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BURDEN OF LIFE: Interview mit Christian Kötterl

18.04.2020 | 21:58

Ein Album-Release mitten in der Corona-Krise, viel schlimmer kann es für eine Band eigentlich nicht kommen. Doch auch wenn die Bayern BURDEN OF LIFE aktuell keine Konzerte spielen können, um ihre neue Scheibe angemessen zu promoten, hat "The Makeshift Conqueror" musikalisch das Potential dazu, die deutsche Prog-Metal-Szene aufzumischen. Daher haben wir uns Fronter Christian Kötterl geschnappt, um mit ihm über die aktuelle Situation und natürlich das Songmaterial der neuen Platte zu sprechen.

Hallo Christian. Erst einmal natürlich die obligatorische Frage dieser Tage: Wie geht's euch denn im BURDEN OF LIFE-Lager?

An sich können wir nicht klagen, denke ich. Wir sind alle gesund, können noch einigermaßen regulär in unseren Jobs arbeiten und versuchen das Beste aus der freigewordenen Zeit zu machen.

Das Thema Corona ist zwar dieser Tage in der Presse schon dauerhaft präsent, dennoch komme ich nicht umhin, auch hier zuerst einmal die Pandemie und ihre Auswirkungen anzusprechen. Mit dem Release eurer neuen Scheibe "The Makeshift Conqueror" seid ihr ja nun direkt in die Zeit der Veranstaltungsabsagen geraten und musstet zum Beispiel eure Release-Party verschieben. Wie seht ihr die Auswirkungen auf die Veröffentlichung der Scheibe bisher und wie sieht der Plan aus, das Album jetzt auch ohne die Möglichkeit von Konzerten so gut es geht zu promoten?

Für uns als Band ist es natürlich extrem ärgerlich, dass das jetzt alles so zusammenfällt. Glücklicherweise sind wir nicht finanziell abhängig von der Band, das heißt bei uns stehen zumindest keine Existenzen auf dem Spiel. Aber schade ist es natürlich schon, abgesehen von unserem traditionellen Pre-Release Konzert in unserer Heimatstadt, welches zum Glück noch einwandfrei über die Bühne ging, hatten wir jetzt noch keine Möglichkeit das neue Material live zu präsentieren. Wir haben uns schon ein bisschen beraten, was wir von unseren Schreibtischen aus tun können, um das Momentum irgendwie ein bisschen aufrecht zu erhalten. Die vielen tollen Reviews (Hier auch nochmal ein dickes Dankeschön an euch!) zeigen jedenfalls, dass es Interesse an der Musik gibt. Wir hoffen einfach, dass sich das ein wenig hält, bis wir wieder auf die Bühnen können. Bis dahin wird es aber sicher auch das eine oder andere aus unseren heimischen vier Wänden zu hören und sehen geben. Stay tuned!

Eine weitere Frage zum Thema, dann wenden wir uns eurem neuen Langspieler zu. Dennoch würde ich gerne eure Einschätzung zur aktuellen Situation hören. Auch ihr seid ja regelmäßig in den kleineren Clubs der Bundesrepublik unterwegs und gerade diese haben unter den aktuellen Regelungen am meisten zu leiden. Macht ihr euch Sorgen, dass wir in einem halben Jahr einige dieser für die Underground-Szene so wichtigen Veranstaltungsorte verlieren könnten?

Auch wenn ich befürchte, dass es sich nicht vollständig vermeiden lassen wird, dass ein paar Veranstaltungsorte dran glauben müssen, glaube ich dennoch, dass es da momentan eine große Welle an Solidarität und Support gibt. Der tolle Club Vaudeville in Lindau am Bodensee hat eine solche Kampagne gestartet und sehr viel Unterstützung bekommen. Es gibt also bei den Leuten durchaus den Willen, diese (Sub-)Kulturlandschaft am Leben zu halten.

Jetzt aber endlich zu schöneren Themen und damit zu "The Makeshift Conqueror". Vorweg muss ich direkt einmal nach dem Albumtitel fragen: Was hat es mit dem "behelfsmäßigen Eroberer" auf sich? Der Albumtitel ist ja doch etwas ungewöhnlich.

"Conquering" ist hier nicht wie das Erobern bei einem Feldzug zu verstehen, sondern eher als das Besiegen und Hinter-sich-lassen von persönlichen Geistern und Dämonen. Das Wort "makeshift" meint hier, dass dieser Vorgang auf eine provisorische, regelrecht planlose Art und Weise geschieht. Man stellt also keine Pläne auf oder überlegt sich rational, wie sich dieses und jenes Hindernis überwinden lassen könnte, sondern geht immer davon aus, dass sich alles irgendwie von selbst regeln wird. Oft klappt das auch oder erfordert zumindest nur minimalen Aufwand. Hin und wieder muss man aber aufgrund dieser Denkweise eben doch Rückschläge und Niederlagen hinnehmen, die einem andernfalls vielleicht erspart geblieben wären. Die Wand kann am Ende schon einbrechen, wenn man zwanzigmal völlig unüberlegt dagegen läuft, aber das passiert dann sicherlich nicht ohne erhebliche Kopfschmerzen.



