Steel Held High Festival 2025 - Braunschweig
29.03.2025 | 06:1022.03.2025, KufA Haus
Ob Newcomer oder NWoBHM-Legende – der Underground lebt!
Das Billing des diesjährigen "Steel Held High"-Festivals in Braunschweig ist einfach zu attraktiv, als dass man sich dieses vielversprechende Fünfer-Package entgehen lassen sollte. Außerdem sind gleich zwei der Bands vertreten, die wir im ersten Artikel unserer Rubrik "Neuer heißer Scheiß" besprochen haben. Da müssen wir doch unbedingt Bericht erstatten, oder? Außerdem ist das eine schöne Gelegenheit, mal die Jungs von WRITHEN HILT zu treffen, die heute zu dritt anwesend sind und auch in die Organisation des Festivals involviert waren. Sänger und Gitarrist David macht uns auch mit Carsten Brand bekannt, dem wir die großartigen Fotos verdanken.
[Jens Wilkens]
Recht püntklich um 16:30 geht's dann auch schon mit der ersten NHS-Band los. Die Leipziger Senkrechtstarter SINTAGE locken die jetzt schon ziemlich große Menge, die zum größten Teil noch die Sonnenstrahlen und Gesellschaft vor der Halle genießt, mit ihrer inbrünstig vorgetragenen Metal-Attacke ins Gebäude. Was für ein erquickender Start in den langen Abend! Während mich die Sachsen mit ihrem Debüt "Paralyzing Chains" vor zwei Jahren wegen des nicht ganz so spritzigen Songwritings und des eher monotonen Gesangs nicht vollends überzeugen konnten, lief der Dreher der hier heute anwesenden Underground-Connoisseuren wohl besser rein. Denn die Stimmung tobt hier von Anfang an. Und irgendwann kann auch ich nicht widerstehen, meinen Kopf anerkennend hin und her zu wiegen. Die Jungs um Sänger Randy, heute in Hot Pants, aber dafür mit Schal gekleidet, sind absolut sympathisch und schmettern jede Note voller Herzblut ins Rund.Live entfalten Songs wie 'Spirit Of The Underground' und 'Flames Of Sin' dann ja doch auch ein gewisses Hitpotenzial. Neben vier Stücken vom Album, wird auch fast die gesamte 'The Sign'-EP gespielt. Das allgemeine Glücksgefühl noch mehr auf die Höhe treibend, kündigt man dann auch noch an, dass gerade an neuen Songs geschraubt wird. Zwei davon bekommt das "Steel Held High"-Festival dann auch direkt noch auf die Ohren. 'Beyond The Thunderdome' (das überraschenderweise von "Mad Max" handelt) und 'Blood Upon The Stage' machen schon einmal eine gute Figur und runden den fünfzigminütigen Auftritt hervorragend ab. Zum Schluss gibt's großen Applaus und eine ziemliche Belagerung des kleinen Merch-Stands. Der Geist des Untergrunds eben.
[Marius Lühring]
Setliste: Midnight Evil; Street Law; Flames Of Sin; Rock City; Blood Upon The Stage; Wild Dogs; The Devil's Race; Spirit Of The Underground; Beyond The Thunderdome; Burning Up The Night; The SignNach dem erfrischenden Auftakt von SINTAGE bin ich nun doch sehr gespannt auf KERRIGAN, denn das Freiburger Quartett gehört zweifellos zum Besten, was der heimische Traditionsstahl zu bieten hat. Während Marius und ich in der Bar noch in eine Unterhaltung vertieft sind, schrecken wir plötzlich hoch, als von der Bühne wieder metallische Klänge zu hören sind. Doch die Eile ist unbegründet, es werden zunächst nur Feinjustierungen am Sound vorgenommen. Diese Abläufe sind immer wieder faszinierend! Als es dann mit 'Force And Will' losgeht, ist mein erster Gedanke, dass ich definitiv deutlich mehr Gitarren brauche. Klanglich ist auch bei 'Bloodmoon', dem formidablen Titeltrack des Debüts aus dem Jahr 2023, noch nicht alles im Lot. Zum Glück hört man die fabelhaften gedoppelten Gitarren dann aber bei 'Child Of Sin' und beim epischen 'Against The Westwind' besser, denn diese beiden Stücke habe ich ganz besonders ins Herz geschlossen. Eine gekonnt ausgewählte Coverversion lässt sich live immer gut einbauen. KERRIGAN beweist mit dem dänischen Underground-Klassiker 'The Beast' von RANDY einen exzellenten Geschmack und erntet entsprechenden Beifall für die feine Darbietung. Auch das majestätisch marschierende 'Hold The Banner' macht heute Abend in der Live-Version eine wirklich gute Figur. Die hohen Schreie werden von Sänger Jonas Weber so perfekt umgesetzt, dass man froh ist, dass das Bier in Plastikbechern ausgeschenkt wird. Glas würde wohl von ihm zersungen werden.
