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ANTIQUUS: Interview mit Andrew Bak

04.03.2007 | 19:55

Bevor ich erneut anfange, über die Ausnahmestellung kanadischer Bands zu philosophieren, wenden wir unser Augenmerk lieber sofort auf ANTIQUUS, die mit "Eleutheria" soeben ihr zweites Wunderwerk unters Volk gebracht haben. Drummer und Sprachrohr Andrew Bak gab bereitwillig Auskunft über seine Kapelle, und da der Herr obendrein noch Freund anspruchsvoller Klänge ist, war ein Plausch über ein triviales Metal-Fachwissen auch noch angesagt. Viel Spaß!



Holger:
Andrew, da ihr noch am Anfang eurer Karriere steht, wäre es sinnvoll, wenn du den bisherigen Werdegang von ANTIQUUS erst einmal beschreiben würdest.

Andrew:
Scott (Unger, bs.) und ich kennen uns schon eine halbe Ewigkeit und waren zusammen in diversen Bands, bevor ANTIQUUS entstanden. Vor etwa sechs Jahren traf unser damaliger Gitarrist zufällig Jesse (White, voc.) auf einer Party, und die beiden haben den ganzen Abend über IRON MAIDEN gefachsimpelt. Am nächsten Tag kam Jesse dann zu einer Audition bei uns vorbei, und vom ersten Moment an wussten wir, dass er der Richtige für uns ist. Nicht nur aufgrund seines Talents, sondern auch, weil wir die gleichen Interessen in Bezug auf Literatur, Geschichte etc. haben und er ein toller Kerl ist, der für seine Ziele auch einmal etwas riskieren würde.

Holger:
Der Bandname klingt sehr außergewöhnlich. Was genau bedeutet er? Klingt irgendwie nach "antik"?!

Andrew:
Einige Zeit dachte ich, es wäre ein Wort, das ich erfunden hätte. *lacht* Als wir "Ramayana" veröffentlichen wollten, suchten wir einen neuen Bandnamen, und ich hatte kurz zuvor den Film "Equus" geschaut. Ich mochte den Klang des Filmtitels, so dass wir uns für ANTIQUUS als Bandnamen entschieden. Etwas später stellten wir dann fest, dass dies das lateinische Wort für "antik" ist. Da wir uns sowieso sehr für Geschichte interessieren, passte das dann doppelt gut, und wir beließen es dabei.

Holger:
Ihr hattet auf dem Debüt noch ein deutlich anderes Line-up. Was ist mit Jeff und Dave passiert?

Andrew:
Jeff brauchte einen Tapetenwechsel, und so zog er nach Toronto. Dort spielt er in der Band MASTERY, die gerade mitten in ihrer US-Tour steckt. Eine tolle Band! Unser anderer Gitarrist Dave verlor plötzlich das Interesse an unserer Musik und konzentriert sich nun auf andere kreative Dinge.

Holger:
Wie seid ihr dann an Trev (Leonard, gt.) und Geoff (Way, gt.) gekommen?

Andrew:
Trev haben wir durch eine befreundete Sängerin kennen gelernt. Er war gerade von St. John's hergezogen. Wir hatten gerade den Mix von "Ramayana" fertig gestellt, die Scheibe aber noch nicht gemastert. Wir haben gejammt und waren völlig geplättet von der Energie, mit der Trev uns alle wegpustete. Dann suchten wir nach einem zweiten Gitarristen und schalteten ein paar Anzeigen in lokalen Magazinen. Geoff meldete sich daraufhin bei uns. Er war weitaus melodischer orientiert als Trev, und so ergänzten sich die beiden ganz hervorragend.

Holger:
Wenn man sich euer Debütalbum zu Gemüte führt, stellt man sich unweigerlich die Frage, was ihr mit einem so ambitionierten Album erreichen wolltet. Viele Bands kommen mit einem roh produzierten Erstling um die Ecke, der wild klingt. Ihr hingegen startet gleich mit epischen Nummern, einem Textkonzept und habt obendrein auch gleich einen amtlichen, selbst gestrickten Sound.

