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BIFFY CLYRO: Interview mit Ben und James

18.10.2021 | 16:44

"Wir werden sehen, wer die wahren Fans sind und wer hier lieber skippt." - BIFFY CLYRO stellt die Fans vor eine echte Herausforderung.

Wenn ein neues BIFFY CLYRO-Album erscheint, ist ein Gespräch mit der Band für mich eine erfreuliche Pflichtaufgabe, gehören die Schotten doch zu den sympathischsten Menschen, die bisher vor meinem Aufnahmegerät gesessen haben. Wie beim letzten Interview unterhalte ich mich mit Ben und James Johnston, doch zum ersten Mal nicht persönlich sondern via Videochat. Klar, CoVid-19 ist schuld.

"Ja, beim letzten Mal sind wir von unserer Familie noch für verrückt erklärt worden, weil wir uns auf den Weg nach Berlin gemacht haben und wurden auf dem Rückweg komisch angesehen, weil wir mit Maske geflogen sind. Ein paar Tage später stand dann schon die Welt still", erzählt James. Immerhin, das Trio und ihre Familien sind bislang vom Virus verschont geblieben.

Allerdings, ohne Corona hätte es wohl "The Myth Of The Happily Ever After" gar nicht in dieser Form und vor allem nicht zu diesem Zeitpunkt gegeben. So wurde das Album unter der Mithilfe von Adam Noble, der bereits seine Hände beim Soundtrack "Balance, Not Symmetry" im Spiel hatte, im heimischen Schottland statt in Los Angeles aufgenommen. "Dass wir nicht einfach herumsitzen und nichts tun, kannst du dir ja sicher denken und so haben wir begonnen unser Studio auszubauen und anschließend wollten wir an ein paar Ideen, die noch aus den Sessions zu "A Celebrations Of Endings" stammen, arbeiten. Das Album war erst gar nicht geplant, aber dann kam Simon noch mit ein paar Songs an und die waren großartig und jetzt sitzen wir hier", lacht James.

Meine Einschätzung, dass man dem Album anmerkt, dass die Band noch mehr als sonst Grenzen ausgelotet hat und total kompromisslos zu Werke gegangen ist, findet große Zustimmung. "Ja, das trifft den Nagel auf dem Kopf. Wir haben die Ideen einfach fließen lassen und nicht mehr in ein Korsett gepresst. Adam ist auch ein Produzent, der uns nicht viel hinein redet und sagt, dass wir etwas nicht machen können. Er lässt uns da völlig freie Hand und da wird aus dem balladesken Beginn von 'Holy Water' eben auch mal am Ende der härteste Part des Albums", grinst Ben.

biff clyro

with kind permission: (c) Kevin J. Thomson

Eine Befürchtung, dass diese Kompromisslosigkeit durchaus auch den ein oder anderen Fan, der mit Songs wie 'Opposite' oder 'Re-Arrange' zu dem Trio gefunden hat, vor den Kopf stoßen könnte, gibt es nicht, wie James versichert: "Na ja, wir haben uns immer etwas verändert und die Fans sind bislang immer mitgegangen. Es stimmt schon, dass wir es hier auf die Spitze treiben und das kann auch kommerziell nach hinten losgehen, aber als wir anfingen an dem Album zu arbeiten, haben wir darüber gar nicht nachgedacht, weil es ja ursprünglich gar kein Album werden sollte."

Auffällige Songs gibt es so einige, so beispielsweise die erste Single 'Unknown Male 01', die unglaublich vielseitig ist und so das Album gut repräsentiert. "Ja, genau aus diesem Grund haben wir den Song auch als erstes veröffentlicht", erwidert James und fährt fort: "Es passiert unglaublich viel in der Nummer, die eher untypisch für uns ist und gleichzeitig enthält sie viele unserer Trademarks, gerade der Refrain oder auch Simons Gitarrenspiel." Auch über 'Slurpy Slurpy Sleep Sleep' muss man sprechen, denn gerade die ersten beiden Minuten sind ja wirklich anstrengend. "Ich dachte eigentlich, du würdest dir 'Separate Missions' rauspicken", lacht James. "Aber ja, das ist natürlich eine echte Geduldsprobe für unsere Fans." Ben ergänzt lachend: "Da werden wir sehen, wer die wahren Fans sind und wer hier lieber skippt."

Textlich fällt auf, dass die offensichtliche Wut des Vorgängers nicht mehr so präsent ist. "Ja, in dieser Hinsicht war "A Celebration Of Endings" natürlich ein sehr persönliches Album für uns, während es jetzt von den letzten 18 Monaten und allem, was auf der Welt geschehen ist, bestimmt ist. In 'DumDum' gibt es die Stelle 'bodies piling up on my doorstep', was sich vor allem auf die CoVid-Toten bezieht. Im abschließenden 'Slurpy Slurpy Sleep Sleep' kommt aber die positive Konklusion, dass es eben nur mit Liebe geht. 'Don't waste your time, love everybody', heißt es dort", erklärt James.

biffy clyro the myth of the happily ever after

Die Live-Umsetzung der Songs dürfte auch interessant sein. "Du weißt ja, dass wir nicht für den einfachen Weg zu haben sind, von daher habe ich jetzt schon Bammel vor dem Zeitpunkt, wo Simon vorschlägt, dass wir 'Slurpy Slurpy Sleep Sleep' spielen. Auch 'Separate Missions' wird ähnlich anspruchsvoll, zumal wir möglichst wenig vom Band kommen lassen wollen", erzählt Ben. Überhaupt dürfte die Setlist für die nächste Tour eine echte Herausforderung werden, immerhin gibt es gleich drei Alben, die live noch gar nicht vorgestellt wurden. "Oh, man", lacht James. "Das wird natürlich wirklich kompliziert. Eigentlich waren weder der Soundtrack noch dieses Album dafür vorgesehen, live gespielt zu werden, aber dann sind die so gut geworden, dass wir jetzt unbedingt auch Songs von "Balance, Not Symmetry" und natürlich "The Myth Of The Happily Ever After" spielen wollen. Ich habe echt noch keine Idee, wie wir das alles unter einen Hut bringen sollen." Die einfachste Lösung wäre, nur auf diese drei Alben zurückzugreifen, die Klassiker haben wir ja alle live schon gehört. "Ja, genügend Songs für einen Gig hätten wir zweifellos", lacht Ben und fährt fort: "Wir haben ja bereits ein paar Shows gespielt und da auch 'Unknown Male 01' vorgestellt, was viele Fans wirklich super fanden, aber ob ein gesamtes Konzert ohne alte Songs auskommen kann?"

Immerhin sind die beiden sehr optimistisch, was die Konzerte in Deutschland im nächsten Februar angeht. "Hier in UK wird ja schon wieder so getan, als sei nichts gewesen, aber die Anzahl an Infektionen steigt stetig. Ich finde den Weg, den ihr in Deutschland geht deutlich vernünftiger und glaube schon, dass wir im Februar dann wirklich endlich bei euch spielen können", meint Ben. Hoffen wir, dass dieser Optimismus gerechtfertigt ist.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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