Platz 04:
Avatarium | Between You, God, The Devil And The Dead
Eine Band, mit der ich bis zu diesem Album nie wirklich etwas anfangen konnte. Vor allem der Gesang hat mich nie abgeholt, und auch musikalisch habe ich das Ganze eher in die Retro-Ecke verortet. Ob das ein Fehler war, habe ich bis heute nicht überprüfen können.
Es war ursprünglich das Artwork, das meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Kurz darauf der vorab veröffentlichte Song „Long Black Waves“. Ein Song, dessen Ausdrucksstärke sinnbildlich für das gesamte Album steht. Ich habe es zur Veröffentlichung schon einmal so beschrieben – und bleibe dabei:
Dieses Album hat eine sehr spezielle Art den Hörer in den Bann zu ziehen. Es arbeitet sich langsam vor, bleibt dicht an den Fersen, beobachtend, kontrollierend. In mir drängt sich dabei das Bild eines Jägers auf, der sich unter dem Mantel aus Melodien, Gitarren und diesem extrem charismatischen Gesang langsam heranpirscht und mich schließlich fest am Kragen packt.
Über die knapp 43 Minuten herrscht eine permanent brodelnde Spannung, die kurz vor dem Platzen steht und sich dabei erstaunlich kontrolliert gibt. Man höre nur einmal „My Hair Is On Fire (But I’ll Take Your Hand)“ – vielleicht wird dann klar, was ich meine.
In den Monaten nach der Veröffentlichung habe ich mich gefragt, warum ich genau dieses Bild damit verbinde. Vielleicht ist das auch meinem eigenen Blick geschuldet. Eine mögliche Antwort fand ich in einem Interview mit der Sängerin, in dem auch ihr eigentlich erlernter Beruf erwähnt wurde: Sie ist Psychotherapeutin. Mir gefiel der Gedanke, dass diese spürbare Kontrolle in der Musik nicht zufällig entstanden sein könnte. Dass sich ihre berufliche Erfahrung vielleicht in diese Spannung, diese Distanz und gleichzeitige Direktheit auf die Songs ausgewirkt haben könnte.
Für mich fühlt sich das Album an wie eine Sammlung von Metaphern – übertragbar, offen, tastend. Es versucht, etwas auszudrücken, das noch nicht vollständig ausgesprochen werden kann. Das Ganze wirkt tiefenpsychologisch. Und trotzdem wirkt es dabei nie analytisch oder erklärend, also kein Sachbuch mitvielen Fallbeispielen. Eher intuitiv und emotional. Ich weiß ja, dass der Gedanke eher auf Spekulatius basiert, als der Wahrheit zu entsprechen.
Musikalisch schafft es die Band jedoch ganz unabhängig davon, eine enorme Spannung
aufzubauen und dabei wunderschöne Momente zu kreieren. Der Gesang bekommt Raum, die Instrumente wissen genau, wann sie sich zurücknehmen müssen – und wann sie mit voller Wucht angreifen dürfen. Das Ergebnis wirkt selbstbewusst und sensibel zugleich, laut und leise in den genau richtigen Momenten.
Ich hasse Abschiede, wie die Pest, weil ich ihr in meinem Leben immer wieder begegnet bin. Wenn sie dann noch in Liedgut geformt werden, ist das nur schwer auszuhalten. Genau so ein Song ist mit dem Titeltrack gegeben. Es dürfte kein Zufall sein, dass der Song am Ende des Albums steht.
„The movie that plays inside your head“, heißt es im Chorus des Songs. Das gelingt diesem Song in einer Heftigkeit, dass ich ein ums andere Mal eine Träne verdrückt habe. „Between You, God, The Devil And The Dead“ ist alles in allem ein Album von außergewöhnlicher Schönheit: zierlich, packend, selbstsicher – und paradoxerweise auch schüchtern.
My Hair Is On Fire (But I'll Take Your Hand)Between You, God, The Devil And The Dead