Andrew:
Vielen Dank für das Kompliment! Das Konzept stammt von Jesse, während Scott und Jeff den Großteil der Musik geschrieben haben. Ich wollte, dass die Scheibe wie aus einem Guss klingt, und da ich vorher bereits ein paar andere Sachen produziert hatte, wusste ich in etwa, wie ich vorgehen wollte. Wir haben den Vorteil, dass wir Zugang zu Aufnahmeequipment in unserem Übungsraum haben, und so nutzten wir die Gunst der Stunde und nahmen alles in die eigenen Hände, damit uns niemand hineinreden konnte. So hatten wir alle Freiheiten, die wir brauchten. Als es dann ans Mixen ging, wussten wir, dass es ein gutes Album werden würde, obwohl wir nur ein limitiertes Budget hatten. Wir sind sehr zufrieden mit dem Endergebnis, aber vielleicht können wir irgendwann mal einen Remix mit besserem Sound machen, da es dort doch ein paar Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

Holger:
Erzähl doch mal ein bisschen was über das Textkonzept.

Andrew:
"Ramayana" ist unsere Interpretation eines altertümlichen indischen Gedichtes. Und wie viele Geschichten aus dieser Zeit handelt es von den Helden und Schurken dieser Epoche. Wir haben versucht, die Story so originalgetreu wie möglich zu übernehmen, mussten aber leider ein paar Dinge auslassen. Ich werde euch jetzt nicht die Spannung nehmen und die komplette Story erzählen. Dazu müsst ihr schon das Album anhören. Aber so viel kann ich verraten: Es handelt von schönen Frauen, Dämonen, Göttern und Helden. Und neben dem sechs Songs umfassenden Konzept gibt es noch vier weitere Kompositionen, die zwar nicht mit der Thematik verknüpft sind, aber ebenso episch in ihren Inhalten daherkommen. So behandelt 'Battle Of Eylau' eine von Napoleons großen Schlachten. Ich hoffe, die Leute werden sich die Zeit nehmen und es sich anhören.

Holger:
Das hoffe ich auch, denn es lohnt sich! Wie waren denn bis jetzt die Reaktionen darauf?

Andrew:
Wir waren uns im Klaren darüber, dass es ein Risiko sein würde, gleich mit einem Konzeptalbum zu starten. Umso überraschter waren wir, als die Reaktionen darauf so überschwänglich waren. Vor allem die Fans in Europa haben verstanden, worum es uns mit dem Album ging, während der Rest der Welt eher etwas unterkühlt reagiert hat. Gerade die Resonanzen in Deutschland waren und sind aber sehr euphorisch. Sowohl für "Ramayana" als auch für das neue Album "Eleutheria".

Holger:
Habt ihr eigentlich versucht, mit dem Debüt einen Deal zu bekommen?

Andrew:
Nein, wir haben von Beginn an geplant, das Ding im kompletten Alleingang zu veröffentlichen. Es ist sehr interessant, das Musikbusiness zu beobachten, wenn du völlig unabhängig arbeitest. Eine tolle Erfahrung, die uns auf den Deal sehr gut vorbereitet hat.

Holger:
Wie seid ihr denn nun zum Deal mit Cruz Del Sur gekommen? Seid ihr zufrieden mit ihrer Arbeit? Wie lange läuft der Vertrag?

Andrew:
Das Label hatte die guten Reviews von uns gelesen, die wir in den Magazinen bekommen hatten: Martin Brandt im HEAVY und die grandiose Besprechung im "Brave Words And Bloody Knuckles" waren da sehr hilfreich. Es waren auch noch andere interessiert an uns. So hatten wir zum Beispiel ein Gespräch mit Brian Slagel von Metal Blade Records, woraus aber nichts weiter wurde. Während unserer ersten regionalen Tour kontaktierten uns dann Cruz Del Sur. Ich habe den Eindruck, dass sie sehr auf ihre Künstler fokussiert sind und ihnen sehr viele Freiheiten lassen. Bis jetzt klappt die Zusammenarbeit ganz hervorragend, aber eines ist klar: Je besser das Album läuft, umso glücklicher ist das Label. Ich will jetzt nicht die Details ausplaudern, aber ich kann dir versichern, dass wir so lange wie möglich bei Cruz Del Sur bleiben wollen.

