Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Mittwoch 26. November 2025, 14:57

Ich bin im letzten Schliff der Texte, die ich für die letzten Plätze getippt habe und bin ziemlich gespannt auf eure Reaktiom und Meinung. Eigentlich sollte heute der Startschuss für die Top 5 sein um sie dann am Sonntag zum Abschluss zu bringen. Ich bin mir aber noch nicht sicher ob ich es selbst schaffen kann. Aber ich habe nochmal richtig bock bekommen.

Außerdem bin ich so ehrlich und sage, ich warte gespannt auf die letzten fehlenden Plätze von Holger. Damit möchte ich keinen Druck auf dich ausüben, Holger. Aber es scheint so, als würdest du jeden Tag ein bisschen was posten und ich würde dir gerne die Möglichkeit geben, aktuell zu bleiben. Ich habe ja schon auch ein ordentliches Tempo hingelegt, bei dem es zwangsläufig auch schwer ist, mitzuhalten :)
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 26. November 2025, 23:01

Pillamyd hat geschrieben:Platz 09

Bild
Bruce Springsteen | Nebraska
Genre: Folk-Fock (auf diesem Album)
VÖ: 1982


Die Geschichte zu diesem Album fasziniert mich, seitdem ich dieses Album kenne. Seit ca. 15 Jahren.
Was die Intention dieser Aufnahmen gewesen ist und was daraus geworden ist, gibt Aufschluss darüber was für ein Arbeitstier Springsteen ist und dass es für ihn seltsam wäre, wenn er bloß an einer Sache arbeiten würde.

Schlafzimmer, Gitarre, Mundharmonika, Mikrofon und Aufnahmegerät und natürlich ein Bruce. Das waren die Aufnahmebedingungen. „Nebraska“ so wie man es heute kennt ist eigentlich ein Demo, welches für die Aufnahmesessions zum nächsten Album „Born In The U.S.A.“ dienen sollte.

Es gibt also auch Material, dass auf dem 1984er Album landeten. Die eigentliche Grundstimmung lies sich aber nur schwer umsetzen, so dass Springsteen sich dazu entschied die Songs in ihrer Urform so zu belassen wie sind. Das rockige „Born In The U.S.A“ in seiner ursprünglichen Form ist schon sehr interessant, wäre aber nie und nimmer ein so rubelrollender Stein gewesen. Im Laufe der Jahre wurden Songs des Albums auch immer wieder in seiner rockigen Version live gespielt. „Johnny 99“ zum Beispiel. Und seit ein paar Wochen, gibt es die Deluxe Version bei dem das gesamte Album auch in einer Electric Version erhältlich ist. An die Urform kommt es nicht ran. Aber ist im Kontext zur Entstehung einfach ein spannendes Zeitdokument.

Die Entscheidung die Songs in dieser Form zu belassen, ist die Beste die Springsteen treffen konnte. Ein unfassbares intimes Album, dass einige persönliche Texte beinhaltet, wie zum Beispiel „My Father’s House“. Aber auch sozialkritische Texte beinhaltet. Springsteen singt vom Leben, vom Rand der Gesellschaft, von heftiger Kriminalität, wie in "Nebraska“. Ein Song der inspiriert von dem 1973er Film Badlands isf, der selbst auch auf einer wahren Geschichte basiert. Wahrlich schwere Kost, die in folkigen kleinen Musikstücken verpackt werden.

Ein Song wie „Highway Patrolman“ ist wohl die sinnbildlichste Charakteristik dieses Albums. Es erzählt die Geschichte eines Polizisten Namens Joe und seinem draufgängerischen Bruder Franky, der seitdem er aus dem Vietnamkrieg nur in Schwierigkeiten begibt. Eine kleine, traurige und nachdenkliche Geschichte über jemand der seinen Job sehr ernst nimmt, sich aber scheinbar von Dilemmatas umringt fühlt, weil er seinem Bruder ständig den Arsch rettet, bis es zu einem traurigen Höhepunkt kommt. Übrigens auch ein Song, dass auch als Vorlage für den Film „Indian Runner“ von Sean Penn diente. Selbst JOHNNY CASH hat den Song einmal gecovert.

