AVANTASIA - Here Be Dragons
Mehr über Avantasia
- Genre:
- Power Metal / Symphonic Metal
- ∅-Note:
- 9.50
- Label:
- Napalm Records
- Release:
- 28.02.2025
- Creepshow
- Here Be Dragons
- The Moorland At Twilight
- The Witch
- Phantasmagoria
- Bring On The Night
- Unleash The Kraken
- Avalon
- Against The Wind
- Everybody's Here Until The End
Wieder zurück in Bestform!
Müsste ich mein aktuelles Verhältnis zu Tobias Sammets Spielwiese AVANTASIA mit einem Facebook-Beziehungsstatus beschreiben, würde ich wohl "Es ist kompliziert" wählen. Zweitweise hätte ich mich nämlich als eingefleischten Fan des All-Star-Projektes bezeichnet und habe Stunden mit grandiosen Alben wie "The Mystery Of Time" oder "Ghostlights" verbracht, wobei 'Let The Storm Descend Upon You' wohl auch einer meiner liebsten Longtracks der Musikgeschichte ist. Seit "Moonglow" aus dem Jahr 2019 springt der Funke bei AVANTASIA und mir aber nicht mehr so richtig über. Klar, handwerklich und auch in Bezug auf die Gästeliste waren "Moonglow" und "A Paranormal Evening With The Moonflower Society" natürlich weiterhin klasse, aber bei den Songs fehlten mir die ganz großen Hits, die mich auch über Wochen an den Player gefesselt hätten. Aber vielleicht reißt ja "Here Be Dragons" nun das Steuer wieder herum. Visuell gefällt mir das Artwork der Scheibe mit seinem Retro-Vibe auf jeden Fall schon einmal sehr gut und lässt auf eine kleine musikalische Reise in die Vergangenheit hoffen.
Die erste Single 'Creepshow', die das neue Album übrigens auch eröffnet, ist dann aber erst einmal eine kleine Enttäschung. Klar, der Song ist beileibe nicht schlecht, spielt aber auch ziemlich auf Sicherheit, präsentiert sich kompositorisch sehr vorhersehbar und ist im Endeffekt eher eine poppige Angelegenheit, deren Refrain man kurz im Ohr hat, wobei sich die Langzeitwirkung aber doch in Grenzen hält. Scheinbar hat Mr. Sammet sein musikalisches Blatt aber einfach nur ungünstig ausgespielt, denn schon der folgende Titeltrack lässt bei mir wieder die gleiche Gänsehaut aufkommen wie 'Let The Storm Descend Upon You' und fesselt mich wie der eingangs erwähnten Kracher an den heimischen Player. Mit Geoff Tate hat Tobias dabei einen genialen Gesangspartner an der Seite, dem er einen unheimlich abwechslungsreichen und epischen Track auf den Leib geschneidert hat, dessen Refrain eine absolute Ohrenweide ist. Ebenso gefällt mir der interessante Stilmix, der den typischen AVANTASIA-Sound mit einer gute Portion QUEENSRYCHE und einer winzigen Prise DIO vermengt. Also in der Qualität darf es gerne weitergehen, denn das hier ist glasklar der stärkste AVANTASIA-Song seit Jahren.
Mit Michael Kiske als Gast geht es im Anschluss dann gewohnt flott zur Sache, denn 'The Moorlands At Twilight' könnte auch durchaus von HELLOWEEN stammen, hat aber auch einen interessanten neoklassischen Twist im Gepäck, der mich sogar an Yngwie Malmsteen denken lässt. 'The Witch' klingt da schon deutlich moderner und hat ein paar Horror-Soundtrack-Anleihen, wozu dann natürlich auch KAMELOT-Sänger Tommy Karevik hervorragend passt, der mit Tobias gemeinsam einen schmissigen Refrain serviert, bevor der Song im Mittelteil zu einem symphonisch stampfenden Kracher wird und sogar ein paar GENESIS-Keyboards unterbringt. 'Phantasmagoria' ist im Anschluss dann schon in gewohnteren Gefilden unterwegs und präsentiert einen flotten Power-Metal-Track mit feiner Lead-Gitarre und einem Ronnie Atkins, der gewohnt in blendender Form ist und dem Track die nötige Kante verleiht. Nur das Ende kommt vielleicht etwas abrupt, denn diese eher traditionelle Nummer hätte durchaus noch ein paar Minuten länger dauern dürfen.
Wo wir gerade von klassischen Sounds sprechen, passt 'Bring On The Night' ebenfalls gut ins Bild, wobei hier ganz tief in den Achtzigern gewühlt wird. Für einen solchen Song kann es mit Bob Catley natürlich nur einen Gastsänger geben und wie immer ist der Beitrag des MAGNUM-Fronters einer der absoluten Höhepunkte der Platte. Das liegt einerseits an absolut grandiosen Melodien, andererseits aber auch an der Tatsache, dass Bob mit seiner grandiosen Stimme auch das Telefonbuch vertonen könnte, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Nach 'Here Be Dragons' für mich bisher der zweite ganz große Höhepunkt dieser Scheibe, die aber natürlich noch lange nicht vorbei ist. Tobias serviert uns mit 'Unleash The Kraken' im Anschluss nämlich noch einen wunderbar temporeichen und harten Rocker ohne Gäste, dafür mit richtig coolem Chorus, bevor es mit SEVEN SPIRES-Sängerin Adrienne Cowan in 'Avalon' sogar ungeahnt folkig und dank ganz toller Chöre mächtig episch wird. Die Hauptmelodie der Nummer ist dabei ein ganz hinterlistiger Ohrwurm, der schon nach einem Durchlauf nicht mehr aus dem Ohr gehen will. H.E.A.T.-Sänger Kenny Leckremo darf zum Ende hin mit Tobias dann noch einen flotten Kracher servieren, wobei 'Against The Wind' eher nur gute Kost ist und mich melodisch teils stark an FIREWIND denken lässt. Mit Roy Khan ist in der abschließenden Ballade 'Everybody's Here Until The End' dann sogar noch ein ehemaliges KAMELOT-Mitglied dran, nachdem wir den aktuellen Sänger Tommy ja bereits zuvor gehört haben. Leider ist die getragene Nummer aber eher ein kleiner Durchhänger, der "Here Be Dragons" zwar angenehm melancholisch, aber auch etwas blass beendet.
Lässt euch aber bloß von einem durchschnittlichen Beginn und Ende nicht täuschen, dazwischen ist "Here Be Dragons" nämlich ganz klar ein Album, das auf ganzer Linie überzeugt und erstmalig seit "Ghostlights" wieder nur so vor Volltreffern und potentiellen Live-Klassikern strotzt. Dass dann auch meine Liebe zu AVANTASIA nach ein paar eher unterkühlten Jahren wieder gänzlich befeuert wurde, beweist die Tatsache, dass der Silberling auch nach Fertigstellung meiner Notizen für diese Rezension kaum aus meinem Player zu verbannen war, was immer der beste Indikator für ein wirklich großartiges Album ist.
- Note:
- 9.50
- Redakteur:
- Tobias Dahs