BETZEFER: Interview mit Avital Tamir

11.08.2005 | 23:37

Metal-Hoffnung aus Israel? Israel? In unserer extrem breit gefächerten Berichterstattung in den Medien unseres Vertrauens wird einem der Eindruck ja eingeprügelt, in Israel leben nur Reaktionäre und Konterreaktionäre, und ein paar Friedenshippies. BETZEFER auf jeden Fall sind eine Metalband aus eben jenen problemgebeutelten Landen, wollen mit dem ganzen politischen Krams so wenig wie möglich zu tun haben, und eigentlich nur eins: rocken.

Das dieses Vorhaben ziemlich beeindruckend von statten gegangen ist, kann man sich neuerdings auch nördlich des Mittelmeers auf dem Tonträger "Downlow" reinziehen, oder hoffen, dass die Leute von Roadrunner Records diese Band entweder in die nächste Roadrage-Tour packen, oder sie wieder einem ihrer größeren Acts an die Ferse kleben.

In Köln bekam der geneigte POWERMETAL.de-Schreiber die Möglichkeit, dem Fronter Avital Tamir unter vier Augen auf den Zahn zu fühlen, und so ging man von Anfang an auf Nummer sicher: wie zum Teufel spricht man BETZEFER eigentlich aus?

Eigentlich wie man es schreibt, zumindest in Deutschland. In Frankreich und Holland hätte man schon seltsame Abarten des Bandnamens gehört, der übrigens übersetzt einfach nur "Schule" bedeutet. Schule deshalb, weil die Band einfach nur eine Schulband ist, die es etwas weiter gebracht hat als nur zur Abschlussklasse. Bis auf den Bassisten sei man zusammengekommen, um auf einem Schulevent zu spielen, und als man sich nach einem Haufen zusammengewürfelter Songs sicher war, dass das auch weiterhin gut klingen könnte, blieb man bei dem Namen und der Band.

Schön und gut, in Deutschland kennt trotzdem keine Sau BETZEFER, wie wäre es also mit einer kleinen Einleitung?
Avital stutzt kurz, versucht meine freie Grammatik in vernünftiges Englisch zu übersetzen und lacht eine halbe Sekunde später lauthals auf, was für einen fetten Kaffeefleck auf der Tischdecke sorgt.
Da wäre erstmal der Gitarrist Matan Cohen, welcher am Tisch nebenan sitzt und Avital auf hebräisch ob des verschütteten Kaffees verspottet. Dann gäbe es da noch Rotem Inbar, welcher normalerweise den Bass beackert, und Roey Berman welcher hinter den Drumfellen sitzt. Achja, er sei eben Avital Tamir und brülle normalerweise Mikrofone an und sie seien natürlich eine verdammt hart rockende Band aus Israel, falls das noch nicht aufgefallen sei.

Unüberhörbar, auf jeden Fall. Die Vergangenheit als Coverband ist damit wohl abgeschlossen?
Klar. Sie alle seien total vernarrt in Musik, und die Songs von anderen Bands zu spielen hätte schon enormen Spaß gemacht, jedoch sei das Schreiben und Zocken von eigenen Songs immer noch das Größte gewesen, und man hätte sich schließlich erst einmal das nötige Handwerk anarbeiten müssen um irgendwann mal eigene Ideen adäquat wiederzugeben. Und dieses Wiedergeben wäre vor allen Dingen live ein absolut überwältigendes Gefühl, weswegen jeder unserer Leser sofort die Website der Band ansurfen sollte, um die Tourdaten abzuchecken.

Von der Coverband zur Band mit eigenen Knüllern ist ja jetzt mal kein so einfacher Schritt, und BETZEFER stellten da keine Ausnahme dar.
"At the beginning, we sucked balls.", gibt Avital zu, und ein Haufen ihrer ersten Songs sei niemals veröffentlicht worden weil der Schrott der Band einfach nur noch peinlich sei, obwohl das dazugehöre. Und was man natürlich auch raushöre sei die Vorliebe der Bandmitglieder für den "straight forward in your face"-Metal nach Art von SEPULTURA, PANTERA und BLACK SABBATH.

