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Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.
von hellknulf616 » Freitag 31. Dezember 2010, 12:28
Aus irgendeinem Grund kann mich melancholische Musik tiefer ergreifen als fröhliche oder positive.
Das geht mir auch so: Die höchste Freude ist nie so intensiv wie die tiefste Trauer, vielleicht weil man Freude mangels Konflikt und Bedürfnis kaum verarbeiten (und somit künstlerisch umsetzen) muss oder möchte, sondern sie meist einfach nur genießt. Pathos, Melancholie, Erhabenheit, Trauer und Selbstverlorenheit - das ist der Stoff aus dem die Träume sind, eben weil es um wahrgenommene Unvollkommenheit oder Unstimmigkeiten geht. Ich persönlich denke jedenfalls, dass es in einer so alten Kunstform wie der Musik gemeinsame Themen und Nenner (auch mit anderen Künsten) gibt, die man bei Bedarf aufzeigen kann. Darüber hinaus beeinflussen Sachen wie bspw. Rhythmus oder Tonhöhe den Körper nun mal auch auf ziemlich profane Weise, und dieses Korsett teilt sich ja ein Großteil der Weltbevölkerung. Und wenn ich mich nicht mehr überraschen lassen könnte durch immer wieder unvorhergesehene Musikwahrnehmung und -erfahrung würde ich wohl zumindest aufhören, neue Musik zu hören, oder gar mein kalkulierbar durchkategorisiertes, mechanisch-langweiliges Roboterdasein gleich beenden.
Das klingt für mich ansatzweise nach "Ich schau lieber nicht genau hin (auf die Musik oder mich selbst), denn dann könnte ich vielleicht ein Stück meiner Einzigartigkeit einbüßen". Hier geht es ja nicht um großartige Denkgebäude oder das Empirie/Magie-Totschlagargument, sondern um persönliche Eindrücke. Kann die ewige Hoffnung - im Endeffekt sogar die Suche - auf Überraschung nicht auch die Angst davor sein, Regelmäßigkeiten in dem Bereich zu finden, den man für das absolute Heiligtum hält - in der eigenen und (wie man von allen Seiten eingetrichtert bekommt: einzigartigen) Innenwelt? Abgesehen davon sind "neue" Musikerlebnisse nicht etwa göttliche/magische Überraschungsmomente, sondern höchstwahrscheinlich ziemlich "logische" Konsequenzen des jeweils eigenen Handelns. Man wird halt nicht gern mit der Nase drauf gestoßen, weil der Bereich Kunst und die dortigen Entdeckungen einen besonderen Stellenwert im Selbstbild haben - das ist bei mir nicht anders.
"Nostalgia is no excuse for stupidity."
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hellknulf616
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von Eike » Freitag 31. Dezember 2010, 13:03
Die höchste Freude ist nie so intensiv wie die tiefste Trauer, vielleicht weil man Freude mangels Konflikt und Bedürfnis kaum verarbeiten (und somit künstlerisch umsetzen) muss oder möchte, sondern sie meist einfach nur genießt.
Damit ist Freude momentaner, aber deswegen nicht weniger intensiv, wenn man sie wirklich auskostet.
