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Slagsmalsklubben/Mikeyla - Berlin

07.02.2006 | 13:09

01.02.2006, Magnet Club

Eine Diskokugel ist das markanteste Zeichen für eine völlig andere Welt. Ein Welt, wo auch mal MICHAEL JACKSON mit einem seiner Hits des "Thriller"-Albums gespielt wird und in der einige Frauen riesige Brillen tragen, weil das alternative Mode sein soll. In dieser seltsamen Pop-Zone ist in dieser Mittwochnacht auch MIKEYLA unterwegs. Die süße Schwedin, deren erstes Album "Something Like That" gegen Ende März in Deutschland erscheint, weilt gerade im Land - ein wenig Promoarbeit für das Debüt, das Fans von Bands wie EVANESCENCE und Co. aufhören lassen sollte. Im Berliner Magnet Club gibt es eine Spezial-Darbietung für die Gäste: MIKEYLA live, aber nur akustisch. Quasi zwei Meter Luftlinie von der Diskokugel entfernt.

Doch gegen die moderne Pop-Musik, die sonst in dieser Nacht gespielt wird, wirkt MIKEYLA ein wenig wie ein Fremdkörper. Fast scheu sagt sie "Hello", dann setzen sie und ihre beiden Begleiter sich auf drei Barhocker. Vor jedem steht ein Mikro, eine Akustik-Klampfe hat der Typ rechts von ihr dabei, das Lagerfeuer-Feeling kann beginnen. Denn in ihrer rund 25-minütigen Show schafft es MIKEYLA mit ihrer Stimme, den Raum in der Tat ein paar Grade wärmer zu machen. Die Energie von sonst so rockigen Stücken wie 'Calling' oder 'Not A Story' setzt sie ohne Strom in bebende Körpersprache um, im Sitzen bewegt sie sich anmutig zu den Gesangsmelodien, hebt und senkt ihre Arme, singt mit augengeschlossener Inbrunst in das Mikro vor ihr. Ihre beiden Mitmusiker bleiben dagegen unauffällig neben der jungen Frau im Hintergrund aller Aufmerksamkeit sitzen - die Augen der Magnet-Besucher sind sowieso auf die 19-jährige Skandinavierin gerichtet. Sie sieht, anders als auf den Promofotos, nicht so überstylt aus, wirkt sehr natürlich, trotz ihres kurzen Khaki-Rocks. Außerdem versteht sie es, das Publikum mit viel Charme für sich einzunehmen, ein leicht verunglücktes "Dankeschön" hört sich aus ihrem Mund bezaubernd an. Dazu wirkt ihre Stimme - garantiert live und ohne Hilfsmittel - sehr kraftvoll, sehr markant, sehr einfühlsam. Beispielsweise, wenn sie bei 'Wait' zu einem "Oh, I missed you" anhebt: Spätestens in solchen Momenten sterben Männerherzen. Sie beendet den Gig mit ihrer ersten Single 'Young & Stupid'. Da dürfen selbst die beiden Begleiter mit einstimmen, fast a capella bringen MIKEYLA pure schwedische Klang-Wärme in den Magnet Club. Lautes Klatschen. Die Rückkehr zur Pop-Musik aus der Konserve.

Und dann? Kommen SLAGSMALSKLUBBEN auf die Bühne. Und fahren ab in Bereiche, die so voller Drogen sein müssen, dass nur solche Art von Musik herauskommen kann. Szenario: Sechs Typen auf der Bühne, alle mit einem alten Keyboard- oder Mini-Elektro-Klavier-Kasten vor sich, fast alle mit Brillen und bunten Alltagsklamotten - als sie beginnen tobt der Saal! Nicht umsonst, SLAGSMALSKLUBBEN spielen eine Mischung aus ewig-immer bekannten Melodien á la ELÄKELAISET und original Commodore64-Nintendo-Old-School-Feeling in der Tradition von WELLE:ERDBALL. Dabei kommen die Jungs - die allesamt den Eindruck von internetsüchtigen Computer-Freaks machen - komplett ohne Gesang aus, sie feuern die Massen nur mit ihren coolen Gesten an und lassen ihre treibenden Elektrobeats einfach so knallen. Nur zwischendrin erzählt der Ober-SLAGSMALSKLUBBEN-Typ ein paar Sätze in englischer Sprache: So wollte er vor dem Gig eine Rede schreiben, hat es aber wegen den ganzen Zigaretten und der vielen Biere nicht hinbekommen. Einen anderen Song sagt er als Proteststück zu schwedischen Polizisten an, die er nicht mag, er meint sogar, dass sich die Zuschauer deswegen nicht in seine Heimat trauen sollten: "Diese Bullen dort killen dich, egal ob deine Familie dabei ist oder nicht." Solche eindeutigen Statements bleiben freilich im Raum stehen, denn das Publikum unter der großen Diskokugel hat vorerst nichts anderes als Tanzen im Kopf. Total abgefahren, völlig strange, selbst Melodien vom Raumschiff Orion spielen SLAGSMALSKLUBBEN - diese Band wird Schwedens Top-Export nach Japan! Und MIKEYLA spielt hoffentlich einmal ein MTV-Unplugged-Konzert. Was für ein Abend in einem anderen Universum! Gute Nacht, schnöde Metal-Realität, hallo, lieber Breitbandsound - das offene musikalische Hirn ist befriedigt.

PS: Und checkt diese Seite für den Sound von SLAGSMALSKLUBBEN. Pure Space...

Redakteur:
Henri Kramer

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