Ehm, Entschuldigung...BLACK SABBATH und "straight forward"?

Es entbrennt eine Diskussion darüber ob man den Sound von BLACK SABBATH als "einfach nur genial vertrackt und trotzdem schlüssig" oder als "genial schlüssig und ein wenig vertrackt" einstufen sollte, bis man sich schließlich auf "the classic sound" als Beschreibung des BETZEFER'schen Musikgeschmacks einigt. Und das, obwohl die Band sich alles reinzieht was neu am Horizont des Rocks auftaucht, hauptsache es hätte eingängige Hooklines und sei schnell in den Ohren.

Wie war das eigentlich mit der Tour mit FEAR FACTORY in den Niederlanden?
Eigentlich wäre es keine richtige Tour gewesen, sondern nur ein Gig, stellt Tamir fest, während er den verschütteten Kaffee betrauert und der Kellnerin einen sehnsüchtigen Blick hinterherwirft. Das mit der FEAR FACTORY wäre wirklich ein Fall von "zur richtigen Zeit am richtigen Ort" gewesen, sie seien schließlich Fans der Band seit sie sechzehn gewesen wären, und es wäre das erste Mal gewesen, dass sie mit einer Band von dieser Professionalität gespielt hätten. Ausserdem war es das erste Mal dass man in Europa spielte, man hätte vorher drei andere Gigs gespielt und dann per Zufall die Möglichkeit bekommen den Opener für die Industrial-Legende zu stellen.

Die Frage, ob BETZEFER bis dahin völlig unbekannt in den BeNeLux-Staaten waren, verneint der Frontmann mit dem seltsamen Nasenpiercing nur halbherzig. Man hätte einen Deal mit einem kleinen Label in Holland abgeschlossen, im Zuge dessen rund 300 Kopien ihrer ersten EP vertickt worden wären. Sowieso hätte die Band nur EPs aufgenommen, um erst dann mit einem Album anzurücken wenn sich die Band fit genug gefühlt hätte, und der Zeitpunkt sei halt jetzt. Die Tatsache, dass die Zunft der Soundtechniker in Israel nicht wirklich was von Metal verständen sorgte dann auch dafür, dass man das Album unbedingt in Europa aufnehmen wollte.

Sich die Texte einer Band reinzuziehen stellt sich oft genug als Problem heraus, besonders bei Metalbands. Die einzige Chance sich die Infos über die lyrischen Anliegen der Band zu holen war also die direkte Quelle, nachdem selbst das gewaltige Internet keine Infos preiszugeben hatte. Worüber also schrieb der Mensch vor mir?
Die Antwort war einfach wie logisch: das Leben in vollen Zügen genießen, keine Kompromisse einzugehen weil du später vielleicht keine Zeit haben wirst sie zu bereuen, und sich und seine Träume zu erfüllen soweit es geht.
Das Leben der BETZEFER-Leute sähe zur Zeit ziemlich sprunghaft aus, Avital selber sei Koch (die wohl in Israel dauernd gebraucht würden, weswegen sich dieser Mensch keinen Kopf um derartige Probleme macht), einer seiner Kollegen sei Barkeeper, ein Kurier sei dabei und ein Grafikdesigner.
Bisher hätte die Band auch alles selber finanziert, aber keiner von ihnen hätte sich wirklich Gedanken um die Arbeit gemacht und sich voll auf die Band konzentriert, mit einem Monat in Europa und ständig wechselnden Terminen rund um die Band würden was anderes als Gelegenheitsjobs auch unmöglich machen.

