Musikalische Erkenntnis des Tages

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Siebi » Freitag 9. Mai 2014, 20:00

Kein einziges Album davon wäre bei mir in meinen Top 500, weil die Bands das früher besser gemacht habem. Alles imo. Mastodon würde ich eher sehen. Da wurde, wie bei Tool oder Meshuggah, etwas eigenes kreiert ohne Bewährtes nachzuäffen. Das Geäffe mag ich bei Thrash und Death Metal gerne, aber sind das Klassiker der Neuzeit oder bleiben nachhaltig im Gedächtnis? Nö.

War halt alles schon da. Es unterhält, wird aber eben nie gegen meine geliebten Kiss-, Ufo-, Quo- oder Priestscheiben anstinken können. Weniger wegen der Qualität, sondern wegen der Zeit, in der man diese "alten" Scheiben kennenlernte. So ging es mir, so ging es vielen, so geht es den jungen Hörern, die Slipknot, Linkin Park und Co. für essentiell halten und als ihre Klassiker sehen und hören.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Freitag 9. Mai 2014, 20:30

Siebi hat geschrieben:Hier reifte gestern die Erkenntnis, wie stark die Scheiben der 80er nachwirken, während vieles neues einfach im Nichts verpufft.



Diese Erkenntnis teile ich persönlich überhaupt nicht. Aktuelle Musik treibt mich von einer Euphoriewelle zur nächsten. Aber es ging ja auch um das Verpuffen und das ist mit aktueller Musik eben noch nicht ganz gut vorherzusehen. Aber für mich gibt es tatsächlich jede Menge Scheiben von nach 2000, die großen Eindruck hinterlassen haben und immer wieder laufen. Also, ohne ARCHIVE, ROSE KEMP, AMPLIFIER, KATATONIA, JOYCE HOTEL und und und, das wäre ja schlimm! Dann müsst ich ja echten Seveties-Prog hören :grins: .

Nö, ich hab meine große Freude an aktuellen Bands, am aktuellen Sound und ich bin der festen Überzeugung, dass es auch in der Musik so etwas wie Evolution gibt. Jede Band will sich weiterentwickeln und die allermeisten Rezensenten versuchen, eine Weiterentwicklung auch zu beurteilen.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Siebi » Freitag 9. Mai 2014, 20:49

Immer auf der Suche nach dem neuen Kick, der Zahn unserer Zeit. Höher, schneller, weiter... Du nennst Evolution und implizierst wie in der Biologie Weiterentwicklung. Katatonia und Rose Kemp sind Weiterentwicklung? Weiter entwickelt als was? Was ist die empirisch messbare Basis? Ihre ersten musikalischen Gehversuche? Was ist die Vorstufe? Die ersten Katatonia-Alben sind geil, dann entdeckten sie eine andere Seite, für Dich geil, aber warum Weiterentwicklung? Man geht weiter ja, aber ob das eine höhere Entwicklungsstufe darstellt, da wäre ich vorsichtig in der Beurteilung.

Große Freude an aktuellen Bands habe ich auch, aber es kommt eben nichts emotional an meine Klassiker ran, die ich als Kind/Teenager/Heranwachsender inhaliert habe. Auch Meister Eder wird für mich IMMER Alfred Pongratz sein und nicht Gustl Bayrhammer. ;)
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Freitag 9. Mai 2014, 21:39

Irgendwie wusste ich, dass jemand auf das "weiterentwickeln" springen wird. Und ich gebe dir recht, das "weiter" ist problematisch. Ich glaub, dass ich das auch ganz selten in Reviews oder Interviews verwende.

