Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskographie

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskographie

Beitragvon Pillamyd » Freitag 14. Juni 2024, 09:31

Wie ich schon im letzten Jahr angekündigt habe, beginne ich hier und jetzt mit diesem Projekt, indem ich meine Empfindungen und Entdeckungen der Alben und Band in Worte zu fassen und euch dran teilhaben zu lassen. Vor allem auch, weil es ein paar von euch gab, die das wohl auch spannend finden.

Angefangen hat alles ziemlich unerwartet. Ich scrolle mich durch meine Musiksammlung auf dem alten Smartphone, der zum mp3 Player umfunktioniert wurde (ja, da ist fast alles drauf, was auch im CD-Regal steht) und bleibe bei „Minstrel In The Gallery“ stehen. Im März letzten Jahres schon lief das Album zusammen mit der „Thick As A Brick“. Also komm, noch mal einen Ruck geben und die Alben anschmeißen. Was das für Ausmaße nehmen würde, konnte ich da noch nicht erahnen.

Zugegeben, die eben erwähnten Alben und „Aqualung“ sind schon eine Weile in meinem Besitz. Aber so richtig oft liefen die einfach nicht. Habe ich sie doch zu einer Phase gekauft, in dem mein Interesse an proggelnde Klänge so langsam abflachte. Das großartige dabei ist, dass ich die Alben in dieser intensiven Phase miteinschließe und somit schon fast neu entdecken konnte. Und dann fing die, ab September 2023, 6-wöchige anhaltende Entdeckungsreise an. 10 Alben sind in diesem Monat dazugekommen. Und ich bin immer noch nicht durch damit. Während ich diese Einleitung geschrieben habe, war ich gerade dabei „This Was“ kennenzulernen.

Ich habe es mir mit diesem Beitrag zur Aufgabe gemacht, euch mitzunehmen. Mitzunehmen auf eine Reise voller Tal- und Bergfahrten, über Stopps an modrigen Hütten, interessanten Figuren in dichtbewachsenen Wäldern, über nachgebenden weichen moorbewachsenen Wegen, einem Acker voller Pferden bis hin zu eisigen gut bewachten Eisbergen. An Zeitungsständen, leeren Parkbänken, gebrochenen Personen bis hin zu obskuren Theaterstücken.

Die Überlegung wie ich das ganze aufziehen möchte, dauerte eine Weile. Eine chronologische Reihenfolge nach Veröffentlichungsjahren dürfte eigentlich Sinn machen. Da es aber um MEINE persönliche Entdeckung geht, werde ich mit dieser komfortablen Norm brechen und so durchgehen, wie ich die Alben entdeckt habe. Also eher im Stil eines Tagebuchs. Es wird hier auch nicht regelmäßig etwas kommen. Ich lasse mir also Zeit. Ein Versuch das zu schildern, was ich fühle, denke und auch zu schätzen gelernt habe. Ich packe dieses Thema an, weil ich das wohl auch als Motivation sehe, das Ding endlich anzugehen und auch dranzubleiben. Es schwirrt nämlich schon eine Weile wieder in meinen Kopf rum.

Ich werde hier keine großartigen Geschichten zu Entstehungen beitragen können, denn dazu habe ich kaum etwas dazugelernt. Leider gibt es keine greifbare Biografie zur Band. Wird dahingehend leider eher oberflächlich. Aber eigentlich war auch nur geplant, das, wenn dann kurz anzuschneiden, sollte ich dazu etwas wissen. Mein Eindruck und Gefühl zu den Scheiben soll im Vordergrund stehen.

So soll es also sein…

JETHRO TULL - Minstrel In The Gallery (1975)
JETHRO TULL - Aqualung (1971)
JETHRO TULL - Thick As A Brick (1972)
JETHRO TULL - War Child (1974)
JETHRO TULL - Songs From The Wood (1977)
JETHRO TULL - Heavy Horses (1978)
JETHRO TULL - Stormwatch (1979)
JETHRO TULL - The Broadsword And The Beast (1982)
JETHRO TULL - This Was (1968)
JETHRO TULL - Stand Up (1969)
JETHRO TULL - Benefit (1970)
JETHRO TULL - A Passion Play (1973)
JETHRO TULL - Crest Of A Knave (1987)
JETHRO TULL - Too Old To Rock 'N' Roll: Too Young To Die! (1976)
JETHRO TULL - A (1980)
JETHRO TULL - Under Wraps (1984)
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Pillamyd » Freitag 14. Juni 2024, 09:45