Der Deal mit Roadrunner Records sei ebenso ein Wunder wie gewollt. Obwohl die Band mit ihrem Sound perfekt in das Line-Up des Labels passt, sei man nicht sicher gewesen, ob das was werden würde. Natürlich wären die Holländer auf ihrem Wunschzettel ganz oben gewesen, und jetzt, da es soweit sei, kann noch keiner in der Band wirklich daran glauben. Bei dem Gig mit FEAR FACTORY sei man an einen Produktmanager der RR geraten, welcher eine Kopie ihres neuen Albums haben wollte, und so kam es, dass man RR Deutschland mit drei Kopien des Albums beschoss. Einmal von der Band selber, dann vom holländischen RR-Menschen und der Soundtechniker der Band selber hätte noch eine Kopie hingeschickt, um auf die Band aufmerksam zu machen. Das Ergebnis säße auf jeden Fall gerade vor mir.

Die Metalszene in Israel...
...ist hierzulande so gut wie unbekannt, unterbricht Avital und verdreht die Augen ob dieser Ungerechtigkeit. Alle würden in Sachen Israel nur an den Krieg und die Proteste denken, und hätten wohl Angst runterzukommen um sich die Szene dort anzuschauen, aber die Szene sei ihr ein und alles. Wohl aus dem Grund gehen die Leute auch auf Konzerte von Bands die sie überhaupt nicht mögen, weil es einfach nicht so viele Konzerte gäbe, und die Szene sei auch extrem vereint weil es halt nicht so viele Metalheads im Land Gottes gäbe. Ein einziges Festival gäbe es dort, und die Clubgigs seien im Vergleich zum europäischen Standard ein Witz, aber umso intensiver. Die Moshpits in Israel seien energischer, schon fast gewaltätig im Vergleich, was wohl einfach daran läge dass man in ihrer Heimat nicht so oft die Gelegenheit bekäme sich den Kopf wegzumoshen. Trotzdem seien die Shows in Europa ein absoluter Hammer, und die Publikumsreaktionen seien bisher großartig gewesen, was der Band unheimlich viel bedeuten würde.

Die Band selber wohnt seit zwei Jahren zusammen in einer Art Metal-WG mit Proberaum inklusive, was bei Avital keinen Zweifel daran lässt, dass diese Bandkonstellation die beste ist, und man sich sicher sein könnte dass die Band auch weiterhin so funktionieren wird. Er und Matan seien eh Freunde gewesen seitdem sie laufen könnten, und er würde sowieso jedem Menschen auf der Welt wünschen, solche Freunde zu haben wie er sie habe.

Die älteren EPs von BETZEFER sollen laut Kollegenkreisen ziemlich numetal-lastig klingen, und auch Tamir gibt zu, dass es einfach so gewesen wäre, als man mit KORN und SYSTEM OF A DOWN in den Ohren angefangen hätte eigene Songs zu schreiben. Vor drei Jahren wäre man schließlich in den härteren Metal gerutscht, und hätte nurnoch Acts wie CANNIBAL CORPSE, THE HAUNTED und SLAYER in den Ohren gehabt, und man hätte sich einfach weiter entwickelt, wie ihre Vorbilder es vor ihnen getan haben.

SLAYER? Keine Referenz, die hört schließlich jeder in der Szene.
Avital grinst breit, und kontert mit dem Spruch dass SLAYER schließlich die beste Band sei, die jemals Metal gespielt hat.

Für die Zukunft der Band hat man strikte Ansichten und Vorstellungen, aber irgendwie genau dieselben, die ich Jahre zuvor von zwei Musikern gehört habe, die heutzutage mit CHIMAIRA jede Bühne abräumen die sie in die Finger bekommen. Mark Hunter und Rob Arnold hatten genauso wie Avital Tamir und Matan Cohen jede Menge Promoarbeit vor sich, eine Unzahl an Tourneen und sowieso "getting harder, getting better, getting rock!"

Wir wissen ja wo das hingeführt hat.

Redakteur:
Michael Kulueke

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