Warum wird euer Album eigentlich vom Label noch unter Melodic Death Metal vermarktet? Bereits bei meiner Rezension zum letzten Silberling "In Cycles" hatte ich damals bemerkt, dass ihr "dem Melo-Death-Korsett" längst entwachsen seid.

Wird es das? Ich war eigentlich der Ansicht, dass das Promomaterial als "Progressive Metal" gekennzeichnet wird. Ich stimme nämlich mit deiner Einschätzung überein. Wir wollten uns diese Prog-Überschrift eigentlich schon bei "In Cycles" geben, aber das erschien uns dann damals doch noch etwas zu großkotzig. Inzwischen haben wir allerdings das Gefühl, dass man die Musik, wenngleich da natürlich noch erkennbare Wurzeln sind, einfach nicht mehr als Melodic Death Metal bezeichnen kann. Wir finden, dass von allen gängigen Bezeichnungen Progressive Metal einfach am treffendsten ist, weil das für uns eben bedeutet, dass man über den Tellerrand schaut, neue Einflüsse verarbeitet und sich stetig weiterentwickelt. Das sind alles Dinge, die für uns als Band enorm wichtig sind.

Wo wir bereits beim Sound der Scheibe sind. Was sind denn für euch die größten musikalischen Einflüsse? Auf der Platte habe ich von DEVIN TOWNSEND bis DARK TRANQUILLITY eigentlich fast das gesamte Spektrum der Metal-Musik herausgehört.

Spektrum ist ein gutes Stichwort, ich finde auch, dass die Einflüsse aus den verschiedensten Richtungen kommen. Ich denke, am ehesten würde ich Bands und Künstler nennen, die eben auch über den besagten Tellerrand schauen und sich immer wieder neu erfinden. Dazu gehören Metal-Acts wie BETWEEN THE BURIED AND ME, OPETH, DEVIN TOWNSEND, aber auch solche Sachen wie QUEEN, PINK FLOYD oder KANSAS. Sicher, auch die Klassiker wie IRON MAIDEN, METALLICA, JUDAS PRIEST und Melo-Death-Größen wie DARK TRANQUILLITY oder CHILDREN OF BODOM haben ihre Spuren hinterlassen. Das sind Bands, die wir seit unserer Pubertät kennen und die alle für immer Teil unserer musikalischen DNA bleiben werden.

In meiner Rezension war mein einziger Kritikpunkt das musikalische Gesamtbild des Albums, das ein wenig unter den vielen verschiedenen Einflüssen leidet. Ist das ein Punkt, über den ihr euch Gedanken macht, oder geht ihr einfach komplett ohne Grenzen ans Songwriting heran?

Ich finde das einen berechtigten Kritikpunkt und kann nachvollziehen, wenn unser Strauß Blumen dem einen oder anderen vielleicht eine Ecke zu bunt ist. Das muss ja nicht jedem gefallen oder dann eben vielleicht nur vereinzelte Songs. Aber ja, dieser bunte Strauß kommt durch eine sehr ungezwungene Herangehensweise beim Komponieren zustande. Die Maxime ist immer, dass es vor allem uns Vieren gefallen muss. Dann gibt es eigentlich nicht viel, was wir nicht auf unsere Platte packen würden. Wir finden, dass keiner uns zu sagen hat, ob wir "etwas bringen können" oder nicht. Ich glaube eben auch, dass diese Herangehensweise bei unseren Hörern ein Pluspunkt ist, weil es nicht aufgesetzt oder erzwungen ist, sondern auf einer echten und glaubhaften Begeisterung für Musik und Musikmachen in allen Facetten basiert. Ich denke, dass man das spüren kann.

Neben dem Sound sind auch eure Artworks zu einem Markenzeichen der Band geworden. Wer hat denn die grafischen Arbeiten für "The Makeshift Conqueror" umgesetzt?

Unsere gute Freundin Annka (www.ann-kathrin-mueller.de) hatte schon auf "In Cycles" alles außer das Frontcover illustriert. Sie hat dann anklingen lassen, dass sie beim nächsten Album gerne von Anfang an und vollständig involviert wäre. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen und haben ihr so früh wie möglich Rough Mixes und alle Songtexte zukommen lassen. Ab diesem Zeitpunkt hatte sie komplett freie Hand. Wir wollten, dass sie unser Werk auf sich wirken lässt und es dann mit ihrer Handschrift in ein Artwork umsetzt. Wir finden, dass es fantastisch gelungen ist und sind total glücklich mit der Zusammenarbeit.



