Geister 1 & 2
- Regie:
- Lars von Trier / Morten Arnfred
- Jahr:
- 1994
- Genre:
- Horror
- Land:
- Dänemark / Niederlande / BRD
- Originaltitel:
- The Kingdom / Riget I + II
1 Review(s)
29.05.2005 | 09:37Revolutionär? Grotesk-dramatische Mystik-TV-Serie
Im königlichen Reichskrankenhaus von Kopenhagen, dem größten Hospital Dänemarks, regieren unter weißen Laken und hinter verschlossenen Türen Wahnsinn und Übersinnliches. Ein Phantom-Krankenwagen meldet jede Nacht sein Kommen an, verschwindet dann aber spurlos. Im Aufzug spukt der Geist eines jungen Mädchens, und der Fötus einer schwangeren Ärztin entwickelt sich beunruhigend schnell. Ein Fall für Frau Drusse, Dauerpatientin mit Hang zum Spirituellen. "Dänemarks Antwort auf TWIN PEAKS", fasst die "New York Times" zusammen. (Klappentext)
Filminfos
O-Titel: The Kingdom / Riget I + II (Dänemark, NL, D 1994/1997)
Hersteller der DVD: Koch Media 12.05.2005 (digitally remastered)
FSK: ab 16
Länge: 580 Minuten (= 8 Episoden à 70 Min.)
Regisseur: Lars von Trier, Morten Arnfred
Drehbuch: Lars von Trier, Tomas Gíslason, Niels Vörsel
Musik: Joachim Holbek
Darsteller: Ernst-Hugo Järegard (Stig Helmer), Kirsten Rolffes (Frau Sigrid Drusse), Holger Jul Hansen, Sören Pilmark, Udo Kier (Satan, Brüderchen) u. a.
Handlung der ersten Staffel
Es hätte wenig Sinn, alle Ereignisse dieser Serie herzubeten. Daher sollen nur die wichtigsten Handlungsstränge zur Orientierung dienen.
Schauplatz ist fast durchweg das Reichskrankenhaus in Kopenhagen, ein riesiger, langgestreckter Betonblock wie ein aufrechter, auf der Seitenkante liegender Dominostein. Der Riesenkomplex wurde einst, so versichert uns der obligatorische Vorspann, als Hochburg für Forschung und Wissenschaft errichtet - auf einem Sumpfland, wo viel früher die Bleicher ihre Teiche hatten, um beispielsweise Leinen herzustellen. Der Sumpf ist trügerisch wie die Realität, der wir im Krankenhaus begegnen.
Da wäre zunächst einmal ein alter Krankenwagen, der sich wie im frühen 20. Jahrhundert ankündigt, der aber keinen erkennbaren Fahrer hat: sozusagen ein "Fahrergeist". Dies wird später (in der 2. Staffel) ironisch umgekehrt in einen Wettbewerb der "Geisterfahrer". Die Mediziner wetten darauf, ob es der Fahrer, "Falcon" genannt, schafft, innerhalb von fünf Minuten über die Autobahn gegen den Verkehr zu steuern und heil wieder zurückzukehren. Das wird noch verhängnisvolle Folgen haben, ist ja klar.
Frau Sigrid Drusse gehört als Dauerpatientin praktisch schon zum Inventar, und die Spiritistin hat unter den Patienten bereits eine feste Anhängerschaft, mit der sie Séancen abhalten kann. Im Lift hört Frau Drusse erstmals das Klagen eines kleines Mädchens, dessen Geist sie auch bald zu Gesicht bekommt. In der ersten Staffel bildet dieses Motiv den spannendsten Erzählstrang überhaupt, denn Drusses Ermittlung führt direkt in die finstere Vergangenheit und kuriose Zukunft zahlreicher Mediziner.
Der schwedische Gehirnchirurg Stig Helmer tritt seine neue Stelle an, doch so ganz glücklich ist er hier im Exil wohl nicht, denn schon nach wenigen Tagen steigt er regelmäßig aufs Dach, späht über den Sund nach Schweden hinüber und schreit lauthals "dänischer Abschaum" in den Nachthimmel. Helmer gibt vor, Rigmor zu lieben, eine dänische Ärztin, die aber schon bald erkennen muss, dass Helmer es so nicht ganz ernst meint - und die ihn deshalb in der zweiten Staffel wie eine Ratte jagen wird: mit einem Revolver.
