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DILLINGER ESCAPE PLAN, THE: Interview mit Liam & Greg

01.01.1970 | 01:00

Kratz, knack, schnarz, zisch - ein Telefoninterview mit THE DILLINGER ESCAPE PLAN gestaltet sich fast so chaotisch wie deren neue Platte "Miss Machine" - nur dass auf der Scheibe das Ergebnis nach einer perfekten Mischung aus Free-Jazz, Grindcore und Hardcore klingt. Für die frickeligen Bass-Linien ist Liam Wilson zuständig, er ist auf der anderen Seite des Atlantik in New Jersey am Hörer. Im Hintergrund hockt irgendwo Sänger Greg herum und gibt bei Bedarf seinen Senf dazu. Die obligatorische Frage am Anfang: Wie geht's Dir? "Gut, ich hoffe dir auch", dialektet Liam in den Hörer. Dieser Typ spricht schnell, sein "Do you know?" durchzieht jeden einzelnen Satz.

Erst einmal muss sich Liam vorbereiten: Denn eigentlich soll dieses Gespräch kein normales Interview werden, sondern schon etwas Besonderes in seiner Fragestellung. Deshalb soll sich Liam nun erst einmal ein paar einzelne Wörter anhören und jeweils spontan erzählen, was ihm gerade so einfällt. Verwundertes Schweigen am anderen Ende: "Ok."

- "Exploding Synapses" (Explodierende Synapsen): Prompte Antwort: "Timothy Leary."
- "Robbery", also Raub... Liam: "Forgery." (Fälschung)
- "Mike Patton": "Erschreckend cool!"

Natürlich ist der Name Mike Patton mit Bedacht gewählt, haben THE DILLINGER ESCAPE PLAN mit dem Ex-FAITH NO MORE-Sänger vor zwei Jahren schon eine Mini-CD namens "Irony Is A Dead Scene" eingespielt. Gibt es noch andere berühmte Musiker, mit denen Liam und Co. gern zusammen etwas aufnehmen würden. "Klar, da gibt es viele Leute, aber wir denken zur Zeit an niemand bestimmten. Die Sache mit Mike war naheliegend, da wir uns bei einer Tour mit ihm kennen gelernt haben und uns sehr gut verstehen." Manchmal klingt "Miss Machine" so, als würde diese Zusammenarbeit immer noch in den Köpfen der Jungs aus New Jersey herumspuken. Gab es denn diese Inspiration auf "Miss Machine"? Liam: "Eigentlich nicht. Viele der Songs auf "Miss Machine" waren schon vor der EP mit Mike Patton fertig. Wir wollten insgesamt etwas melodischer werden und unserem neuen Sänger Greg mehr Platz zur Entfaltung seiner Stimme geben."

Als Journalist braucht man ja immer so ein kleines Kopf-Schränkchen, in das jede Platte eingeordnet werden kann. Was hält Liam von dem Begriff "Expressionistic Grindcore Metal Madness" für die Musik von THE DILLINGER ESCAPE PLAN? "Uff, darüber kann ich nichts sagen. Für solche Beschreibungen sind andere zuständig. Ich würde auf jeden Fall den Begriffe 'jazzig' mitverwenden. 'Metal Madness' klingt auch gut. Aber eigentlich soll das jeder für sich in seinem Kopf ausmachen." Die Frage, wie Liam die Musik der Truppe einem tauben Menschen beschreiben würde, geht wohl im Rauschen der Leitung unter oder Liam überhört sie. Dafür kann sich der Bassist freuen, dass die Scheibe in Amerika schon seit mehr als einer Woche erhältlich ist: "Die Reaktionen waren sehr gut. Ein paar Leute haben gesagt, die Musik macht sie ziemlich aggressiv, haha. Wir hoffen aber vor allem, dass unsere Fans die Scheibe in einem Jahr immer noch interessant finden, das ist eigentlich unser Ziel."

Was bedeutet nun eigentlich die Wort-Konstruktion "Miss Machine"? "Hmm, das kann ich nicht sagen. Warte!", sagt Lian und wendet sich an Sänger Greg, der irgendwo im Hintergrund redet - die rauschende Leitung übertönt jedoch jegliche Wortfetzen. Kurz darauf sagt Liam: "Es geht um ungewöhnliche Situationen, etwa wenn du einen neuen Job beginnst oder eine neue Freundin triffst. Das ganze Leben ist dynamisch, du kannst immer etwas verpassen, und trotzdem geht es weiter. Wir wollen diese Dynamik mit unserer Musik einfangen. 'Miss Machine' erschien uns dazu als cooler Name für ein Album." Und was machen auf solch einer Scheibe Titel wie 'Sunshine The Werewolf' oder 'Panasonic Youth', wie 'Baby's First Coffin' oder 'We Are The Storm' - gibt es da einen tieferen Sinn? Die niederschmetternde Antwort: "Nein. Wir haben viel Wortspiele benutzt. Unsere Texte sind nicht so aussagekräftig, sind jetzt nicht so genau ausgetüftelt."