KERRIGAN fehlt trotz des gelungenen Auftritts offenbar noch ein wenig die Bühnenerfahrung. Auch scheint die Gesangsperformance für Jonas Weber doch recht kräftezehrend zu sein, was wohl eine Frage der Technik ist. Auf jeden Fall hat die Band jede Menge Potenzial und auch die Songauswahl ist nahezu perfekt. Dürfte ich mir einen zusätzlichen Track wünschen, wäre das sicherlich 'Heavy Metal 2020', weil das eine Art Signature-Song von KERRIGAN ist. Eine Zugabe ist aber aufgrund des engen Zeitplans nicht vorgesehen. Klar ist: Von "Freiburg's Finest" dürfen wir in Zukunft noch Großes erwarten.
[Jens Wilkens]
Setliste: Force And Will; Bloodmoon; Child Of Sin; Forces Of Night; Against The Westwind; The Beast (RANDY-Cover); Intruders; Hold The Banner; Eternal Fire
Zunächst einmal erwarten wir aber etwas zwischen die Zähne. An dieser Stelle ein großes Lob an die Veranstalter, die allerlei Köstlichkeiten aufgefahren haben. Draußen steht zwar auch ein Pizza-Wagen, aber interessanter riecht es drinnen an der Theke. Da duftet es nämlich gar nicht nach Bier, sondern nach frisch gebackenen Waffeln. Daneben köchelt in Töpfen nicht nur Grünkohl, sondern auch ein vorzügliches veganes Chili.Mit vollem Mund soll man nicht pfeifen, aber das fällt mir gerade schwer. Denn die beiden Ohrwürmer 'Child Of Sin' und 'Hold The Banner' verfolgen mich seit dem Auftritt von KERRIGAN auf Schritt und Tritt. Herrlich. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist es doch die folgende Band, die für mich letztlich den Ausschlag gegeben hat, die heutige Reise nach Braunschweig anzutreten. Das 2023er Debüt-Album von MEURTRIÈRES aus Lyon begeistert mich nachhaltig. "Ronde De Nuit" hat so viel Energie und Punk und aber auch Feingefühl, es ist einfach wunderbar. Ich bin sehr gespannt, wie die Musik live auf mich wirkt. Wie es scheint, besteht nicht nur bei mir erhöhtes Interesse, die Halle füllt sich beim Soundcheck schon direkt wieder. Ich denke, dass sich hinterher alle einig waren, dass sich das Erscheinen gelohnt hat. Nach der etwas ruhigeren Herangehensweise von KERRIGAN wird es jetzt wieder wild. Das liegt nicht nur an den eher schnellen Songs, sondern auch an Frontfrau Fiona, die zu keiner Sekunde ruhig steht, sondern durchgehend tanzt und springt und wohl den Spaß ihres Lebens hat. Das wirkt ansteckend, nicht nur auf ihren dauergrinsenden Bassisten Xavier. Fast wie ein Gegenpol dazu steht Gitarrist Olivier eher seitlich zum Publikum und zaubert beinahe Weikath-esk mit seinen so simplen wie schönen, verspielten Leads zahlreiche Lächeln auf zahlreiche Gesichter.