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MINSTREL IN THE GALLERY (1975)

Tracklist:
01. Minstrel In The Gallery
02. Cold Wind To Valhalla
03. Black Satin Dance
04. Reqiuem
05. One White Duck/ 0 = Nothing At All
06. Baker St. Muse
07. Grace
08. Summerday Sands (Bonus Track)
09. March The Mad Scientist (Bonus Track)
10. Pan Dance (Bonus Track)
11. Minstrel In The Gallery (Bonus Live Track)
12. Cold Wind To Valhalla (Bonus Live Track)

So springen wir direkt ins Jahr 1975. Das achte Album im achten Jahr. Meine allererstes musikalisches zusammentreffen mit dieser Band. Das ausgerechnet dieses Album dann mein absolutes Lieblingsalbum der Band wird, konnte ich damals noch nicht ahnen. Es ist denke ich auch nicht zu viel verraten, wenn ich das schreibe. Zumindest bis jetzt. Denn immerhin stehen noch einige Alben offen.

Der Einstieg ist wahrlich einfacher. Denn die Stimme Ians, wird zunächst mit leichten Querflötentöne und Akustikgitarren untermalt. Der Gesang des Titelsongs haut mich jedes Mal aus den Latschen. Runtergebrochen ist es genau der Sound der 70er der mir am meisten behagt. Das Intro mündet in ein Ausbrechen aller Instrumente. Die Gitarre spielt wirre Noten. Der Bass wuchtet sich sehr prägnant aus den Boxen. Ein Intro, nachdem Intro, wenn man so möchte. Leicht zugänglich durch diesen basischen Sound. Sobald das Schlagzeug und die E-Gitarre den Rhythmus angibt und Ian seinen Takt miteinstimmt, ist es um mich geschehen. Der Punkt an dem mir Jahre später bewusst wurde, dass es keinen technisch sauberen Sänger braucht um Gefühle zu Tage zu fördern. Für mich eines der tollsten Gesangslinien die ich kenne. Überhaupt, scheint dieses Album der Querschnitt des bis dahin gesamten Verlauf der Band zu sein. Der Blues Anteil der frühen Tage, gepaart mit dem very typical british humor, der Weitläufigkeit der Kompositionen, mit dem späteren noch ausgeprägteren Folk Elementen. Hier stimmt einfach alles. Ian versteht es, sehr persönliche, teils autobiographische Elemente in eine kryptische Art zu verpacken, die einfach Spaß macht.

Ein großer Vorteil dieser Band ist, dass es genau das ist, was eigentlich die ganze Diskographie ausmacht. Wenn man denkt, dass „Thick As A Brick“ als Konzept top notch ist, der wird hier seine wahre Freude haben. Denn ich finde hier, hat er noch eine Schippe draufgelegt. Diese kleinen aber wirkungsvollen verliebten Details, haben eine Langlebigkeit intus, dass ich mich immer wieder dabei erwische mich zu fragen, wie man auf so etwas kommt. Und das obwohl das Album in seiner Art ziemlich reduziert klingt. Trotz der Streicherinstrumente, die er behalten hat.

Wenn man die Entstehung der Alben davor in Betracht zieht, dann ist es schon krass, dass er die komplette Medienlandschaft damals schon Hopps genommen hat. Als „Konzeptwerk“ getarnt, handelt es sich hier um zusammenhangslose Stücke. Die einleitenden Sprechpassagen bei so manchen Songs am Anfang, haben mit den Songs absolut nichts zu tun. Ian soll während der Aufnahmen nicht in bester Stimmung gewesen sein. Eine Scheidung machte ihn wohl zu schaffen, die er auch textlich verwurstet hat. Aber hier ist der Beweis gegeben, dass aus schlechter Stimmung manchmal die besten Ideen entstehen. Er selbst sieht das heute wohl auch etwas kritischer und meinte wohl auch, dass „Minstrel In The Gallery“ sich eher wie ein Solo Album anfühlt. Mir ist er manchmal zu kritisch mit sich selbst.

Für mich gehört neben dem Titelsong, das wunderschön vorgetragene „Reqiuem“. Da geht einem nur das Herz auf. Und gibt wieder die Bestätigung des Gesangs, den ich weiter oben schon angesprochen habe.