Fakt ist aber, dass es heute viel einfacher geworden ist, Musik zu machen und auch die individuelle Technik der Musiker wird im Durchschnitt einfach immer besser. Was damals bei Hendrix noch sensationell war, lernt heute jeder Schüler in seiner Gitarrenschule. Oder Double-Bass, "wooow, krass, Du kannst Doublebass???" früher, "wie, Du kannst nichtmal Doublebass?" heute. Die Standards sind heute viel höher und eine Band, die bewegen will, muss sich heute sehr viel mehr Gedanken machen, wie sie dies denn zu tun gedenkt. Das ist natürlich schwer und deswegen machen viele Bands "retro". Aber es gibt ebenso viele Bands, die das eben nicht tun, die sich ständig hinterfragen und schauen, wie sie ihre Kunst interessant gestalten. Meist nicht für den Hörer, nein, sondern oft nur für sich selber. Und ich finde, solche Bands sind es, die etwas zur Evolution in der Musik beitragen.

Kommen wir zur Frage, weshalb Du, Siebi oder vielleicht auch andere hier, lieber die alte Musik hören. Ich möchte fast wetten, dass diese Bands, die euch so am Herzen liegen, in der damaligen Zeit nichts anderes gemacht haben, als die Bands, von denen ich oben rede. Die haben sich damals nämlich auch nicht angepasst und haben ihrerseits versucht, dem damaligen Status Quo etwas Neues hinzuzufügen und deshalb waren sie so faszinierend. Ich höre sie doch, die Stimmen, wie sie sagen, "Mensch, wie war das geil, als ich das erste mal SLAYER gehört habe". Weil es etwas fucking einzigartiges war, Neues war! Deswegen findet ihr das auch nach dreissig Jahren noch so toll.

Und nun zu Frage, warum das heutige Zeug euch nimmer bewegt. Vielleicht sucht ihr nicht danach. Vielleicht sucht ihr nur in gewissen Bereichen, die euch altbekannt sind, wer weiss, vielleicht fehlt auch die Wille, vielleicht die mentale Offenheit. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, ich beobachte das ja an mir selber. Ich mag ja diese Retro-Welle aber irgendwie glaub ich wird das nix von Dauer sein und vergehen wie Post-Rock und nur die Besten werden in Erinnerung bleiben, die Kopien der Kopien werden aussortiert werden. ABER: Bands mit Nachhaltigkeit gibt es auch heute. Und zwar nicht zu wenige. Aber es kostet Energie, die zu finden und man muss manchmal auch geistig etwas springen und sich einlassen. So ist das zumindest bei mir. Und dann findet man Zeug, das auch Jahre nach dem Erstkontakt noch tief unter die Haut geht. Wenn ich ARCHIVE (was ich seit 10 Jahren tue) höre geht mir genauso einer ab wie wenn ich PROCOL HARUM (was ich seit 35 Jahren höre). Und eine neue HER NAME IS CALLA könnte in zehn Jahren zu einem ähnlichen Status gelangen. Und wenn nicht die , dann sicher eine andere aus 2014.

Ich hoffe, man kann einigermassen dem folgen, was ich hier sagen möchte... :-S
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Holger Andrae » Samstag 10. Mai 2014, 08:27

Einleitend möchte ich erst einmal sagen, wie toll ich diese Diskussion bisher finde.

salisbury hat geschrieben:Irgendwie wusste ich, dass jemand auf das "weiterentwickeln" springen wird. Und ich gebe dir recht, das "weiter" ist problematisch. Ich glaub, dass ich das auch ganz selten in Reviews oder Interviews verwende.

Fakt ist aber, dass es heute viel einfacher geworden ist, Musik zu machen und auch die individuelle Technik der Musiker wird im Durchschnitt einfach immer besser. Was damals bei Hendrix noch sensationell war, lernt heute jeder Schüler in seiner Gitarrenschule. Oder Double-Bass, "wooow, krass, Du kannst Doublebass???" früher, "wie, Du kannst nichtmal Doublebass?" heute. Die Standards sind heute viel höher und eine Band, die bewegen will, muss sich heute sehr viel mehr Gedanken machen, wie sie dies denn zu tun gedenkt. Das ist natürlich schwer und deswegen machen viele Bands "retro". Aber es gibt ebenso viele Bands, die das eben nicht tun, die sich ständig hinterfragen und schauen, wie sie ihre Kunst interessant gestalten. Meist nicht für den Hörer, nein, sondern oft nur für sich selber. Und ich finde, solche Bands sind es, die etwas zur Evolution in der Musik beitragen.


