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ARTILLERY: Interview mit Michael Stützer

14.11.2008 | 10:31

"Es wird immer Leute geben, die Flemming wieder bei ARTILLERY haben wollen, aber es sind inzwischen mehr Leute, die sagen, dass ARTILLERY heute live wesentlich besser klingen als jemals zuvor."

Die Dänen ARTILLERY werden von eingefleischten Thrashern seit jeher geschätzt, veröffentlichte die Band, die sich bereits im Jahre 1982 (!) gründete, mit "By Inheritance" eine Thrash-Scheibe auf höchstem Niveau und drei weitere gute bis sehr gute Alben. Viele Jahre war es außerordentlich still um die beiden kreativen Köpfe der Band, die Brüder Michael und Morten Stützer. Doch seit Ende 2007 tut sich etwas im Hause ARTILLERY. Mit Søren Nico Adamsen hat die Band einen neuen Sänger rekrutiert und mit Peter Thorslund (Bass) sowie Carsten Nielsen (Schlagzeug) spielen ARTILLERY ansonsten wieder im Line-up von "By Inheritance". Angesichts einer tollen, Mitte 2008 erschienenen, Live-DVD und der Ankündigung, dass es Anfang 2009 ein neues Studioalbum geben soll, ist dies ein guter Grund, bei den Bandgründern einmal interviewtechnisch einzuhaken. Also bombardierte der Verfasser dieser Zeilen Gitarrist Michael Stützer (ganz links auf dem Bild vom Januar 2008 zu sehen) mit einem ganzen Bündel von Fragen, die der Saitenmann kurz und knackig beantwortete.


Martin:
Hallo Michael! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Es ist großartig, dass ARTILLERY zurück sind!

Michael:
Vielen Dank für deine Unterstützung.

Martin:
Ich schätze mal, dass du sehr gut mit dem Zusammenstellen von Bonusmaterial für die ausgezeichnete ARTILLERY-Box "Through The Years" beschäftigt warst, die 2006 beim polnischen Label Metal Mind Productions erschien. Welche Gedanken und Emotionen sind denn in dir hochgekommen, als du die alten Demoaufnahmen zusammengestellt und als du alte Fotos aus den Anfangstagen der Band gesichtet hast?

Michael:
Es hat mir viel Spaß gemacht, diese Aufnahmen und Fotos zusammenzustellen. Ich habe in meinem Keller gewühlt, um alle diese Dinge hervorzuholen und dabei kamen auch viele gute Erinnerungen in mir hoch. Aber es gab auch Geschehnisse, an die ich mich anfangs nur schwer erinnerte.

Martin:
"B.A.C.K.", das letzte reguläre ARTILLERY-Album im Jahr 1999, war aus meiner Sicht ein tolles Comeback nach jahrelanger Funkstille. Ich mag dieses Album - fast genauso wie eure wohl beste Scheibe "By Inheritance". Wie bewertest du "B.A.C.K." heute?

Michael:
Ich finde, dass es ein gutes Comeback-Album war, obwohl die Ereignisse fast zu schnell vonstatten gingen. Flemming [Rönsdorf, Sänger - d. Verf.] war damals fast ein wenig zu enthusiastisch.

Martin:
Michael, die polnische Plattenfirma Metal Mind Productions hat vor etwa einem halben Jahr mit "One Foot In The Grave ... The Other One In The Trash" eine schöne Liveshow von euch auf DVD veröffentlicht, die beim Metalmania-Festival in Kattowitz (Polen) mitgeschnitten wurde. Eure Performance ist aus meiner Sicht klasse, aber was ist denn mit dem Publikum los? Die sehen nicht sehr euphorisch aus. Wie hast du den Gig von der Bühne aus erlebt?

Michael:
Das Publikum war gut drauf aus meiner Perspektive. Du musst dir vor Augen halten, dass die meisten Leute schon von ARTILLERY gehört hatten. Und nach der Show bekamen wir tolle Resonanzen von den Fans.

Martin:
Ach, übrigens: Gibt es denn noch unveröffentlichtes Videomaterial aus den Achtzigern von ARTILLERY, das von guter Qualität ist, und sich in eurem Besitz befindet?

Michael:
Leider haben wir bereits alle Aufnahmen aus dieser Zeit, die von ordentlicher Qualität sind, veröffentlicht.

Martin:
Aus welchen Gründen ist denn euer früherer Sänger Flemming Rönsdorf nach eurer Reunion nicht wieder bei ARTILLERY eingestiegen? Ich habe gehört, dass er sich offenbar nicht mehr so sicher beim Singen alter ARTILLERY-Stücke fühlt.

