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BLESSED DEATH: Interview mit Nick Fiorentiono

19.04.2007 | 16:01

Ende der 80er überkam uns in Form zweier Thrashklassiker namens "Kill Or Be Killed" und "Destined For Extinction" ein ungeahnt mächtiger Wirbelsturm musikalischer Kraft und Energie, der bis heute das Grünzeug in meinem Wohnzimmer regelmäßig durchpustet. Urheber dieses facettenreichen Unwetters war das New Yorker Quintett BLESSED DEATH, welches sich frustriert Anfang der 90er auflöste. Danach herrschte totale Funkstille. Erst Ende 2006 wurde Gerüchte laut, die besagten, ein nie veröffentlichtes Alt-Juwel der Band würde unter dem Banner "Hour Of Pain" erscheinen. Dies ist vor einigen Monaten geschehen. Erneut ein Meisterwerk, so dass es klar war, dass wir bei Klampfer Nick Fiorentino anklopfen mussten. Dieser involvierte seinen Partner in Crime – Jeff Anderson – und beantwortete geduldig den Fragenkatalog. Sit back and relax!

Holger:
Wie lange gab es euch bis "Kill And Be Killed" veröffentlicht wurde?

Nick:
Etwas über ein Jahr, denke ich.

Holger:
Damals schien es so, als würde das Album quasi aus dem Nichts entstanden sein, da es keinerlei Demobesprechungen in den einschlägigen Magazinen gab. Wart ihr euch bewusst über das großartige Underground-Netzwerk der damaligen Zeit?

Nick:
Wir haben ein Demo eingespielt und wussten auch von der Trader-Szene und den Magazinen, waren uns aber nicht über deren Größe und Bedeutung im Klaren.

Holger:
Es gibt Geschichten, dass die Old Bridge Militia eine Art Heavy-Metal-Hotel betrieben hat, in dem viele Bands übernachtet haben, die später groß wurden.

Nick:
Das stimmt. Bands wie SLAYER, MOTÖRHEAD und auch METALLICA haben dort gepennt. Einige dieser Truppen haben da auch auf privaten Parties unseres Freundes Metal Joe gespielt. Auch unser erster Auftritt fand dort statt und deshalb hat die Old Bridge Militia uns quasi als ihre Hausband adoptiert.

Holger:
Was muss man sich denn unter der Old Bridge Militia vorstellen? Einen Biker Club oder eher doch ein Metal FC?

Nick:
Weder noch. Einfach eine Truppe von total fanatischen Metalfreaks, die in Old Bridge, New Jersey lebten. Das war nicht weit von uns entfernt. Wann immer Bands in ihrer Nähe getourt haben, konnten sie bei ihnen übernachten. Unser Song 'Knights Of Old Bridge' ist ein Tribut an all diese wunderbaren Freunde.

Holger:
Man konnte damals lesen, dass ihr sauer auf METALLICA wart, weil diese die Militia nicht in ihrer Thanksliste erwähnt hatten. Immer noch wütend?

Nick:
Wir waren nicht wütend, aber ich glaube ein paar Jungs der Militia waren es, da METALLICA während den Aufnahmen zu "Kill 'Em All" eine Weile bei ihnen übernachtet hatten.

Holger:
Verständlich. Als ich das erste Mal eure Musik gehört habe, war ich völlig fasziniert von der unglaublichen Energie und der Aggression kombiniert mit so viel Abwechslungsreichtum und einer unbeschreiblichen Musikalität. Alles klang so authentisch und mit Herzblut eingespielt, aber gleichzeitig auch wohl durchdacht. Wie sind bei euch damals Songs entstanden?

Nick:
Immer als Gruppe. Irgendwer kam mit einer Idee oder einem Riff zur Probe und wir alle haben das dann ausgearbeitet. Bis auf die Texte, die waren immer ausschließlich von Larry.

Holger:
Wie wichtig war es euch, den Hörer mit diesen überraschenden Breaks zu erschrecken?

Nick:
Irgendwie war das wohl schon wichtig, aber irgendwie kam das auch alles sehr natürlich. Es war einfach unsere Art Songs zu schreiben.

Holger:
Was war wichtiger: die Energie oder das Darstellen des musikalischen Könnens?

Nick:
Die Energie und die Aggression. Wir wollten, dass die Leute unseren Frust hören konnten.

Holger:
Eure Einflüsse waren wohl BLACK SABBATH, MERCYFUL FATE, DIAMOND HEAD, VOI VOD ... ?

Nick:
SABS waren mit Sicherheit unser größter Einfluss. Dann noch JUDAS PRIEST, PINK FLOYD, MOTÖRHEAD und SLAYER. MERCYFUL FATE und VOI VOD nur in den Anfangstagen und DIAMOND HEAD haben wir nie gehört.