Ich glaube, es geht gar nicht darum, wie anspruchsvoll oder technisch versiert eine Band agiert, es geht um das Gefühl und auch um das Gesamtpaket. Da spielt der Zeitgeist und die eigene Denkweise und das persönliche Umfeld sicherlich eine nicht unbeträchtliche Rolle. Mir ist es ziemlich egal, ob eine Band aktuell besonders "extrem" klingt. Um bei Deinem Beispiel zu bleiben: Um mich "zu bewegen" muss eine Band halt authentisch klingen. Wie gelingt Ihr das? Oftmals sind es nur Nuancen, die mir eine gewisse Ehrlichkeit vermitteln (oder vorgaukeln). Ich möchte Herzblut hören.

salisbury hat geschrieben:Kommen wir zur Frage, weshalb Du, Siebi oder vielleicht auch andere hier, lieber die alte Musik hören. Ich möchte fast wetten, dass diese Bands, die euch so am Herzen liegen, in der damaligen Zeit nichts anderes gemacht haben, als die Bands, von denen ich oben rede. Die haben sich damals nämlich auch nicht angepasst und haben ihrerseits versucht, dem damaligen Status Quo etwas Neues hinzuzufügen und deshalb waren sie so faszinierend. Ich höre sie doch, die Stimmen, wie sie sagen, "Mensch, wie war das geil, als ich das erste mal SLAYER gehört habe". Weil es etwas fucking einzigartiges war, Neues war! Deswegen findet ihr das auch nach dreissig Jahren noch so toll.


Das ist natürlich richtig, aber ich denke eben nicht, dass die meisten Bands damals zu sehr nachgedacht haben. Die haben einfach ihre Gefühle und Gedanken kanalisiert und das mit den begrenzten Mitteln, die zur Verfügung standen. Klar, es wurde ein bisschen mit Image herum gespielt, aber das fand ich schon damals eher lustig. Heute hat man bei vielen neuen Ideen, die man vorgesetzt bekommt doch eben genau das Gefühl, dass zu viel nachgedacht wurde. Musik wird zur mathematischen Aufgabe. das schreibe ich, obwohl ich Abakus-Thrash der Marke Watchtower abgöttisch liebe. Natürlich hat sich der Texas-Vierer auch sehr viele Gedanken gemacht, aber - und jetzt wird es natürlich sehr subjektiv - in meinen Ohren klingt das ergebnis eben sehr natürlich und ungezwungen. Freigeistlich beinahe. Heutige Progression wirkt oft verkrampft und dadurch kalt.

salisbury hat geschrieben:Und nun zu Frage, warum das heutige Zeug euch nimmer bewegt. Vielleicht sucht ihr nicht danach. Vielleicht sucht ihr nur in gewissen Bereichen, die euch altbekannt sind, wer weiss, vielleicht fehlt auch die Wille, vielleicht die mentale Offenheit. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, ich beobachte das ja an mir selber. Ich mag ja diese Retro-Welle aber irgendwie glaub ich wird das nix von Dauer sein und vergehen wie Post-Rock und nur die Besten werden in Erinnerung bleiben, die Kopien der Kopien werden aussortiert werden. ABER: Bands mit Nachhaltigkeit gibt es auch heute. Und zwar nicht zu wenige. Aber es kostet Energie, die zu finden und man muss manchmal auch geistig etwas springen und sich einlassen. So ist das zumindest bei mir. Und dann findet man Zeug, das auch Jahre nach dem Erstkontakt noch tief unter die Haut geht. Wenn ich ARCHIVE (was ich seit 10 Jahren tue) höre geht mir genauso einer ab wie wenn ich PROCOL HARUM (was ich seit 35 Jahren höre). Und eine neue HER NAME IS CALLA könnte in zehn Jahren zu einem ähnlichen Status gelangen. Und wenn nicht die , dann sicher eine andere aus 2014.


