DREAM THEATER Special Teil I: Interview mit James LaBrie & John Petrucci (zweiter Teil)

06.11.2013 | 08:13

"Mike Portnoy wird nie wieder ein Teil von DREAM THEATER sein." James LaBrie zu aufkommenden Gerüchten und vielem mehr im zweiten Teil unseres großen Interviews.

Im ersten Teil des Interviews haben uns Gitarrist John Petrucci und Sänger James LaBrie alles Wichtige zum neuen Album "Dream Theater" verraten, aber auch zum gerade veröffentlichten Live-Dokument hat der Frontmann viel zu erzählen. Genug der Vorrede, lassen wir den Kanadier selbst zu Wort kommen.

Nils: James, "Live at Luna Park" erscheint Anfang November. In Fankreisen gibt es Gerüchte, dass ihr den Konzertfilm auch in die Kinos bringen möchtet. Ist da was dran?

James: Da bist du aber sehr gut informiert. Ja, ehrlich gesagt diskutieren wir das gerade mit unserem Management und dem Label. Die Chancen stehen sehr gut, dass es für einen sehr begrenzten Zeitraum "Live at Luna Park" in einigen Kinos zu sehen gibt. Die Spielstätten werden allerdings sehr begrenzt sein, es soll ein besonderes Ereignis sein. (Und tatsächlich, ungefähr eine Woche nach dem Interview wurden die Gerüchte wahr und für das Wochenende nach dem Deutschland-Release von "Dream Theater" wurden einige Shows in Kinos rund um die Welt angekündigt. Allerdings fand keine einzige Vorstellung davon in Deutschland statt. - NM).

Die Produktion des Konzertfilms oblag übrigens Over The Edge Productions, die schon die "The Spirit Carries On"-Dokumentation für uns realisiert haben (Dabei handelt es sich um die Dokumentation der Drummer-Auditions, die die Band nach dem Ausstieg Mike Portnoys abhielt, liegt unter anderem der Special Edition von "A Dramatic Turn Of Events" bei - NM). Als sie gesehen haben, wie viel Material letztendlich zusammengekommen ist, wollen wir nicht schnell ein halbherzig gemachtes Produkt auf den Markt werfen, nur um ein paar Monate später zu denken: Ach was hätten wir noch alles an Material gehabt. Bei Eagle Rock hatte man auch viel Vertrauen in das Projekt und so haben wir uns für den November entschieden. Nach der Veröffentlichung von "Dream Theater" wird dann auch "Live at Luna Park" so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie es verdient hat. Ich jedenfalls freue mich riesig, das wird eine großartige Sache!

Nils: Wo wir gerade über Live-Alben und solche Veröffentlichungen sprechen: Kam der Wunsch, beispielsweise "Live at Budokan" auf Blu-ray oder einige Alben aus dem Katalog auf Vinyl zu veröffentlichen von der Band oder von Seiten des Labels? Die "Six Degrees…" oder "Scenes From A Memory" gab es vorher schließlich nur als CD.

James: Das war das Label. Sie wollten einige Sachen wiederveröffentlichen, dazu gehören die LPs, aber auch "Live at Budokan". Letztendlich diskutieren wir als Band solche Dinge mit unserem Management und gucken, ob es Sinn macht. Und bei unseren Fans, die immer Interesse an solchen Wiederveröffentlichungen haben, war es einfach stimmig.

Nils: Wie steht es denn mit eurem eigenen Label YtseJam Records, es gab Gerüchte, dass Mike Portnoy die Rechte daran hat und es deswegen seit ein paar Jahren keine Veröffentlichungen mehr gibt?

James: Nein, das stimmt nicht. Auch da hat die Band die Zügel in der Hand…

Nils: Also werden wir in Zukunft weitere Veröffentlichungen der "Official Bootleg"-Reihe erleben?

James: Absolut! Wir nehmen ohnehin jede Show auf, zu Hause habe ich ein wahres DREAM THEATER-Archiv. Es gibt auch schon ein paar Listen mit Songs, die es auf zukünftige Veröffentlichungen schaffen könnten, das Projekt lebt noch. Es komm lediglich auf den richtigen Zeitpunkt an. Wir wussten ja seit einer Weile, dass wir eine professionelle Live-DVD aufnehmen werden und dass ein neues Album in den Startlöchern steht. Also wollten wir unsere Fans nicht auch noch damit überfordern und es so aussehen lassen als würden wir ihnen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Wenn wir im Rahmen der nächsten Welttournee das Gefühl haben, einige besondere Live-Momente auf Band zu haben, werden wir wieder über Ytse Jam Records nachdenken. Für jeden Schritt gibt es den richtigen Zeitpunkt.