Herzstück des Albums dürfte das knapp 17 Minutenlange „Baker St. Muse“ sein. Ein ziemlich kurzweiliger Song, der in seiner Länge kaum etwas anders macht als die anderen Songs auf dem Album. Wenn man mich fragt, ein großes Highlight. Die großartigste Stelle im Song ist dann die Stelle ab ca. 12:30 Minute. Wie er da auf das eigentliche musikalische Thema des Titelsongs zurückkommt und einen groove in den Gesang legt. Gänsehaut!

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass es einen besseren Start für mich nicht geben kann.

10/10
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Wulder » Freitag 14. Juni 2024, 10:24

Und wieder gilt es eine Lücke zu füllen, vielen Dank für den Reminder und den tollen Artikel!!
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Jhonny » Freitag 14. Juni 2024, 10:28

Oh, auf den Thread bin ich schon sehr gespannt!

Du steigst mit einem Album ein, das ich zwar schon öfter gehört habe, aber nicht wirklich gut kenne. Sollte ich vielleicht auch mal wieder auflegen. Eine 10 wäre es bei mir bisher nämlich in jedem Fall nicht.
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Pillamyd » Freitag 14. Juni 2024, 10:35

Freut mich natürlich :)

Jhonny hat geschrieben:Du steigst mit einem Album ein, das ich zwar schon öfter gehört habe, aber nicht wirklich gut kenne. Sollte ich vielleicht auch mal wieder auflegen. Eine 10 wäre es bei mir bisher nämlich in jedem Fall nicht.


Es ist auf jeden Fall zu empfehlen, sich damit eingehender zu beschäftigen. "Minstrel In The Gallery" schleicht sich auch gerne an. Ich schätze, dass es hier ziemlich viele unterschiedliche Meinungen geben wird.
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 18. Juni 2024, 10:48

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AQUALUNG (1971)

Tracklist:
01. Aqualung
02. Cross-Eyed Mary
03. Mother Goose
04. Wond'ring Aloud
05. Up To Me
06. My God
07. Hymn 43
08. Slipstream
09. Locomotive Breath
10. Wind-Up
11. Lick Your Fingers Clean (Bonus Track)
12. Wind Up (Quad Version) (Bonus Track)
13. Except From The Ian Anderson Interview (Bonus Track)
14. Songs For Jeffrey (Bonus Track)
15. Fat Man (Bonus Track)
16. Bouree (Bonus Track)

Das Albumartwork ist mir schon als ein kleiner Steppke zu Augen gekommen. Zusätzlich war das immer der Mann, der wie ein Flamingo auf einem Bein in die Querflöte seine Luft abgelassen hat. Warum ich das schon damals wusste? Dem Papa sei Dank.

Eine Scheibe die ziemlich prägnant mit dem Titelsong anfängt. Wenn ich im Nachhinein das Album vergleiche, merke ich, das „Aqualung“ zum ersten Mal so richtig auf den Punkt kommt. Ich möchte noch nichts vorwegnehmen. Das ist wohl der größte Krux an dem ganzen Projekt. Ich möchte das Ganze trotzdem einmal vertiefen.

„Aqualung“ hat den großen Vorteil, mit Songs gesegnet zu sein, die wahnsinnig schnell auf den Punkt kommen. Da ist eine gewisse Schnittigkeit im Songwriting, die den größtmöglichen Ballast von sich schmeißt und sich auf das wesentliche konzentriert. Dadurch entsteht zwar eine gewisse Art von Eingängigkeit, die Gefahr läuft sich irgendwann zu überhören. Man wird aber auch merken, dass das Songwriting immerhin so einen Spannungsbogen hat, dass man sich nur wundern kann zu was Ian und seine Kumpanen im Stande waren.

Was man hier findet, ist sowas wie der eigentliche Anfang aller folgenden Alben. Spielwitz, Witz in den Texten, schnittige Gitarren und immer die Tür offenhaltend zu Instrumenten, die den Songs die Option der Tiefe bereitstellen, die nicht nur in eine Richtung gehen, wie auf den Alben zuvor. Hier ist alles etwas zugänglicher, zugleich im Gesamten sehr kompakt, musikalisch aber aufgeschlossen wie nie zuvor. Selten waren Übergänge von Intros auf den eigentlichen Song so flüssig komponiert. Ich staune immer wieder, wie gut das funktioniert. Auch wie manch ein Refrain hervorgehoben wird, ist absolute Weltklasse.

