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AYREON: Interview mit Arjen Lucassen

24.02.2008 | 10:00

Er ist eine Ausnahmeerscheinung im gesamten Metal-Zirkus, ein Allrounder, Tausendsassa und mitunter das wahre Bindeglied zwischen klassichem Metal und progressiver Rockmusik. Arjen Lucassen hat unlängst einen weiteren AYREON-Doppeldecker auf den Markt gebracht und damit einmal mehr die Diskussion aufgeworfen, inwiefern musikalische Genialität noch steigerbar ist. "01011001" ist das bisherige Highlight im Katalog des viel beschäftigten Niederländers und der vorzeitige Abschluss einer langen, intensiven Reise. Arjen himself stand POWERMETAL.de Rede und Antwort, sprach über Visionen, Inspirationen und Ideen, blieb aber entgegen seiner ausladenden Produktionen bescheiden wie eh und je. Ein klarer Fall von Prototyp eines sympathischen Interviewpartners!

Björn:
Hi Arjen. Bevor wir ins Interview einsteigen, würde ich dir gerne zum fantastischen neuen AYREON-Album gratulieren. Obschon es einige Zeit gedauert hat, bis sich die düsteren Nuancen der Platte meinen Ohren geöffnet haben, hat es mich doch mal wieder völlig umgehauen. Ich denke sogar, dass du deine bislang beste Arbeit abgeliefert hast, findest du nicht?

Arjen:
Natürlich glaube ich das. Ein Musiker sollte diese Meinung zu jedem neuen Release vertreten, andererseits würde er ja seinen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Doch jetzt, da das Album doch schon einige Tage auf dem Markt ist, werde ich langsam ein wenig unsicher. Aber das ist völlig normal. Während er Aufnahmen war ich mir ständig sicher, dass es mein persönliches Highlight werden würde, und in der Tat: Ich bin auch jetzt noch sehr stolz auf das Resultat!

Björn:
Wieder einmal hast du dich für ein recht interessantes Konzept entschieden. Es geht um eine verlorene Rasse, die sich mit der Zeit komplett von Maschinen abhängig gemacht hat und schließlich in eine selbst initiierte Tragödie hineinrast. Was kannst du mir über die tatsächlichen Hintergründe der Story berichten?

Arjen:
Die Geschichte ist quasi ein Sequel zu all meinen vorherigen Alben. Man kann es auch als Behind the Scenes-Analyse betrachten, die bereits mit der Auflösung der Geschehnisse aus "Into The Electric Castle" beginnt. Die Persönlichkeit Forever aus dieser einstigen Konzeptstory hatte all ihre Emotionen verloren, doch bislang war nie so wirklich klar, warum dies geschehen war, bzw. wie auch ihr Heimatplanet Y konstituiert war. Dieser Planet wird nun in meinem neuen Werk wiedergeboren. Die Maschinen, die du bereits benannt hast, schießen aus dem Wasser empor und entwickeln ein beiderseitiges Abhängigkeitsverhältnis, halten die bedrohte Rasse jedoch auch am Leben. Ihre Emotionen verschwinden, da sie sich nie mehr um ihr Überleben kümmern müssen, da dieses nun von den Maschinen gewährleistet wird, jedoch besteht nun auch kein Anlass mehr, überhaupt weiterzuleben. Um nun diese Rasse erneut mit Leben zu bestücken, schicken einzelne Vertreter ihre DNA ins Weltall, wo diese eines Tages die Erde erreicht und eine neue Schöpfungsgeschichte veranlasst. Dies ist ungefähr die Basis der Story.

Björn:
Die gesamte Story scheint ein wenig komplex zu sein, zumindest was ihre Weiterentwicklung betrifft. Woher stammt die grundsätzliche Idee dazu?

Arjen:
Nun, ich liebe es, hinter die Dinge zu schauen, in diesem Fall hinter Dinge, die ich selber geschaffen habe. Es wäre nun ein leichtes, das Grundgerüst einfach nur zu hinterfragen und eine fiktive Erzählung zu starten. Jedoch wollte ich auch einen Link zu den globalen Entwicklungen kreieren, die ich persönlich sehr bedenklich finde, schließlich ist die technologische Abhängigkeit bzw. der Verlust von Emotionalität ein kontinuierlicher, kaum mehr zu stoppender Prozess. Ich beziehe meine Ideen also insgeheim aus den Dingen, die um mich herum geschehen. Mittlerweile bin ich 47, das heißt, ich habe die Zeit vor und nach der Revolution der Computer erlebt. Ich sehe, dass die Entwicklung immer zügiger voran geht, aber das ist nicht gleichzusetzen damit, dass auch alles besser geworden ist. Und hier knüpft die Story natürlich ebenfalls an.