Holger:
Das hört man doch gerne. Wenden wir uns nun aber endlich mal dem neuen Werk "Eleutheria" zu. Was heißt das eigentlich?

Andrew:
"Eleutheria" ist Griechisch und bedeutet "Freiheit". Jesse wollte die Idee von einem idyllischen Ort vermitteln, aber es kann genauso einen Geisteszustand ausdrücken. Es ist wichtig, dies zu erkennen, um die Story besser zu erfassen.

Holger:
Sehe ich es richtig, dass es auch wieder Songs gibt, die nicht zum restlichen Konzept des Albums gehören?

Andrew:
Stimmt, aber auch diese Nummern haben einen ähnlichen Hintergrund wie das Konzept des Albums. Sonst würde es ja auch keinen Sinn ergeben. In "Eleutheria" geht es um einen Entdecker, der von seinem König ausgesandt wird, um neue Ländereien und Reichtümer zu finden. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen – ihr sollt das Album schließlich hören –, darf ich verraten, dass auf seiner Reise einiges schiefläuft und er einige harte Entscheidungen fällen muss. Wir wollten aufzeigen, wie weit man bereit ist zu gehen, nur um Fortschritt und Erfolg zu erzielen. Wird man töten? Ist man bereit, dafür zu sterben? Wenn man ein Paradies finden würde, würde man es so belassen, wie man es vorgefunden hat, oder würde man seine eigenen Werte und Vorstellungen dort einbringen wollen, um es zu verändern?


Holger:
Interessante Thematik. Gibt es denn auch eine Verbindung zwischen dem Covermotiv und der Story?

Andrew:
Ja, gibt es. Wir hatten das große Glück mit einem Designer arbeiten zu können, bei dem wir mitbestimmen konnten, wie das Endresultat aussehen soll. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man bei einem Label unter Vertrag ist (? - der Verf.). Jesse hat das Logo und das Frontcover entworfen. Dreh es mal herum, fällt dir etwas auf?

Holger:
Oh ja, das ist total cool! (Selber machen und erstaunt gucken - der Verf.)

Andrew:
Scott Hoffman von Eyedolatry Design hat den Rest gemacht. Wir hatten sehr ambitionierte Pläne mit dem Booklet, aber aufgrund mehrerer Faktoren, konnten wir nicht alle realisieren. Trotzdem sind wir sehr zufrieden mit dem Endresultat.

Holger:
Das könnt ihr auch sein. Sieht sehr schön aus und passt vor allem sehr gut zur Musik und zur Thematik. Wobei wir auch endlich bei Thema "Musik" sind und die textliche Seite verlassen. Der erste Vergleich, der mir beim Anhören von "Eleutheria" in den Sinn kam, war IRON MAIDENs "Powerslave". Nicht nur, dass die Band einen gewissen musikalischen Einfluss auf ANTIQUUS zu haben scheint, auch die Idee, mit Konzepten zu arbeiten und gesprochene Passagen einzubauen, lässt Parallelen erkennen. Kommentare bitte!

Andrew:
Wir sind alle riesige IRON MAIDEN-Fans! Und ich liebe den warmen analogen Klang des genannten Albums – und seinen Tiefgang. Wir hoffen, davon ein bisschen was eingefangen zu haben. Wir wollten für uns selbst einen klareren und kräftigeren Sound. MAIDEN sind eine Band, die sich immer selbst treu geblieben ist und niemals stillgestanden hat. Ich hoffe, wir werden das auch erreichen. Natürlich wollen wir niemanden kopieren, aber es wird immer Elemente unserer Helden in unseren Songs geben.

Holger:
Solange es so grandios klingt, gibt es daran auch nichts auszusetzen. Dazu tönt ihr viel zu eigenständig. Ein Faktor, den vor allem Bands aus Kanada häufig innehaben. Würdest du mir da zustimmen, und gibt es dafür besondere Gründe?

Andrew:
Viele kanadische Kapellen wollen aus dem Mainstream ausbrechen, selbst wenn dies weniger Erfolg und Ruhm bedeutet. Ich bin ein großer Fan von Bands, die dem Hörer etwas abverlangen, und viele dieser Bands kommen in der Tat aus Kanada. RUSH und VOIVOD sind nur zwei großartige Beispiele für diese These.