Assistenzarzt Jörgen Krogen, ein richtiger Schlaufuchs und Organisierer, weiß auch, was Helmer ins dänische Exil getrieben hat: ein ärztlicher Kunstfehler bei einer Operation an der kleinen Mona, die hier im Krankenhaus gepflegt wird. Die etwa sechsjährige Mona hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit jenem Geistermädchen, das sich als Mary (mit Ü ausgesprochen) Jensen zu erkennen gibt. Mary ist die uneheliche Tochter des früheren Krankenhausarztes Aage Krüger (Udo Kier). Sie wurde von ihm 1919 mit Chlorgas vergiftet. Das findet Frau Drusse nach spannenden, kuriosen Recherchen heraus, bei denen sie stets ihren dicken Sohn Bulder einspannt. Mona legt mit Buchstabenwürfeln Botschaften, die nur einer beachtet: Krogen. Mona ist deshalb wichtig, weil die Suche nach einem Anästesie-Report, der Helmers Kunstfehler beweist, zu einer grotesken Verfolgungsjagd ausartet.
Krogen liebt die blonde Judith, die eines Tages entdeckt, dass sie schwanger ist, allerdings nicht von Krogen, sondern von ihrem verschwundenen Freund Aage (Udo Kier). Als Krogen die Identität zwischen diesem Aage und Aage Krüger aus dem Jahr 1919 feststellt, wird ihm ziemlich mulmig. Kommentarlos gibt er Judith die Indizien. Judiths Schwangerschaft entwickelt sich denn auch sehr ungewöhnlich und rasant. Die Geburt ihres Kindes stellt den unheimlichen Höhepunkt wie auch das Ende der ersten Ende Staffel dar. Dreimal darf man raten, wessen Gesicht es trägt ...
Wesentlich mehr Anlass zum Lachen geben die beiden Moesgards, Senior und Junior. Prof. Moesgard ist der Verwaltungschef der Neurochirurgie und Helmers Boss. Eigentlich. Und zwecks Verbesserung des Kontakts zwischen Arzt und Patient hat er die "Operation Morgenluft" ins Leben gerufen: alberne PR-Spielchen. Offenbar stimmt vieles in Moesgards Oberstübchen nicht so ganz. Helmer empfiehlt eine Psychotherapie, die in der zweiten Staffel absurdeste Formen annimmt.
Da ist sein Sohnemann ein ganz anderes Kaliber. Er darf hier hospitieren und studieren, natürlich mit einem medizinischen Abschluss, der wegen Papis Verbindung zur Ärzte-Loge beinahe schon garantiert gut ist. Mogens ist ganz scharf auf Camilla vom Schlaflabor, eine dunkelhaarige Schönheit, von der schon bald kuriose Träume im Schlaflabor bekommt. Als sie ihn erhört, bekommen die inspizierenden Minister etwas Schönes zu sehen ... Aber auch Mogens hat eine Leiche im Keller: einen Leichenkopf im Spind.
Handlung der zweiten Staffel
Die zweite Staffel verfügt über fast ein Dutzend Erzählstränge. Hier nur die wichtigsten.
Frau Drusse macht sich große Sorgen. Sie stellt eine antagonistische Präsenz im Krankenhaus fest, die sie daran hindert, mit den Geistern Gutes zu bewirken. Die Geister sind jetzt überall, seit das Kind von Judith geboren wurde. Selbst normale Menschen wie der Gesundheitsminister können sie sehen - und sich von ihnen durchdringen lassen.
Judiths Sohn (Udo Kier) wächst rasend schnell, aber dieses Wachstum überfordert seine Knochen, und so muss er in einen bizarren Harnisch gespannt werden. Ist er der Ausgangspunkt der bösen Präsenz, fragt sich Frau Drusse, oder ist es jemand anderes? Bei der Suche werden sie und Bulder im tiefsten Keller des Krankenhaus fündig: Dort wird eine schwarze Messe abgehalten, die den Satan herbeiruft.