Hm, da kann ich natürlich nur für mich reden, aber ich würde sehr gern mehr aktuelle Musik ganz toll finden. Wenn ich bedenke, wie heiß hungrig ich in der Zeit des Ablebens unserer Stammmusik in den 90ern auf "alternativen Quatsch" der Marke Tribe After Tribe, Last Crack, Mind Funk und später Live, Tea Party undsoweiter abgefahren bin, dann liegt es auch nicht an mangelnder Offenheit. Mir sagen die angebotenen Alternativen aktuell nur nicht zu, was bei mir dazu führt nach Käutzchen zu suchen und rückwärts die damals übersehenen - oder nicht "verstandenen" Perlen - zu entdecken. Das ist für mich aktuell recht spannend. Natürlich habe ich zum Beispiel mit PAIN OF SALVATION, OPETH oder sogar THE BUTTERFLY EFFECT auch moderne Bands gefunden, die ich ziemlich toll finde und natürlich gibt es mit PERSIAN RISK zum Beispiel auch alte Helden, die mich neu begeistern können, aber so richtige Herzrhythmusstörungen bekomme ich eher bei Scheiben, die älter als 15 Jahre sind.

salisbury hat geschrieben:Ich hoffe, man kann einigermassen dem folgen, was ich hier sagen möchte... :-S


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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Havoc » Samstag 10. Mai 2014, 09:34

salisbury hat geschrieben:Ich höre sie doch, die Stimmen, wie sie sagen, "Mensch, wie war das geil, als ich das erste mal SLAYER gehört habe". Weil es etwas fucking einzigartiges war, Neues war! Deswegen findet ihr das auch nach dreissig Jahren noch so toll.


Deswegen findet man wahrscheinlich auch häufig das Album einer Band am besten, dass man als erstes besessen hat. Weil es einen da einfach umgehauen hat. Mit diesem Album verbindet einen dann auf ewig etwas.

Rein musikalisch gesehen kann ich nicht meckern...es erscheinen auch heutzutage immer noch so viele geile Sachen. Häufig finde ich die neueren Alben sogar besser als die alten. Bei Opeth zum Beispiel. Da sind "Ghost Reveries (2005)" und "Watershed (2008)" wohl meine Favoriten. Eine Band wie Dream Theater mag für viele vielleicht nie mehr an die Anfangstage heranreichen...kann man so sehen...trotzdem finde ich die Leistungen immer noch sensationell. "A Dramatic Turn Of Events (2011)" war für mich noch mal ein echter Hammer. Wobei man natürlich beachten muss, das ich die Band erst seit 2007 verfolge und nicht wie manch anderer mit "Images & Words" groß geworden bin. Ich denke dass es bei Siebi vor allem um nostalgische Gefühle geht und nicht um Qualität von Musik.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon NorthernGuy » Samstag 10. Mai 2014, 10:02

Havoc hat geschrieben:
Deswegen findet man wahrscheinlich auch häufig das Album einer Band am besten, dass man als erstes besessen hat. Weil es einen da einfach umgehauen hat. Mit diesem Album verbindet einen dann auf ewig etwas.


Volle Zustimmung von mir! :dafuer:
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Samstag 10. Mai 2014, 21:36

Holg, erstmal danke für die ausführliche Antwort. Ich glaube, wir verstehen uns im Großen und Ganzen ganz gut und ich habe auch manchmal Phasen, in denen man den neuen Kram gerne mal links liegen lässt und einfach auch die alten Sachen hört. Letztlich hab mich meinem Dad zusammen SAVATAGE - "Streets" gehört und auf englisch würd ich sagen: "It was a blast". Es war einfach hammergeil!