Eigener Gedanke: Nicht beirren lassen, irgendetwas muss diese Band doch zu erzählen haben. In einem anderen Interview mit THE DILLINGER ESCAPE PLAN stand zum Beispiel einmal der Satz, dass sie Musik schreiben um Probleme zu lösen. Welche Schwierigkeiten wurden denn mit "Miss Machine" aus dem Weg geräumt? "Naja, wir haben immer ein Problem. Wir sind nämlich selbst unsere größten Kritiker. Und wir sehen auch, wie viele unfähige Gitarristen und Songschreiber in der Welt herumlaufen. So wollen wir nicht enden. Deshalb müssen wir jeden Song mit uns selbst klären. Das Ziel jeder Platte ist es also, besser als die vorige zu klingen." Das kann aber nicht die einzige Inspiration für einen derartig extremen Sound sein, oder doch? Liam: "Das ganze langweilige Leben auf Tour bringt schon genug Inspirationen wirklich extreme Musik spielen zu wollen. Wir wollen unsere innere Energie besonders live ausleben, das ist wohl unsere größte Inspiration."

Noch ein anderer Aspekt fällt an "Miss Machine" auf - das expressionistisch angehauchte Cover. Erinnert doch ein bisschen an die Plattenhüllen von DISHARMONIC ORCHESTRA? "Ich kenne diese Band, habe sie aber noch nie getroffen. Ich finde jedoch, dass das Cover mehr an alte CARCASS-Scheiben erinnert, diese Band hat früher auch mit Collagen gearbeitet. Dort waren nur viel blutigere Sachen drauf als bei uns, haha. Das Artwork stammt von einem engen Freund der Band. Wir kennen uns sehr lange. Er mag unsere Musik und versteht sie auch. Er ist wohl der einzige Mensch, der weiß, wie unsere Musik aussieht..." Knarz... knarz... Die Leitung wir immer schlechter. Nerv... Aber egal: Für "Miss Machine" tüftelten THE DILLINGER ESCAPE PLAN am Klang zusammen mit Steve Evetts, der auch schon Scheiben von HATEBREED oder SEPULTURA produziert hat. "Wir haben mit Steve zum ersten Mal zusammen gearbeitet. Er hat einen sehr guten Job gemacht, mit dem Sound sind wir sehr zufrieden. Steve ist wirklich professionell."

Nun folgt ein kleiner Rückblick auf die Geschichte dieser musikalisch außergewöhnlichen Zerstörungs-Truppe - wie wirkt denn die Vergangenheit in der Gegenwart? Die erste THE DILLINGER ESCAPE PLAN-Scheibe "Calculating Infinity" krachte 1999 bekanntlich in die extreme Musik-Szene wie eine Granate in einen verschlafenen Heuhaufen. Weiß Liam eigentlich, warum Menschen seine Musik kaufen? Nach einigen Verständnisproblemen entgegnet er: "Warum Leute unsere CDs hören? Tja, das probieren wir auch herauszufinden. Als wir mit der Band starteten, hätten wir so etwas nicht gedacht. Ich finde diese Situation zwar komisch, aber eben auch gut." Doch der Druck war doch sicherlich immens, mit der neuen Scheibe noch ein Stück weiterzukommen? "Von außen gab es keinen Druck, so etwas interessiert uns nicht und wir merken es kaum. Doch wie ich schon sagte, wir sind selbst unsere größten Kritiker und wollten, dass 'Miss Machine' anders klingt als alles bisherige von uns. Und eben auch besser." Dafür hat die Platte ja auch lang genug gedauert, fünf Jahre sind es insgesamt geworden. Woran lag die lange Pause? "Erst stieg unser alter Frontmann Dimitri Minakiakis aus. Dann kam etwas später Greg. Außerdem waren wir ständig auf Tour. Zwischendurch nahmen wir noch diese Mini-EP mit Mike Patton auf. Die Situation war nicht einfach für uns. Außerdem mussten wir noch ein neues Label suchen, das hat auch gedauert." Nun sind THE DILLINGER ESCAPE PLAN bei Relapse gelandet, "wir fühlen uns dort sehr wohl." Über das amerikanische Label erscheint auch eine Bonus-Edition zum neuen Album "Miss Machine" - mit 10 Minuten Studio-Filmmaterial und ein paar Live-Songs, "aufgenommen mit einer Digi-Cam", wie Liam sagt.

