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AVANTASIA: Interview mit Tobias Sammet

15.02.2019 | 22:44

In diesem Interview zum neuen AVANTASIA-Album "Moonglow" erzählt uns Tobias Sammet unter anderem ausführlich von seiner Inspriration und dem Umgang mit gewissen Erwartungen.

Hallo Tobi, also wenn das Ergebnis jedes Mal so ausfällt, wie jetzt bei "Moonglow", dann darfst du gerne öfters mal eine Pause ankündigen.

Ja, es ist irgendwie verrückt. Ich wollte nicht viel länger Pause machen, aber ich hätte auch nicht gedacht, dass da so ein Album dabei rauskommt. Vor allem, dass es dann doch wieder verhältnismäßig leicht von der Hand geht. Ich glaube, das war das Resultat aus der bewussten Entscheidung, zu der ich gekommen bin, dass ich die Regelmäßigkeit, in der ich abliefere, aus meinem Leben eliminieren wollte oder musste. Als für mich klar war, dass es mir egal ist, ob das nächste Album jetzt ein, zwei oder drei Jahre später rauskommt und ich jetzt alles in meinen Rhythmus mache, in dem Moment ist die Kreativität in mir geflossen ohne dass es mir an die Psyche ging. Das fand ich sehr, sehr schön.

Fans haben ja grundsätzlich eine gewisse Erwartungshaltung. Inwieweit beeinflusst dies dein Songwriting in Sachen Kreativität und dem Öffnen für neue Einflüsse?

Ja, ich versuche das auszublenden, man muss es sogar. Und das hat nichts damit zu tun, dass man ein hochnäsiger Fatzke ist, sondern man muss einen gewissen Egoismus an den Tag legen, wenn man unschuldige und echte Musik erschaffen möchte. Du kannst nicht liefern mit der Angst im Hinterkopf, irgendeiner Erwartungshaltung von außen nicht gerecht werden zu können. Es gibt Tausende von Meinungen und Tausende von Geschmäckern. Und du kannst es eh niemals jedem recht machen. Ich mache schon immer das, auf was ich Bock habe und das ist das Echteste und Ehrlichste, was ich geben kann. Ich bin mir auch dessen bewusst, wenn man neue Einflüsse zulässt, dass dies immer ein paar Leute abturnt. Aber ganz ehrlich, hätte ich mich nicht entwickelt nach dem EDGUY-Album oder würde immer wieder das Gleiche machen, dann hätten beide Bands nie so viele Platten gemacht und ich hätte wahrscheinlich schon Depressionen. Es muss einem egal sein, wenn Leute was Scheiße finden. Trotzdem tut es dann natürlich manchmal weh, wenn du lange an etwas gearbeitet hast und der Daumen nach unten geht. Aber damit muss man auch klar kommen. Du musst dir einfach einen gewissen Schutzpanzer zulegen.

Auch "Moonglow" erzählt wieder eine Geschichte. Was kannst du da drüber erzählen und was hat dich zu der Story inspiriert?

Es war nicht meine oberste Priorität einen Roman oder eine Geschichte in Form einer Rockoper zu vertonen oder das Ganze wie einen Film anzugehen, wo man dann auch gewisse Spannungsbögen einbauen muss und sehr viel Text aufwenden muss, Rahmenhandlungen zu erklären, die für die eigentlichen Emotionen des Inhalts nur eine untergeordnete Rolle spielen. Deshalb war es mir wichtig eine Welt zu schaffen, die ich als Grundlage für meine Gefühle nehmen konnte, die konzeptionell einen roten Faden hat, aber eben keine chronologische Geschichte erzählt. Beeinflusst ist das Ganze von meinen Erlebnissen und Erkenntnissen, die ich auch durch Selbstreflexion nach der "Ghostlights"-Tour gewonnen habe. Die Schlüsse, die ich für mich gezogen habe, dass es einfach sehr an mir genagt hat, auf einen gewissen Rhythmus und gewisse Erwartungshaltungen festgelegt gewesen zu sein. Ich habe auch Sachen aus meiner Kindheit und Jugend verarbeitet, diese Erwartungen einfach nicht erfüllen können. Dafür fand ich einen fantastischen Rahmen, der inspiriert war durch Literatur aus der schwarzen Romantik wie Mary Shelley's Frankenstein, den englischen Schreibern und auch viktorianischen Vertretern der schwarzen Romantik, die diese Ende des 19. Jahrhunderts haben wieder aufleben lassen. Ich erschuf einen Charakter, der in eine Welt hinein geworfen wird, mit der er Schwierigkeiten hat umzugehen, weil er die Erwartungen seines Umfelds nicht erfüllen kann und weil er im Licht der grellen Realität der Schönen und Starken ganz einfach überfordert ist und sich demzufolge in der Hoffnung darauf unsichtbar zu sein in die Dunkelheit flüchtet und dort Schutz sucht. Diese Rahmenkonzept hat mir die Möglichkeiten gegeben mir Dinge vom Herzen zu schreiben. Und eigentlich hat sich das Konzept dann verselbstständigt. Das ist mir alles dann regelrecht zugeflogen. Viele Texte, wie der von 'Ghost In The Moon', ein wahnsinnig schöner Song mit einem wahnsinnig schönen Text, ziehen den Hörer direkt in diese Welt hinein. Das ging mir alles ganz leicht von der Hand und hat sich quasi wie von selbst geschrieben, so ganz ohne Druck. Und das hat mir wahnsinnig viel Freude bereitet.