Holger:
Stimmt, diese Bands sind ganz, ganz toll. Ich werde dir jetzt mal ein paar Namen kanadischer Bands an den Kopf knallen, und du sagst mir, was du von ihnen hälst.

Andrew:
Nur zu.

Holger:
RUSH, TRIUMPH, VOIVOD, SWORD, SACRED BLADE/OTHYRWORLD, EXCITER, ANVIL und INTO ETERNITY.

Andrew:
Wie kann man RUSH nicht mögen!? So viel Passion und so viel Können! Mehr geht gar nicht! Und das kann man eigentlich von allen genannten Bands sagen, obwohl ich kaum etwas von EXCITER und ANVIL kenne. Das sollte ich wohl mal ändern. Mit INTO ETERNITY haben wir schon ein paar Mal gespielt wie auch mit Stu Blocks erster Band OMEGA CROM. Ich mag auch die ganzen älteren Truppen wie SWORD. Da müsste ich mir noch mal das zweite Album besorgen. Das erste ist nämlich superb.

Holger:
Solltest du. Bleiben wir aber bei ANTIQUUS. Was sind eure Zukunftspläne?

Andrew:
Wir wollen auf jeden Fall dieses Jahr touren und suchen gerade nach einem geeigneten Tourpartner, den wir supporten können. Festivals wären auch eine schöne Sache!

Holger:
Ich würde hingehen. ;)

Andrew:
Wie nett. ;)

Holger:
Kannst du uns bitte deine Top-Ten-Alben nennen.

Andrew:
Oha, das wird hart. Gut, ich versuche es, aber ohne Reihenfolge: IRON MAIDEN - "Powerslave", QUEENSRYCHE - "Operation:Mindcrime", FATES WARNING – "FWX", METALLICA – "... And Justice For All", DREAM THEATER – "Images And Words", ICED EARTH – "The Glorious Burden", BLACK SABBATH – "Heaven And Hell", SAVATAGE - "Streets: A Rock Opera", HELLOWEEN - "Keeper Of The Seven Keys II", YNGWIE J. MALMSTEEN – "Marching Out".

Frage mich nächste Woche noch einmal, und ich nenne eine komplett andere Liste. ;)

Holger
Was denkst du über die ganzen Reunionen der letzten Jahre?

Andrew:
HEAVEN AND HELL finde ich sehr spannend. Kann es gar nicht erwarten, das live zu erleben! Es ist schön zu sehen, dass es immer noch ausreichend viele Leute gibt, die auf diesen alten Sound stehen. Die meisten dieser Bands haben doch zeitlose Musik geschrieben, und die, die es nur fürs Geld machen, halten eh nicht lange durch. Wenn man es für Fans macht, wird man auch erfolgreich sein. Es wäre schön, von diesen Bands aktuelles Material zu hören, um zu sehen, wie sie sich musikalisch weiterentwickelt haben.

Holger:
Von welcher Band würdest du selbst gern eine Reunion sehen und warum?

Andrew:
Auch wenn ich Ray Alder für einen begnadeten Sänger halte, würde ich für eine Show mit John Arch sterben. Ich habe seine "Twist Of Fate"-EP gekauft und kann mich daran gar nicht satt hören. Genauso wäre es toll, wenn Chris DeGarmo wieder bei QUEENSRYCHE einsteigen würde. Es gibt Gerüchte, dass David Lee Roth wieder bei VAN HALEN einsteigt. Das würde ich auch sehr begrüßen.

Holger:
In Bezug auf FATES WARNING kann ich dir nur zustimmen. Was für eine Stimme, was für ein Ausdruck! Da kommt ihr auch noch hin. Möchtest du noch etwas loswerden?

Andrew:
Wir sind sehr dankbar für die großartige Unterstützung, die wir vor allem aus Deutschland bekommen haben. Wir wollen unbedingt bei euch spielen. Wenn dies hier also jemand liest, der uns rüberholen möchte, möge er bitte mit uns in Kontakt treten. Man kann uns erreichen über unsere MySpace-Site .


Holger:
Vielen Dank für deine Zeit und für die Musik.

Andrew:
Immer wieder gerne!

Redakteur:
Holger Andrae

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