In Sachen "Authentiziät" sind wir uns eigentlich auch einig. Genau das ist es, worum es mir letztendlich auch geht. Und es ist nun so, dass ich tatsächlich finde, dass bei fast jeder Band, die mir allmonatlich so unter kommt, ein Bemühen nach Authenzität erkennbar ist und bei fast allem werden sich Leute finden, die das dann auch tatsächlich authentisch finden. Dies wiederrum hat aber sehr wohl mit einer besseren und einfacheren Spiel- und Aufnahmetechnik zu tun. Die Masse der Bands hat deutlich zugenommen und wenn man fair ist, kann man auch feststellen, daß die Klasse durchschnittlich auch zugenommen hat. Nur, jetzt kommt der Knackpunkt: Es fällt nicht mehr so auf! Es kommt seltener vor, dass Dich etwas richtig flasht. Oder es flasht mich mit Band x, zwei Wochen später mit Band y und dann Band z, weil es ja so viel Gutes gibt, und auf einmal ist Band x schon wider vergessen. Und deshalb entsteht der Eindruck, "neue Musik" habe keine Langzeitwirkung mehr. Ja, das ist vielleicht sogar richtig, aber nicht, weil die Bands heute nicht mehr authentisch sind. Ganz im Gegenteil!

Warum ich hier so lang und breit schreibe ist, weil ich es ein wenig traurig finde, zu lesen, vor allem von solchen Musikfreaks wie ihr seid, neue Musik würde euch nicht mehr berühren. Und ich will, dass mir das NIEMALS passiert. Ich will 2020 mein 2014er-Lieblingsalbum genauso gern haben mein 1988er-Lieblingsalbum. Und ich tue aktiv was dafür dass es so bleibt. Hier mistspielen zu Beispiel. Was auch super funktioniert ist, versuchen, bewusst den Horizont zu erweitern, dann aber nach einer Weile das, was man alles so findet, zu selektieren und dann zu intensivieren. Ich habe festgestellt, dass am Ende immer die Sachen mit einer Langzeitwirkung hängen bleiben, die meine vorherigen Hörgewohnheiten gesprengt haben. Es gibt viele Beispiele, eines war Post-Rock, was ein gewaltiger Schritt für einen ist, der sehr auf Technik, Rhythmuswechels und Proggyness steht (Post-Rock ist langsam, repititiv und rein technisch ziemlich banal; es geht hier um den Sound), mit Rüdiger kam die eine oder andere Black Metal-Band, die ich sehr geil finde und Hörempfindungen ausgelöst hat, die ich vorher gar nicht kannte und mein aktuelle Spleen für Mädchenmetal ist auch was Neues, das ich früher eher ignoriert habe (warum darf es nicht mal etwas fröhlicher, bombastischer und kitschiger sein?).

Das ist mein Weg, und so soll jeder seien eigenen finden. Auch die "musikalische Erkenntnis des Tages", dass einen die alte Musik viel mehr berührt als die neue, kann man bedenkenlos so stehen lassen, wenn das einen so, wie es ist, zufrieden stellt. Nur, die Aussage, dass die heutigen Bands zu verkrampft und seelenlos sein sollen, möchte ich gerne negieren und erwidern: Holg, du suchst einfach in der falschen Ecke. Vor allem dort hinzuschauen, wo andere sagen, es wäre "progressiv", kann ganz schnell in der Sackgasse landen. ABer das weisst du glaub auch selber :grins: .

Ach ja, in dem Kontext freue ich mich immer mehr, dass ich es geschafft habe, mit WOVEN HAND was "aktuelles" für dich zu finden, das dich offenbar sehr berührt. Es gibt aber mehr WOVEN HANDS. Dig them!
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon Jhonny » Samstag 10. Mai 2014, 21:48

NorthernGuy hat geschrieben:
Havoc hat geschrieben:
Deswegen findet man wahrscheinlich auch häufig das Album einer Band am besten, dass man als erstes besessen hat. Weil es einen da einfach umgehauen hat. Mit diesem Album verbindet einen dann auf ewig etwas.