Ich könnte jetzt jede Geschichte die Springsteen auf diesem Album verarbeitet in seitenlangen Absätzen aufgreifen. Aber dann würde ich einiges vorwegnehmen. Andererseits hätte es dieses Album verdient eine so ausführliche „Besprechung“ zu bekommen.

Dieses Album ist musikalisch gesehen keine große Herausforderung. Aber in der Kombination mit den Texten, zahlt sich die Minimalität in Musik aus und untermalt diese melancholisch, dunklen Texten. Diese nasskalte Grundstimmung lässt erahnen, warum das Album nach diesem Bundestaat benannt wurde, und führt politisch auf ein Thema zurück wie sie in „Johnny 99“ behandelt wird.

Die Biografie „Born To Run“ gibt noch ein wenig mehr Aufschlüsse über die Texterei und des Musikschreibens, über die Beziehung zu seinem Vater zu seinem Umgang mit der Band. Über die Volksnähe und Bezug auf die Gesellschaft, den Leuten die sich nicht gehört fühlen, eben das Gefühl zu geben gehört zu werden. Ganz ohne flachen Populismus, mit viel Erzählkultur ohne diesen wahnsinnigen hasserfüllten Zeigefinger, wie es sonst überall der Fall ist und nicht aktueller den je sein könnte. Über die Jahre hinweg wurde Springsteen konkreter, wie zum Beispiel auf seiner letzten Tour. Der Weg dahin war ein langer, aber er hat dabei nie sein Gesicht verloren oder wurde ausartend.

Und obwohl er eine Reihe von 10 von 10 Alben zu dieser Zeit rausgebracht hatte, so ist „Nebraska“ wohl das Album, Welches ich am meisten gehört habe.

Hörbeispiele:

Highway Patrolman
My Father's House


Das ist neben der "Darkness At The Edge Of Town" meine Lieblings-Scheibe vom Boss. Sehr reduziert, eher melancholisch und tief gehend. Ich habe mir irgendwann mal diese Sleeve-Card-Box mit den Alben geholt, aber sehr oft lief das noch nicht. Der Kult um den Herrn Musiker finde ich auch noch immer etwas verwirrend, ändert aber nichts an der Klasse seiner Musik.

ich habe die jetzt nochmal hin gestllt zur Intensiv-Lauschung, was aber sicherlich nicht mehr in diesem Jahr passieren wird. Erinnere mich gern noch mal, eine detailliertere Meinung zu schreiben.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26374
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 26. November 2025, 23:07

Pillamyd hat geschrieben:Platz 8

Bild
Judas Priest | Stained Class
Genre: Heavy Metal
VÖ: 1978


70er Priest sind einfach meine liebsten Priests. Auch wenn die 80er Göttergaben hervorgebracht haben, so gibt mir das Jahrzehnt in Sachen Priest einfach das ultimative Priest Gefühl. Anders als viele spätere Gassenhauer der Band, habe ich hier das Gefühl, dass das alles so nicht geplant war und auf natürlichem Wege entstanden ist, weil man einfach ein glückliches Händchen bewiesen hat. Ich will damit den späteren Priests keine Willkür unterstellen. Aber in den 70er klingt die Band weitestgehend unverkopft auf mich.