Stig Helmer sieht sich in höchster Not. Sein Kunstfehler ist durch einen Anästhesie-Report nachweisbar. Die Jagd nach diesem Fetzen Papier nimmt unglaublich groteske Formen an. (Helmer versucht, der Zustellung der Vorladung vors Gericht mit ulkigen Manövern zu entgehen.) Als er weiß, dass sein Widersacher Krogen den Report hat, beschließt er, ihn mit Gift zum Zombie zu machen und fliegt zu diesem Behufe nach Haiti, zu den Voodoopriestern. Sein Unternehmen wird wider Erwarten ein voller Erfolg. Und es gelingt ihm sogar, Mona loszuwerden ...
Unterdessen hat Mogens Moesgard mit Camilla eine stressige Zeit: Sie ist sexbesessen und laugt ihn aus. Dagegen ist die nette Chirurgiestudentin Sanne, die kein Blut sehen kann und (leider völlig vergeblich) versucht, ihr Nervenkostüm mit Splatter-Filmen abzuhärten, ein stilles Wasser. Als er sie mit Süßholzraspeln betört, kritisiert ihn Christian, der noch an solch absurden Werten wie Wahrheit und Ehrlichkeit festhält. Sogar Sanne findet Christian absolut langweilig und rät ihm, mal was Ausgefallenes und Aufregendes zu tun. Das macht er: Er wird - als Falcons Ablösung - "Geisterfahrer".
Die Entwicklung der Ereignisse strebt mehreren dramatischen Höhepunkten zu, einer grotesker und unheimlicher als der nächste.
Alle diese Ereignisse und Entwicklungen kommentieren, sozusagen als Griechischer Chor, zwei Tellerwäscher in den Versorgungstrakten des Riesenkomplexes. Dem Pärchen ist natürlich ebenfalls nicht ganz zu trauen: Sie haben beide das Down-Syndrom (vulgo "Mongoloismus").
Mein Eindruck von der Serie
Die beiden Staffeln, zwischen denen drei Jahre liegen, unterscheiden sich deutlich voneinander. In den vier Episoden der ersten Staffel liegt das Augenmerk deutlich auf der Charakterisierung der Figuren und einer langsamen, organischen Entwicklung der Handlungsstränge aus diesen Figuren heraus. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Problemen und Höhepunkten, so dass es nicht schwer fällt, mitzudenken und selbst über eine Lösung mancher Rätsel nachzudenken, insbesondere im Fall der getöteten Mary Jensen, die als Geist zurückkehrt und auf Erlösung wartet.
Dieses sympathische Vorgehen wird in der zweiten Staffel leider völlig aufgegeben. Nun liegt das Gewicht auf dem Vorantreiben von Action, und sei sie noch so absurd und grotesk. Das bekommt der Plausibilität, sofern am Ende der ersten Staffel überhaupt noch welche vorhanden war, überhaupt nicht gut. Die Geschehnisse überschlagen sich, als handle es sich um Akrobaten in der Manege, die es zur Belustigung des Zuschauers zu diversen Kunststücken anzuhalten gelte. Es gibt nur noch ein oder zwei Erzählstränge, die sich durch tragische Dramatik auszeichnen, so etwa der des braven Studenten Christian , der als "Geisterfahrer" einspringt, um die Bewunderung der angebeteten Sanne zu erringen.
Während in der ersten Staffel die Dramaturgie darauf achtet, jede Folge mit einer hammerharten neuen Entdeckung oder einem Rätsel abzuschließen, die im Zuschauer den Wunsch wecken, unbedingt weiterschauen zu wollen, sind die Höhepunkte in der zweiten Staffel anders angelegt. Hier bietet der Höhepunkt einer Episode nur selten ein Rätsel, sondern den vorhersehbaren Abschluss einer Entwicklung bis zu ihrem Höhepunkt. Dazu gehört der vermeintliche "Tod" Helmers ebenso wie der tatsächliche von Christian.
Es ist schon erstaunlich, dass es angesichts solcher grotesken und absurden Aktionen den Darstellern gelungen ist, stets ernst zu bleiben. Vielleicht lag es daran, dass ihnen der Regisseur völlig freie Hand gelassen hat, wie sie ihre jeweilige Rolle gestalteten. Sie wirken nicht gezwungen (und die Pannen hat man wohl herausgeschnitten) oder gar unglücklich mit ihrer Rolle.
Der Darsteller des Helmer spielt fast alle anderen an die Wand: Hugo-Ernst Järegard ist ein fantastischer Schauspieler, der voll Schwung und Kraft spielt, der allerdings während der Dreharbeiten an der zweiten Staffel bereits an Krebs litt und danach verstarb - wie so viele der hier zu sehenden Darsteller.
Die Einzigen, die Helmer hinsichtlich Präsenz und Nachhaltigkeit Paroli bieten können (und ich bin hier wahrscheinlich ungerecht), sind der weltbekannte Udo Kier, der nur eine Nebenrolle hat, und die Darstellerin der Judith, eine gewisse Birgitte Raaberg. Sie füllt die Rolle der Geliebten Krogens wie auch die der tragischen Mutter hundertprozentig glaubwürdig aus. Sehr beeindruckend.
~ Stil und Optik ~
Aber trotzdem macht es Spaß, den Akrobaten in der Manege zuzusehen, und sei es auch nur, um herauszufinden, um was es sich bei dem Urheber der "bösen Kraft" handelt. Denn diese ist auch in der Optik sichtbar gemacht. Während die meisten Bilder der Szenen in warmen Brauntönen eingefärbt sind, kippt die Farbe nun in ein dunkel-aggressives Giftgrün, das obendrein auch noch verzerrt ist und sich an den Rändern bewegt.
Das wichtigste Merkmal an der optischen Gestaltung der Serie besteht wohl darin, dass die Kamera in aller Regel entweder eine Steadicam (am Körper verwacklungsfrei befestigt) oder eine Handkamera (wackelt ziemlich heftig) ist. Letztere wird zum Glück nur bei beengten Verhältnissen wie etwa bei einer der zahlreichen Operationen bemüht. Daher ist der Zuschauer im Gegensatz etwa zu "Speed 2" völlig schwindelfrei, wenn er die Bilder betrachtet. Sie stammen meist von der Steadicam, mit der der Kameramann ebenfalls an die meisten Orte gelangen konnte, beispielsweise in Patientenzimmer.
Natürlich gibt es auch Bilder, die mit einer Standkamera gedreht wurden, so etwa alle auf den Korridoren gemachten. Alle Bilder von Geister zeichnen sich durch Langsamkeit aus. Die Standkamera kommt dem entgegen. Das macht auch Überblendungen einfacher zu realisieren.
~ Was will uns der Dichter sagen? ~
Das ist eine ziemlich müßige Frage. Aber eine relevante. Denn nach dem Ende JEDER Episode erscheint der Regisseur selbst, angetan mit Fliege und Frack. Er lässt einige schlaue Sprüche ab, die wohl nicht so ganz ernst gemeint sind, und verabschiedet sich mit zwei Handzeichen: einem PLUS-Kreuz für das Gute, und einem Cornuto-Zeichen für das Böse. Beim - mittlerweile in Metaller- und Rapperkreisen verbreiteten - Cornuto werden Zeige- und kleiner Finger wie zwei Hörner aufgestellt, während die Finger dazwischen (Mittel- und Ringfinger) angewinkelt sind.
Wie bei Goethes "Faust" kämpfen also Gut und Böse um etwas, aber um was? Eine einzelne Seele dürfte es wohl kaum sein, denn es gibt nur einen, dessen Charakter sich grundlegend wandelt: Krogen, vor und nach seiner Zombisierung. Aber es gibt ein Reich, das umkämpft ist: das Königreich, The Kingdom, Riget - wie auch immer man es bezeichnet, das Reichskrankenhaus. Der Originaltitel lautet "Riget", und das ist ein wichtiger Hinweis.
Etwas ist offensichtlich "faul im Staate Dänemark", und man muss kein Hamlet sein, um herauszufinden, dass hier eine ganze Menge im Argen liegt. Frau Drusse ist nur eine winzige Kraft, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Mutterliebe und Aufopferung ist eine zweite. Doch das ist auf Dauer leider zu wenig, um dem Verfall - dem äußeren wie dem inneren, moralischen - Einhalt zu gebieten. Der Sumpf kehrt zurück und mit ihm offenbar auch das Böse. Das Okkulte (z. B. Udo Kier als Satan) besiegt das Vernünftige, der Egoismus den Altruismus, der Gruppenzwang die Wahrheit & Ehrlichkeit. Die beiden Tellerwäscher kommentieren dies auf ihre eigene Weise.
Wie nicht anders zu erwarten, bildet das Reichskrankenhaus auf einer symbolischen Ebene das Mikrokosmos-Abbild der heutigen (nur dänischen?) Gesellschaft. Allerdings mit einer sehr eigenwilligen Interpretation, die vielen Genreregeln des Horrorfilms gehorcht: Der von der Vergangenheit belastete Schauplatz ist ebenso wichtig wie die von Sünden gehetzten Protagonisten und unter diversen Schrecken leidenden Opfer (Judith etwa).
Auf eine sehr verzerrte Weise spielt in diesem Kampf zwischen Himmel und Hölle, oben und unten, Okkultem und Wissenschaft ein besonderes Wesen die Rolle von Jesus. Zugleich Sohn einer Menschenfrau und eines Teufelsmannes, sieht sich "Brüderchen", wie Judiths Sohn genannt werden möchte, schon bald in einer körperlichen Position, die der Haltung eines Gekreuzigten auf verblüffende Weise ähnelt. Und die finale "Kreuzesabnahme" geht einher mit seinem körperlichen Ende.
"Brüderchen" ist ein Verwandter der von ihrer beider Vater getöteten Mary Jensen. Er büßt für die Sünden der Vergangenheit und der Gegenwart. Erstaunlich, wie es dem Schauspieler wie auch dem Regisseur gelingt, "Brüderchen" nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, sondern im Gegenteil tiefes Mitgefühl zu wecken, das sich dann in Judith verkörpert. Die Serie hat also durchaus einen ernstzunehmenden Gehalt. Aber dieser Eindruck verfliegt schon mit dem Auftritt des nächsten Akrobaten in den Manege. Ernst und Groteske befinden sich in einem ausbalancierten Gleichgewicht.
Die DVD
Technische Infos
Bildformate: 1,33:1 (4:3 Vollbild)
Tonformate: DD 2.0
Sprachen: D, Dänisch & Schwedisch mit dt. Untertiteln
Untertitel: D
Extras:
- In Lars von Triers Kingdom (ca. 40 Min.)
- Featurette mit Udo Kier (ca. 8 Min.)
- Audiokommentare zu ausgewählten Szenen
- Hinter den Kulissen (24:20)
- Original-Trailer (ohne Untertitel)
- Acht Werbespots von L. v. Trier und E. H. Järegard
- "The Shiver": Musikvideo mit L. v. Trier
- "The Shiver": Musikvideo-Outtakes mit L. v. Trier
Mein Eindruck von der DVD
Dass es sich bei "Geister" um eine Fernsehproduktion handelt, merkt der Zuschauer nicht nur durch das Vollbild im Format 4:3, sondern auch durch die bescheidene Tonqualität im Standard Dolby Digital 2.0. Über die Qualität des Bildes an sich kann man nur spekulieren: Ist dieser oder jener Fehler nun unerwünscht oder volle künstlerische Absicht? So etwa ist das Bild fast durchweg in einem warmen Orange-Ton eingefärbt, außer an jenen Stellen, an denen die "Sicht des Bösen" in dunklem Neongrün davon absticht.
Auch die Dialoge sind gewöhnungsbedürftig. Ohne auf deren Inhalte eingehen zu wollen, ist doch festzuhalten, dass es häufig passiert, dass in der ungekürzten Fassung mitten im Dialog ein Fetzen Dänisch oder Schwedisch auftaucht. Das zwingt den deutschen Zuschauer, den Blick auf die Untertitel zu werfen. Ich habe von vornherein stets die Untertitel aktiviert und hatte daher durch diese Eigentümlichkeit keinerlei Schwierigkeiten. Zudem kann es vorkommen, dass Bild- und Tonspur asynchron laufen, was aber zum Glück nur für Sekunden gilt: Bild läuft, auf Ton muss man noch warten.
~~ Das Bonusmaterial ~~
Lässt man die Audiokommentare erst einmal links liegen, so bildet das Porträt "In Lars von Triers Kingdom" mit seinen 40 Minuten Länge das Kernstück der Extras. Dass dieser Beitrag hauptsächlich aus einem einzigen langen Interview besteht, dürfte alle jene verwundern, die den Regisseur als einen äußerst medienscheuen Zeitgenossen kennen (oder zu kennen meinen).
~ Porträt des Regisseurs ~
Um diese seltene Gelegenheit auszunutzen, klappert der Interviewer daher eine große Palette von Themen ab. Es würde zu weit führen, alle Themen aufzuführen, aber folgende Filme werden besprochen und mit Filmausschnitten illustriert: "Epidemic" (1987), "Europa" (1991), "Breaking the Waves" (1996), "Kingdom/Geister II" (TV, 1997), "Idioten" (1998), "Morten Korch" (TV, 1999, als Creative Producer), "Dancer in the Dark" (ca. 2000), "Dogville" (ca. 2003), "Manderlay" (2005). Am Schluss singt uns Lars ein Ständchen. Seine Statements gewähren einen Einblick in seine Wertvorstellungen, seine Absichten, seine Erfahrungen als Mensch, Vater und Künstler sowie auf seinen künstlerischen Standpunkt.
~ Udo Kier - Baby und Teufel ~
Udo Kier begrüßt explizit den Nutzer der DVD-Edition. Er setzt sich einfach ins Tonstudio vor ein Mikro und legt los. Acht Minuten lang erzählt er, welche Rollen er bei "Geister" hatte - Judiths Baby alias Mary Jensens Stiefbrüderchen einerseits, und Aage Krüger alias der Teufel andererseits. Die Erfahrungen mit dem Regisseur waren für ihn nicht neu, denn schon in "Europa" (1991) arbeitete er mit von Trier zusammen. Aber sie waren, wie für alle anderen, sehr angenehm. Kier empfiehlt, sich für das Anschauen der DVD-Box ein Wochenende freizunehmen. Dem kann ich nur beipflichten. Man kriegt die Bilder nämlich nicht aus dem Kopf und kann sich auf nichts anderes mehr konzentrieren.
~ Behind the scenes ~
Dieser fast 25 Minuten lange Beitrag nimmt die Stelle eines Making-ofs ein, ohne jedoch den Herstellungsprozess nachzuerzählen. Dennoch gelingt es dem Beitrag, den Zuschauer, der "Geister" nicht kennt, sehr gut mit der TV-Serie bekannt zu machen, und zwar sowohl mit den ersten vier Folgen, die 1994 entstanden, als auch mit den vier Folgen, die drei Jahre später entstanden und sich deutlich unterscheiden.
Die wichtigsten Darsteller geben mehr oder weniger kurze Statements aus Interviews ab, so dass eine lange Kette von Impressionen entsteht. Lediglich Udo Kier fehlt und die zwei Wäscher mit Down-Syndrom, die das Geschehen im Krankenhaus auf einer philosophisch-spirituellen Ebene kommentieren. Auf die technische Verfremdung der Aufnahmen kommt leider nie die Sprache. Hervorzuheben ist, dass der Führungsstil des Regisseurs recht gewöhnungsbedürftig war, denn er ließ den Darsteller sehr viel Freiheit, ihre Rolle auszufüllen.
~ Goodies und Werbung ~
Den Abschluss bilden ein Musikvideo namens "Shiver" sowie eine Reihe von Werbespots, die von Trier mit einem seiner Hauptdarsteller gedreht hat: Ernst-Hugo Järegard. Um zu verstehen, was daran so lustig sein soll, wenn sich EHJ als Transvestit verkleidet oder als Surfer, muss man wissen, dass sein schwedischer Akzent für die Dänen die gleiche Wirkung hat wie auf uns Deutsche das Ostfriesische: Es reizt zum Lachen. Wenn also das beworbene "Ekstrablad" für sich reklamiert, es mache den Mund auf, wo andere schweigen, so hat das einen selbstironischen Beigeschmack, der der Arroganz die Spitze nimmt.
Ein zweiter Spot für diese Zeitung ist da wesentlich leichter verständlich, denn er kommt praktisch ohne Worte aus. In der Herrensauna findet einer der Männer einen Lüftungsschlitz, der ihm einen Blick auf die Frauensauna gewährt. Aber holla! Irgendwie bleibt dieser Vorgang nicht unbemerkt, und so kommt der Moment der Wahrheit, als die Saunaaufseherin kontrolliert, wer der Schuldige ist, der seinen sündigen Blick auf ihre Schäflein geworfen hat. Es ist der nackte Mann mit der Zeitung. Sie hängt auf seinem Ständer ...
Das Musikvideo zeigt ein Ballett von Ärzten und Medizinerinnen, das neue Showbewegungen wie den Jive oder den Double Fork einüben. Die Musik ist schwungvoll, die Show jedoch Geschmackssache. Filmszenen sind dazwischengestreut, doch da das Ganze nur 1 Minute 40 Sekunden dauert, hält sich der Genuss in Grenzen. Die Outtakes, die im Menü englisch "Bloopers" genannt werden, zeigen eben lustige und misslungene Szenen.
~ Die Audiokommentare ~
... umfassen insgesamt nur rund 60 Minuten für acht Episoden von 580 Minuten Länge. Es werden also nicht einmal zehn Prozent der Szenen kommentiert. Das macht aber überhaupt nichts, denn der Regisseur, der Drehbuchautor Niels Malmros und die Cutterin Molly Stensgaard wissen nicht allzu häufig etwas Tiefschürfendes beizutragen. Besonders Trier mokiert sich des Öfteren über die überzogene Darstellung mancher Elemente. Da sind Stensgard und Malmros schon hilfreicher: Sie weisen auf die Elemente hin, die sich zwischen der ersten und der zweiten Staffel grundlegend geändert hatten, und das waren eine ganze Menge. Abschließend erklärt Trier mehrmals, warum es keine dritte Staffel gab - keine Nachfrage - und wohl auch nie geben wird.
Unterm Strich
Während mich die erste Staffel durch ihren erstaunlichen Ideenreichtum, spannende Rätsel und die Entwicklung der Charaktere beeindruckt hat, fand ich die zweite Staffel durch ihren Aktionismus zwar unterhaltsam und mitunter erheiternd, aber keineswegs beeindruckend. Dass diese Serie auch von den Amerikanern aufgegriffen und von Stephen King zu einem Remake-Flop gestaltet wurde, verwundert keineswegs.
"Geister" ist ein Vorstoß in stilistisches und gedankliches Terrain, das noch wenig mit modernen Erzählmitteln erforscht worden ist. Die fürs TV produzierten Horrorstreifen halten sich alle an althergebrachte Erzähltraditionen, auch optisch. Der letzte diesbezüglich an "Geister" heranreichende Versuch war meines Erachtens der Kinofilm "Wolfen" mit Albert Finney in der Hauptrolle.
Die DVD-Box lohnt sich für den Sammler und den Einsteiger gleichermaßen. Hier ist durch die Audiokommentare noch Neues zu erfahren, und mit dem Porträt ist eines der seltenen Interviews mit dem Regisseur Lars von Trier zu genießen. Udo Kier hat einen launigen, aber professionellen Auftritt, und die Commercials ehren in Hugo-Ernst Järegard einen großen Schauspieler.
- Redakteur:
- Michael Matzer