Die Sangeskunst wirkt auf mich dann tatsächlich, wie ein weiteres Instrument. So abwechslungsreich und doch so unverkennbar. So viel Raum für die akustische Wahrnehmung und Interpretation den Texten Gewichtung zu geben. Immer schwingt der britische Humor durch. Wenn man die Alben davor innehat, wird man schnell zur Erkenntnis kommen, dass dieses vierte Album der Band, dass sich Ian endlich verwirklichen konnte. Die Songideen wirken, als wären sie genauso aufgenommen worden, wie er sich das vorgestellt hat. Das Album strahlt unabhängig vom textlichen Inhalt so eine Zufriedenheit und gleichzeitig eine Selbstbewusstheit aus, dass es einfach spaß macht.

Auch nehme ich zum ersten Mal die Querflöte auch nicht nur als Begleiterscheinung wahr. Sondern als ein fest integriertes Instrument, dass seinen Platz im Sound gefunden hat. Das immer zur rechten Zeit seinen Einsatz hat und man feststellen muss, dass da auch im Hintergrund einiges passiert. Die Band fordert es heraus, das entdecken zu dürfen.

Lange Zeit war mir gar nicht bewusst, dass dies schon als eines der Konzeptalben galt. Dabei ist das Album in zweigeteilt. Geht es auf der Seiten eher sozialkritisch zu, Obdachlosigkeit und Bedürftigkeit, in Form des auf dem Coverartworks um diesen „Aqualung“. So widmet man sich auf der zweiten Seite dem Thema Religion, der Organisierung und dessen Finanzierung.

Und trotz allem ist „Aqualung“ für mich ein Übergangsalbum zu dem was da noch für Geniestreiche folgen mögen.

8,5/10
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Nils Macher » Dienstag 18. Juni 2024, 11:48

Dein Text zu "Aqualung" erinnert mich an meine Kindheit, denn dieses Artwork und das der 1985er Compilation "Original Masters" zierten das CD-Regal meiner Eltern. JETHRO TULL lief damals auch sehr oft und ich war 2001 mit meinem Vater beim Konzert in Gelsenkirchen - mein erstes "richtiges" Konzert sozusagen. Insofern hat JETHRO TULL für mich auch eine ganz besondere Bedeutung, selbst wenn ich das heute nicht mehr so häufig auflege.

An Andersons Gesang mag ich vor allem sein Timbre, das klingt einfach unvergleichlich. Selbst in seinem aktuellen Alter ist das auf der Bühne immer noch so toll wie auf den Platten, finde ich.

Schöner Thread, bin gespannt, wann die TAAB-Alben hier Erwähnung finden. Auch wenn TAAB 2 teilweise als Soloalbum geführt wird, würde ich es insgesamt mindestens in die Top 10, wenn nicht sogar in die Top 5 meiner liebsten TULL-Alben packen.
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 18. Juni 2024, 12:32

Danke fürs mitteilen, Nils.
Mein erstes Konzert war 1998, aber das ist eine andere Geschichte, haha. Ich kann das aber mit der besonderen Bedeutung aber natürlich nachvollziehen. Das muss saucool gewesen sein. Ich habe es leider nie geschafft, die Band zu sehen. Aber wir scheinen da eine gewisse Parallele zu haben.

Auch was du zum Gesang sagst, stimmen wir 100 prozentig überein.
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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Pillamyd » Donnerstag 20. Juni 2024, 09:57

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THICK AS A BRICK (1972)

Tracklist:
Thick As A Brick Part 1
Thick As A Brick Part 2

Ich habe mich schon im Vorfeld sehr darüber gefreut, über dieses Album ein paar Zeilen schreiben zu dürfen. Das hat einen fast schon besonderen Grund. Was nämlich exakt ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Aqualung“ geschah, ist nämlich nicht nur mit einem glücklichen Händchen zu erklären. Das sind mehrere Faktoren, die einer oder mehrerer Erklärung(en) bedarf. Ich bin kein Freund davon solche Dinge mit „verstehen“ und „Klugheit“ auszulegen. Aber mit was für einen Irrsinn „Thick As A Brick“ auf den Markt geworfen wurde, ist nicht anders zu beschreiben. Der Ursprung aller Konzeptionen. Der Ur-Vater aller durchgedachten Konzeptalben.