Neben deiner Stammbesetzung hast du auch drei Neulinge als Gastsänger gewinnen können. Da hätten wir als erstes Mille von KREATOR, was auf den ersten Blick nicht gerade zu AVANTASIA passt. Aber wie ich finde, ist sein Beitrag in 'Book Of Shallows' sehr gelungen.

Ich finde den Beitrag auch sehr gelungen. Mille ist im Prinzip schon lange ein Freund von mir. Und es war auch klar, dass er irgendwann mal bei AVANTASIA mitsingen wird. Darüber haben wir schon vor zehn Jahren geredet. Es hat sich nur nicht die richtige Stelle angeboten. Und jetzt hatte ich diese und sagte zu ihm, dass es jetzt soweit ist. Er hörte sich den Song an und war auch gleich begeistert von der Idee und hat seinen Part eingesungen. Das lief alles auf dem ganz kurzen Dienstweg, denn wir sind privat befreundet. Ich weiß, das meint man nicht immer, wenn man uns auf diversen Festivalbühnen manchmal so reden hört, wir dissen uns auch gerne mal gegenseitig. Das passiert aber alles im Spaß. Wir besitzen halt beide einen recht eigenwilligen Humor. Wir mögen uns sehr gerne und respektieren uns auch gegenseitig. Und musikalisch haben wir auch die gleichen Roots. Mille ist ein großartiger Künstler.

Neu dabei ist auch Candice Night, mit der du im Titelstück 'Moonglow' ein sehr schönes Duett lieferst.

Ich hatte einfach eine bestimmte Stimmfärbung im Hinterkopf und machte mir dann Gedanken, wer die Nummer jetzt singen könnte. Irgendwie erinnert sie ein bisschen an MIKE OLDFIELD in einer härteren und bombastischeren Version mit folkigen Elementen. Und dann hatte ich die Eingebung, dass das eigentlich Candice Night singen muss. Es klingt zwar nicht nach BLACKMORE'S NIGHT, aber es war einfach die Stimme, die mir vorschwebte. Ich habe sie dann kontaktiert und sie fand den Song super. Es ist eine sehr fordernde Gesangsmelodie, die Intervalle im Refrain sind relativ schnell zu singen. Ich war jetzt nicht dabei, sie hat es im Studio in New York eingesungen, aber wir hatten uns im Vorfeld ausgetauscht. Sie hat es super umgesetzt. Und im Nachhinein muss ich sagen, das hätte niemand sonst so singen können. Es ist immer geil, wenn du solche Resultate zurück bekommst

Und dann wäre da noch Hansi Kürsch, der auch zum ersten Mal dabei ist. Ihn hätte ich durchaus auch schon früher mal auf einem AVANTASIA-Album erwartet?

Ich auch! (lacht) Ich hatte bei Hansi tatsächlich damals ganz vage für die "Metal Opera" angefragt. Nur hatte er damals mit DEMONS & WIZARDS so viel zu tun, dass es sich einfach nicht ergeben hat. Es war irgendwie nur eine Frage der Zeit, bis Hansi dann doch mal mitmacht. Es war auch so, dass ich diesen Intropart von 'The Raven Child' ursprünglich für eine Frauenstimme vorgesehen hatte, dachte dann aber, das ist zu offensichtlich, so ein keltischer Part mit ein Harfe und dann steht dann da noch eine Frau, die so aussieht wie Loreena McKennitt an der irischen Küste und singt mit irischem Akzent, obwohl sie ja Kanadierin ist. Wie auch immer, dann fiel mir Hansi ein. Er war auch gleich angetan von der Idee. Ich hab auch damit gerechnet, dass es gut wird, immerhin ist es Hansi Kürsch und man weiß, was er kann. Als ich es zurück bekam, er hat seinen Part im Twilight Hall Studio eingesungen, war ich begeistert und hatte Gänsehaut.

Das erste Stück 'Ghost In The Moon' hätte perfekt zu MEAT LOAF gepasst, der ja Anfang 2018 leider bekannt gab, dass er aus gesundheitlichen Gründen wohl nie mehr singen kann.

Ja, das habe ich auch gehört. Ich meine, die Nummer hatte ich jetzt nicht für MEAT LOAF geschrieben. Das Songwriting von Jim Steinman, diese Art von Musik, ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Weil das, was man selbst schafft, ist ja auch die Summe aus den Dingen, die einen selbst inspirieren. Ich war schon als Kind großer MEAT LOAF-Fan. Ich fand ihn schon immer großartig und das werde ich auch nie ablegen können. Aber dieses Mal hatte ich von Vornherein gar nicht damit gerechnet, dass es da nochmal eine Chance gibt mit MEAT LOAF zu arbeiten.

