SOEN - Reliance
Mehr über Soen
- Genre:
- Progressive Metal
- ∅-Note:
- 8.50
- Label:
- Silver Lining Music
- Release:
- 16.01.2026
- Primal
- Mercenary
- Discordia
- Axis
- Huntress
- Unbound
- Indifferent
- Drifter
- Draconian
- Vellichor
Kunstvoller Alternative Rock trifft Gänsehaut-Prog mit Langzeitwirkung!
Seit der Veröffentlichung des legendären Debüt-Werks "Cognitive" im Jahre 2012 ist SOEN eines der spannendsten und faszinierendsten Phänomene im Bereich der anspruchsvollen Stromgitarren-Musik. Anfängliche Vergleiche zu TOOL und OPETH, letztere wohl vor allem wegen der Vergangenheit von Schlagzeuger und Bandgründer Martin Lopez, verstummten mit der Zeit. Von Album zu Album erarbeitete sich SOEN einen ganz eigenen, charismatischen Stil, der seinen vorläufigen kreativen Höhepunkt in Göttergaben wie "Lotus" (2019) und "Imperial" (2021) fand. Kaum eine andere Band versteht es, mit so traumhaft intuitiver Sicherheit, hoch dynamische Progressive Metal-Elemente in ein Gewand aus ebenso einfühlsamem wie treibendem Alternative Rock zu hüllen und das Ganze mit so wunderbar emotionalen, unter die Haut gehenden Melodien und Spannungsbögen abzurunden. Dabei muss man sicher auch die großartige Stimme von Joel Ekelöf zu den Alleinstellungsmerkmalen von SOEN zählen. Ihm gelingt es auf nahezu magische Weise Eindringlichkeit mit Zerbrechlichkeit zu verschmelzen und die gesamte Klaviatur der Sinne zu bespielen.
Zur Diskussion steht nun also das soeben erschienene siebte Studioalbum "Reliance", und ich schicke gleich vorweg, dass SOEN sehr wahrscheinlich keinen Fan enttäuschen wird und erneut erlesene Qualität abgeliefert hat. Der Opener 'Primal' setzt ganz auf eine eingängige Gesangsmelodie kombiniert mit wuchtigem Groove, ist also eher im Alternative Rock zuhause. 'Mercenary' öffnet das musikalische Spektrum dann in verschiedene Richtungen, da passiert sehr viel in diesem Song, der beim ersten Hören eher unauffällig wirkt. Ich muss sicher an dieser Stelle nicht mehr erklären, dass SOEN-Songs und -Alben eher Slow Grower sind, die sich über die ersten ca. zehn Durchläufe hinweg langsam und kontinuierlich in die Hirnwindungen fräsen. 'Discordia' liegt mit seiner ausgeprägten Laut/Leise-Dynamik vermutlich recht nah am Zeitgeist, auch wenn der Leise-Anteil seltsam entrückt wirkt. 'Axis' ist mein persönlicher Höhepunkt der A-Seite, diese spielerische Lebendigkeit fehlt vielen Prog Metal-Acts dieser Tage. Von der Melodieführung erinnert mich das sogar ein bisschen an meine Lieblinge von VOYAGER.
So weit, so spannend - es folgt mit 'Huntress' eine Nummer, die für mich wie eine logische Single-Auskopplung klingt. Schöne, gefühlvoll ruhige Melodien mit Pop-Appeal kulminieren in einem hymnisch-eingängigen Chorus - das sollte doch durchaus massenkompatibel sein. Mit 'Unbound' kehrt SOEN dann auf metallischeres Terrain zurück ohne die eingeschlagene Linie der subtilen Ohrwurm-Melodien zur verlassen. An dieser Stelle ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass sich im Verlaufe von "Reliance" ein gewisser Wiederholungseffekt bemerkbar macht. Wenn man ehrlich ist, ähneln sich die Strukturen mehrerer Songs doch schon ziemlich. Für kritische Geister wie mich ist es nicht gerade hilfreich, dass genau auf diese Erkenntnis mit 'Indifferent' eine schnuffige Piano-Ballade folgt. Zum Glück geht es mit 'Drifter' und 'Draconian' dann lebendiger und kraftvoller weiter bis zum chilligen Ausklang mit 'Vellichor'.
Vielleicht habt ihr schon gemerkt, dass ich bei aller Liebe und Bewunderung unschlüssig bin, was genau ich jetzt von "Reliance" halten soll. Die atemberaubende Intensität und Vielseitigkeit der bereits erwähnten "Lotus" und "Imperial" erreicht SOEN auf diesem Album nicht. Für mich persönlich wird etwas zu sehr auf schwermütige Melodien gesetzt auf Kosten der sprühenden Lebensfreude. Oder anders gesagt: Mir hätte mehr CALIGULA'S HORSE und weniger KATATONIA noch besser gefallen. Doch vielleicht hat gerade deshalb "Reliance" auch ein größeres kommerzielles Potential. Einige wirklich großartige, stadiontaugliche Hooklines hat SOEN hier sicher am Start. Ich verstehe aber auch die Nörgler, die schreiben werden, dass die Songs sich zu sehr ähneln und der Progressive Metal zu kurz kommt. Man kann es halt nicht jedem und jeder Recht machen.
Summa summarum hat SOEN wieder mal geliefert und legt mit "Reliance" ein sehr gutes Album vor, dass sich prächtig in die Diskographie einreiht. Die treuen Fans haben die Platte eh schon vorbestellt, und ob ein breiteres Publikum erreicht werden kann, werden die nächsten Monate und wahrscheinlich vor allem die Touroptionen zeigen. Ich persönlich hätte mir ein bisschen mehr Extravaganza und Risikobereitschaft gewünscht. Das ist aber ausdrücklich Klagen auf sehr hohem Niveau. Es ist und bleibt bemerkenswert und herrlich anzuhören, mit welcher melodischen, harmonischen und dramaturgischen Stilsicherheit diese Musiker zu Werke gehen. Listen & enjoy, folks!!
- Note:
- 8.50
- Redakteur:
- Martin van der Laan