Aber ich will nicht um den heißen Brei umherschnacken. Legen wir los…

Um das ganze Brimborium von „Thick As A Brick“ nachvollziehen zu können, muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, wie das ganze aufgezogen wurde. Dass in den 70ern allein ein Titel wie „Thick As A Brick“ zugelassen wurde, wundert mich immer noch.

Als Konzeptalbum aufgebaut, enthält es eine fiktive Geschichte rund um des Schülers Gerald Bostock der mit seinem Gedicht "Thick As A Brick" einen Literaturwettbewerb seiner Schule gewann. Die britische Lokalzeitung St. Cleve Chronicle veröffentlichte rund um das Geschehen einen Artikel, der es sogar auf das Titelblatt geschafft hat. Grund: der verfasste Text war so kontrovers, dass ihm der Preis wieder abgenommen wurde. Allein der Titel „Thick As A Brick“, was man im Grunde ins deutsche als „dumm wie Bohnenstroh“ übersetzen kann, war Grund genug. Der Inhalt wurde dahingehend kritisiert, als dass er eine Persiflage auf die (damalige/heutige) Gesellschaft darstellt, die mit Halbwahrheiten und Tabuthemen nur so geschmückt war. Der Junge mit dem Spitznamen „Little Milton“ soll sogar, in psychiatrischer Behandlung gewesen sein.

Und ab jetzt kommt der kongeniale Clou. Denn die ganze Geschichte ist von vorne bis hinten eine einzige Fiktion. Das Gedicht wurde als Grundgerüst von Ian verfasst, dessen Protagonisten man gut und gerne als Alter-Ego bezeichnen darf. Schaut man sich das Bild auf dieser Tageszeitung an, erkennt man sogar äußerliche Ähnlichkeiten zwischen Ian und Gerald Bostock. Nichts davon hat irgendwie, irgendwo und irgendwann stattgefunden. Das Gedicht, „Little John“, der Literaturpreis, St. Cleve und seine Lokalzeitung. Nichts davon ist wahr.

Aber…

…die Presse hat das fürwahr gehalten. Eine einzige unwiederholbares Ereignis. Bessere Promotion hat es bis dato nie und nimmer gegeben. Diese Kreativität ist so unfassbar gut inszeniert, dass man gerade wegen dieser nur fassungslos und kleinlaut den Kopf schütteln kann. Allein wie Ian es geschafft hat, diese erfundene Geschichte so natürlich und echt erscheinen zu lassen. Alle hinters Licht zu führen. Zugleich läuft es einem Eiskalt den Rücken herunter, wenn man bedenkt, wie aktuell, 52 Jahre nach „Thick As A Brick“, das Thema an sich eigentlich ist. Ian als Visionär. Es ist der pure Aberwitz. Diese Art von Werbung, der Umgang mit der realen Welt, des Albums an sich, war so seiner Zeit voraus. Es ist erstaunlich.

In der Erstauflage der LP, wurde das Gedicht, das für so viel Furore gesorgt hat, sogar als Zeitungsartikel als solches beigelegt, sodass das Wirken wohl nur noch bestärkt wurde.

Soweit einmal zu der Geschichte.

Was hier aber parallel musikalisch aufgezogen wurde, macht die ganze Sache nur noch gewichtiger. In zwei Teile aufgeteilt, mit einer Gesamtlänge von über 40 Minuten, beweisen Ian und seine Mitstreiter, dass man sich nach dem tollen „Aqualung“, nicht nach Ausruhen sehnt. Im Gegenteil, die Entwicklung die die Band allein musikalisch gesehen genommen hat, ist kaum zu begreifen. Ja, man hört vielleicht den doch so typischen Prog Rock der 70er Jahre. Hat man das aber beiseitegelegt, erschließt sich einem nach und nach die Musik, die sich als so vielseitig erweist, wie kein Album bis dahin. Jazz trifft auf Klassik, trifft auf Folk, trifft auf Hard Rock, trifft auf majestätischen Barock. Dieses Monster von einem Album verbrät hier so viele Einflüsse zu einem Einklang, dass man auch nach dem fünfzigsten Durchlauf noch Neues zu entdecken vermag. Man entdeckt zeitweise auf späteren Releases der Bands, direkte Einflüsse dieses Albums. Gerade das Schlussdrittel lässt da keine Wünsche offen.