Nächste Frage: Es gibt immer wieder Gerüchte, dass die persönliche Chemie innerhalb einer so organisch klingenden Gruppe wie THE DILLINGER ESCAPE PLAN gar nicht stimmen soll. "Wer sagt das?", fragt der Bassist. "Das habe ich in einem Interview gelesen." Liam: "Aha. Klar, wenn wir lange auf Tour sind, kann es schon mal zu Streit kommen. Aber das ist nichts Ernstes. Gerade Greg und ich, wir hassen uns herzlich, haha. Im Ernst: Das sind falsche Gerüchte, wir verstehen uns gut."

So kam auch der Entschluss zu dem außergewöhnlichen Namen in gemütlicher Runde, ohne Hintergedanken. "Er fiel uns relativ spontan ein. Wir wollten einen unvergesslichen Titel." Die historische Person Dillinger gab es übrigens wirklich: John Herbert Dillinger war der erste Mensch, den das FBI als Staatsfeind Nr. 1 bezeichnete. Ein kleiner Exkurs in die Geschichte: In den 30er Jahren hat die Weltwirtschaftskrise die USA fest im Griff. In dieser Zeit sind Dillinger und seine Bande auf Bankraub spezialisiert. Gleichzeitig genießt er den Ruf ein moderner Robin Hood und ein vorzüglicher Liebhaber zu sein. 25.000 Dollar werden vom FBI auf ihn ausgesetzt. Doch Dillinger ist wie ein Phantom und kann immer wieder seinen Häschern entkommen. Bis zum 22. Juli 1934: An diesem Tag verrät ihn die Zimmergenossin seiner Freundin. Beim Verlassen eines Kinos in Chicago wird er von einem FBI-Beamten erschossen... Liam: "Eigentlich hat sich von uns niemand groß Gedanken über John Dillinger gemacht. Wir haben uns auch nicht besonders mit seiner Biografie beschäftigt." (Kurzer Zwischengedanke des Schreibers: Warum macht man sich eigentlich die Mühe und denkt sich Fragen aus, wenn es immer nur triviale Gründe für bestimmte Namen, Titel oder Texte gibt...?!)

Zurück zur Realität: DILLINGER ESCAPE PLAN sind in diesem Sommer schon mächtig in Europa herumgekurvt. Zum Beispiel waren sie beim Rock am Ring und beim Fury Fest im französischen Le Mans. Besonders in Frankreich waren die Fans völlig begeistert. Liam ist es jetzt noch: "Es war sehr geil dort, es war ein tolles Metal-Fest! Es war für uns auch so schön, weil wir zurück zu unseren Wurzeln blicken konnten. Dort waren ja nur Hardcore- und Death-Metal-Bands. Und der Moshpit war sehr rau!" Hat er denn auch von dem SLIPKNOT-Auftritt gehört, die Jungs wurden ja mit Flaschen voller Pisse von der Bühne gescheucht?! "Auf der einen Seite sollte jede Band von den Fans denselben Respekt bekommen. Gleichzeitig ist es aber auch etwas frustrierend, gerade für die anderen Gruppen, die dort spielen, dass nur eine Band ihren eigenen Backstage-Bereich bekommt. Es sollte da keine jeweiligen Vorteile geben, die Gruppen sollten gleich behandelt werden." Und wie war das Rock am Ring? "Unglaublich, unglaublich groß. Wir hatten viel Spaß!" Wann die Jungs nach ihrer kleinen Club-Tour durch Deutschland hierher zurückkommen, ist noch nicht klar. Liam wieder: "Wir werden sehen, bis jetzt ist noch nichts geplant. Aber es war immer sehr cool, bei euch zu spielen..." Bupp, reißt die Leitung ab. Zwei Minuten später klingelt es wieder, die Stimme von Liam klingt immer noch verrauscht...

Doch wir sind fast fertig. Nur noch ein paar Begriffspaare bekommt der Bassist vorgesetzt, er soll sich jeweils für eins der beiden Wörter entscheiden...

- George W. Bush oder John Kerry? "Eindeutig John Kerry. Definitiv. Das braucht keine Erklärung, do you know?!"
- McDonalds oder Burger King? "Weder noch. So etwas esse ich nicht."
- Beatles oder Rolling Stones? "Beatles"
- Britney Spears oder Christina Aguilera? "Britney, sie hat den schöneren Arsch"

Letzte Worte? "Wir möchten uns bei unseren Fans für ihre Geduld mit uns bedanken, dass sie solange auf die neue Platte gewartet haben. Ich hoffe, sie wird ihnen gefallen."

Letzte eigene Gedanken: Klingt ja alles gar nicht so kompliziert, jedenfalls um Längen einfacher als die Musik von THE DILLINGER ESCAPE PLAN. Das nächste Mal sollte es aber ein persönliches Interview sein - eine beschissene Telefonleitung kann viel kaputtmachen...

Redakteur:
Henri Kramer

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