Und den perfekten Abschluss stellt für mich einfach auch der Abschluss des Jahrzehnts dar. „Stained Class“ ist unwiderstehlich im Sound, unnachahmbar im Songwriting, in seinem Wirken so aggressiv, wie nur möglich mit einem typischen 70s Sound, der für mich aber zum Besten gilt, den das Jahrzehnt hervorgebracht hat. Die Melodik und die Härte braucht sich nicht hinter anderen Blaupausen verstecken, im Gegenteil, reiht es sich in die Riege der Alben ein, die als großer Einfluss. All derjenigen Alben sind, die den Metal geprägt haben, den wir alle so gerne mögen.
Die Band beweist ein unfassbares Geschick im Songwriting und schöpft aus den Erfahrungen der vorausgegangen Alben. Das Album klingt wie ein Mix aus der Epik einer „Sad Wings Of Destiny“, einer Tragik wie sie auf „Sin After Sin“ und der Simplizität einer „Killing Machine“. Dabei macht die Band einen so deutlichen Entwicklungssprung, dass da nichts anderes bei rauskommen konnte als ein Meisterwerk. Und dabei darf man den Fakt nicht auslassen, dass die Band kein Album zwei Mal aufgenommen hat. Die Charakteristik des Albums wird durch neue Nuancen auf eine neue Eben gehoben.

„Exciter“ zum Beispiel. Eines der besten Opener eines Albums. Sagte ich Blaupause? Ja verdammt! So viel Speed, so viel Gitarren, so prägnant. „Saints In Hell“. Eines der düstersten Tracks der Band. Ein zwingender atmosphärischer Song, der Bands wie MERCYFUL FATE und viele Schwarzmetaller auf die richtige Fährte gebracht haben müssten. „Beyond The Realm Of Death“. Der unweigerliche Höhepunkt der Scheibe. Ein Song, der die starke Gesangsleistung Halfords auf ein neues Niveau hebt. Dieses Voice Acting ist einfach eine Hundert von Zehn. Gesegnet mit einem wunderbaren Gitarrenspiel, das in eines der schönsten Gitarrensoli mündet. Auch lyrisch eine herausragende Leistung. Unerwähnt dabei darf auch der Einsatz von Les Binks bleiben. Das dazuholen des Schlagzeugers ist ein echter Segen. Was er da auf aus seinen Drums rausholt, ist in Worten kaum zu beschreiben.

Der Grundstein für die Twin Guitars ist mit diesem Album gelegt und bringt den Sound der Band so viel weiter. Ein Album, welches dem Jahrzehnt seinen Stempel aufdrückt und die aufkommende Punk Szene, verstummen lassen müsste. Interessant was später Bands aus diesem Pool an Inspiration für sich schöpfen konnte.

Das die Band covern können, haben sie schon zuvor bewiesen. Was die Band aber mit „Better By You, Better Than Me“ Jahre später auslösen würde, hätte zu dem Punkt aber wohl keiner für möglich gehalten. Ich finde es immer noch erstaunlich, wie die Band damit umgegangen ist. Schaut man sich die Dokus zu der Thematik an, so ist das in vielerlei Hinsicht dramatisch. Aber wie geschlossen die Band zusammengehalten hat, auf dem in Zahlen auslegenden erfolgreichsten Jahr der Band, ist schon erstaunlich.

Für mich stellt „Stained Class“ das beste Album der Band dar und strahlt über die meisten sonst genannten Alben. Der Langzeiteffekt ist einfach immens. Da hat sich eine „British Steel“, „Screaming For Vengeance“ schon deutlicher abgewetzt. Macht die Alben nicht schlecht, aber halt nicht zu der Perle die auf dem Namen „Stained Class“ hört.

Hörbeispiele:
Saints In Hell
Beyond The Realm Of Death



Nach "Sad Wings" wohl meine zweitliebste Priester-Scheibe, deren Genuss sich bei mir erst langsam vollends entfalten konnte. Das war meine erste Priester-Vinyl nachdem ich "Killing Machine", "British Steel", "Point Of Entry" und "Unleashed In The East" schon als Kasetten hatte. Allerdings habe ich dieses Album zuerst gar nicht wirklich verstanden. Zu düster, zu schwer und wohl auch zu heavy war das vor einer Zeit voll mit Accept, Anvil und Metallica. So stand die Scheibe einige Jahre unbeachtet im Regal bis ich nach der "Diesel" - einige nennen das Album ja fälschlicherweise "Turbo" - neu entdeckt habe. Was für eine Erweckung! Alles drauf, was das Metallerherz braucht: Schneidender Sound, Schrilling Galore, erster Speed Metal, Epik, Hooklines und GITARREN! Les Binks ist ein Bonus. Völlig geiles Album!
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26374
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 26. November 2025, 23:11