Michael:
Flemming hat mit der Art von Musik, wie sie ARTILLERY spielen, nicht mehr wirklich etwas am Hut. Wir hatten immer Probleme mit ihm, wenn es um ARTILLERY-Shows ging, weil er früher immer so viele unterschiedliche Optionen hatte, woanders zu singen.

Martin:
Flemming Rönsdorf ist zweifelsohne der beliebteste ARTILLERY-Sänger und er hatte eine außergewöhnliche, ziemlich rauh klingende Stimme mit hohem Wiedererkennungswert. Hattet ihr eigentlich versucht, anstelle von Flemming einen Ersatz zu finden, der so ähnlich wie Flemming klingt oder war der Umstand, dass der Nachfolger am Mikrofon nicht wesentlich andersartig wie Flemming klingen soll, weitgehend unwichtig für euch?

Michael:
Ich stimme dir zu, dass Flemming sehr talentiert war, aber er war halt nie diejenige Person, die die harte Arbeit verrichten wollte. Heutzutage singt er übrigens bei Hochzeiten und bei Parties. Von daher wollten wir einen Sänger, der auch wirklich unsere Musik live performen will. Wir sind übrigens sehr zufrieden mit unserem neuen Sänger Søren Nico Adamsen. Er ist ein guter Sänger und ein guter Freund.

Martin:
Ich mag zwar die Stimme von Søren, aber ich muss zugeben, dass ich lieber Flemming Rönsdorf bei ARTILLERY hinter dem Mikro hören würde – wenn er denn bereit wäre, wieder bei euch zu singen. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich die Stimme von Søren nicht mag, aber Flemming klang halt wirklich einzigartig. Hast du eigentlich schon mal ein negatives Feedback erhalten so nach dem Motto: Holt bitte Flemming zurück hinter das Mikrofon?

Michael:
Natürlich ist es immer sehr schwierig, den Sänger zu wechseln, aber wenn wir in dieser Art und Weise mit Flemming als Sänger weitergemacht hätten, dann würden wir heute vielleicht ein Konzert pro Jahr spielen. Mit Søren haben wir bereits 12 Konzerte bis jetzt gespielt, eine DVD aufgenommen und wir werden ein neues Studioalbum im Februar 2009 aufnehmen. Es wird immer Leute geben, die Flemming wieder bei ARTILLERY haben wollen, aber es sind inzwischen mehr Leute, die sagen, dass ARTILLERY heute live wesentlich besser klingen als jemals zuvor.

Martin:
Was waren denn für die Ausschlag gebenden Punkte, dass die Band Søren Nico Adamsen schließlich als Sänger für ARTILLERY wollte?

Michael:
Zunächst einmal mag er ARTILLERY sehr. Er ist ein großartiger Mensch und ein Freund für uns. Außerdem ist er ein großartiger Sänger und ein toller Performer.

Martin:
Hast du schon einmal daran gedacht, eine ganz spezielle Liveshow mit ARTILLERY zu spielen, bei der alle bekannten ARTILLERY-Sänger - also Per Onink, Carsten Lohmann, Flemming Rönsdorf and Søren Nico Adamsen - sowie frühere Gitarristen gemeinsam auftreten? Das würde doch eine tolle DVD-Aufnahme werden...

Michael:
Wir hatten so etwas schon einmal versucht. Doch leider war Carsten Lohmann [erster ARTILLERY-Sänger auf den beiden 1984er Demos "Deeds Of Darkness" und "Shellshock" - Anm. d. Verf.] der einzige, der überhaupt Lust hatte, so eine Live-Performance zu machen.

Martin:
Euer drittes Album "By Inheritance" wird sowohl von der Presse als auch von sehr vielen eurer Fans als beste Veröffentlichung von ARTILLERY gesehen. Es gibt sogar Leute, die meinen, dass "By Inheritance" das Album sei, das METALLICA als Nachfolgealbum von "Master Of Puppets" hätten aufnehmen sollen. Wenn du auf dieses Album zurückblickst: Was hältst du heute von "By Inheritance" und seinem textlichen Konzept?

Michael:
Ich denke, dass "By Inheritance" ein großartiges Album ist. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir so viele positive Reaktionen auf dieses Album hin erhielten - von den Fans, aber auch der Presse.

Martin:
Was ist eigentlich an dem Gerücht dran, dass Flemming Rönsdorf der Nachfolger von DESTRUCTION-Frontmann Schmier Anfang/Mitte der Neunziger hätte werden sollen?

Michael:
Ja, das Gerücht stimmt. Aber zu den Geschehnissen müsstest du Schmier selbst fragen. Ich weiß lediglich, dass DESTRUCTION sehr heiß auf Flemming Rönsdorf waren und eifrig versucht haben, Flemming in die Band zu holen.