Leider spielt das Gespann nicht die 'Chevalleresses Du Chaos', aber von diesem kleinen Manko mal abgesehen, bleiben heute keine Wünsche offen. Neben vier Stücken vom aktuellen Album, gibt es auch zwei neue Songs zu hören, die leider bisher noch keinen Namen haben. "Nur Lyrics", wie mir Gitarrist Flo Specter auf Nachfrage mitteilt. Gut, mein schlechtes Schulfranzösisch reicht natürlich nicht dafür aus, den Texten beim Auftritt zu folgen. Dann bleibt es eben geheimnisvoll. Als die Band zum Ende ihres Auftritts dann mit 'La Déferlante' und 'Alienor' noch zwei Stücke von ihrer ersten EP auspackt, kocht die Stimmung endgültig. So gehört sich das doch, oder? Ich schwitze und suche nach dem Auftritt erstmal einen der heiß begehrten Stühle im Kneipenraum. Bitte kommt bald wieder, das war heiß!
[Marius Lühring]
Setliste: Rubicon; La Revenante; ???; Alma Mater; ???; Ronde De Nuit; La Déferlante; AlienorSchon lange war ich neugierig zu erfahren, wie Kyle McNeill, seines Zeichens Sänger und Gitarrist von SEVEN SISTERS, sein Solo-Projekt PHANTOM SPELL auf die Bühne bringen würde, da bisher alle Aufnahmen von ihm im Alleingang in seinen privaten Wizard Tower Studios eingespielt wurden. Atmosphärische Synths gehören natürlich zwingend zum Sound von PHANTOM SPELL dazu, und schon beim kurzen Soundcheck, der uns wie schon bei KERRIGAN erneut in die Irre führt, wird deutlich, dass heute ein Könner in die Tasten greift. Als das Quintett dann loslegt, ist sofort klar, dass die Begleitband einfach umwerfend ist! Gleich mit 'Dawn Of Mind', das mich vom Gitarrenton immer ein wenig an WYTCH HAZEL erinnert, ist die Magie komplett da. Die Band harmoniert hervorragend und auch der Sound könnte wahrlich nicht besser sein. Die Gitarrenduelle stehen denen von SEVEN SISTERS in nichts nach. Mit 'Up The Tower' folgt dann gleich mein persönlicher Lieblingssong von PHANTOM SPELL, was die Stimmung zusätzlich hebt – wenn das überhaupt möglich ist. Den Zauber von URIAH HEEP in den 70ern holt Kyle mit seiner Band in die Gegenwart mit 'Dragon's Dream', ein Song, den er schon vor längerer Zeit komponiert hatte, der aber erst 2023 auf der 10" "Tales From The Black Spire" veröffentlicht wurde. Das Verwöhnprogramm für die Ohren erreicht einen weiteren Höhepunkt mit dem wunderbaren 'Palantíri' von der Split-7" mit WYTCH HAZEL.
Der gesamte Auftritt ist ganz klar mein persönliches Highlight des Festivals. Es ist nicht nur die technische Perfektion und die positive Energie der Band, sondern auch die äußerst sympathischen Ansagen, die einen für PHANTOM SPELL einnehmen. Lustig ist, dass das progressive Instrumental 'Black Spire Curse' mit "I hope I can remember the lyrics of this one" angekündigt wird. Mit den sehr wertschätzenden Worten, mit denen Kyle die perfekte Organisation durch den hotel666 Metalclub e.V. lobt, spricht er allen Anwesenden aus dem Herzen. Ein denkwürdiger Auftritt!