Pillamyd hat geschrieben:Platz 7

Bild
Mercyful Fate | Don't Break The Oath
Genre: Heavy Metal
VÖ: 1984


Die Band lernte ich tatsächlich über das METALLICA Cover kennen. Ebenfalls wie das BLACK SABBATH war ich erstaunt, als ich mich dann intensiv mit MERCYFUL FATE befasst hatte und merkte, dass es sich hierbei um ein Medley handelt. Da musste ich dann doch lachen, weil ich das immer als ganz normale Songs wahrgenommen habe. Anders als viele andere halte ich die Coversongs von METALLICA meist sehr gelungen.

Aber ich schweife ab.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich das erste Mal Kings Gesang hörte. Explosionsartig würde ich es beschreiben. Mir hing die Kinnlade gen Tisch runter und blieb da auch eine Weile, entspannte es am Tisch und lauschte ehrfürchtig dieser von Okkultismus triefenden Musik. Meine Damen und Herren, es lief zum ersten Mal „Don’t Break The Oath“. Ich sog das Album auf wie einen schwamm und wurde von der Progressivität und der technischen Finesse erschlagen. Dieser vertonte Wechselbalg hat mich um den Verstand gebracht. Der kaum vorhersehenden Songstrukturen im Einklang mit dem atmosphärischen Gesang war ich maßlos ergeben und beschäftigte mich unerwartet über Jahre.
Diese vertonte Meisterleistung hört man jeder Ecke des Albums. Der mehrstimmige Gesang, dass Falsette, die mehrstimmigen Gitarren, die wechselhaften unerwarteten Auf- und Abfahrten, Abbiegungen, Kreise und Kurven. Ich frage mich bis heute, wie man das damals zusammenbringen konnte, dass es so logisch klingt. Dass das Album eine so massive Tiefe im Songwriting und Komponieren darlegt kommt nicht von ungefähr. Immerhin wurden mehrere Spuren aufgenommen und übereinandergelegt. Aber so großartig hat das vorher und nachher keiner mehr so harmonisch hinbekommen.

Ein merklich großer Schritt in unserer geliebten Musik und doch ein Zeitraum von wenigen Jahren, dass den Metal unfassbar Stilsicher und prägend so viele Brücken schlagen konnte. Dass der King sich die erzählerische Art, das Geschichten erzählen zu Eigen gemacht hat und Solo für sich und für uns perfektioniert hat, brauche ich wohl nicht weitererzählen. Die Übergänge sind fließend. Umso erstaunter war ich, als ich lesen durfte, dass es hier schon weit fortgeschrittene Spannungen Interna gab, weil man sich der musikalischen Ausrichtung nicht einig war. Ich finde die Musik der Soloscheiben nicht unweigerlich weniger progressiv. Habe ich also nie ganz verstanden. Denn wenn der King Solo weniger progressiv klingen wollte, dann frage ich mich was da musikalisch geschehen ist. Wenn es Shermanns Ziel war weniger progressiv zu klingen, dann bin ich aber heilfroh, dass das nicht der Fall war. Was da an der Gitarrenfront nämlich abgezogen wird, ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Das davon einiges später auch für sein erstes Soloalbum verwendet wurde, macht die Sache noch unnachvollziehbarer.

Das ikonische Artwork, konnte passender zur Musik nicht sein und lieferte über Jahre viele Interpretationsmöglichkeiten. Für mich ein Bund der musikalischen Vielseitigkeit, der Tiefe, der Intensität, der okkulten Thematik. King und seine Texte besitzen das ebenfalls und heben es ebenfalls durch seine unter anderem philosophische Herangehensweise von vielen anderen ab. Alles andere als Platt und Pseudoesotherisch.

