auf der Hofbühne und buhlen um die Gunst des Publikums. Ich nutze den Tag vor allem, um Dinge nachzuholen, die beim Flair bisher zu kurz gekommen sind: gemütlich durch die Fußgängerzone schlendern, die zahlreichen Walkacts bestaunen, in echten Restaurants essen (statt 15 Euro für eine Snackbox zu investieren) und das schöne Wetter in einem der vielen Biergärten oder auf der Werraterrasse genießen. Genau das macht den besonderen Charakter des Open Flair aus: Dieses Festival ist mit keinem anderen vergleichbar. Und auch wenn das Musikprogramm offiziell erst gegen Mittag beginnt, entsteht hier nie Leerlauf oder gar Langeweile. Für mich soll es um 15:30 Uhr auf der Seebühne mit ELL weitergehen – doch vor Ort zeigt sich, dass das Line-up kurzfristig geändert wurde. Stattdessen spielt FRYTZ, ein Solo-Künstler, der Hip-Hop mit LoFi-Pop verbindet. Ich finde es immer bemerkenswert, wenn jemand den Mut hat, ganz allein auf einer großen Bühne zu stehen und ein komplettes Set durchzuziehen. Mit Loops und elektronischen Spielereien kämpft sich FRYTZ aus seiner anfänglichen Nervosität, streut kleine Gitarrenparts oder ein Schlagzeug-Solo ein und überrascht sogar mit einem gelungenen JULI-Cover ('Meer und Regen'). Unterm Strich bleibt der Auftritt für mich aber zu dünn, da es an Substanz fehlt, um wirklich zu überzeugen.
Auch die nachfolgenden TRIPKID können mich nicht vollständig überzeugen. Vollmundig als Band mit "unerwartet harten Gitarren" angekündigt, landet man live doch recht unsanft in der Realität. Im Kern bleibt es Deutsch-Pop, der mit allerlei Supplements aufgepumpt wird, um den Zeitgeist möglichst passgenau zu treffen. Das ist keineswegs schlecht (Songs wie 'One-Night-Stand' funktionieren durchaus) aber der große Wurf oder gar das "nächste heiße Ding" ist es eben nicht. Auch textlich bewegt sich die Band in derselben Blase, in der ein Großteil des Line-ups unterwegs ist: solide, aber ohne echte Reizpunkte. Am ehesten bleibt 'Unsere Schwestern' im Ohr hängen, obwohl auch hier der Text nicht wirklich ausgereift wirkt. Der Rest reiht sich brav dahinter ein und dürfte wohl eher das Lebensgefühl von 16-Jährigen ansprechen, für die Selbstzweifel und depressive Frustspiralen ein großes Thema sind. Für jemanden, der mit sich selbst im Reinen ist, nutzt sich dieser permanente Hang zur Selbstzerstörung schnell ab und erzeugt am Ende sogar eine gegenteilige Wirkung. Dass mir währenddessen plötzlich der alte DIE DOOFEN-Klassiker 'Nu lach doch mal' durch den Kopf schießt, spricht vermutlich Bände.
Doch genau dafür hat das Open Flair die passende Pille parat: REIS AGAINST THE SPÜLMACHINE liefert pures Comedy-Gold für die Ohren. Das kongeniale Duo aus Buxtehude und Oldenburg bringt die Stimmung innerhalb von Minuten zum Überkochen und feuert in atemberaubender Geschwindigkeit eine Rock- und Pop-Parodie nach der anderen heraus. Ganz in der Tradition von David und Jerry Zucker muss dabei nicht jeder Gag zünden, denn entscheidend ist das Tempo, das so hochgehalten wird, dass man kaum Zeit zum Durchatmen hat. Und selbst wenn der Humor mal nicht ins eigene Zentrum trifft, bleibt festzuhalten, dass textlich das meiste schlicht brillant ausgearbeitet ist. Ich habe die beiden schon als Vorband von VERSENGOLD gesehen, und meine damalige Vermutung bestätigt sich heute. Auf einem Festival funktioniert das Ganze noch einmal eine Ecke besser. Ein obligatorischer Ballermann-Schlager wie 'Hast du Saufen mal probiert' (nach '1000 und 1 Nacht') zündet hier überragend, und auch die Beach Boys-Verhunzung 'Saufen an’nem See' ('Surfin’ U.S.A.') passt zur Seebühne wie die Faust aufs Auge. Mein persönliches Highlight ist allerdings, was das Duo aus WHEATUS 'Teenage Dirtbag' macht. Ihrer Version zur Hymne auf unsere geliebten, verranzten Lieblingsshirts ('Shirt weg') ist ein Festival-Highlight. Mittlerweile laufen REIS AGAINST THE SPÜLMACHINE den Kult-Spaßrockern von J.B.O. locker den Rang ab, zumindest was Cover-Comedy angeht. So gut waren die Erlanger höchstens Ende der Neunziger. Für mich ist klar: Freigabe für sämtliche Metalfestivals erteilt.
