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Corona-Interview mit den Party.San-Machern

11.10.2020 | 22:11

CoVid-19 zum Trotz finden auch im Oktober wieder die ersten Metal-Konzerte statt. In Thüringen macht es ein Hygienekonzept der "Party.San Metal Open Air"-Veranstalter möglich. Unter dem Titel "Herbstoffensive" treten am Uhrenwerk in Weimar zunächst DIE APOKALYPTISCHEN REITER auf (16.10. mit PATH OF DESTINY und MANDRAGORA THURINGIA), gefolgt von ASPHYX am 24.10. mit PURGATORY und DRILL STAR AUTOPSY im Gepäck. Party.San-Chef Mario "Mieze" Flicke und Bandbooker Jörg "Jarne" Brauns über Hygienekonzepte zu Corona-Zeiten, die existenzbedrohende Situation der Eventbranche und die Zukunft von Festivals.

Hallo ihr beiden und danke, dass ihr euch trotz viel Stress die Zeit nehmt. Mit eurer "Party.San Herbstoffensive" macht ihr im Oktober gleich zwei kleine Festivals möglich, die beide bereits ausverkauft sind. Welches Hygienekonzept steckt dahinter?

Mieze: Seit dem Verbot von Veranstaltungen und aktuell noch Großveranstaltungen arbeiten Veranstalter an Konzepten, wie Konzerte, Festivals etc. unter erhöhten Hygieneauflagen stattfinden können. Diese werden in Abstimmung mit den Gesundheitsämtern erarbeitet und geprüft. Die Grundlagen für einen positiven Bescheid vom Amt sind nach unseren Erfahrungen ein gutes Konzept zur Erfassung der Daten der anwesenden Personen und eine nachvollziehbare Logistik, um vorgeschriebene Abstandsregeln zu gewährleisten. Darauf aufbauend sieht unser Konzept Stehplätze in sogenannten Logen mit Gitterabsperrungen und insgesamt sechs Personen oder Sitzplätze an Tischen mit sechs Personen vor. In den Logen oder an den Tischen braucht keine Mund-Nasenbedeckung getragen zu werden. Auf den Wegen dorthin und an allen anderen Stellen muss die Maske aufgesetzt werden. Weiter bieten wir mithilfe einer App die digitale Datenerfassung, welche dann auch der Datenschutzgrundverordnung entspricht. Solche Hilfsmittel wie die App werden uns noch lange begleiten und es liegt an uns Veranstaltern, diese Hilfsmittel einzusetzen und zu kommunizieren.

Zuvor musstet ihr dieses Jahr nach dem "Party.San" mit dem "Way Of Darkness" bereits euer zweites Festival Corona-bedingt absagen. Beim PSOA konntet ihr viele Bands schon fürs kommende Jahr gewinnen, wie ist der aktuelle Stand beim WOD?

Jarne: Das Line-Up beim "Party.San" haben wir fast zu hundert Prozent auf das Jahr 2021 verschieben können. Beim "Way Of Darkness" war das nicht so einfach, da einige Bands auf Tour waren und diese natürlich nicht so leicht auf ein Jahr später zu schieben waren. Wir werden das WOD wohl komplett neu buchen müssen.

Wie groß war Schock, als nach den ersten, zunächst zeitlich begrenzten Maßnahmen klar wurde, dass auch im Oktober das "Way Of Darkness" noch nicht stattfinden kann?

Jarne: Sagen wir es mal so - es war absehbar, dass das WOD nicht stattfinden kann. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn man uns die Genehmigung für das indoor stattfindende Festival erteilt hätte. Somit waren wir vorbereitet.

Beim Party.San habt ihr von Anfang an gesagt, nicht auf Spenden angewiesen sein zu wollen und stattdessen ein Support-Merch-Programm aufgelegt. Wie war die Resonanz?

Jarne: Die Resonanz war super. Wir haben ein außerordentlich loyales Publikum, das uns ab der ersten Minute in dieser an die Substanz gehenden Ausnahmesituation unterstützt hat. Wir können nur Danke sagen und sind sehr stolz auf unser Publikum.   

Unter dem Motto "Alarmstufe Rot" gehen in vielen Städten Veranstalter auf die Straße, ihr selbst wart vor kurzem bei der Demo in Berlin dabei. Was fordert ihr von der Politik?