Hörbeispiele:
Nightmare
Come To The Sabbath



Zweitbeste ... huch ... schon wieder? Hier aber nur, weil ich "Melissa" halt ein Jahr länger kenne. Das ist eine musikalische einheit zusammen mit der EP und den Demos, die in dieser Phase kaum eine andere Band hin bekommen hat. Nicht umsonst ist das auch heute bei mir noch so hoch im Kurs. Ich schreibe es immer mal wieder ins Forum: Nach dem Genuss einer dieser Alben ist jedes neue Scheibe Kindergarten-Musik, Hier passt einfach alles: Artwork, Lyrik, der ultimative Sound, technisches Spielvermögen in Kombination mit Melodieverständnis und Stories, die fesseln. Bis heute modern und nullstens altbacken. Blaupausen-Metal.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26374
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 26. November 2025, 23:15

Pillamyd hat geschrieben:Platz 6

Bild
Exodus | Bonded By Blood
Genre: Thrash Metal
VÖ: 1985


Irgendwie ist es doch ein Krux, dass die Band nie zu den Big Four des Thrash Metals gehört haben. Und das, obwohl das Album zur gleiche Zeit entstanden ist wie die Großtaten anderer Bands in dem Bereich. Durch die erst spätere Veröffentlichung verschob sich allerdings gefühlt dieser Eindruck, dass die Band erst hinterherkam. Was aber völliger quatsch ist. Musikalisch steht es den anderen Alben in nichts nach und gilt nicht umsonst als eines der stärksten Thrash Metal Album überhaupt. Und auch wenn es scheißegal ist, weil die Anerkennung wahnsinnig auch ohne Big Four Stempel rießig ist, ein bisschen ärgerlich finde ich es schon. Den Platz hätten sie sich redlich verdient gehabt. Allein das Duo Holt/Hunolt ist wohl eines der besten die es jemals gab. Und ich wünsche mir tatsächlich, dass das vielleicht nochmal der Fall sein wird.

Neben METALLICA ist EXODUS die zweite Band (noch vor SLAYER) die ich kennenglernt habe. Und das lag natürlich auch an der Verbindung zu Kirk. Als ich mich um die Band musikalisch bemüht habe, kam etwa zur gleichen Zeit die "Shovel Headed Kill Machine" raus, die ich mir umgehend besorgt habe und die ich auch heute noch sehr mag. Aber an das Frühwerk kommt einfach nichts ran.

Ungeschliffen, roh, aggressiv, messerscharf, präzise bis zum Anschlag. Das würde eigentlich schon reichen um das Album abschließend zu beschreiben. Manche Alben brauchen einfach gar nicht so viele Wörter.

Es gibt aber schon sehr viel zu diesem Album zu sagen. Oben in mehreren Attributen kurzgefasst, ist es, wenn man auf die Songs im speziellen schaut ein kompromissloser Brocken, der nicht allein auch an dem unkonventionellen Gesang eines Baloffs liegt. Das Album atmet über Kontinente hinweg, diesen Bay Area Geruch bis zum Anschlag. Verschwitzte Proberäume, die leck mich am Arsch Attitüde, viele Konzertclubs. Schweiß, Blut, Haare, abgestandenes amerikanisches Bier (da braucht es ja nicht viel zu, haha). Eingefangen auf Konserve und immer wieder reproduziert bei jedem Durchlauf. Für mich stellte „Bonded By Blood“ immer die Präzision METALLICAS im Verbund mit der Schnelligkeit SLAYERS und der ganz eigenen Performance und Herangehensweise. Wo zu der Zeit METALLICA immer mehr Wert auf Arrangements und Harmonien legte, wo MEGADETH immer von Daves Verbittertheit überschattet wurde und SLAYER auf Raserei setzte, so hat man das Gefühl, dass EXODUS weniger Gedanken daran verschwendet hat und einfach das machten, worauf sie bock hatten. Locker und lässig, aber in verdammt fieser Art und Weise.