Björn:
Es ist also insgesamt durchaus ein kritischer Blick auf die heutige, moderne Gesellschaft.

Arjen:
So könnte man es sicherlich sehen, allerdings beginne ich nicht zu predigen. Die benannte Entwicklung hat seine Vor- und Nachteile. Ich verurteile die moderne Technologie nicht, zumal ich sie ja auch tagtäglich während meiner Arbeit verwende. Eigentlich bin ich selber ja auch schon abhängig von ihr. Mein digitaler Wecker reißt mich morgens aus dem Bett, anschließend wandere ich an meinen PC und bearbeite meine Emails, dann wiederum steige ich in mein Auto und lasse mich von meinem GPS-System leiten. Insofern bin ich möglicherweise sogar der größte Sklave der Technologie, sie also als ausnahmslos schlecht darzustellen, war nicht die Intention.

Björn:
Welche Aussage sollte die Geschichte denn letztendlich haben.

Arjen:
Nun, der Sinn hinter diesem Konzept lässt sich recht kompakt zusammenfassen: Carpe diem. Lebe dein Leben, gib ihm eine Bedeutung und nutze die Zeit, die dir auf Erden bleibt. Es ist eine simple Message, jedoch mit starkem Ausdruck.

Björn:
Trotz dieser Simplizität bleibt der Eindruck, dass ein wahres Genie hinter einem solch breit angelegten Projekt stecken muss. Wie bringst du all diese Inhalte ständig unter einen Hut, ohne dass die Harmonie der Dinge in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird?

Arjen:
Zunächst einmal vielen Dank für das Kompliment, wobei ich mich nicht für ein Genie halte. Nun, der Prozess eines solchen Projekts wird Schritt für Schritt vorangebracht. Am Anfang habe ich absolut keine Idee, was bei einer neuen Arbeit herumkommen könnte. Ich beginne, einzelne Fragmente zu komponieren, setze die Dinge in die richtige Reihenfolge, überlege mir schließlich, woran mich diese Musik erinnert und schreibe als Letztes die Texte dazu. Wenn die Sache zum Beispiel so finster ist, wie du richtig erkannt hast, ist die Story dementsprechend düster. Nach der Konzeption halte ich nach geeigneten Sängern Ausschau, verteile sie auf die passenden Stellen und beschäftige mich erst zum Schluss mit den Texten. Es ist schlichtweg einfacher, die Story zuerst auszuarbeiten und erst dann nach Charakteren zu suchen, die die einzelnen Rollen adäquat verkörpern können. Anders herum könnte dies nicht in diesem Maße funktionieren.

Björn:
Die neuen Songs sind in der Tat ungewöhnlich düster und diesbezüglich auch reich an Stimmungen. Wie gelingt es dir, diese Stimmungen und Wendungen immer dann umzusetzen, wenn die Musik dies erfordert und richtiggehend erfragt? Wie würdest du diese Herausforderung genauer beschreiben?

Arjen:
Das geschieht automatisch, ich muss dafür keine außergewöhnlichen Arbeiten verrichten. Das ist aber auch gerade der Vorteil bei AYREON, ich kann prinzipiell alles verarbeiten und ganz verschiedene Emotionen aufgreifen. Ich muss nichts für spätere Veröffentlichungen zurückhalten, was bei einem puren Metal-Album sicherlich nicht der Fall wäre. Oder nehmen wir ein reines Folk-Album; da wären Songs wie 'Age Of Shadows' oder 'Liquid Eternity' völlig deplatziert. Ich tue daher auch ausschließlich das, was mir selber gut gefällt, und erstaunlicherweise treffe ich den Geschmack der Leute damit immer ganz gut. Ich kann mir manchmal selber nicht erklären, warum das alles so einfach ist.

Björn:
Wirklich? Einfach?

Arjen:
Ja, ich schäme mich ja schon fast, wenn ich realisiere, was ich da geschaffen habe. Die Frage, wie ich das denn jetzt alles wieder hinbekommen habe, stellt sich jedenfalls öfter. (lacht) Dabei nehme ich mir ständig den Vorsatz, den Umfang zu reduzieren, kompaktere Songs zu schreiben oder aber einfach nur einen oder zwei Sänger zu verwenden. Doch bevor ich mich versehe, hat sich dieser Vorsatz auch schon wieder erledigt und es stehen 17 Sänger sowie eine komplexe Story in den Credits. Ich glaube aber, dass ich, sobald ich von Beginn an etwas Komplexeres planen würde, sehr nervös werden würde.