Und wenn ich mich nicht mehr überraschen lassen könnte durch immer wieder unvorhergesehene Musikwahrnehmung und -erfahrung würde ich wohl zumindest aufhören, neue Musik zu hören, oder gar mein kalkulierbar durchkategorisiertes, mechanisch-langweiliges Roboterdasein gleich beenden.[/quote]Das klingt für mich ansatzweise nach "Ich schau lieber nicht genau hin (auf die Musik oder mich selbst), denn dann könnte ich vielleicht ein Stück meiner Einzigartigkeit einbüßen". [/quote]Nee, das geht es mir nicht um Einzigartigkeit meiner selbst, sondern um eben dieses Momentane; natürlich ist jeder Moment einzigartig, aber mein Verhältnis dazu ist weniger das Festhaltenwollen als das Sichdareinfügen, dass er verstreicht, sobald der letzte Ton verklungen ist, und die Erkenntnis, dass das Nichtgenausowiederholenkönnen nichts an dem Wert jedes einzelnen (Wieder-)Hörens ändert. Dazu muss ich den ersten, zweiten, dritten Hördurchlauf gar nicht als Gesamterlebnis analysieren; da reicht das unreflektierte Mitfühlen, oder das träumerische Genießen, die ein oder andere flüchtige Assoziation, gelegentlich auch die (Teil-)Erkenntnis eines Aspekts im Detail, der therapeutische Nutzen, oder was auch immer dieses Hörerlebnis unbemerkt noch so prägt völlig aus. Und wenn ich aber mal das Bedürfnis verspüre, über die Wirkung in diesem Moment nachzudenken, dann weiß ich, dass das in der Regel nur für diesen einen Hördurchlauf gilt, und dass das nicht unbedingt etwas mit dem Stück zu tun hat, sondern mit meiner Verfasstheit, weil zwischen dem Stück und mir eben keine feste Verbindung besteht, sondern eine veränderliche. Die Geschichte dieser Verbindung wird mit jedem Hören neu geschrieben. Und wenn sich mein Verhältnis zu einem Song ändert, dann liegt das nicht unbedingt am Song, soviel ist mir schon klar. Nur, solange mir das nicht irgendwie süß oder sauer aufstößt, muss ich mich damit ja nicht näher befassen - dann passt das einfach, und gut ist's. Soviel Intuition habe ich schon entwickelt, dass ich in der Regel weiß, welche mir bekannten Stücke mir wann guttun und wann ich in der Stimmung für etwas Neues bin; je nachdem, ob es in dem Moment um's Bestärken oder Verfremden des Selbstbilds oder auch um etwas ganz Anderes geht. Es ist nicht so, dass ich über diese Dinge gar nie nachdenken würde, ich sehe nur wenig Sinn darin, diese Gedanken festzuhalten, weil diese Gefühle und Verhältnisse äußerst wandelbar sind und in jedem einzelnen Moment ganz individuell und verschieden sein können. Ganz platt formuliert: Man pisst nie in den selben Fluss, und man empfindet nie die selbe Musik. Höreindrücke sind stets Momentaufnahmen, trotz dadurch heraufbeschworener Erinnerungen.
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von Holger Andrae » Freitag 31. Dezember 2010, 13:49
Auch wenn mein letzter Philosophiekurs über 20 Jahre zurück liegt und ich mir jetzt die Mühe gemacht habe, dieses Dickicht aus möglichst langen Sätzen mit falschen Quotes drei Mal zu lesen, komme ich nicht umhin fest stellen zu müssen, dass dieser Text in sich widersprüchlich erscheint.
Auf der einen Seite geht es um eine emotionale Momentaufnahme, auf der anderen Seite wird aber schon zugegeben, dass man weiß, welche Songs, wann gut hörbar sind und wann nicht. Und genau so ist ja auch. Es gibt Songs - oder Passagen aus Songs - da weiß ich einfach, was da in mir losgelöst wird. Das ist wie ein emotionaler Hebel, der umgelegt wird. Insofern ist das mit der Momentaufnahme eher Theorie. Aber schön, dass man etwas analysieren konnte.
