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CHICAGO JAZZZ: Interview mit Al Kalony

01.01.1970 | 01:00

Rockmusik mit Sprechgesang, Scratchen und frechen Texten – das sind CHICAGO JAZZZ. Weder die Stilbeschreibungen New Metal, Punk, Rock oder HipHop können der Musik der vier Berliner eindeutig und ganz gerecht werden, vielleicht ist es gerade das, was ihre Debut-Scheibe „Hip Gun Rock“ - trotz für Hartmucke-Gefilde ungewohnten Einsprengseln - so interessant macht. Und dass sich hinter der jungen Truppe schon einiges an Geschichte verbirgt, dafür bürgt Gitarrist und Sänger Al Kalony, der mit seinem Bruder Jonny bereits in blutjungen Jahren mit (provokanten) Klängen auf diversen Ostbühnen in Kontakt kam. Doch lest selbst... .


Kathy:
Wie entstand euer Bandname? Trotz wiederholtem Bemühens habe ich nämlich kein einziges Fünkchen Jazz auf „Hip Gun Rock“ entdecken können.

Al:
Wie du weißt liegen unsere Wurzeln und Ideale im Punkrock. Das heißt für uns nicht schnell spielen und immer permanent „anti“ sein, sondern laut sein, aufzufallen und zu provozieren. Der Name CHICAGO JAZZZ fällt auf. Der Name CHICAGO JAZZZ provoziert und irritiert, und schon denken die Leute drei Minuten länger über uns nach... that’s all. Naja, höchstens noch, dass ich denke, dass der Name gut klingt und geschrieben gut aussieht... yeaahh!

Kathy:
Ich hatte ziemliche Schwierigkeiten, euren Stil einzuordnen und habe ihn schlussendlich „Hip Rock“, wegen der Mischung aus HipHop-Elementen und Gitarren, genannt – New Metal erschien mir zu unpassend. Hast du eine bessere Umschreibung auf Lager?

Al:
In Wirklichkeit gibt es für uns keinen Stil. Wir machen einfach Lieder und Musik, wie es uns Spaß macht. Wenn ich gerade Bock auf was Schnelles habe, tu ich das, und wenn ich denke, ich sollte es mal mit Sprech-Rock-Gesang (nicht Rap) probieren, dann tu ich das. Auf dem nächstem Album (es gibt schon ´ne Menge geiles Material) wird es sogar tiefe Country-Trash-Einflüsse geben..., naja..., einfach drauf scheißen und losmachen, wonach einem ist.

Kathy:
Du erwähntest bereits, dass ihr euch früher in Punkrock-Gefilden bewegt habt, wie seid ihr damals in die Szene geschliddert?

Al:
Wir sind nicht in die Szene reingeschliddert, sondern reingeboren worden. Mein und Jonnys Vater war zu Ostzeiten in ein paar Rockbands Schlagzeuger, und so hat er ´ne Menge Bands kennengelernt. Besonders gute Freunde sind uns Bands wie DIE FIRMA oder FEELING B (heute RAMMSTEIN) geworden. Und immer, wenn diese hier in der Gegend waren, sind wir mit auf die Konzerte und haben uns (wir waren 4 und 6 Jahre alt) mit auf die Bühne gestellt. Wir sangen meist den Song „Wir sind die Kinder der Maschinenrepublik“. Naja, und als Jonny 10 und ich 12 Jahre alt waren, begannen wir selber, Musik zu machen. So als Duo, Gitarre, Schlagzeug und Gesang. Natürlich spielten wir Punkrock und natürlich deutschsprachig, denn wir kannten es nicht anders.

Kathy:
Und wann bzw. warum kam der Umschwung zu eurer jetzigen Musik?

Al:
Was heißt Umschwung, die Ideale des Punks blieben mir immer erhalten: Laut sein, die Fresse aufmachen und tun, wonach mir ist. Aber ein paar Jahre nach der Wende hat sich die Punkszene sehr gewandelt. Es hat keinen Spaß mehr gemacht. Es wurde zu suffig, zu asozial, und die Menschen haben verlernt, am Punk einfach Spaß zu haben, so wie wir es von früher kannten. Naja, und so haben wir zwar nicht drüber nachgedacht, aber mit der Zeit wurde der Stil eben etwas anders..., aber Hauptsache, es macht Spaß.