Diese Freigabe hat FUTURE PALACE nicht mehr nötig. Die Berliner Post-Hardcore-Band um Frontfrau Maria Luise Lessing hat sich längst einen Namen gemacht und auch heute gelingt es ihnen, mit einer grundsoliden Performance Eindruck zu hinterlassen. Das Publikum dankt es mit entsprechendem Enthusiasmus, und auch ich habe meinen Spaß an diesem modernen Mix aus Alternative Metal und Hardcore. Die Pommesgabel wandert mehrfach gen Himmel, auch wenn ich ehrlich gestehen muss, dass FUTURE PALACE im Flair-Line-up vor allem vom raren Angebot an Metalbands profitiert. In einem stärker besetzten Umfeld würde ich sie mir vermutlich nicht zwingend noch einmal ansehen; dafür ist die Konkurrenz in dieser Richtung einfach zu groß und teils deutlich stärker. Spaß macht ihr Auftritt heute trotzdem, keine Frage.
Ganz anders der nächste Act auf meinem Zettel: SKI AGGU. Selten habe ich mich auf einem Festival so deplatziert und alt gefühlt wie während seines Headliner-Slots. Ich möchte nicht respektlos klingen, aber in meinen Ohren hat das, was er präsentiert, wenig mit Musik im klassischen Sinne zu tun. Es ist vielmehr emotionslose Partybeschallung für TikTok-Ohren mit Songs, die nicht länger als 60 Sekunden durchdacht wirken, bevor die nächste Idee hereinstolpert. Vieles klingt wie lose Skizzen oder die Vertonung eines wilden Brainstormings. Auch die Show selbst wirkt zerfahren. Mr. Skibrille rappt in überdrehtem Tempo Idee um Idee herunter, ohne dass jemals ein wirklicher Spannungsbogen entsteht. Eine Headliner-würdige Performance? Fehlanzeige. Im Grunde gibt es nur ihn mit seiner Skimaske und das war’s. Zwar feiern einige Hardcore-Fans die Nummer ekstatisch ab, doch der Großteil des Publikums vor der Seebühne begegnet dem Auftritt mit Skepsis oder schlichtem Unverständnis. Bezeichnend: Am meisten Stimmung kommt bei einem 90er-Medley auf, das nicht einmal von ihm gecovert, sondern 1:1 vom DJ abgespielt wird. Selbstverständlich in zerhackten 30-Sekunden-Schnipseln, als würde ein Betrunkener planlos durch die Party-Playlist skippen. Auch die Euro-Dance-Version von 'Friesenjung' am Ende kann da nichts mehr retten. Ganz im Gegenteil: Man hat das Gefühl, dass viele den kompletten Auftritt nur für diesen einen Song durchgehalten haben. Mein Fazit: Das war mit großem Abstand der schlechteste Auftritt, den ich seit Jahren gesehen habe. Und ich habe viel gesehen.
Aus so einem Tief muss man das Publikum erstmal wieder herausholen. Doch THE BUTCHERS SISTERS (kurz TBS) gelingt das spielend. Der extrem junge Sechser aus dem Rhein-Neckar-Kreis hat seine Feuertaufe auf einschlägigen Metal-Festivals längst hinter sich, und ihre Mischung aus 90er-Crossover und Nu-Metal-Hybriden zündet auch hier sofort. Natürlich ist das Ganze extrem prollig, und der Jogginghosen-DIY-Ansatz sorgt stellenweise für gepflegtes Fremdschämen. Aber: Die Songs sitzen wie eine passgenaue Ray-Ban beim Headbangen. Immer wieder fragt man sich, warum man selbst eigentlich nicht auf solchen Nonsens gekommen ist.Hexenwerk ist es schließlich nicht, was da auf der Bühne passiert. Doch wie so oft gilt: Nicht reden, sondern machen. Und genau das tut TBS mit Erfolg. Mit Nummern wie 'Sonnenbrille', 'Bauchtasche' oder 'Bierdurst' liefern sie genau den Soundtrack, der in diesem Setting einfach knallt. Zum kompletten Freidrehen fehlen mir persönlich an diesem Tag zwar zwei bis drei Herrengedecke und eine nicht näher definierte Zahl an Long-Island-Iced-Teas, aber auch in nüchterner Verfassung kann ich mich den Gaga-Hymnen nicht entziehen. Party bestellt, Party bekommen, was will man mehr? Vielleicht noch die neue Wacken-Hymne, die die Jungs gemeinsam mit DORO aufgenommen haben? In diesen "Genuss" kommen wir an diesem Abend zwar nicht mehr, aber auch so ist es ein rundum gelungener Tagesabschluss.
- Redakteur:
- Stefan Rosenthal