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von Eike » Freitag 31. Dezember 2010, 14:24
Äh, ja, der Text war etwas wirr ins Unreine geschrieben; aber mir ging es gerade darum, klarzustellen, eben nicht analysieren zu müssen, wie der Hebel funktioniert, solange ich weiß, dass er sich problemlos umlegen lässt und was dabei rauskommt, - und, dass ich nicht nur keine allgemeingültige Theorie dafür brauche, wie die kleine schwarze Box namens Intuition funktioniert, sondern dass ich eine solche Theorie auch nicht für auffindbar halte, weil eben jeder Moment anders ist (der gleichwirksame Hebel für Situation "Stimmung A, Zeitpunk 1" und Situation "Stimmung A, Zeitpunkt 2" folglich ein ganz anderer Song sein kann). Ist aber auch egal, wie schon geahnt, hätte ich in diese seltsame Diskussion besser gar nicht erst einsteigen sollen. QUED
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von Eike » Freitag 31. Dezember 2010, 14:25
Der Zeitpunk trägt übrigens einen Iro in t-Form.
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von Holger Andrae » Freitag 31. Dezember 2010, 14:29
Eike, nö, wir sind und da ja eigentlich einig. Eine Formel für Emotionen gibt es natürlich nicht. Da kann man sehen, was passiert, wenn alles mit der tiefenanalytischen Suchfunktion unterm Mikroskop seziert werden muss. Der beamtische Heavy Metal Liebhaber mit dem Drang, alles und jedes in ein formelles Korsett stecken zu wollen. Ich glaube, so einen Unsinn würden Liebhaber anderer Musikformen nicht betreiben.
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von Eike » Freitag 31. Dezember 2010, 14:35
Meinst Du? Das ist mal eine interessante Frage. Die schönsten Kommentare in diesem Thread sind eh offtopic bezüglich der Ausgangsfrage. Von daher: Lieber ausschweifen als Korsetts tragen!
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von hellknulf616 » Freitag 31. Dezember 2010, 15:44
Ist ja auch okay - ist auch eine Art, sich mit Musik zu befassen. Nur ist eine Emotion (und um die geht es ja laut Threadtitel) eben nicht Regung/Intuition/Bauchgefühl/Reflex des Moments, sondern eine reflektierte Variante dieser Vorstufen. Über Emotion in Musik kann man also nur reden, wenn man sich Gedanken macht und machen will - nicht nur über das Gehörte, sondern auch über die Wirkung auf einen selbst. Insofern passt das mit dem Hebel schon - denn der ist Teil eines Mechanismus', den man zumindest bis zu einem gewissen Grad verstehen kann. Die höchste Freude ist nie so intensiv wie die tiefste Trauer, vielleicht weil man Freude mangels Konflikt und Bedürfnis kaum verarbeiten (und somit künstlerisch umsetzen) muss oder möchte, sondern sie meist einfach nur genießt. Damit ist Freude momentaner, aber deswegen nicht weniger intensiv, wenn man sie wirklich auskostet.
Das ist der Punkt: Man kostet sie aus. Man setzt sich in rundum glücklichen Momenten selten hin und schreibt ein Gedicht - das ist eher der Fall, wenn man etwas in sich wälzt. Und mit dem Wälzen kommt die Suche nach Ausdruck, weshalb die großen Themen der Kunst selten fröhlich sind. Im Glück brauchen wir keine andere Meinung - uns geht es ja gut und das lässt sich in diesem Moment schwer verbessern. Eigentlich schade, dass der Thread den Bach runter geht, was vielleicht am persönlichen Thema liegt. Wir diskutieren hier eher die Frage, ob und wie weit man Emotionen erklären kann, anstatt uns zum Thema mal ganz unverkrampft auszutauschen. Erstaunlich ist das für mich gerade mit Blick auf die haufenweise gestarteten Top 100 - ich wundere mich, wie ihr relativ leicht 100 Scheiben in ein Schema pressen könnt, aber bei einem so allgemeinen und unverfänglichen Thema wie diesem hier mit gehobenem Schild den Rückzug ins Unerklärliche antretet. Wenn Emotion so ätherisch ist, dann würde mich doch interessieren, nach welchen Gesichtspunkten diese Masse an Alben in ihre Reihenfolge kam. Abgesehen davon ist unsere Musik schon durchkatalogisiert - in Plattensammlungen, Lieblingslisten, bei Musiksammler und Last.FM - und daher verstehe ich diese abwehrende Angst nicht: Oh Gott, er macht uns die Magie kaputt! Ist Quark - aber wie kommt es denn zu diesen Listen, Folgen, Aufstellungen, Noten? Und welche Rolle spielt Emotion dabei? Und warum lauert hinter jeder simplen Frage die hässliche Fratze der rationalen Entzauberung? Ist wertungsfreier Erfahrungsaustausch keine Option mehr? Raus bin ich natürlich trotzdem, klar.
