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COOPER, ALICE: Interview mit Vincent Furnier

01.01.1970 | 01:00

Dante´s lustiges Inferno

Mit »Brutal Planet« beweist der Altmeister des Rock`n`Rolls wieder einmal, daß er eine feste Größe in diesem Business ist und bleibt. Auch wenn sich einige modernere Einflüsse mit in den Sound eingeschlichen haben, ist es doch immer noch unverkennbar, daß hier Alice Cooper am Werke war.

Oder besser: Vincent Furnier, so der Name des Sängers im Normalleben. Kurz vor seinem Konzert in München konnte für uns noch ein Phoner-Interview arrangiert werden. Tja, und was Alice, äh, Vincent so zu erzählen hat...... „Wir sind heute schon sehr früh in der Stadt angekommen, in Kürze wird auch noch eine Fernsehshow über die Bühne. Es macht mir total Spaß, diese ganze Promo-‚Arbeit‘ zu machen. Wahrscheinlich habe ich trotz der Menge an Interviews, die ich bisher in meiner Laufbahn gegeben habe, jetzt die beste Einstellung dazu.“ Was sich so ankündigt, wird dies wohl eines der Interviews werden, bei dem man gerade mal dazu kommt, eine Frage innerhalb einer halben Stunde zu stellen und ansonsten kommt man nicht mehr zu Wort. In diesem Fall stört das allerdings gar nicht. Gerade zu den Texten hat Vincent eine Menge interessanter Dinge zu erzählen: „Die Texte sind Alice´ Idee“, gibt Furnier seinem alter ego Platz. Wer jetzt meint, der Gute litte unter gespaltener Persönlichkeit: Vincent Furnier hat den Charakter Alice einfach erfunden, um mit seiner Musik in diese Rolle schlüpfen zu können, gelle! „Sie geben auch Alice` Sicht der Welt und der Entwicklung der Menschheit wieder. Beim Titelsong, der auch der erste der Platte ist, geht es darum, wie Alice die Welt in ein paar Jahren sieht. Er will den Menschen einen Alptraum zeigen, um ihnen dann die Frage zu stellen, ob das wirklich die Entwicklung ist, die sie sich wünschen. Egal, ob es nun um den Umgang miteinander geht oder die die Geschehnisse im Umweltbereich. Alice will vorführen, wie alles im Endeffekt zur Hölle fährt.“ Dies alles aber auf die Schultern des Cooper-Charakters zu bürden, ist aber doch wohl wirklich Käse, denn irgendwo wird diese Meinung über den Werdegang der Menschheit schon auch Vincent´s Gehirn entspringen. „Ja sicher. Aber ich habe zu Beginn meiner Laufbahn eben Alice als eine Art Sprachrohr benutzt. Als normaler Typ versucht man auch, sofern man überhaupt etwas zu sagen hat und sich Gedanken macht, sich selbst und andere auf Mißstände hinzuweisen. Alice aber klatscht den Leuten gleich den persönlichen Horror ins Gesicht. Sie werden gleich mit dem Ergebnis ihres Schaffens konfrontiert ohne vorher die Wahl gehabt zu haben. Diese Frage stellt sich erst, während die Zuhörer die Musik an sich heranlassen. Für mich waren die Aufnahmen auch irgendwie ein Alptraum:
Ich mußte mich mit derart ernsten Themen textlich beschäftigen und dabei doch unterhaltsam wirken. Das war schon lustig.“ Wenn man etwas als Alptraum empfindet, wie kann man es dann als lustig ansehen??? „Was ist das lustige an Alpträumen? Das sie letztendlich keinen Sinn ergeben. Du wachst auf und das war´s. Das finde ich witzig. Im Moment des Träumens ist es natürlich manchmal schon eher beklemmend“, lacht Alice/Vincent. Um gleich daruf noch mehr zu seinen Gedanken zu erzählen. „Der Song »Wicked Young Man«.... diesen Typ, vor dem wirklich jeder zurückweicht, finet man überall. In jeder Stadt in jedem Land kann man so einen Psychopathen finden, für den Töten selbstverständlich ist, der immer wütend ist, außer Kontrolle gerät, sich aber einen Dreck darum schert, was er da macht. Solche Vorstellungen und das Wissen darum beängstigen mich schon. Die Menschen wollen doch grundsätzlich nicht sehen, daß sie nur zerstören können, sie wollen immer mehr und mehr und dabei machen sie nur alles kaputt. Das zieht sich von der frühesten Geschichte bis zur Gegenwart.“ Naja, das der Mensch ein sehr ausgeprägtes Verlangen danach hat, gottgleich zu sein, bestätigt sich nicht nur in der Bibel. „Das war schon von jeher so. Menschen wollen Macht... in erster Linie wollen sie Geld und raffen zusammen, was geht und gehen weit, um ihren Reichtum zu vermehren. Denn Geld ist Macht. Zumindest in unserer Zeit. Für mich hat dieses Album eine sehr tiefe Bedeutung. Mein Ziel war es wirklich, eine Art Dante´s Inferno umzusetzen, um die Leute dann am Schluß fragen zu können: 'Und, wollt Ihr da hin?' Viele Menschen leiden, doch die wenigstens denken selbst über ihre Probleme nach und andere tun es nicht selten erst recht nicht. Ich denke, was die Menschheit in der Vergangheit verbockt hat und zu was immer alle fähig sind, dürfte eigentlich langsam reichen.“

Bissi zynisch, aber recht hat er. Früher war es fast noch wie ein ungeschriebenes Gesetz, daß Musiker zu gewissen Themen auch Stellung bezogen und so versuchten einen gewissen Ausgleich zur Öffentlichkeitsarbeit der Politik, der Medien und dieses ganzen Gewurschtels zu geben. So wurden die Leute auch nicht selten dazu angeregt, sich ihre eigenen Meinungen zu bilden, weil man einfach mehr Argumente zu bedenken hatte und manche Themen nicht einfach übergangen wurden. „Es gibt manche Bereiche in der Politik, die ich wirklich hasse. Steuern zum Beispiel. Ansonsten beschäftige ich mich weniger mit dem ganzen Kram: Musik kann definitiv ein Ausgleich zu der ganzen Meinungsmache sein, doch hängt dies wieder von den jeweiligen Künstlern ab . Man sollte eine Scheibe mit der richtigen Idee beginnen, und ich hoffe, die Leute werden meine richtig verstehen.“

Eva-Maria Übelhack

Redakteur:
Gastautor

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