Holger:
Besonders das Organ von Larry hat es mir angetan. Es klang so intensiv, dass man immer Angst haben musste, er würde gleich aus der Anlage springen. Hat er jemals Unterricht genommen?

Nick:
Nein, das kam einfach so aus ihm heraus. Er hat niemals Unterricht genommen.

Holger:
Wart ihr euch damals schon bewusst darüber, dass ihr sehr eigenständig und besonders geklungen habt? Bis heute fällt mir keine Band ein, die so ähnlich wie ihr klingt.

Nick:
Irgendwie spürten wir diese Magie bereits bei unserer ersten gemeinsamen Probe. Wir fühlten uns immer sehr geehrt, dass unsere Fans uns dafür so viel Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Holger:
Ich hatte immer den Eindruck, dass die Texte gleichbedeutend wichtig für euch waren?!

Nick:
Wir brauchten Texte, die mit Worten ausdrückten, was unsere Songs musikalisch rüberbringen sollten.

Holger:
Manchmal hatte man den Eindruck, dass textlich ganz bewusst etwas übers Ziel hinaus geschossen habt, um die Leute wach zu rütteln. Provokation als Kunstform so zu sagen. Ich denke da an 'Into The Ovens' und 'Pig Slaughter'.

Nick:
Da hast du wohl Recht. Wir wollten immer über das Böse im Menschen schreiben. Und das klingt manchmal wie ein räudiger Weckschrei. BLESSED DEATH hatten aber niemals etwas mit Satanismus oder Kriegsglorifizierung am Hut. Es gibt einfach so viel Schlechtes in der Welt, dass es uns ein Bedürfnis war, darüber zu schreiben.

Holger:
Hattet ihr jemals Probleme wegen der Texte?

Nick:
Einmal als wir im CBGB's in New York spielten und 'Into The Ovens' lief, dachten einige, wir wären Nazis. Sie hätten natürlich nicht falscher liegen können. Wir haben doch nur eine Geschichte über den Holocaust geschrieben, die ein weiteres Kapitel der menschlichten Boshaftigkeit darstellt.

Holger:
Wenn man sich den Bandnamen, das Artwork des Debütalbums und euer Outfit anschaut, könnte man denken, man hätte es mit Jesus Freaks oder Hippies zu tun, was im krassen Gegensatz zur Musik und den Texten steht. Seid ihr damit schon einmal konfrontiert worden?

Nick:
Nein, damit hat uns noch keiner konfrontiert. Nicht dass irgendwas falsch daran wäre, ein Hippie oder Jesus Freak zu sein. ;)

Holger:
Würdest du mir zustimmen, dass das zweite Album "Destined For Extinction" weitaus brutaler klingt als der Erstling? Wart ihr noch frustrierter oder weshalb wurde die epische Komponente weniger berücksichtigt?

Nick:
Das Album sollte viel brutaler werden als "Kill Or Be Killed". Das war ein ganz natürlicher Entwicklungsprozess bei uns, da wir immer angepisster gegenüber der Musikindustrie wurden. Ach, eigentlich hat uns die ganze Welt total gefrustet. Ausgenommen unsere tollen Fans natürlich.

Holger:
Mit dem Album im Gepäck seid ihr dann auf erste Europa-Tour zusammen mit den belgischen CYCLONE gegangen. Was gibt es darüber zu berichten?

Nick:
CYCLONE waren ein geniale Thrashkapelle und wir hatten eine tolle Zeit mit ihnen. Das war 1986. Wir passten gut zusammen und hatten alle die gleiche Einstellung. Da wir damals sehr viel Bier getrunken haben, sind uns leider alle Einzelheiten entfallen. ;)

Holger:
Direkt nach der Tour gab es bereits erste Auflösungsgerüchte. Plötzlich gab es dann aber das grandiose "Terminal Rage"-Demo. Was war passiert?

Nick:
Wir beschlossen doch noch ein Demo einzuspielen und damit das Interesse von Labels zu wecken, da wir während der Tour plötzlich ohne Deal da standen.

Holger:
Das Teil gab es damals über den Demoversand von Oliver Jung. Wie ist damals der Kontakt zu ihm entstanden und wisst ihr, wie viele Kopien er verkauft hat?

Nick:
Hm, da ist ganz dunkel der Name in meinem Gedächtnis. Mehr weiß ich beim besten Willen nicht mehr.

Holger:
Wann wurde die Band denn endgültig zu Grabe getragen?

Nick:
Kurz nach den Aufnahmen zu unserem dritten Album im Jahre 1992. Die Frustration war einfach zu groß. Wir hatten acht lange Jahre all unser Herzblut in die Band investiert und wurden von den Labels einfach nicht beachtet. Die Fans hingegen waren und sind immer noch wunderbar. Wer weiß, wo BLESSED DEATH heute stehen würden, wenn sie damals ein Label gehabt hätten, das sie unterstützt hätte.