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von 123_7 » Freitag 31. Dezember 2010, 16:32
Da ich mit der Entmystifizerung angefangen habe und den Thread wohl in diese etwas ungemütliche Richtung gelenkt habe, bin ich wohl verpflichtet darauf zu antworten. Ich versuche mal meine Gedankengänge zu entwirren. Nicht meine Stärke.
Ich finde deine Eindrücke, Höllenknulf, eigentlich nachvollziehbar, aber ich tue mir schwer einige deiner Absolutismen so hinzunehmen. Gerade wie du im ersten Absatz im Prinzip der Prozess der entstehenden Emotionen schilderst. Ich weiß nicht, ob dies für alle Menschen so übertragbar ist, bzw. ob ich das auf mich abbilden kann...
Aber erst mal von vorne: Ich denke, dass wir generell von zwei Ebenen sprechen. Das Resümee ziehst du ja am Ende selber, wenn ich das richtig interpretiere. Zum einen haben wir die womöglich irrationale und sehr persönliche Sichtweise auf das Thema und die abstrakte Betrachtung dessen, was Emotionen sind, wie sie durch Musik geweckt werden können und welche Wirkung sie haben können. Zugegebenerweise ist die persönliche Ebene etwas, dass ich nicht mit anderen teilen will. Ich ergründe dies lieber für mich selber. Ich denke hier ist auch die Krux mit meinem ersten Beitrag, den ich zugegebenermassen sehr wirsch und oberflächlich und somit missverständlich formuliert habe. Ich verschließe mich nicht dessen, sondern es ist Bestandteil meines eigenen, möglicherweise schon vegetativen Denkprozesses. Worauf ich hinaus will, ist dass ich für mich banale Fragen wie: "Berührt mich das jetzt? Entspricht es gewissen Mustern, auf die anspringe? Warum gefällt mir das überhaupt?" vermeiden will. Ich will Emotionen nicht analysieren. Ich will sie leben und das sind für mich zwei verschiedene Standpunkte. Ersteres schließt nicht aus, dass ich die Emotion als Moment erlebe und diese sich auch nachhaltig festsetzt. Das analysieren dessen, wie das nun rational auf bestimmte Begebenheiten anspringt, "entmystifiziert" mich aber schon in einer gewissen Weise die Magie, die entsteht, wenn einen ein Song tief berührt. Wenn man das so salopp formulieren darf: Ich klammer den "wissenschaftlichen" Teil des Erlebens für mich aus. Ich bleibe also auf meiner persönlichen Ebene.
Macht das jetzt einen Sinn? Treffe ich überhaupt damit den Kern deiner Aussage, Ralf? Keine Ahnung. Es ist ein abstraktes Thema. Über das ich nicht gerne rede, weil Emotionen auch immer Untiefen des eigenen Charaketers zum Vorschein bringt. Positiv wie negativ. Und ich bin Geheimniskrämer. Deswegen meine starke Abwehrhaltung. Im Internet sowieso.
Habe ich mich jetzt komplett lächerlich gemacht, weil ich Blödsinn rede? Weiß nicht. Lasst uns Musik hören.
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von firestarter » Freitag 31. Dezember 2010, 17:07
Ich merke gerade wieder, dass ich aufhöre weiterzulesen, wenn jemand beim Zitieren den Autor des Zitats nicht erfasst. Diese Unsitte wird langsam scheinbar zur Routine. 
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