Mit 'Maniac' befindet sich als Abschluss auf "Moonglow" eine wie ich finde gelungen Coverversion des Michael Sembello-Klassikers.

Danke erst mal, aber das war so auch nicht geplant. Die Nummer haben wir anfangs einfach nur aus Spaß gemacht und sie passt auch nicht ins Konzept. Aber das war mir dann letztendlich auch egal, weil die am Ende so geil klang, dass ich sagte, wir machen jetzt ein Duett draus. Ich hatte sofort Eric Martin vor meinem inneren Ohr. Und am Ende klang das Ding wie ein typisches AVANTASIA-Stück. Und mit den vielen langen und teilweisen auch verschachtelten Songs, die nicht ganz so zugänglich sind, dachte ich mir, so ein Vierminüter würde der Scheibe als Abschluss ganz gut tun. Also haben wir sie mit drauf gepackt, auch wenn das konzeptionell keinen Sinn ergibt. Aber andererseits mache ich das jetzt seit 20 Jahren und es darf einfach nicht so viel Regeln geben in diesem Geschäft. Scheißegal ob es passt, es ist geil und was geil ist, ist erlaubt!

Kannst du uns schon verraten, wer auf der kommenden "Moonglow"-Tour alles mit dabei ist? In Fankreisen gibt es die Sorge, dass Michael Kiske dieses Mal fehlen würde?

Das ist richtig, Michi hat jetzt so viel mit HELLOWEEN getourt und hat sich eine Ruhepause erbeten. Das Tourleben ist auch nicht seines, deshalb wird er jetzt aussetzen, was ich respektiere. Es ist schade, aber wir haben gut zehn Stunden Musik in unserer Diskografie. Da sind so viele Songs dabei und wir werden so viele Sänger sein auf der Tour. Mit dabei sind Geoff Tate, Eric Martin, Bob Catley, Ronnie Atkins, Jorn Lande, Herbie Langhans, Oliver Hartmann und natürlich ich. Mit Ina Morgan und Adrian Cohen sind zwei großartige Sängerinnen dabei. Adrian ist aus Saschas Band, sie ist unglaublich variabel und kann ein großes Stimmspektrum abdecken. Uns sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Wir haben alle Möglichkeiten und können alle möglichen Songs spielen. Das wird eine großartige Tour. Und wie das halt so ist, es ist halt dann mal einer nicht dabei, aber dafür kommt jemand anderes hinzu. Vielleicht geht einem dadurch irgendwas verloren, man gewinnt aber auf der anderen Seite was Neues dazu. Wir werden auf jeden Fall ein dreistündige geile Show auf die Bühne stellen. Alle Stücke, die wir liefern müssen, werden wir auch liefern. Wir werden zwei Stunden Best Of machen und eine Stunde "Moonglow"-Material, das ist so grob mal der Plan.

Die kommende Tour führt euch auch zum ersten Mal nach Australien, was ja auch 20 Jahre gedauert hat.

Ja, das ist verrückt, und wir freuen uns auch tierisch drauf. Ich war schon öfters in Australien, mit EDGUY drei- oder viermal. Ich fand es immer großartig dort. Ich liebe dieses Land, auch wenn die VW Käfer-große Spinnen haben (lacht). Viele von AVANTASIA waren noch nicht drüben. Und es macht mich stolz. Denn vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass wir mit AVANTASIA jemals in Australien spielen werden. Aber die Nachfrage ist da, sie ist groß, also fahren wir rüber und machen es. Das ist ein großes Kompliment an das, was wir mit AVANTASIA geschaffen haben, was ja so nie geplant war, eigentlich ein großer Unfall (lacht), ein großes Glück. Aber das beweist wieder so ein bisschen, dass Dinge, die man nicht plant, sondern einfach aus den richtigen Beweggründen macht, obwohl einem jeder davon abrät, am Ende doch irgendwie die größten Chancen haben, auch langfristig erfolgreich zu sein.

Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview und das ausführliche Beantworten aller Fragen. Die Schlussworte an unsere Leser gehören selbstredend dir, Tobi.

Ich möchte mich erst mal für die Unterstützung bedanken. Power Metal ist auf der neuen Platte auch drauf, aber nicht nur, es ist ein total buntes Album. Ich bin froh, diese Scheibe gemacht haben zu dürfen und ich bin froh, diesen Support zu erfahren, den ich momentan von so vielen Seiten bekomme. Dazu gehören auch bestimmt viele Leser von POWERMETAL.de. Ihr begleitet mich ja auch schon sehr lange. Ich war schon manchmal sauer, manchmal auch weniger sauer. Ich war auch jung, wenn ich sauer war. Und ich finde es immer noch schön, dass wir nach all den Jahren noch über so schöne Sachen wie unsere Lieblingsmusik reden.

(Fotocredits: Alex Kuehr)

Redakteur:
Tommy Schmelz

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