Holger:
Was haben die einzelnen Bandmitglieder nach dem Split getrieben? Seid ihr wenigstens in Kontakt geblieben? Gab es Angebote von anderen Bands?

Nick:
Wir waren alle mit dem täglichen Allerlei beschäftigt wie Arbeit, Familie, Kinder, Hobbies. Aber wir alle haben immer noch diese starke Passion für Metal in uns. Es hat uns über die gesamten US-Staaten verstreut, aber im Moment stehen wir endlich alle wieder untereinander in Kontakt.

Holger:
Bei wem liegen eigentlich aktuell die Copyrights für die ersten beiden Alben?

Nick:
Die liegen bei uns.

Holger:
Stimmt es, dass man die beiden Alben zur Zeit lediglich als Old Metal-Veröffentlichung bekommen kann? Wird sich dieser Zustand irgendwann einmal ändern?

Nick:
Wir wollen die Dinger demnächst beide remastern und sie selbst noch einmal neu veröffentlichen. Wir werden versuchen, dass wir einen größeren Vertreiber dafür finden können.

Holger:
Was hat euch dazu bewogen nach 15 Jahren endlich "Hour Of Pain" zu veröffentlichen?

Nick:
Die größte Motivation waren die vielen E-Mails der Fans und der massive Zuspruch, den wir durch unsere Homepage, die Myspace-Site und in unserem Forum bekommen haben.

Holger:
Stammen die Aufnahmen direkt von den alten Demos oder habt ihr das Material neu gemixt?

Nick:
Alle Aufnahmen auf "Hour Of Pain" stammen von den Aufnahmen im Pyramid Studio im Jahre 1991. Wir haben nicht viel verändert, lediglich alles digital remastert. Fünf Songs standen auf dem "Terminal Rage"-Demo und zwei auf "Live Rage", aber 'You Are Nothing', 'Born Dead' und der Titelsong sind bis jetzt unveröffentlicht.

Holger:
Was ist mit dem Song 'The Warning' geschehen, der als sechste Nummer auf dem Demo stand?

Nick:
Ich habe vergessen, warum wir uns damals gegen den Song entschieden haben. Wahrscheinlich waren wir der Ansicht, dass er nicht dem Standard des restlichen Materials standhalten würde.

Holger:
Leider gibt es dieses Mal kein Textblatt beim Album, obwohl eure Lyrics immer sehr gehaltvoll sind/waren. Woran liegt das?

Nick:
Leider ist Larry (Portelli, vox. – der Verf.) der Einzige, der uns dabei helfen könnte, da die Textblätter verschwunden sind. Er hat damals alle Texte im Alleingang geschrieben und es wird sicherlich einige Zeit kosten bis er sich wieder an alles erinnern kann. Wir werden sie dann auf unsere Homepage posten, denn es waren die besten Texte, die Larry jemals geschrieben hat, soweit ich mich entsinnen kann. (lacht)

Holger:
Gibt es Pläne für Festival-Auftritte in Deutschland?

Nick:
Es gibt momentan keine konkreten Pläne für eine Reunion. Wir sind aber alle sehr aufgeregt wegen der Veröffentlichung, die unsere Freundschaft erneuert hat. Ich bin mir also sicher, dass wir in naher Zukunft beginnen werden, darüber nachzudenken.

Holger:
Hast du in der Zwischenzeit die Szene verfolgt?

Nick:
Mal mehr, mal weniger. Ich mag SLIPKNOT und GODSMACK sehr gerne. Und natürlich immer noch SLAYER.

Holger:
Vielleicht nennst du mal deine All-Time-Faves?

Nick:
BLACK SABBATH (natürlich), JUDAS PRIEST, OZZY, PINK FLOYD, LED ZEPPELIN, DEEP PURPLE, DIO, JIMI HENDRIX, MOUNTAIN, AC/DC, SCORPIONS, SLAYER, MERCYFUL FATE, MOTÖRHEAD, METALLICA, TOOL, GODSMACK, BLACK LABEL SOCIETY, TROUBLE, VOIVOD, CELTIC FROST, DARK ANGEL, TYPE O NEGATIVE.

Holger:
Eine coole Liste, die ein cooles Interview mit einer coolen Band cool ausklingen lässt. Vielen Dank für deine Zeit und die Musik!

Nick:
Ein ganz dickes Dankeschön an all unsere Fans und Freunde, die sich an uns erinnern und die uns über die Jahre hinweg unterstützt haben und uns die Treue halten.

Redakteur:
Holger Andrae

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