Kathy:
Wie siehst du den doch recht verbreiteten Zwist zwischen der Rock-/Metalszene und dem HipHop?

Al:
Ich persönlich scheiße ja auf die Szene. Ich steh´ auf Metal, Hardcore, HipHop, Pop, Country usw., es gibt einfach fast überall gute Lieder und gute Künstler. Aber du hast schon recht, es gibt viele Leute in der Szene, die sagen, CHICAGO JAZZZ sind scheiße, denn da ist ein wenig HipHop mit drin. Aber solche Leute langweilen mich und tun mir leid, sie wissen nicht, was sie verpassen. Mich langweilen ewige Doppelfuß-Triolen eben genauso wie das ewige „ich bin der Größte im HipHop-Geschäft“. Man muss allerdings sagen, dass - meiner Erfahrung nach - vor allem die Metaller um einiges intoleranter sind als HipHopper.

Kathy:
In welchem dieser beiden Genres fühlst du dich trotzdem persönlich wohler?

Al:
Ich fühle mich in den meisten Genres wohl. Das ist doch wie mit Frauen: Ich steh einfach auf alle :-).

Kathy:
Eigentlich war eure Platte „Hip Gun Rock“ ja schon 2001 fertig, warum kam sie schlussendlich erst jetzt, 2003, auf den Markt? Ärger mit Label?

Al:
Ja. Wir hatten angefangen, im Frühjahr 2001mit dem Label Lautstark, welches zur BMG gehörte, das Album zu produzieren. Als dieses Anfang 2002 fertig war, beschloss die BMG allerdings aus Geldgründen, einige ihrer Sublabels - wie eben zum Beispiel Lautstark oder Firestarter - zu schließen. Naja, das war unser Pech. Das Album war fertig, gehörte allerdings nicht uns, da es die BMG bezahlt hatte, und so standen wir erstmal nackt auf der Straße. Doch bald begannen sich unsere Punkrock-Kampfgeister zu regen und wir schickten ein weiteres Mal unseren Anwalt ins Gefecht, der ein dreiviertel Jahr brauchte, um wenigstens ein paar Verwertungsrechte für uns zu erkämpfen, welche wir im Herbst letzten Jahres erhielten. Also gründeten wir ein eigenes Label, suchten einen Vertrieb (wir sind jetzt bei Al!ve), eine Booking-Agentur usw., wir nahmen das Ruder also selbst in die Hand und konnten jetzt, am 24. Februar 2003, endlich unser erstes Album veröffentlichen. War echt ´ne ganz schöne Scheiße, obwohl man sagen muss, wir haben ein fettes Album geschenkt bekommen, noch dazu ´nen Vorschuss, also was soll´s. So schlecht geht´s uns nicht.

Kathy:
Die Songs „Amok“ und „Pump Gun Schulhof“ handeln von öffentlicher Gewalt gegen andere. Wurden diese Texte von Ereignissen wie Littleton, dem Amoklauf in Erfurt oder den Sniper-Morden in Washington beeinflusst - auch, wenn die nun chronologisch nicht ganz mit der Fertigstellung von „Hip Gun Rock“ übereinstimmen?

Al:
Ich beschäftige mich sehr oft mit der Frage Gewalt und Gegengewalt. Nicht im großen außenpolitischen Maßstab, sondern im kleinen, im Ursprung sozusagen. „Amok“ ist sehr sehr alt und beschreibt eigentlich nur den Kreislauf von Gewalt, aus dem man, wenn man einmal drinnen ist, nicht mehr rauskommt. „Pump Gun Schulhof“ hingegen habe ich nach dem Massaker in Littleton geschrieben, um zu sagen: Passt auf, Leute, wenn ihr nicht auf euch und euere Nachbarn aufpasst, kommt diese scheiß Welle auch ganz schnell zu uns ins ach so sichere Deutschland. Naja. Als wir die erste Demoversion im Studio aufnahmen, sahen wir gleichzeitig im Fernsehen, dass ein Schüler in Meißen eine Lehrerin abgestochen hatte. Und es sollte noch viel schlimmer kommen: Erfurt. Schulhof. Pump Gun. Noch krasser als Littleton. Ich hätte mir gewünscht, einen Tag zuvor mit einem Privatkonzert diesem Typen die Aggression abzubauen.