Im Vorfeld der Veröffentlichung des Albums habe ich mich insbesondere über die Auswahl der Single 'Trust My Own Heart' gewundert. Als Halbballade ist der Track doch eher unüblich für die Platte - warum habt ihr den Track dennoch als zweite Single gewählt?

Unsere erste Single 'Geistesblitz' war unserem Empfinden nach eine relativ sichere Bank. Der Song ist wahrscheinlich der repräsentativste auf dem ganzen Album und zieht in seinen acht Minuten einfach alle Register. Wir waren uns also schnell einig, dass das der erste Vorbote für das Album werden sollte. Für 'Trust My Own Heart' als zweite Single gab es dann ein paar verschiedene Gründe. Zum einen wollten wir unbedingt auch zur zweiten Single ein Video, aber das sollte so wenig Aufwand (und Kosten) wie möglich verursachen. Somit machte der kürzeste und auch ruhigste Song des Albums auf dieser Ebene schon mal Sinn. Dann hatten wir auch noch diese Idee mit dem One-Take-Video und das hätte auch zu keinem anderen Song so gut gepasst wie zu 'Trust My Own Heart'. Zu guter Letzt wollten wir nicht noch einen allzu typischen "Metal-Track" wählen. 'Geistesblitz' hatte eigentlich schon fast alles angeteasert, was es in der Richtung zu sagen gibt, also haben wir uns dazu entschieden noch eine völlig andere Facette unserer Musik zu präsentieren.

Bevor wir zum Abschluss kommen, habe ich noch eine Frage, die etwas in die Vergangenheit der Band schielt. Ihr habt ja einige verschiedene Sänger gehabt, bevor du schlussendlich das Mikro übernommen hast. Gerade zum aktuellen Album hin hat dein Gesang dabei nochmal einen riesigen Schritt nach vorne gemacht und gehört für mich inzwischen zu den großen Stärken von BURDEN OF LIFE. Warum hast du den Schritt hin zum Frontmann nicht schon früher gewagt?


Vielen Dank für die netten Worte! In deiner Frage steckt schon ein Teil der Antwort: Auch jetzt entwickle ich mich in der Hinsicht meines Erachtens immer noch weiter. Wenn du das dann mal in die Vergangenheit zurückverfolgst, kannst du dir vielleicht vorstellen, dass ich früher kein besonders souveräner Sänger war. Ich hatte immer diesen Wunsch, eine Band zu fronten, und als wir unseren zweiten Sänger innerhalb von zwei Jahren verloren hatten, habe ich diesen Schritt gewagt und die anderen haben mich zum Glück alle dabei unterstützt und fanden das cool so. Aber wenn du dir beispielsweise mal "Ashes Of Existence", das unser erstes Album ist, anhörst, dann wirst du feststellen, dass mein Gesang damals echt noch sehr bescheiden war. Besonders am cleanen Gesang musste ich wirklich viel arbeiten und bin jetzt bei "The Makeshift Conqueror" auch zum ersten Mal richtig zufrieden damit, was ich abgeliefert habe.

Zum Abschluss dann natürlich noch die obligatorische Frage nach den weiteren Plänen in diesem Jahr, die zugegebenermaßen angesichts der aktuellen Situation sicher nicht einfach zu beantworten ist - dennoch: Wie sehen die weiteren Pläne für euch aus?

Wir wissen es leider nicht so genau. Wir werden irgendwie versuchen, die Zeit so gut es geht mit verschiedenem Content zu überbrücken und hoffen, dass das Momentum des Albums bis nach der Pandemie nicht vollends flöten geht und danach noch Interesse an unserer neuen Platte besteht. Dann würden wir natürlich gerne so viele Shows wie möglich damit spielen. Ob das dieses Jahr allerdings noch was wird, steht wohl in den Sternen.

Damit sind wir am Ende angekommen und ich möchte mich bei dir für deine Zeit bedanken. Wenn du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben möchtest, dann ist jetzt der Moment dafür.


Liebe Powermetal.de-Leser, danke für das Interesse! Wenn ihr neugierig geworden seid, checkt unsere Facebook- und Instagram-Profile für Infos und Updates, schaut bei Youtube und Spotify vorbei, wenn ihr unsere Musik auschecken wollt und wenn ihr uns unterstützen wollt, dann holt euch ein Album oder ein Shirt auf unserer Bandcamp-Seite. Ich baller hier jetzt keine fünf Links hin, ich glaube, dass ihr das alle ordentlich gegoogelt kriegt. (lacht) Und wenn es auch sonst eher eine bedrückende Zeit ist: Jetzt ist die Zeit, neue Bands auszuchecken und zu supporten und es würde uns freuen, wenn ihr bei uns reinhört!

Redakteur:
Tobias Dahs
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