Ein unwiderstehlicher Klassiker, der in jede Sammlung gehört. Punkt. Dass die Band Jahrzehnte später dieses Album tatsächlich nochmal aufgenommen haben und damit jegliche Magie dieses monumentalen Werkes, nicht nur durch Dukes, in die Tonne getreten haben, hätte zu der Zeit wohl auch keiner für möglich gehalten. Mir bleibt es für immer ein Rätsel, wieso man so etwas tut. Alles, wirklich alles daran ist falsch. Sowas macht man nicht. Das sind verdammt nochmal Zeitdokumente, die diesen Muff, wie ich ihn oben zu beschreiben versucht habe, einfach dem ganzen die Charakteristik verleihen Man kann mit so etwas nur verlieren.

Es gibt ja Erzählungen, dass Baloff gerne einmal Pop Platten auf der Bühne zerrissen hat (woher auch immer die hergekommen sind). Gerade musste ich lachen, wenn ich der Vorstellung einen gewissen Raum gebe, in der ein verrückter Baloff, diese Liste hier in die Finger bekommen würde. :grins:


Hörbeispiele:
Bonded By Blood
Strike Of The Beast


Bestes (aha!) Thrash-Album ever!
Alles, was Du schreibst ist nichts al die reine Wahrheit. Dieses Album ist das Auge des Bay-Area-Thrash-Tornados. So heavy und trotzdem so facking eingängig! Das Tripple-H-Team killt alles! Dazu Lallbolzen Paule im Prolo-Power-Galore-Modus. Jedes Wort dieser eher lustigen Texte nimmt man dem grantigen Zottel ab. Wer das Workout-Video kennt, weiß, welchen Humor ihn antrieb. Good friendly violent fun! Mit Knabberfischen und streikenden Biestern!
Ich verstehe zwar jüngere Ohren, die diesen Klang nicht heavy finden, denn sie sind mit anderen Thrash-Tönen aufgewachsen. Falsch ist das trotzdem.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26374
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Mittwoch 26. November 2025, 23:42

Holg zu SPRINGSTEEN:

Bis auf deine Verwirrung sehen wir alles gleich. Mit der Biographie "Born To Run" habe ich das sogar noch mehr nachvollziehen können, als schon zuvor. Und ja, "Darkness On The Edge Of Town" gehört auch für mich definitiv direkt dahinter. Ich werde aber gerne noch einmal drauf zurückgreifen. Ich wollte auch zeitnah endlich mal ein bisschen etwas zur Biografie schreiben. Aber auch hier, zweifle ich erstmal daran, dass ich das noch in diesem Jahr fertigschreiben kann.

Holg zu MERCYFUL FATE UND JUDAS PRIEST:
Keine Geheimnis was du hier schreibst. Und trotzdem toll zu lesen. Danke dir.

Holg zu EXODUS:
Keine Geheimnis, die Zweite.
So "drastisch" wie du wollte ich es nich ausdrücken. Aber das Gute ist ja, der gute Martin verschließt sich dem Sound ja nicht, er arbeitet dem nur anders zu :grins:


Danke lieber Holger, für die krasse Aufholjagd. Das lässt die Kombi die ich mir gewünscht habe erfüllen. Platz 5 folgt also gleich.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Donnerstag 27. November 2025, 00:06

Platz 5

Bild
Rush | Grace Under Pressure
Genre: Progressive Rock
VÖ: 1984


Kaum eine Band, die musikalisch auf so vielen Ebenen tanzt, wird so oft als Einfluss unterschiedlichster Musiker verschiedenster Musikarten genannt. Die Bandbreite ist riesig und nicht zu unterschätzen. Selbst im Popkulturellen Aspekt findet die Band immer wieder Erwähnung. How I Met Your Mother, South Park, diverse Filme. Die Größe der Band scheint in dem Kontext gerne einmal völlig fehleingeschätzt.