Björn:
Was genau schwebte dir denn in dem Moment vor, als du mit dem Songwriting für dieses Album begonnen hast?

Arjen:
Ich hatte mir erst einmal nur vorgenommen, das Ganze ein wenig spannender zu gestalten als auf "The Human Equation", was andererseits aber auch wieder merkwürdig ist, da "The Human Equation" mein bisheriger Bestseller ist. Logisch wäre daher ja auch, "The Human Equation – Part 2" zu komponieren oder zumindest diesen Stil weiter zu bemühen. Doch ich wusste von der ersten Minute, dass dies auf keinen Fall geschehen sollte. Die Magie eines Albums erneut aufzugreifen, kann einfach nicht funktionieren, da jede Platte auf ihre Weise einzigartig ist. Dementsprechend wäre ein solcher Schritt aus künstlerischer Perspektive unklug gewesen

Björn:
Unglaublich wird das Ganze erst unter der Berücksichtigung der zahlreichen Gastakteure. Möglicherweise stellt man dir diese Frage häufig, jedoch muss sie an dieser Stelle ebenfalls stehen: Welche Bedingungen mussten die Sänger erfüllen, um Teil dieser beiden Scheiben zu werden?

Arjen:
Das ist relativ leicht zu beantworten: Die Sänger mussten mich einfach nur mit ihrer Stimme bewegen, etwas Einzigartiges ausstrahlen, ganz gleich, wie sich dies auch darstellt. Das kann genauso ein Jonas Renkse sein, der bei KATATONIA Großartiges vollbracht hat, andererseits aber auch der beste Sänger der Welt, nämlich Jorn Lande. Nicht zu vergessen die wunderschöne Stimme von Anneke van Giersbergen. Die Spanne ist sehr breit, so dass jeder Sänger sich hätte beteiligen können. Voraussetzung war lediglich, dass mich die Stimme emotional berühren musste.

Björn:
Die stilistische Breite der Gaststimmen ist ziemlich groß. Welche Bedeutung haben Kontraste daher im Rahmen deines Konzepts?

Arjen:
Natürlich sind Kontraste von immenser Wichtigkeit, denn ich habe nichts davon, wenn zehn Sänger absolut gleich klingen. Das ganze Konzept würde nicht aufgehen. Weil in meiner Musik derart viele Emotionen verkörpert werden, brauche ich auch jedes Mal dieses breite Feld aus ganz unterschiedlichen Stimmen. Komischerweise setzen sich all diese grundverschiedenen Elemente am Ende von selbst zusammen und lassen das Album auch tatsächlich als ein Ganzes erscheinen.

Björn:
Es gibt einige Personen auf dem neuen Album, die man gemeinhin als offensichtliche Wahl bezeichnen kann, wie beispielsweise Anneke van Giersbergen oder Floor Jansen. Leute wie Hansi Kürsch oder Tom Englund hingegen sind aufgrund ihrer sehr individuellen Stimme, vor allem aber wegen des ihnen nachgesagten, schwierigeren Charakters sicherlich nicht die typischen Teamplayer, die sich zwangsläufig einem solchen Konzept unterordnen. Wie ist es dir gelungen, diese beiden Musiker ins Boot zu holen?

Arjen:
Hansi ist der einfachste Typ, den ich je kennen gelernt habe. Er ist der netteste Mensch, den du dir vorstellen kannst. Den Kontakt habe ich über einen Journalisten des Rock Hard-Magazins herstellen können. Ich bat ihn, Hansi eine Mail zu schreiben, und noch am selben Abend meldete er sich bei mir und erklärte sich voller Begeisterung bereit, am AYREON-Projekt teilzunehmen. Es war also ziemlich leicht, ihn von der Sache zu überzeugen. Tom wiederum kontaktierte mich bereits vor Jahren und bat mich sogar, eines seiner Alben zu produzieren. Allerdings habe ich kein Interesse daran, andere Bands zu produzieren, also lehnte ich ab. Dann aber hörte ich seine Alben und war sofort von seiner emotionalen Stimme angetan. Ich schickte ihm eine Mail und fragte ihn, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit hat, worauf er mir garantierte, jederzeit bereitzustehen. Auf der neuen Platte war der richtige Zeitpunkt dann gekommen. Schlussendlich war es also eher unproblematisch, diese Leute an Bord zu holen.

Björn:
Wie funktionieren diese Kooperationen denn mittlerweile? Suchst du eigeninitiativ den Kontakt zu den Sängern oder geschieht das Ganze vermehrt auf Basis externer Anfragen.

