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ARSEN: Interview mit Norman und Selly

08.05.2012 | 22:00

Die Berliner Punkrock-Band ARSEN zieht mit ihrer türkischen Sängerin Selime Sahin, genannt Selly Aufmerksamkeit auf sich. Wer allerdings mit deutsch-türkischem Rock seltsam bemühte Multi-Kulti-Begegnungen assoziiert, der liegt falsch. Die Musik der fünfköpfigen Truppe liefert nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch pfiffige bis nachdenkliche Texte. Wie das geht, berichten Gitarrist Norman und Selly selbst und nehmen dabei auch das Musikbusiness und seinen Umgang mit Newcomern kritisch aufs Korn.



Erika:
Zunächst möchte ich euch bitten, die Band einmal vorzustellen. Wer seid ihr und wer spielt was?

Norman:
Wir sind ARSEN, eine deutsch-türkische Rockband aus Berlin. Wir bestehen aus unserem Goldkehlchen – Selime Sahin, unserem Duracellhasen – Dennis Hoffmann, Basser – Dennis Gelee und zwei Guitarreros – Norman Wycisk sowie Matze Zaech.

Erika:
Wie seid ihr zur Musik gekommen? Habt ihr Instrumentenausbildungen genossen oder 'learning by doing' betrieben?

Norman:
Mr. Gelee und ich hatten für ca. zwei Jahre gemeinsam Gitarren- bzw.    Bassunterricht, welcher aber eigentlich nur auf die Band zugeschnitten war. Den Rest unseres  Könnens haben wir uns im 'learning by doing'- Verfahren  angeeignet. Selly, Dennis und Matze sind hundertprozentige Autodidakten.

Erika:
Wieso habt ihr euch für die Sparte des Punk Rock entschieden? Ist Punk für euch auch eine politische Haltung?

Norman:
Punk Rock ist die Musikrichtung, auf die wir uns am Ehesten einigen können, da wir hier die Möglichkeit haben, unseren Gedanken und Emotionen freien Lauf zu lassen. Jedoch ist es uns wichtig, nicht als stumpfe Punkband abgestempelt zu werden,  weil Punk Rock durchaus musikalisch, anspruchsvoll und wohlklingend gestaltet werden kann. Wir sagen daher bewusst, dass wir eine deutsch-türkische Rockband sind, da es uns schon öfter passiert ist, dass man als Punkrock-Band gleichzeitig auch für dilettantische Säufer gehalten wird. So sehen wir uns nicht! Wir arbeiten mit sehr viel Herzblut, Liebe und Fleiß an unserer Musik. Jedoch weiß auch jeder, der schon einmal bei einem Konzert von uns und mit uns feiern war, dass dann auch richtig der Punk abgeht und keine Kehle trocken bleibt.

Punk ist eine Lebenseinstellung für uns, die jeder auf seine Art und Weise auslebt, in der vor Allem auch Individualität und Toleranz sehr groß geschrieben werden.
Es ist für uns eine Ablehnung des Establishments und das Bestreben, sich nicht durch die Massenmedien den Kopf weich machen und sich das Denken nicht verbieten zu lassen.
Trotzdem bin ich der einzige in der Band, der sich selbst auch als Punk bezeichnen würde. Punk ist bei uns also eher eine Einstellung und Aufforderung zur Selbstverantwortung und zum eigenständigen Denken, als eine klare Ideologie.

Erika:
Wollt ihr mit eurer Musik dementsprechend etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringen?

Norman:
Unsere Musik soll sowohl Spaß bringen, als auch zum Denken anregen. Jedoch sehen wir uns selbst nicht als Prediger, die versuchen, jemandem ihre Meinung aufzudrängen.
Es sind unsere Meinungen, Gedanken und Träume. Wenn diese jemanden anregen, sein Weltbild zu überdenken oder sich in seinem Weltbild bestätigt zu fühlen, freuen wir uns darüber natürlich sehr.

Gerade in unserem Song 'Protest Gun' befassen wir uns mit einer für uns sehr wichtigen Thematik. Punk war und ist eine Jugendsubkultur, auch wenn es ihn schon sehr lange gibt, in der eingefahrene Strukturen durchbrochen und Missstände angeprangert werden.
Die Jugend und wie sie Schritt für Schritt und bewusst vom System verdummt wird, in  dem soziale Einrichtungen und Lehrmittel gestrichen werden, liegt uns sehr am Herzen. Wir haben versucht, in diesem Song eine Stimme der Jugend zu sein und ein Bild zu malen, in welchem deutlich wird, dass jedes Kind und jeder Jugendliche das wichtigste Gut dieser Welt ist und man es nicht mit Füßen treten sollte.