Das dachte ich mir auch als ich erst kürzlich zum ersten Mal die „Time Stand Still“ Dokumentation sah und nicht fassen konnte, wie viele Menschen die massenhaft Konzerte der Band sahen. Als einer erwähnte die Band über 150 mal gesehen zu haben (ich glaube sogar 170 Mal waren die Spitze), war ich schlichtweg begeistert von der Begeisterung mancher Fans. Natürlich auch wie man es hinbekommt der Band auf Tour von Konzert zu Konzert zu folgen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Albender Band habe ich relativ schnell alle in der Sammlung gehabt und wurde vor allem sehr schnell Fan des 80er Material. Aber im Allgemeinen gibt es kaum eine Band mit durchwegs einer so starken Diskographie. Und trotzdem war mir klar, dass dieses Album in dieser Liste auftauchen muss.

„Grace Under Pressure“ hat nicht nur meinen musikalischen Horizont erweitert. Nein, es hat mich gelehrt, Musik noch einmal intensiver wahrnehmen zu lassen und mir auch Jahre später die Türen für Sounds des New-Wave, Post Punk und 80er Jahre Pop aufzuhalten.

Ich liebe quasi alles an diesem Album. Die Band war auf ihrem Pik der Emotionen und klang zuvor nie auch nur im Ansatz so sentimental wie hier. Die kalten Klänge der Synthinstrumentierung, die glasklaren Gitarren im Delay Modus haben mich von Anfang an in den Bann gezogen. Die Luft, die die Band hier atmet, war eine bitterkalte, in Bildern bepackte graublauen Einkaufshallen des kalten Krieges. Man kann diese muffig kalte Atmosphäre zu jeder Sekunde des Albums spüren. Die Thematiken die Neal angegangen ist, sind geprägt von Ängsten, Trauer, Tod und Depressionen. Zum ersten Mal wurde Geddy sehr persönlich und verarbeitete die Geschichte seiner Familie. Das der Text trotzdem aus Pearts federn stammt, zeigt die starke Verbundenheit und das Vertrauen die man sich innerhalb der Band gegenseitig schenkt. Wahrlich schwere Themen, die da eben auf Blizzardartige Musik trifft und trotzdem empfinde ich eine wahnsinnige Leichtigkeit beim Hören. So leichtfüßig klangen sie nie wieder. Ein Umkehrschluss den wenige Bands so hinbekommen wie hier. Es ist verrückt, wenn man bedenkt, was die Band musikalisch zugelassen haben und wie sie sich den Sound zu Eigen gemacht haben, ja fast schon eingenommen haben. Dieser Mut, sich nicht vor Entwicklung und Neuartigkeit zu verschließen. Dafür wurden andere Bands schon in der Luft zerrissen. RUSH aber können das und beweisen das auch mit jedem Album.

Eine Musik die ich für live unreproduzierbar hielt. Bis sie mich eines Besseren belehrt haben. Umso erstaunlicher ist, dass der Produzent, der für die Aufnahmen zuständig sein sollte, dann doch absagte und die Band das Zepter vollständig in die Hand genommen hat. Die Band scheint halt in jeder Hinsicht mit Begabungen gesegnet zu sein. Diese Hingabe löste ebenfalls eine wahnsinnige Faszination in mir aus.

Das spannende an den 80ern und Rush ist, wie ich finde, auch die Entwicklung, die die Band offenherzig hingelegt haben. Klang „Signals“ im ähnlichem Klangteppich noch eckiger und kantiger, teilweise auch sperriger, so öffnet sich die Band mit „Grace Under Pressure“ noch konzentrierter auf kompakterer Songs. Wie sie das hinbekommen haben, bleibt für mich auf ewig ein Rätsel. Denn die Songs sind nicht weniger als zuvor gespickt von so vielen detailreicheren Spielereien. Getrieben von einem Drive, dass sogar Reggae artige Töne unter dem Einfluss von New Wave, wie es zum Ende hin von „The Enemy Within“ der Fall ist, keine Flucht ergriffen wird, sondern bis zum Anschlag abgefeiert wird. Industrial Werkfabriktöne wie sie in „The Body Electric“ der Fall sind, weiten den Sound aufs maximalste aus. Das Album ist in sich geschlossen ein kaum zu fassendes Meisterwerk, das seinesgleichen sucht und für mich der absolute kreativste Pik in ihrer Karriere. Es vereint so viele großartige Stilrichtungen, die mir als weitgefächerten musikbegeisternden Kerl, unfassbar viel zu schenken vermag.