Arjen:
Nun, jeden Tag schreiben mir Leute, die gerne eine Rolle auf einem meiner Alben übernehmen möchten. Es sind Leute aus aller Welt, was für mich persönlich in der Tat ein riesiges Kompliment ist. Andererseits versuche ich natürlich auch, neue Leute für mein Werk zu überzeugen, realisiere dabei aber auch die Grenzen. Ich spreche hier von den ganz großen Namen, also Leute, die mich einst inspiriert haben, sprich Sänger wie David Gilmour, Robert Plant oder Ian Gillan, an die man wirklich kaum herankommt. Dennoch versuche ich jedes Mal von neuem, einen Kontakt herzustellen, bis heute aber leider ohne Erfolg.

Björn:
Gibt es denn auch diese schwierigen Momente, in denen du einem prominenteren Namen eine Absage erteilen musst, weil seine Stimme einfach nicht zur Atmosphäre deines Albums passt?

Arjen:
Ja, das ist auch schon der Fall gewesen, so zum Beispiel mit Bob Catley, der bereits bei "The Human Equation" eine Anfrage gestartet hatte, bei dem ich jedoch glaubte, es sei nicht der richtige Zeitpunkt für eine Kooperation. Dasselbe gilt für Daniel Gildenlöw von PAIN OF SALVATION und Tom Englund, von denen ich damals auch dachte, es würde sich nicht richtig anfühlen, ihre Stimmen auf diesem Album zu platzieren. Nun ja, aber so etwas lässt sich eben nicht vermeiden.

Björn:
Du sagst, es gäbe durchaus noch Personen, die du eines Tages noch zu einer Zusammenarbeit bewegen möchtest, und dabei erwähntest du Robert Plant.

Arjen:
Er ist seit meiner Jugend einer meiner absoluten Lieblingssänger. Als ich damals 'Since I've Been Loving You' vom dritten LED ZEPPELIN-Album gehört habe, war ich schwer beeindruckt. Lange Jahre hielt ich ihn für den besten Mann auf seinem Posten. Natürlich singt er heute nicht mehr ganz so fantastisch wie zu Beginn seiner Karriere – er hat seine Stimme leider ein wenig zerstört – doch nach wie vor wäre es eine große Ehre für mich, eines Tages mit ihm zusammenzuarbeiten.

Björn:
Seltsamerweise habe ich kurz vor Beginn des Interviews noch den Re-Release zu "The Song Remains The Same" gehört und auch den Gedanken gehabt, er wäre ein potenzieller Kandidat für eines deiner Alben.

Arjen:
Wow, das ist ja mal cool. Schön, so etwas zu hören, ein netter Zufall.

Björn:
Ja, das denke ich auch. Plant ist ja kürzlich mit seiner alten Band für ein einziges Konzert zurückgekehrt. Hast du als großer Fan denn auch der Reunion-Show beigewohnt?

Arjen:
Oh nein, daran habe ich kein Interesse. Ich wollte es nicht sehen, selbst wenn sich die Gelegenheit geboten hätte. Es war pure Magie, als die Originalbesetzung auf der Bühne stand, und ich finde es nicht sinnvoll, zu versuchen, die einstige Magie erneut heraufzubeschwören. Ohne John Bonham ist es nicht mehr dasselbe. Sorry, aber daran habe ich kein Interesse mehr!

Björn:
Gibt es denn eine Person, dessen Partizipation dich persönlich am meisten beeindruckt oder überrascht hat, also quasi jemanden, von dem du nie gedacht hättest, dass er eines Tages an deiner Seite musiziert?

Arjen:
Puh, das ist schwer zu sagen. Ich bin jedes Mal wieder stolz, wenn die Leute mit mir arbeiten wollen. Natürlich ist es aber das allergrößte, wenn sich die Chance ergibt, mit Leuten zu arbeiten, mit denen man damals aufgewachsen ist, so wie Bruce Dickinson, Fish oder Dave Brock. Als Jugendlicher hört man heimlich ihre Musik auf Tapes, während man eigentlich schlafen sollte, und plötzlich stehen sie dann in meinem Studio und singen meine Songs. Wenn mir dass damals jemand erzählt hätte... Wir haben uns als Kids immerzu den Rockpalast angesehen mit Bands wie JUDAS PRIEST oder IRON MAIDEN, und als Bruce damals wie ein Derwisch über die Bühne fegte, waren wir hin und weg. Und der soll später auf einem deiner Alben singen? Ganz klar, dass diese Vision total verrückt anmutet. Aber das sind wirklich Träume, die eines Tages wahr werden.