Erika:
In welchem Zusammenhang steht hier der Titel eurer CD "Worte gegen Krieg"

Norman:

Wir haben das Album so genannt, da es der für uns wichtigste Song auf dem Album ist. Die Geschichte derer, die in allen Kriegen leiden, wird nur selten ehrlich erzählt. Daher ist es uns ein Bedürfnis, dies zu tun und jedem Menschen seine Verantwortung ins Gewissen zu rufen, sich mit allen seinen zur Verfügung stehenden Kräften gegen jedwede Form von Krieg zu stellen - sei es durch eine einfache Diskussion im Freundeskreis, demonstrieren zu gehen oder die totale Verweigerung des Kriegsdienstes. Keine Worte können das Leid erfassen, das eine Mutter beim Verlust ihres Kindes fühlt. Auch unsere sehr hart und direkt gewählten Worte, sind nur eine Annäherung.
Wir hier können nur von Glück sprechen, nie in solch einer schrecklichen Situation gewesen zu sein, wie wir sie beschreiben. Durch unseren Freundeskreis haben wir jedoch einige ehrliche,  unverfälschte Einblicke bekommen, wie es ist, einen Krieg zu erleben. Diese Geschichten haben uns inspiriert "Worte gegen Krieg" zu schreiben. Es ist uns jedoch auch wichtig gewesen, beide Seiten zu beleuchten, indem wir in der zweiten Strophe die Erkenntnis eines Soldaten darstellen, dass der Krieg, in dem er kämpft, nur der Maximierung des Profits einiger Weniger dient und nichts mit Freiheit zu tun hat.
Wir sind der Meinung, dass man, wenn man Worte gegen Krieg spricht, auch das Lachen und die Freude am Leben nicht vergessen sollte. Denn dies sind die mächtigsten Waffen für den Frieden. Daher nehmen auch Songs wie 'Scheißegal' und das 'Reh-Lied' wichtige Plätze auf unserem Album ein.

Erika:
In der Werbung für eure CD hebt ihr die türkische Herkunft eurer Sängerin Selly hervor und betont, dass ihre türkischen Wurzeln in den "tonalen Phrasierungen" zu erkennen seien. Mir ist türkische Musik nicht vollkommen fremd, aber ich finde, abgesehen von den türkischen Texten, die ich als ästhetische Abwechslung empfinde, wirkt die Musik nicht besonders orientalisch. Bitte erklärt noch einmal, wo die Verbindung hörbar wird und warum euch – oder speziell Selly – das wichtig ist!

Selly:
Du hast Recht. Gerade instrumental sind wir nicht orientalisch. Unseren türkischen Einfluss zeigen wir überwiegend durch die türkischen Texte.
Gerade in den türkischsprachigen Songs habe ich in meinen  Gesangslinien bewusst typisch orientalische Tonfolgen eingebaut, welche sich z.B. durch ihre Vierteltonsprünge zeigen. Mir ist es vor allem wichtig, durch meine türkischen Texte auf europäische Musik meine zwiegespaltene Herkunft zum Ausdruck zu bringen. Ein stärkerer Ausbau dieser orientalischen Einflüsse ist vielleicht eine Möglichkeit für das nächste Album, wer weiß…

Erika
Seht ihr euch in irgendeiner Weise als interkulturelles Begegnungsprojekt?

Norman:
Nein. Wir sind fünf Freunde, die zusammen Musik machen, keine Zweckgemeinschaft. Wir freuen uns aber umso mehr über die verschiedensten Nationalitäten auf unseren Konzerten.

Erika:
Selly, einem Beitrag des SWR 2 über dich habe ich entnommen, dass du in einem konservativen Umfeld aufgewachsen bist und zwischen deinem 8. und 15. Lebensjahr in der Türkei aufgewachsen bist. Wie kamst du zum Punk? Was fasziniert dich an dieser Lebenskultur?


Selly:
Das war purer Zufall. Anfangs wollte ich türkischen Rock machen.
Ich habe es mit einem Kumpel probiert, jedoch mussten wir es irgendwann aufgeben, da uns die Musiker gefehlt haben. Daraufhin habe ich im Internet eine Anzeige geschaltet, um Musiker oder eine Band zu finden. Ich wollte unbedingt weiter machen. Norman hat mir geschrieben und gefragt, ob ich Lust hätte, mich bei ARSEN zu probieren. Erst mit dieser Mail wurde Punk Rock ein Teil meines Lebens.