[Jens Wilkens]
Setliste: Dawn Of Mind; Up The Tower; Dragon's Dream; Seven Sided Mirror; Keep On Running; Palantíri; Black Spire Curse; Blood Becomes SandInzwischen ist es halb zehn und nach fünf Stunden Stromgitarren-Vollbedienung dröhnen langsam die Ohren und die Füße werden schwer. Ich bin mit Mitte Dreißig ja nun auch nicht mehr der Jüngste. Aber für eine Legende wie CLOVEN HOOF werden die Zähne natürlich zusammen gebissen. Das Durchhaltevermögen scheint nicht jeder zu haben, ist der Saal doch schon zu Beginn etwas weniger gefüllt, als bei den Bands zuvor. Das erstaunt mich, denn bei CLOVEN HOOF singt ja seit ein paar Jahren niemand geringeres als Harry Conklin höchstpersönlich und so wie ich es bisher verstanden habe, verpasst man einen solchen Auftritt nur, wenn man triftige Gründe hat. Für mich ist es das erste Mal, dass ich den Tyrant live erlebe. Tatsächlich muss ich zu meiner Schande dann auch gleich gestehen, dass ich mich mit dem Schaffen der britischen Urgesteine auch nicht wirklich auskenne. Die Band steht schon seit langer Zeit auf meiner To-Do-Liste und nun beginne ich die Lückenfüllung mit einem Konzert, auch nicht verkehrt.
Jedenfalls startet die ziemlich bunte Truppe um das einzig verbliebene Gründungsmitglied Lee Payne ohne große Umschweife direkt in ihr Set. Wie die versammelten Musiker selbst, ist dieses gut durchmischt und wartet neben einigen neuen Songs mit Stücken aus der geschichtsträchtigen Diskografie auf. Es herrscht Klassikeralarm, wie mir mein Halbwissen, aber vor allem die Reaktion der Hartgesottenen zeigt. Die ist nämlich immer besonders laut, wenn Stücke der drei Alben aus den Achtzigern angekündigt werden. Das auch zu Recht. Banger wie das zum Mitsingen einladende 'Astral Rider', das unnachgiebig hart abgerockte 'Crack The Whip' oder auch 'Nova Battlestar' nehmen hier heute keine Gefangenen. Das liegt sicher auch an der gute eingespielten Band. Neben Conklin, der mit seinen dramaturgischen und sängerischen Fähigkeiten selbstredend die meisten Blicke auf sich zieht und den beiden Jungspunden (sagte ich vorhin nicht noch, dass mit Mitte Dreißig Alterserscheinungen auftreten?) Luke Hatton und Ash Baker, die offensichtlich sehr viel Spaß an ihrer Arbeit haben, ist es vor allem Sympathiebolzen Lee Payne, der mit so viel Hingabe dabei ist, dass man sich der Wirkung einfach nicht entziehen kann.Den Höhepunkt der Emotionen erreichen wir dann, als zur Mitte des Sets zunächst 'Running Free' in Gedenken an den verstorbenen Paul Di'Anno angestimmt wird und danach noch dem erst in diesem Jahr verstorbenen früheren CLOVEN HOOF-Sänger Russ North das Stück 'Mistress Of The Forest' gewidmet wird. Lee Payne kämpft mit den Tränen, als er einige Worte zu seinem verstorbenen Freund verliert und wirkt ob der anteilnehmenden Reaktion des Publikums sichtlich gerührt.
Der Paarhufer liefert hier heute einen wirklich starken Auftritt ab. Der wird auch nicht dadurch geschmälert, dass Harry Conklin das Braunschweiger Publikum wiederholt mit "Hannover" anspricht, was bei manchen nicht so gut ankommt. Nein, wer über die langen Jahre des Schaffens immer noch nicht mitbekommen hat, dass sich eine Beschäftigung mit CLOVEN HOOF lohnt (so wie ich, ähem), der wird spätestens heute eines besseren belehrt. Auch wenn das Dach des KuFa-Hauses am Ende von 'Reach For The Sky' immer noch an seinem Platz sitzt - das war toll!
[Marius Lühring]
Setliste: Redeemer; Fugitive; The Gates Of Gehenna; Cloven Hoof; Vendetta; Nightstalker; Astral Rider; Inquisitor; Sabbat Stones; Curse Of The Gypsy; Running Free (IRON MAIDEN-Cover); Mistress Of The Forest; Crack The Whip; Nova Battlestar; Highlander; Laying Down The Law; Reach For The Sky
Fotocredit: Carsten Brand
- Redakteur:
- Marius Luehring