Björn:
Vor einigen Jahren hast du das STAR ONE-Projekt tatsächlich auf die Bühne gebracht und während dieser Abende einige denkwürdige Shows gespielt.

Arjen:
Oh ja, STAR ONE, das waren unvergleichliche Momente, an die ich mich mein Leben lange erinnern werde. Die Konzerte waren pure Magie, da einfach jeder sein bestes gegeben hat und insgeheim auch wusste, was da auf der Bühne geschah. Daher zweifle ich auch schwer daran, dass ein weiteres STAR ONE-Album Sinn machen würde, da es kaum möglich scheint, diese einzigartige Stimmung noch ein weiteres Mal zu reproduzieren.

Björn:
Vielleicht steigt auch daher mit jedem weiteren AYREON-Album das Verlangen, das Projekt endlich auf die Bühne zu bringen. Wäre das tatsächlich irgendwann denkbar?

Arjen:
Das Problem dabei ist, zum Beispiel im Fall von "The Human Equation", dass zwölf Charaktere verkörpert werden müssen, also müssen auch zwölf Sänger her. Natürlich ist es unmöglich, die originale Besetzung für solch ein Vorhaben zu gewinnen, weil alle Leute unheimlich beschäftigt sind. Es wäre vielleicht möglich, einen Sänger pro Abend zu bekommen, aber man muss das Ganze ja auch vorab proben, etc. "The Human Equation" würde als Theaterstück möglicherweise funktionieren, was aber auch organisatorisch unrealistisch erscheint. Es wäre ein Hintertürchen, aber da ich persönlich nicht sonderlich vom Theater angetan bin und auch hier die Besetzung stark abweichen müsste, sprechen wir hier nur über Eventualitäten.

Björn:
Haben die Veranstalter des Wacken Open Airs denn noch nicht bei dir angeklopft?

Arjen:
Oh, mich haben bereits unzählige Festivalveranstalter kontaktiert, zum Beispiel vom ProgPower-Festival hier in den Niederlanden. Ich bin gar nicht sicher, ob Wacken auch unter den Bewerbern waren, aber das ist ja auch irrelevant. AVANTASIA werden ja dieses Jahr ihr Projekt darbieten, was aber alleine deswegen schon leichter ist, da Tobias selber auch Sänger ist und somit einige Lücken füllen kann. Außerdem hat er eine Band zur Verfügung, was die Sache weiterhin erleichtert. Bei mir ist die Sache indes anders gelagert. Ich habe keine Band und spiele meine Parts selbst, und außerdem habe ich weitaus mehr Sänger auf meinen Alben. Es ist alles halt viel schwieriger.

Björn:
Hast du denn nicht manchmal das Verlangen, diese Songs auch live zu präsentieren?

Arjen:
Ich habe diese Sachen längst hinter mich gebracht und bin für beinahe 20 Jahre durch die Weltgeschichte getingelt und haben teilweise Songs ständig wiederholen müssen, bis ich das Ganze irgendwann satt hatte. Man verkörpert Dinge, hinter denen man mit wachsendem Alter nicht mehr wirklich stehen kann. Mein Leben lang habe ich die Studioarbeit stets vorgezogen.

Björn
Du hast die Messlatte mit deinem aktuellen Album für die Zukunft recht hoch gesetzt. Könntest du dir momentan vorstellen, dass du deine neue Produktion in ferner Zukunft noch einmal wirst toppen können?

Arjen:
Nun, ganz ehrlich, ab jetzt muss ich mit solchen Prophezeiungen sehr vorsichtig sein. (lacht) Aber ich verstehe, was du sagen willst. Wenn ich also künftig ein weiteres AYREON-Album komponieren sollte, muss ich mit etwas komplett anderem auftreten. Mit diesem Album schließt sich der Kreis einer langen Zeit, so wie es auch im letzten Song noch einmal aufgegriffen wird. Von nun an gilt es, eine neue musikalische Marschrichtung einzuschlagen, um auch weiterhin den Status als vollkommen eigenständiger Act beibehalten zu können. Es wird sicher eine Zeit dauern, bis es soweit ist, aber ich bin zuversichtlich, dass die Kreativität hier keine Hürde sein sollte.

Björn:
Ein tolles Schlusswort, das wir definitiv ernst nehmen werden. Dir vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft mit AYREON und deinen übrigen Projekten.

Arjen:
Dir auch einen herzlichen Dank. Ihr werdet bald wieder von mir hören!

Redakteur:
Björn Backes

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