Mieze: Das in eine kurze Antwort zu packen ist nicht einfach, aber ich versuche es mal. Das Konstrukt der sogenannten Veranstaltungswirtschaft ist so enorm kleinteilig und umfasst sehr viele Gewerke, die überwiegend oder ausschließlich ihre Umsätze aus Veranstaltungen generieren. Jeder denkt bei dem Wort Veranstaltungen sofort an den Künstler oder noch den Ton- und Lichttechniker. Dahinter stehen aber sehr viel mehr Firmen oder Soloselbständige, die eine Veranstaltung überhaupt erst ermöglichen. Vom Cateringunternehmer bis zur Toilettenfrau, vom Müllunternehmen über die Security bis zum Bühnenbau. Alle diese Unternehmen sind unverschuldet in eine existenzielle Notlage geraten. Die Bundesregierung wie auch die Landesregierungen haben sich vier Monate ausschließlich hinter Standardhilfsprogrammen versteckt oder mit Bazookas um sich geschossen. Diese Hilfen kommen aber entweder nicht oder nur unzureichend bei denen an, die sie dringend brauchen. Man kann nicht mit unangepassten Hilfsprogrammen gleichwohl den Soloselbständigen wie dem Unternehmer mit über 2.500 Beschäftigten helfen wollen. In unseren Augen hat dabei die Initiative "Alarmstufe Rot" als erste Dachverbände übergreifende Initiative erkannt, dass die Hilfsprogramme an die Unternehmensstrukturen angepasst werden müssen. Das daraus erarbeitete 6-Punkte-Programm könnte der Schlüssel sein, um effektive Hilfen zu ermöglichen. Es ist in dieser Zeit notwendig, den Konkurrenzgedanken gegen einen Solidaritätsgedanken zu ersetzen, um nach der pandemiebedingten Auszeit noch eine belastbare Infrastruktur an Unternehmen und Personal vorzufinden.

Welches Feedback erhaltet ihr von anderen Event-Kollegen und wie schwierig ist die derzeitige Situation für euch selbst?

Jarne: Wir sehen Soloselbständige in unhaltbaren finanziellen Situationen, viele Kollegen in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit und selbst große Unternehmen mit vollen Auftragsbüchern im Arbeitsverbot. Die Eventbranche ist ein in viele Bereiche zersplittertes Gebilde ohne eine große Lobby. Wir waren bisher nicht in Verbänden organisiert und erleben nun, wie uns die Politik erst erkennen muss, um zu helfen. Die Eventbranche ist riesig und extrem vielfältig. Die Situation ist eine enorme Herausforderung, da wir zum einen unsere Firma aus der unverschuldeten Krise lenken müssen und auf Hilfe angewiesen sind, die erst auf den Weg gebracht werden muss. Wir sind in der Lage, einige Zeit ohne Veranstaltungen zu überleben. Aber wie in jeder Branche muss irgendwann wieder Licht im Tunnel erkennbar sein.

Selbst Virologen sagen inzwischen, dass sie keine Wirtschafts- oder Politik-Experten sind und man Entscheidungen nicht letztlich ihnen allein überlassen sollte. Aber blicken wir nach vorne: Ließen sich euer Hygienemaßnahmen künftig auch auf eure beiden großen Festivals übertragen?

Mieze: Genau darum geht es bei vielen Veranstaltungen, die in diesem Jahr stattfanden und noch stattfinden. Es geht um Konzepte und Praktikabilitätsprüfungen von bautechnischen Hilfen bei der Lenkung und Beherbergung von Besuchern unter einem erhöhten Hygienekonzept. Darauf müssen wir uns für 2021 vorbereiten und die besten Lösungen jetzt schon ausprobieren.

Wie groß ist eure Zuversicht in ungewissen Zeiten, dass es kommendes Jahr tatsächlich wieder Festivals und somit auch das "Party.San" und "Way Of Darkness" geben wird? Oder müssen wir unseren Enkeln irgendwann erzählen, dass es früher tatsächlich mal so etwas wie Megakonzerte mit zigtausend Zuschauern gab?

Mieze: Ich denke, als Veranstalter ist man immer mit einer Art Grundzuversicht ausgestattet. Da dieses Jahr schon einige Konzerte und Festivals stattfanden und Besucher in die Stadien dürfen, gehen wir im Moment natürlich davon aus, dass unserer Veranstaltungen stattfinden können. Allerdings - und das gehört zur Wahrheit ebenfalls dazu - ist völlig unklar, unter welchen Voraussetzungen und dem daraus resultierenden finanziellen Mehraufwand. Es bleibt zu vermuten, dass sich kleinere bis mittlere Festivals unter diesen Bedingungen einfach finanziell nicht lohnen und den Charakter eines Himmelfahrtskommandos annehmen.

Das wollen wir nicht hoffen. Danke Mieze, danke Jarne und alles Gute für die Zukunft!

Redakteur:
Carsten Praeg

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