Eine Sache die, wie ich finde, immer etwas untergeht ist die „Fear“-Reihe. Die Konzeption hinter den verschiedenen Teilen ist für mich eines der durchdachtesten in der Musikgeschichte. Allein, dass die Songs nicht in Reihenfolge veröffentlicht wurde, wie sie mit dem Zusatz in den Titel suggerieren, ist so genial wie auch erhaben. Ich meine, der Grund, dass Angst nicht logisch sei, ist, na ja so logisch wie es nur geht und fügt sich wunderbar in das Endprodukt. Verschiedene Gesichtspunkte der Angst, wurden konzeptionell so aufgebaut, dass man die Philosophie dahinter förmlich spüren kann. Wurde das Ding eigentlich mal komplett gespielt? Wenn ja, braucht es ein Livealbum davon. Ich würde es kaufen.

Es ist einfach sensationell und ich bin froh, dass ich dieses Album gebührend abfeiern darf. Auch wenn es mit Peart nicht mehr möglich ist, aber ich hoffe tatsächlich sehr, dass ich und viele andere, die Möglichkeit bekomme, die Band in den kommenden Jahren live sehen zu dürfen. Seitdem das angekündigt wurde, ist die Band auf meiner To Do Liste wieder vertreten. Und so könnte ich im Gegensatz zu den 100+ Konzerten mich wenigsten einem Konzert dazugesellen.

Hörbeispiele:
Red Sector A
The Enemy Within
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Donnerstag 27. November 2025, 00:12

Ich habe es geahnt!
An manchen Tagen auch mein Rush-Liebling, allein wegen 'Red Sector A'. Was für ein Song! Textlich wohl für mich auf Ewig ein Pfützenerzeuger unter den Glupschies. Habe ich ja auch erst retrsopektiv lieben gelernt.

Zum Thema "Wir reisen einer Band hinterher" könnte ich jetzt mit Geschichten langweilen, aber das erspare ich Euch. Steht wohl auch teils schon in diesem Forum. Auf jeden Fall ist das etwas, was ich viel zu selten gemacht habe, denn es war jedes Mal ein tolles Erlebnis und bei kleineren Bands kommt man dann auch zumeist mit den Musikanten noch besser in Kontakt.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26374
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Donnerstag 27. November 2025, 00:30

Top :dafuer:
Ich war mir nicht sicher, ob RUSH jemand auf dem Schirm hatte. Müsste man aber eigentlich.

Und zum anderen Thema:
Waren das EROSION oder doch PSYCHOTIC WALTZ? An irgendetwas meine ich mich da zu erinnern.
Da hast du sicherlich recht. Aber kommt man bei RUSH in der Größenordnung bei solchen Touren in Kontakt. Zu Neal damals bestimmt nicht :grins:

Nein im Ernst, ich merke das jedes Mal in der kleine Location bei uns in der Stadt von dem ich schon oft berichtet habe. Da ist einfach ein Vibe da, die Bands und Besucher regelrecht den Kontakt und wollen quatschen. Ich bin ja meist eher der leise Typ weil ich sowas gerne beobachte und genieße als Zeuge dessen wie die Musik zusammenschweißt, so als kenne man sich schon seit Jahren...und ich viel lieber zuhöre als das Wort zu ergreifen in solchen Situationen.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Donnerstag 27. November 2025, 12:23

Heute Abend habe ich leider keine Zeit. Geburtstag und Fußball kommen dazwischen. Deswegen folgt sogleich der nächste Platz :)
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

VorherigeNächste

Zurück zu Die Rockbar

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast