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ALIAS EYE: Interview mit Philip Griffiths

01.01.1970 | 01:00

Auch wenn Kollege Christian TRANSATLANTIC gerne den Orden für das beste Prog-Album des Jahres umhängen möchte, so verdient die Mannheimer Combo ALIAS EYE meiner Meinung nach diese Auszeichnung. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei "Field Of Names" auch noch um das Debut des Quintetts aus der Quadratstadt handelt, ist man sogar versucht, von einer Sensation zu sprechen. Auf jeden Fall hat die Combo ein erstklassiges Werk vorgelegt - ein Grund mehr, Sänger Philip Griffiths mal genauer auf den Zahn zu fühlen, der sich als überaus redseliger und sehr sympathischer Gesprächspartner entpuppte:

Rouven:
Ihr seid eine neue Band, bei einem recht kleinen Label und spielt auch noch nicht unbedingt voll massentauglichen Prog. Hattet ihr mit "Field Of Names" bisher nennenswerten Erfolg?

Philip:
Ja, bisher läuft es wirklich gut. So weit ich weiss, ist die erste Ladung CDs schon ausverkauft. DVS, das kleine holländische Label, bei dem wir sind, wird ja vertrieben von Rising Sun und Zomba, da hat man schon einige Möglichkeiten. Die Leute da stehen ausserdem zu hundert Prozent hinter der Musik, und genau diese Kombination hat uns auch gereizt.

Rouven:
Und wie schaut´s bisher mit den Kritiken aus?

Philip:
Wirklich äusserst gut! Besonders die Einzelkritiken von kleineren Mags und Online-Magazinen waren klasse. Bei grösseren Sachen wie dem Rock Hard geht mal dafür leider etwas unter - das Review an sich war ja gut, dafür das Gesamtergebnis im Soundcheck nicht so sehr.

Rouven:
Wie lange gibt es ALIAS EYE eigentlich schon? Wenn man sich "Field Of Names" so anhört, dann klingt ihr unheimlich eingespielt und sehr professionell.

Philip:
ALIAS EYE sind aus STONEHENGE entstanden, das war eine HENDRIX-Coverband. Da sind wir seit sieben Jahren zusammen. Irgendwann hatten wir allerdings keinen Bock mehr auf das Covern, und als dann noch unser Keyboarder zu uns stiess, haben wir ALIAS EYE gegründet. In dieser Konstellation spielen wir seit zwei Jahren.
Wir haben dann ein Demo aufgenommen, auf das DVS Records gleich angesprungen sind. Im Anschluss daran haben wir dann ziemlich gleich "Field Of Names" aufgenommen. Im Übrigen sind wir bei DVS wirklich zufrieden, es kommt uns zugute, dass es nur ein kleines Label ist, weil man da nun mal nicht eine Band unter tausend ist. Und die Jungs kümmern sich wirklich sehr gut um uns.

Rouven:
Und wie lange habt ihr für die Aufnahmen zu dem Album gebraucht? Das Teil klingt dermassen ausgefeilt und perfekt, war doch sicher eine Menge Arbeit?

Philip:
Ja, das kann man so sagen (lacht). Insgesamt haben wir fünf Monate daran gewerkelt. Am längsten hat das mit den Chorpassagen gedauert, weil das eine unheimlich aufwendige Arbeit ist. Mein Vater kennt allerdings den Studiobesitzer, bei dem wir aufgenommen haben, von daher konnten wir uns auch alle Zeit der Welt lassen. Aber ich finde, es hat sich gelohnt, die Produktion kann sich hören lassen!

Rouven:
Allerdings - die macht auch eingesessenen Acts Konkurrenz.
Welche musikalischen Einflüsse erachtest du denn als massgeblich für ALIAS EYE?

Philip:
Ohjeh, das sind eine ganze Menge! Am besten teile ich das mal in die einzelnen Bandmitglieder auf, das ist einfacher. Unser Gitarrero steht auf GARY MOORE und HENDRIX, der Drummer mag Sachen wie IRON MAIDEN und JETHRO TULL, unser Keyboarder ist der Popper in der Truppe, dem gefallen Sachen wie BRIAN ADAMS, aber selbstverständlich hört und spielt der auch ´ne Menge Klassik. Der Basser ist ziemlich funkig veranlagt, und ich bevorzuge Bands wie JELLYFISH, DREAM THEATER oder SPOCK´S BEARD.
Durch diese ganzen verschiedenen Einflüsse kommt die eigenwillige Mischung der Musik von ALIAS EYE zustande, denn wir versuchen trotz unserer musikalischen Vorlieben unseren eigenen Kram zu machen. Ich bezeichne den Stil von ALIAS EYE auch lieber als Art-Rock denn als Prog, da der Begriff durch die vielen Retro-Bands doch arg vorbelastet ist. Wobei wir zum Beispiel mit dem Akkordeon ein Instrument haben, das sonst wohl keine Band in diesem Bereich ihr Eigen nennt (lacht).

Rouven:
Um was geht´s denn hauptsächlich in den Texten? Ein Konzept habe ich jetzt nicht ausmachen können, aber so weit ich das erkennen kann, sind die Lyrics doch recht tiefgründig.

Philip:
Ja, das kann man so sagen. Ich wollte mich bei den Texten nie wirklich festlegen, habe also eine Menge Interpretationsspielraum gelassen. Sie sind allerdings schon gesellschaftskritisch. Das drückt auch der Titel "Field Of Names" aus, diese Identitätslosigkeit der heutigen Gesellschaft tötet Künstler, tötet Individualisten. Es geht um eine Art "Realitätspolster", Nischen in die man sich zurückzieht und mit der Zeit immer gesichtsloser wird. Deshalb auch die Leute mit den Masken auf dem Cover, die allesamt gleich aussehen. "An End In Itself" hingegen behandelt den Selbstmord eines Freundes, ist also ein sehr persönlicher Text.
"Hybrid" ist - wie das gesamte Lied - sehr ironisch zu verstehen, aber sonst herrscht eine eher düstere Stimmung vor.

Rouven:
Wie beurteilst du denn die deutsche Prog-Szene so? Ausser VANDEN PLAS und POVERTY´S NO CRIME hört man ja aus deutschen Landen recht wenig an progressiven Sounds...

Philip:
Nun ja, es gibt tatsächlich wenige deutsche Bands, die auf der einen Seite einen professionellen Plattendeal haben und auf der anderen Seite auch über die Grenzen hinaus bekannt sind. Anscheinend wollen die Labels die Bands nicht - international wir der deutsche Prog ja teilweise noch wegen dem Akzent beim Englischen belächelt. Die meisten Prog-Bands kommen wohl aus den USA, und da scheint der Markt auch zu boomen, zumindest, was die Bekanntheitsgrade und Verkäufe der Bands in Europa anbelangt.
Die Szene in Deutschland ist recht klein, aber ich denke schon, dass es eine Menge talentierter Bands gibt. Von daher finde ich es auch schwachsinnig, ALIAS EYE als die "Retter der deutschen Prog-Szene" hinzustellen, wie einige Magazine das gemacht haben. Wir hatten einfach Glück, das ist alles. Das Potential ist auf jeden Fall vorhanden, nur wird es nicht genutzt!

Rouven:
Wenn wir gerade bei der englischen Aussprache sind - damit dürftest du, deinem Nachnamen nach zu urteilen, wohl keine Probleme haben. Gehe ich recht in der Annahme, dass du englischer Abstammung bist?

Philip:
Ja, das stimmt. Mein Vater (Martin Griffiths - d. Verf.) kam nach Deutschland und lernte hier meine Mutter kennen. Er hat übrigens früher bei BEGGAR`S OPERA gesungen, die damals eine recht grosse Progband waren.
Ausserdem ist unser Keyboarder halb Kanadier und halb Litauer und kann somit auch einiges an Englischen Fachkenntnissen einbringen. Und zu guter Letzt habe ich gerade mein Anglistik-Studium hinter mir.

Rouven:
Jetzt wüsste ich gerne mal, welches deiner Meinung nach die einflussreichsten Prog-Bands aller Zeiten sind. Drei reichen, sonst sprengt das hier den Rahmen...

Philip:
Puh...an "klassischen" Prog-Bands wären das sicherlich YES, KING CRIMSON und GENESIS. Aber eigentlich auch die BEATLES, denn die sind die erste Prog-, ja die erste Pop/Rock-Band überhaupt meiner Auffassung nach. Bei den neueren Bands würde ich dann eher zu DREAM THEATER, die den Prog einer breiten Masse zugänglich gemacht haben, SPOCK´S BEARD und TRANSATLANTIC tendieren. Letztere starteten zwar als Projekt, aber ich denke, dass sie besonders mit ihrer zweiten Scheibe bewiesen haben, dass da viel mehr dahinter steckt. Auch PAIN OF SALVATION sind eine herausragende Band, die in Zukunft sicher noch einiges reissen wird.

Rouven:
Bekommt man euch eigentlich auch mal live zu sehen?

Philip:
Klar, wir kommen ganz gut rum und haben gerade einen Gig mit den FLOWER KINGS hinter uns. Leider sind wir momentan noch mehr oder weniger lediglich regional aktiv, also in Mannheim oder Heidelberg. Hoffentlich ändert sich das in Zukunft! Die Tourdaten kann man übrigens auf unserer Homepage - http://www.aliaseye.com - einsehen.

Rouven:
Und wie geht´s jetzt weiter bei euch?

Philip:
Wir sind dabei, neue Songs für das nächste Album zu schreiben, welches irgendwann 2002 erscheinen wird. Eine grösser angelegte Tour mit einer bekannten Band, die natürlich auch stilistisch passen sollte, wäre dann auch mal nicht schlecht.

Rouven:
Was würdest du tun, wenn ALIAS EYE plötzlich bahnbrechende Erfolge feiern würden?

Philip:
(lacht) Das wäre natürlich klasse, sozusagen ein Traum! Wir sind aber auch sehr realistisch, und ich denke nicht, dass das in absehbarer Zeit passieren wird. Aber wenn, dann muss eben auch eine Basis da sein. Der Erfolg bringt dir nichts, wenn du in zwei oder drei Jahren wieder weg vom Fenster bist. Aber wir sind trotzdem zuversichtlich, und ich muss sagen, mir gefällt die Situation so, wie sie jetzt ist - die grossartigen Resonanzen auf´s Album sind ja auch schon ein Erfolg für sich! Und in Japan, Polen und Mexiko kommt "Field Of Names" richtig gut an, was uns natürlich besonders freut.

Rouven:
Jetzt mal noch eine Frage, die den Song "Hybrid" betrifft - da habt ihr ein klassisches Zitat eingebaut und, wenn ich mich nicht irre, die Melodie von "Tom & Jerry", stimmt das so?

Philip:
Ja, stimmt. Das Klassik-Thema ist von Bach, und dann kommt eine kurze Einspielung von "I am Weasel" (UK-Comicserie - d.Verf.) und dann dieses "Vielen Dank für die Blumen" von Tom & Jerry. Allerdings mussten wir das etwas abändern, um keine Probleme wegen dem Copyright zu bekommen. Live wird das allerdings originalgetreu gespielt. Mal schauen, ob wir so was in Zukunft auch noch mal bringen, ist ne ganz witzige Idee.

Rouven:
...die vor allem das klassische Zitat wunderbar auf den Arm nimmt. Mehr davon!
Mit welchen Musikern oder Bands würdest du denn gerne mal zusammenarbeiten, wenn du die freie Auswahl hättest?

Philip:
Da fällt mir auf Anhieb ELTON JOHN ein. Das ist ein grossartiger Sänger und Songwriter, den ich wirklich bewundere. Als Band vielleicht mit den BEATLES, wobei das mittlerweile etwas schwierig sein dürfte (lacht). Und natürlich mit Neal Morse von SPOCK`S BEARD, den ich auch für einen herausragenden Musiker halte, besonders kompositorisch.

Rouven:
Wo siehst du ALIAS EYE in fünf Jahren?

Philip:
Auf jeden Fall noch aktiv. Uns bringt so schnell nichts auseinander. Schön wäre noch ein gesteigertes Hörerinteresse und ein grösserer Bekanntheitsgrad. Und das ganze soll mehr als ein Hobby sein, was es jetzt eigentlich ja schon ist.

Rouven:
Welchen Stellenwert hat das Internet für dich bzw. für ALIAS EYE als Band?

Philip:
Nun ja, schon einen gewissen, immerhin haben wir dadurch unseren Plattenvertrag bekommen. Ansonsten ist das Internet für eine kleine Band eindeutig zu übersättigt, mittlerweile gibt es so viele verschiedene Undergroundbands, die ihre Demos online haben, da hat man gar keinen richtigen Überblick mehr und man hat es als Band sehr schwer, aus der Masse herauszustechen. Als Informationsquelle ist das Netz echt klasse, aber für die Bandpräsentation sind meiner Meinung nach die Printmedien geeigneter. Mal abgesehen von den grossen Online-Magazinen, die auch noch eine Menge Leser haben, die sollte man nicht unterschätzen.

Rouven:
So, jetzt noch deine aktuellen fünf Lieblingsscheiben!

Philip:
Muss ich da jetzt auch Metal nennen, weil das Ganze bei Powermetal.de erscheint? (lacht)
Naja, here we go:
1. BEN SOULS - "Rocking The Suburbs"
2. PAIN OF SALVATION - "The Perfect Element Pt.I"
3. TRANSATLANTIC - "Bridge Across Forever"
4. JELLYFISH - "Spilled Milk"
5. JAMIROQUAI - "Funk Odyssey"

Rouven:
Last but not least: Irgendwelche Worte an unsere Leser?

Philip:
Erstmal ein dickes Dankeschön, dass wir erhört werden! Ich find´s wirklich klasse, dass man auch im Metal-Bereich noch so viele Open-Minded-Leute findet, und wir fühlen uns auch wohl hier. Hört mal in unser Album rein oder besucht die Homepage (http://www.aliaseye.com), da kann man sich auch ein Mp3 runterladen. Und schreibt uns ´ne Mail, wenn ihr es schlecht findet, haha! Natürlich auch, wenn ALIAS EYE euren Geschmack treffen - wir freuen uns immer über Post!

Redakteur:
Rouven Dorn

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