AVANTASIA - The Metal Opera
Mehr über Avantasia
- Genre:
- Melodic Speed
- ∅-Note:
- 9.00
- Release:
- 24.01.2001
- Prelude
- Reach Out For The Light
- Serpents In Paradise
- Malleus Maleficarum
- Breaking Away
- Farewell
- The Glory Of Rome
- In Nomine Patris
- Avantasia
- A New Dimension
- Inside
- Sign Of The Cross
- The Tower
Mehr als "Märchen-Metal mit übertriebenen Chören und Kirchenorgeln"?
Wir schreiben das Jahr 2026. Fünfundzwanzig Jahre ist es also her, dass dieses Stück deutscher Metalgeschichte veröffentlicht wurde. In einem aktuellen Facebook-Post* blickt auch der Meister höchst selbst, Tobias Sammet, nostalgisch auf den ersten Gehversuch dessen zurück, was später ein international erfolgreiches Metal-Schlachtschiff werden sollte. Im Rückspiegel erkennt Sammet: "Ich denke, wir waren etwas unserer Zeit voraus." Symphonic Metal sei Ende der 1990er Jahre keine große Sache gewesen und niemand hätte gedacht, dass "Märchen-Metal mit übertriebenen Chören und Kirchenorgeln" ein derart farbenfrohes Genre werden würde.
Ich möchte hier jedoch vorsichtig, aber bestimmt gegenhalten: Sammet hat das Rad nicht neu erfunden, er hat es nur mit einer unglaublichen Energie neu lackiert. VIRGIN STEELE zelebrierte seit den Achtzigern den epischen Pathos, RHAPSODY hatte den orchestralen Standard bereits gesetzt und AYREON bewies längst, dass All-Star-Projekte funktionierten. Doch Sammets Geniestreich war die Skalierung: Er nahm den Euro-Power-Metal und verpasste ihm die Breitwand-Optik einer Broadway-Show. Und mitten in der Hochphase von Nu-Metal und stumpfen Riffs war "The Metal Opera" ein fast schon frecher Mittelfinger an den Zeitgeist.
Die CD nun endlich frisch in den Player geworfen: Wenn die perlenden Gitarren in 'Reach Out For The Light' den Reigen eröffnen, geht sofort ein Türchen im Kopf auf. Ein Textblatt wird herausgereicht und wir singen mit. Erst die Hook, dann den Refrain, ach was, alles, und jetzt bitte: "Reach out for the light …". Ja, die Personalie Michael "Ernie" Kiske muss hier mehr als nur lobend erwähnt werden. Es war ein PR-Coup, den damals metal-müden Kiske zurückzuholen. Seine Stimme ist das Fundament, auf dem dieser Sound erst so richtig glänzen konnte.
Aber lassen wir das Thema Gaststars mal kurz beiseite: Was dieses Album auch nach fünfundzwanzig Jahren unwiderstehlich macht, ist Sammets unverschämtes Händchen für Melodien. Man kann von dem Kitsch halten, was man will, aber die Hooklines sitzen mit einer traumwandlerischen Sicherheit. Das ist "Disney für Metalheads" im besten Sinne – Hymnen wie 'Farewell' oder 'Avantasia' brennen sich so tief ein, dass man sie auch nach zwei Jahrzehnten noch fehlerfrei mitgrölen kann.
Apropos Fünfundzwanzig: So viele Jahre hatte Sammet damals noch nicht mal auf dem Konto und versammelte dennoch bereits eine beachtliche Liste an Gästen: David DeFeis, Sharon den Adel, Kai Hansen oder Rob Rock. Dabei zeigte sich früh eine seiner größten Stärken: Er schrieb ihnen Parts auf den Leib, die deren Stärken perfekt inszenierten – man denke an das majestätische 'Serpents In Paradise'. In jeder Note spürt man diesen fast schon naiven, aber völlig ansteckenden Enthusiasmus. 2001 war AVANTASIA noch keine durchgetaktete Welt-Marke, sondern ein riskantes Herzensprojekt. Diese jugendliche "Alles-oder-nichts"-Energie verleiht dem Album eine Ehrlichkeit, die manchen der späteren, perfekt kalkulierten Werke fehlt.
Doch wo viel Licht ist, muss eine kritische Rückschau auch den Schatten benennen. Würde ich zehn Punkte zücken? Nein. Das beginnt schon beim Sound: Die Produktion von Sascha Paeth war damals wegweisend, wirkt heute aber mit ihren klinischen Drums und den präsenten Keyboards fast ein bisschen "plastikhaft" – ein Kind der frühen 2000er eben. Auch kompositorisch gibt es Gefälle: Ein Song wie 'Breaking Away' ist biederer Power-Metal-Standard, der das epische Konzept eher bremst - und von EDGUY vielfach besser gespielt wurde.
Der wichtigste Kritikpunkt bleibt jedoch die Rollenverteilung. Wer den Anspruch einer "Oper" erhebt, muss den Mut haben, die Bühne zu teilen. Doch "The Metal Opera" bleibt im Kern eine Sammet-Solo-Show. Zu oft dominiert Tobias selbst, wo ein anderer Charakter der Geschichte mehr Raum zur Entfaltung gebraucht hätte. Erst im monumentalen Abschluss 'The Tower' wird das Potenzial des Ensembles wirklich ausgeschöpft. Und wenn wir schon beim Libretto sind: Die Geschichte um den Novizen Gabriel ist ein ziemliches Sammelsurium an Klischees. Die Texte sind oft auf "Reim dich oder ich fress dich" getrimmt – charmantes Storytelling, sicher, aber weit weg von der Klasse einer "Streets" von SAVATAGE.
So, Mund abwischen. Wenn wir uns nun zu Sammet zum Blick in den Rückspiegel gesellen, bleibt festzuhalten: Die gesamte DNA von AVANTASIA ist hier bereits angelegt. Seine Liebe für den großen Moment, sein untrügliches Händchen für Melodien und sein Hang, sich selbst als Regisseur und Hauptdarsteller zugleich in Szene zu setzen. Das ist mal größenwahnsinnig, mal kitschig, aber eben auch verdammt gut gemacht. Und wenn ich mich nun in mich vor fünfundzwanzig Jahren zurückversetze, fühle ich die Erinnerung an meine Euphorie, an das häufige Hören dieser Platte und das Versinken in die AVANTASIA-Welt, die sich einfach richtig anfühlte.
*https://www.facebook.com/avantasia (abgerufen am 21. Januar 2026)
- Note:
- 9.00
- Redakteur:
- Julian Rohrer