Martin:
Ich habe mich sehr darüber gefreut, auf euer Website zu lesen, dass ihr voraussichtlich im Februar 2009 ein neues Studioalbum aufnehmen werdet! Wie viele neue Stücke habt ihr denn schon komponiert und was kannst du uns zur musikalischen Ausrichtung der Scheibe sagen?

Michael:
Wir haben bereits vier Stücke fertig. Ich denke, dass wir musikalisch Einflüsse aller unserer Alben an Bord haben werden, aber wir werden auch ein paar neue Elemente hinzufügen.

Martin:
Wann habt ihr eigentlich den Beschluss gefasst, eine neue ARTILLERY-Scheibe in Angriff zu nehmen? Welches war denn der Initialzünder für die Entscheidung, eine neue ARTILLERY-Scheibe einzuhämmern?

Michael:
Wir haben eigentlich während der letzten zehn Jahre versucht, die Band wieder voranzubringen und wir wollten ein Album mit Flemming am Mikro machen. Aber in dieser Hinsicht war nichts mit Flemming los. Als Carsten [Nielsen, Schlagzeug - d. Verf.] und Peter [Thorslund, Bass - d. Verf.] hörten, dass wir mit ARTILLERY nun auch ohne Flemming Rönsdorf weitermachen wollen, sind sie wieder bei uns eingestiegen. Und dann fanden wir mit Søren Nico Adamsen einen neuen Sänger, nachdem wir vier Songs mit ihm geprobt hatten.

Martin:
Wird euer neues Album bei Metal Mind Productions erscheinen?

Michael:
Wir haben schon seit einiger Zeit vertrauensvoll mit Metal Mind zusammengearbeitet. Von daher hoffe ich, dass wir einen Deal klarmachen können.

Martin:
Habt ihr auch schon Ideen, wie das Artwork der Scheibe aussehen soll?

Michael:
Im Moment haben wir noch nichts fertiges, aber Ideen sind vorhanden. Aber das Album wird nicht so wie das von "Terror Squad" aussehen - soviel steht fest.

Martin:
Da sind wir ja beim Stichwort. Wenn ich mir das Cover von "Terror Squad" anschaue, dann kann ich mir ein Lachen eigentlich nie verkneifen. Was ist denn das eigentlich für ein fettes Vieh auf dem Cover? Ist das ein mutiertes Tschernobyl-Karnickel? Was denkst du heutzutage über dieses Artwork?

Michael:
Weißt du, das Originalcover hatte wesentlich mehr Farben, aber Neat Records haben es verändert, um Kohle zu sparen!

Martin:
ARTILLERY werden ja auf dem KEEP IT TRUE-Festival in Würzburg am 15.11.2008 auftreten. Ich hoffe wirklich, dass ihr da 120 Prozent auf der Bühne geben werdet! Euch erwartet ein Publikum, das enthusiastischer als das beim Metalmania in Kattowitz, Polen, sein wird. Das wette ich. Freut ihr euch schon sehr auf den Auftritt?

Michael:
Ja, wir freuen uns darauf, dort zu spielen und ich kann dir versprechen, dass wir eine viel bessere Show hinlegen werden, als in Polen auf dem Metalmania. Wir werden viele unterschiedliche Stücke spielen, die auf der DVD zu sehen sind, und voraussichtlich auch ein noch unveröffentlichtes Stück.

Martin:
Gibt es eigentlich eine richtig abgefahrene Story, die sich auf einer ARTILLERY-Tour ereignet hat und die du vielleicht noch nie erzählt hast? Kannst du da mal in der Mottenkiste kramen?

Michael:
Da gab es viele witzige Geschehnisse, aber ich glaube während unserer Tournee durch Russland im Jahr 1989 gab es die seltsamsten Episoden. Du kannst dir kaum vorstellen, was da abging. Die Leute sind hoch auf die Bühne gekommen und haben uns Schmuck, russische Flaggen und dergleichen mehr gegeben.

Martin:
Okay, Michael. Ich danke dir sehr herzlich für deine Zeit. Die berühmten letzten Worte gehören dir! Willst du eine Nachricht an die Leser unsere Webzines, an die Metalheads da draußen und an die treuen ARTILLERY-Fans richten?

Michael:
Ich bedanke mich für die großartige Unterstützung durch die deutschen Fans über all die Jahre hinweg. Wir sehen uns beim KEEP IT TRUE oder beim KUTTEN FESTIVAL! Und dich, Martin, hoffe ich, auf dem KEEP IT TRUE zu treffen. [Machst du Witze, Michael? - Anm. d. Verf.].

Redakteur:
Martin Loga

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