Volle Zustimmung von mir! :dafuer:



Weshalb "The Glorious Burden" auf ewig einer meiner Klassiker ist.


Wobei ich Metallica mit St. Anger kennen gelernt habe, und quasi jedes andere Album um Längen besser finde.


Spannend finde ich es mittlerweile oft, ältere Alben einer schon geschätzten Band zu entdecken.
Das Iced Earth Debüt kenne ich z.B. erst seit ein paar Jahren, und finde es mittlerweile völlig überragend. Klar fehlte mir diese erste Begegnung, wie ich sie mit Glorious Burden hatte, aber trotzdem nicht mich das Album gefangen.
Ähnlich ging es mir bei "Mandrake" von Edguy, einer Band, die ich lange auf die neuere Phase beschränkt hatte.


Alleine von den KIT-Käufen konnte mich z.B. Persian Risk ("Rise Up") und Medieval Steel (die neue) total begeistern.



Aber, ein Riesenunterschied, und der trifft sicher auf die meisten hier zu:
Zu Beginn des Sammelns und Musikhörens hatte man 30, 40, vielleicht 100 Alben. Die wirklich tollen davon liefen dann quasi "ständig", hatten dutzende, hunderte Umdrehungen im Player.
Heute sind es 500, 2000, 5000 Alben in der Sammlung, und es kommen dutzende, hunderte rein - pro Jahr. Da kann ein neues Album fast gar nicht so oft laufen wie "damals".
So geht es zumindest mir.
Als meine Metal-Sammlung so ca. 2004 aus einer zweistelligen Zahl an Alben bestand, liefen meine "Klassiker" (die ich ja alle erst seit ein paar Monaten hatte) enorm oft. Natürlich steigt da auch die emotionale Bindung (was ich dagegen kaum kenne wäre eine Abnutzung eines geliebten Albums).

Und dann natürlich das Alter: Als pubertierender Jugendlicher empfindet man Musik doch irgendwie anders. Zumindest ging das mir so. Die Alben, die ich so von ca. 14-17 gehört habe, haben eine ganz spezielle Phase des Lebens nicht nur geprägt, sondern auch emotional erreichen können.

Spezielle Phasen gibt es ständig im Leben, aber vielleicht werden nicht alle gleichermaßen so intensiv von Musik emotional geprägt.
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Re: Musikalische Erkenntnis des Tages

Beitragvon salisbury » Samstag 10. Mai 2014, 22:42

Jhonny hat geschrieben:
Und dann natürlich das Alter: Als pubertierender Jugendlicher empfindet man Musik doch irgendwie anders.


Oh, das ist auch noch ein Punkt, den ich kommentieren möchte: Klar! Stimmt! Und ich wage zu behaupten, dass ich mit der Zeit auch gelernt habe, Musik diffenenzierter, bewusster, analytischer, wahrzunehmen. Der erste Schluck Whisky war übel aber dennoch geil, weil er schön besoffen macht. Heute geniesst man die Nuancen der verschiedenen Whiskeysorten. Ja, nicht nur die Bands werden besser, auch die Hörer entwickeln sich.

Manchmal habe ich den Eindruck - und das mag jetzt etwas provokativ klingen - dass einige krampfhaft versuchen, sich das Hörgefühl von der ihn prägenden Phase zurück zu holen. Und dann auch von neuen Bands erwarten, dies zu reproduzieren. Das kann aber nur schief gehen. Dann hört man entweder nur Bands, die den Sound von früher kopieren, dann isses vielleicht kurzfristig mal geil, oder man hört gleich die alten Bands, verwehrt sich dann aber den Sinn für neues.

Sich an den guten Whiskyrausch von früher erinnern, ist toll. Mal eine neue Sorte ausprobieren, diese zu vergleichen, zu analysieren und einzuordnen, ist mindestens genauso toll.
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