Zuerst war ich natürlich noch etwas skeptisch, weil ich mich mit dieser Musik noch nicht auskannte. Nach mehreren Proben merkte ich aber, dass mir an dieser Musikrichtung vieles gefällt. Man kann Punk so gestalten, wie man möchte: Wenn man seine Meinung äußern und etwas kritisieren will, dann wird es schnell und aggressiv. Wenn es um Themen wie Liebe und Schmerz geht, dann drehen wir etwas runter. Ich kann singen wie ich möchte, kann kratzig und rotzig sein, wenn ich Textzeilen singe, bei denen es einfach sein muss. Ich kann auch sanft und clean singen. Alles passt, weil es Punk ist. Das ist es, was mich an Punk fasziniert: einfach seine eigenen Regeln aufstellen und sich nicht nach den alten eingefahrenen Mustern richten.

Erika:
Nun mal zu eurer aktuellen CD: Sehr gelacht habe ich über das 'Reh-Lied'. Wie ist das denn entstanden? So einen Text konzipiert man doch bestimmt nicht am Schreibtisch, oder?

Norman:
Monatelang haben wir Goethes Faust gelesen, Theodor Fontane studiert, selbst Franz Kafka versucht zu verstehen. Aber erst nach diesen endlosen Studien sind wir auf diese geniale Komprimierung der großen Lyrik gekommen.

Erika:
Wie erlebt ihr die ersten Reaktionen auf eure Scheibe?
Was hat sich für euch verändert, seit das Album veröffentlicht ist? Seid ihr medial oder auch hinsichtlich Live-Auftritten mehr gefragt?

Norman:
Besser als wir es je erwartet hätten. Wir werden mit Unmengen Lob überschüttet, dass es uns fast unangenehm ist. Wir selbst können es kaum glauben, dass das Album so gut sein soll, wie es in den Reviews, auch von euch, beschrieben wird. Auch die Reaktionen aus dem Fankreis deckt sich mit euren Aussagen, was uns bestätigt und unglaublich freut. Medial haben wir eigentlich nur durch die Reviews die ihr und noch zwei andere Online-Magazine geschrieben haben, mehr Aufmerksamkeit erfahren. Wir machen alles in Eigenregie, vom Booking, über Promo, bis hin zum Gestalten unserer Homepage.

Gerade über mehr Konzerte würden wir uns sehr freuen. Allerdings ist es scheinbar so, dass in vielen Clubs, auch wenn sie laut eigenen Aussagen Newcomer-freundlich sind, nur schon bekannte Bands spielen sollen, um auch gar kein finanzielles Risiko eingehen zu müssen. Wir selbst sind sehr bemüht, Konzerte an Land zu ziehen und sind, was das angeht, eigentlich zu allen Schandtaten bereit. Also wer Lust hat, einfach eine Mail schreiben oder anrufen und über den Rest werden wir uns dann schon einig.

Erika:
Was ist euer Ziel mit der Musik? Strebt ihr eine kommerzielle Karriere an, bei der ihr von der Musik leben könnt?

Norman:
Momentan ist es so, dass wir für die Musik leben, jedoch nicht davon.
Das heißt für uns, jeden Tag von früh bis spät arbeiten zu gehen, nachts zu proben und jeden Cent in die Band zu stecken.
Natürlich würden wir sehr gerne unsere größte Leidenschaft zum Beruf machen, allerdings sehen unsere bisherigen Erfahrungen mit Labels, Promotionagenturen usw. so aus, dass sie alle unser Bestes wollen - unser Geld!!! Dabei leider nur nichts für uns machen, was wir mit Eigeninitiative nicht genauso machen könnten.
Falls es ehrliche Angebote für uns geben sollte, bei denen zwei gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe miteinander arbeiten, kann man über alles reden. Jedoch nicht als die Zahlsklaven der Musikindustrie, welche sowohl von den Hörern, als auch von den Musikern verlangt, sie zu füttern. Also ist es wohl eher wahrscheinlich, dass wir mit unseren Aufgaben wachsen, wenig schlafen und weiter machen. Arm, aber frei.

Erika:
Was sind generell die nächsten Schritte?

Norman:
Wir sind momentan dabei, unser Live-Set unplugged einzuproben, um Konzerte in Parks, auf privaten Partys und eigentlich überall, wo es sich anbietet, zu geben. Da sollte man am Besten immer mal wieder auf unserer Homepage für aktuelle Informationen nachschauen. Des Weiteren schreiben wir auch schon an neuen Songs für unser nächstes Album, welches wir nach ausgiebigen Live Auftritten, natürlich schnellst möglich rausbringen wollen, da wir noch viel zu sagen haben.

Erika:
Und zum Schluss habt ihr nun noch Gelegenheit, zu sagen, was euch wichtig ist…

Norman:
Handgemacht und aus tiefsten Herz, Rock 'n' Roll ist unser Leben, verkörpert Freude und Schmerz… Und wir werden uns bemühen, auch in 30 Jahren noch auf der Bühne zu stehen…



Redakteur:
Erika Becker

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