Nils: In einigen Wochen erscheint die mittlerweile dritte Auflage von Rich Wilsons offizieller Band-Biographie. Ich nehme an, er hat auch wieder ausführlich mit euch gesprochen?

James: Ja, das ist schon eine Weile her…

Nils: Und es ging sicherlich um Mike Portnoys Ausstieg. Wie hat es sich angefühlt, das ganze noch einmal zu betrachten?

James: Ehrlich gesagt kann ich mich kaum noch an Details erinnern. Wir haben uns zu Beginn der "A Dramatic Turn Of Events"-Tour unterhalten, aber da war ich voll darauf konzentriert, die bestmögliche Live-Performance zu liefern. Das Buch ist allerdings ein interessantes Projekt, denn es zeigt uns mit unseren unterschiedlichen Charakteren und führt durch sämtliche Hochs und Tiefs, die man als Band miteinander erlebt. Alles was wir tun, geschieht in enger Freundschaft. Seien es Live-Shows, das Songwriting zu einem neuen Album oder was auch immer, wir tun es zusammen. Ich glaube allerdings, dass ich zu Mikes Ausstieg nur sehr wenig gesagt habe. Die ganze Geschichte spricht für sich, wenn du mich fragst. Und mittlerweile wurden auch alle Facetten beleuchtet. Es ist alles gesagt, was man dazu sagen sollte. Es handelte sich um jemanden, der genug von der Band hatte und sich anderen Dingen im Leben zuwenden wollte. Später hat er festgestellt, dass er doch weitermachen wollte, aber nicht wieder in diesen Kreis aufgenommen wurde. Wir wollen mit DREAM THEATER weitermachen, die Vergangenheit interessiert uns nicht mehr.

Peter: Nervt es euch, dass man aus der Richtung von Mike immer wieder Aussagen hört wie: "Ich wäre bereit, zurückzukehren"?

James: Es beschäftigt uns nicht, denn das ist nicht die Realität. Das wird nie passieren. Neben vielen anderen Dingen wäre es ein großer Vertrauensbruch an Mike Mangini.

Peter: Man hat gerade (im ersten Teil des IVs - NM) merken können, wie wichtig Mike (Mangini) dir ist.

James: Ja natürlich. Das was er tut, spricht für sich selbst. Es gibt keine Zweifel an ihm oder an seinem Spiel. Beim neuen Album fühlt sich alles so mühelos an, wie ein Handschuh, der perfekt auf die Hand passt. Genau so hatten wir es uns gewünscht. Und um noch eine Sache zu Mike Portnoy zu sagen, und das tue ich mit viel Respekt: Das ist Vergangenheit und dort wird es auch bleiben. DREAM THEATER ist das, was wir alle immer sein wollten, und das lassen wir uns nicht nehmen.

Nils: Wir haben also keine Situation wie bei QUEENSRYCHE zu befürchten?

James: Natürlich nicht. Ich habe mich übrigens letztens mit Todd LaTorre unterhalten, der einen fantastischen Job macht. Aber zurück zum Thema: In einer Band möchte man selten Kompromisse eingehen, man möchte geschätzt werden und ein gleichwertiger Teil des Ganzen sein. Es geht immer darum, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen. Gefühle müssen manchmal zurückgestellt werden, sonst funktioniert die Band nicht.

Nils: Wenn du das Wort schon benutzt, siehst du "Dream Theater" als das ehrlichste Album der letzten Dekade an?

James: Ich hoffe doch, dass jedes unserer Alben eine ehrliche Angelegenheit ist. Bei "Systematic Chaos" und "Black Clous & Silver Linings" haben wir uns vielleicht etwas zu sehr auf den Metal-Aspekt in unserer Musik konzentriert und mit einigen Dingen beim Gesang experimentiert, die gekünstelt rüberkamen. Einige Dinge haben sich nicht so gut angefühlt, aber es war trotzdem unsere Musik, die ehrlich und aufrichtig war. Dennoch fühlt sich die musikalische Richtung, die wir mit "A Dramatic Turn Of Events" eingeschlagen und mit "Dream Theater" fortgesetzt haben, die Essenz dessen, was DREAM THEATER ausmacht. In der Band sind alle enthusiastisch, wir sind immer noch voller Leidenschaft für die Musik. Und solange das der Fall ist, ist unsere Musik auch am rechten Fleck. So ehrlich zu uns waren wir schon eine Weile nicht mehr, das muss man auch sagen.