Kathy:
Woher stammen ansonsten eure Text-Inspirationen?

Al:
Wie gesagt: Der eine Teil ist eben die besagte Sozialkritik, und der andere Teil ist dann vor allem Spaßhaben, Rock-Show machen, Frauen lieben und ein schönes Leben haben.

Kathy:
Welche Zielgruppe glaubst du wird am ehesten auf CHICAGO JAZZZ anspringen?

Al:
Es sind wohl die meisten so zwischen 15 und 23 Jahren alt und dann erst wieder so ab 35, da gibt es auch ´ne Menge, die vor allem auf die ernsthafteren Songs anspringen. Mir persönlich ist es egal, wie alt die Leute sind, was sie machen oder wie sie aussehen..., ich will die ganze Welt erreichen: „Ich scheiß auf Punkrock, ich scheiß auf Reggae, ich scheiß auf Hardcore, ist mir zu heavy, ich will tanzen, einfach tanzen“.

Kathy:
Gab’s in dem Zusammenhang auch schon Anfragen von Teeniemagazinen wir Bravo und Popcorn oder Sendern wie MTV und VIVA?

Al:
Eher weniger. Dazu sind wir zu aufmüpfig, wie die ehrenwerte Bravo schon mal feststellen musste. Aber lassen wir das.

Kathy:
Wie ist - nach euren Informationen - „Hip Gun Rock“ bisher beim Publikum angekommen?

Al:
Bis jetzt sehr gut, allerdings ist es auch erst seit etwas über ´ner Woche draußen..., ich denke, sowas wird man in 3-4 Monaten sehen.

Kathy:
Spielt ihr eigentlich gerne mit Klischees (siehe Plattencover mit fettem Schlitten, dann Booklet mit euch, sekttrinkend und fanbejubelt vor Limousine etc.)?

Al:
Na logisch spielen wir mit Klischees, allerdings machen wir uns nur darüber lustig. Wenn man das Cover aufmerksam betrachtet, wird man die Spitzen sehen. Das war letzten Endes einfach eine Antwort auf the fucking BMG, unter dem Motto: Wir schaffen das trotzdem und machen uns über euch lustig; ihr geht zur Zeit den Bach runter, und wir werden gut lachen haben.

Kathy:
Auf welche Musik bzw. welche Bands fährst du grade persönlich am meisten ab und warum?

Al:
Oh Gott, das sind so viele. Sehr viele Hardcore-Bands wie SHUTDOWN oder IGNITE, dann KID ROCK, Robbie Williams, und ohne Zweifel sind die BEASTY BOYS die Helden schlechthin. Johnny Cash, ANTHRAX und..., keine Ahnung, es sind zu viele.

Kathy:
Ihr seid allesamt noch sehr jung und habt noch ein ganzes Musikerleben vor euch – glaubt ihr, dass es irgendwann noch mal einen stilistischen Umschwung bei euch geben wird, von Punk über Hip Rock bis zu...?

Al:
Es gibt keinen Umschwung und keine Entwicklung. Man macht einfach, was Spaß macht, und sicherlich wird mir mit 50 Country mehr Spaß machen als Hardcore... .

Kathy:
Was wird 2003 noch alles für euch bringen, hast du da schon konkrete Informationen, und, wenn nicht, bestimmte Hoffnungen und Wünsche?

Al:
Wir werden sehen. Auf jeden Fall wird es ´ne Menge Konzerte geben, vor allem im Sommer auf Festivals, und im Herbst ´ne kleine Tour. Außerdem werden wir im Herbst auch beginnen, das zweite Album zu machen, weil das Material schon fast fertig ist - wie gesagt, das jetzige Album lag ein Jahr im Schrank und hat gewartet, während wir aber schon weitergemacht haben.

Kathy:
Zum Schluss darfst du dir nun eine Frage selbst ausdenken und beantworten – nutze die Möglichkeit :-).

Al:
FRAGE: Warum seid ihr nicht funky-groovy-musikalisch und macht gute Lieder???
ANTWORT: IST MIR DOCH EGAL!!!

Redakteur:
Kathy Schütte

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