Bewundernswert ebenfalls ist, wie die Gleichförmigkeit des Gesangs in den vielen Strophen überhaupt nicht dazu führt, Langeweile aufkommen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Ist es doch der rote Faden, der sich immer wieder ein- und aufrollt, um den Song von so vielen Ausbrüchen wieder zu beruhigen.

„Thick As A Brick“ gehört sicherlich zu den verkanntesten Alben in meiner Sammlung.
Das sich erst Jahre später dieses Album zum absoluten Türöffner erweist, hätte ich nicht vermutet. Ein Album zum Genießen. Es ist so unfassbar stimmig, so sarkastisch, so spielerisch wertvoll und doch so ernst.

Wie das so bei Alben-Klassiker manchmal der Fall ist, hat auch Ian Anderson unter seinem Solonamen 2012 eine Fortsetzung veröffentlicht. Eigentlich wollte ich die Solosachen außen vor lassen. Aber ich schätze, hier werde ich das nicht tun können. Warum ich mich bis jetzt aber noch nicht um das Album gekümmert habe, liegt wohl an der romantischen Vorstellung, dieses Album als wahres Einzelstück in Erinnerung zu halten.

Die Persönlichkeit eines Ian Anderson, seine Denke, sein hinters Licht führen. Dafür sollte er eigentlich mit dem Lebenswerk ausgezeichnet werden.

Ich sammle die Diskographie ja gerne in der Version der Re-releases zwischen `97 -`03. Komischerweise habe ich „Thick As A Brick“ aber nur in der Steven Wilson Stereo Mix Version, weil ich nie die Version gefunden habe, in der auch das Gedicht enthalten ist, um welches sich das ganze Konzept dreht. Da werde ich irgendwann wohl mal Kohle in die Hand nehmen und aufrüsten müssen.

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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Holger Andrae » Donnerstag 20. Juni 2024, 10:31

Dann will ich auch endlich mal etwas in diesen jetzt schon sensationellen Thread schreiben, denn jetzt habe ich ein bisschen Zeit. Dieser Thread hat Zeit verdient und soll nicht von typsich norddeutschen Einzeilern deformiert werden.

Nun denn: "Ministrel In The Gallery" ist ein Album, welches eher spät in meine Sammlung gelangte und mit welchem ich zu Beginn etwas kämpfen musste. Nanu, ich dachte, der olle Kauz wäre Jethro-Tull-Fan? Ja, aber. Es ist bei mir ein musikalisches Verhältnis voller Misverständnisse. 8-)
Ich habe tatsächlich lange mit den "Prog"-Alben der 70er gekämpft, dafür aber die folkig-rockigen Scheiben abgefeiert. Ich alter Mainstream-Kauz. In den letzten Jahren ist meine Begeisterung für die etwas schwerere Kost aber merklich angestiegen. Dieser Thread wird sicherlich dazu führen, mal wieder ausgiebig dem einbeinigen Flötenschlumpf zu fröhnen. Dabei ist mir eingefallen, dass ich damals sogar ein Buch mit allen Texten und deren Übersetzungen erworben habe. Das wird auch mal wieder zur Hand genommen. Das heißt, ich werde sicherlich auch noch mal konkreter auf einzelne Scheiben oder Songs eingehen, wenn das in diesem Thread, der ja eigentlich eine feine subjektive Reise von Pille sein soll, erlaubt ist. Nicht umsonst hat er den Thread ja nicht in das Unterformen "Prog" gesetzt. Alternativ kann ich aber auch einen eigenen Thread eröffnen. Ganz wie gewünscht.

Jetzt erstmal etwas zu "Minstrel In The Gallery". Hier ist das majestätische 'Cold Wind To Valhalla' bis heute mein Favorit. Ein Song voll epischer Kraft, ein Song, dessen grandiose Melodie mich bei jedem Hören sofort komplett am Haken hat. Schon das beinahe furios zu nennende Akustig-Gitarren-Intro lässt erahnen, wie wild es im Nachfolgenden zugehen wird. Was dann schon in den ersten 90 Sekunden abgeht, ist schlicht atemberaubend: Streicher, Flöte, mehrstimmiger Gesang ... und der Song hat eigentlich noch gar nicht richtig angefangen. Sagte ich "sensationell"? Ja, ist es.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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