Peter: Das sieht man auch bei Konzerten…

James: Absolut! Ich habe von sehr vielen Fans im Gespräch oder im Internet gehört, dass man uns den Gemeinschaftsgeist mehr denn je anmerkt und wir unsere Zufriedenheit auch ausstrahlen. Letztendlich kommen die Leute ja aus diesem Grund zu unseren Konzerten. Sie wollen die Energie spüren, mitgerissen werden und nachher sagen können, dass es ein tolles Erlebnis war.

Peter: Was können die Fans von der nächsten Tour erwarten?

James: Über Details haben wir uns noch nicht unterhalten. Aber fest steht, dass es eine "An Evening With"-Tour wird, was allein für sich schon ein Grund zur Vorfreude ist. Wir reden derzeit darüber, wie wir uns vor allem auch visuell präsentieren wollen, was wir den Zuschauern bieten können. Neben neuen Technologien sind es auch interaktive Aspekte, also wie schaffe ich ein gemeinsames Erlebnis mit dem Publikum etc. Mit Smartphones und anderen Dingen gibt es mehr Möglichkeiten denn je, um seinen Fans nahe zu kommen. Noch wichtiger als die Bühnenproduktion ist sicherlich die Setlist. Welche Songs werden wir spielen, was fällt raus. Der Fokus wird naturgemäß auf unserem neuen Album liegen, trotzdem will man auch als Band die Highlights der vorherigen Veröffentlichungen wieder hervorkramen. Die Fans wollen das natürlich auch hören. Im Herbst werden wir uns mit all diesen Dingen auseinandersetzen und die Tour planen.

Nils: Wird man in Zukunft 'Space Dye-Vest' zu hören bekommen? Mit John hast du den Song ja vor einigen Monaten schon als Duett gespielt.

James: An sich würde ich das liebend gerne tun. Aber obwohl der Song auf "Awake", also einem DREAM THEATER-Album, stand, war es vielmehr Kevin Moores (ehemaliger Keyboarder - NM) Song. Er hat ihn geschrieben, die Melodien, die Texte. Bei einem Konzert kann ich es mir heute aber nicht mehr vorstellen.

Nils: Welche Songs würdest du denn persönlich gerne wieder live spielen?

James: 'Trial Of Tears', 'Scarred', 'Take The Time', 'Blind Faith', 'Octavarium'. Das sind so ein paar Songs, die ich wirklich gerne wieder in der Setlist sehen würde. 'One Last Time' wäre sicherlich auch eine tolle Sache. Wir werden es bestimmt wieder so halten wie bei der letzten Tour und jedes Bandmitglied eine A-, eine B- und eine C-Liste mit Songs anfertigen lassen. Daraus suchen wir dann die Überschneidungen und bekommen einen guten Überblick, was jeder von uns gerne spiele würde.

Nils: Bei den langen Shows wäre auch genug Gelegenheit, um ein Album komplett zu spielen. "Scenes From A Memory" hat nächstes Jahr beispielsweise 15-jähriges Jubiläum. Wäre das nicht etwas?

James: Das ist auch eine Diskussion, vielleicht an einigen Abenden dieses Album komplett durchzuspielen. Ich fände es großartig, denn ich liebe das Album. Als Konzeptalbum passt es natürlich auch gut weil man die visuelle Gestaltung um die Musik herum bauen kann. Die Möglichkeit würde ich jedenfalls nicht ausschließen. 20 Jahre "Awake"…das könnte ich mir auch gut vorstellen.

Nils: Um die Fans zufrieden zu stellen, müsstet ihr sowieso alle Alben in ihrer Gesamtheit aufführen…

James: Na wer weiß, irgendwann in unserer Karriere vielleicht…jeden Abend ein anderes Album. Aber eigentlich sollte man sich als Band darauf konzentrieren, einen guten Querschnitt an Songs aus jeder Phase zu spielen. Das müssen nicht unbedingt die populärsten Nummern sein, aber diejenigen, die uns am besten repräsentieren. Das wird selbstverständlich schwieriger je mehr Alben man gemacht hat. Außerdem hasse ich Medleys! Ich verstehe zwar, warum man das macht, aber mir bringt sowas nichts. Sollte ich es verhindern können, wird es kein 'Shmedley Wilcox' mehr geben.

 

Das Interview führten Peter Kubaschk und Nils Macher.

Fotos: Warner Promo

Redakteur:
Nils Macher
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