DREAM THEATER: Interview mit James LaBrie

14.05.2007 | 17:02

DREAM THEATER – Struktur und Unordnung

DREAM THEATER haben eine treue Fanbase. Wann immer die Jungs aus New Jersey eine neue Scheibe in Angriff nehmen, rumort es unter den Fans und auch, wenn einige der Fans der ersten Jahre durch für DREAM THEATER–Verhältnisse durchschnittliche, oder zumindest gewöhnungsbedürftige Scheiben abgesprungen sein dürften, der harte Kern besteht und giert immer nach neuem Stoff. Das Warten hat nun am 1.6. endlich ein Ende, denn dann erblickt mit "Systematic Chaos" eine neue Scheibe das Licht der Welt. Erneut die Grenzen des Mediums mit 78 Minuten Spielzeit auslotend, beinhaltet die neue Scheibe alle Trademarks, die der Fan von DREAM THEATER gewöhnt ist und damit eigentlich wenig bis gar keine Überraschungen (weder positive noch negative). Mittlerweile bei Roadrunner untergekommen, stehen Sänger James LaBrie und Drummer Mike Portnoy Ende April für Interviews im noblen Kölner Savoy-Hotel Rede und Antwort.


Daniel:
Leider habe ich das Album erst vor zwei Tagen bekommen. Da du ja weißt, dass DREAM THEATER–Alben nicht wirklich in die Kategorie "easy listening" fallen, hatte ich wohl nicht die Chance es so oft zu hören, wie es vielleicht nötig gewesen wäre. Ich weiß nicht, ob ihr überhaupt schon genug Distanz zu "Systematic Chaos" habt. Wann seid ihr damit fertig geworden?

James:
Mit den tatsächlichen Aufnahmen waren wir Anfang Februar durch und der Rest des Monats ist dann für den Mix daufgegangen. Also seit dem Mastering sind nun etwa acht Wochen vergangen.

Daniel:
Hast du es dir seitdem noch einmal angehört?

James:
Natürlich! Mal davon abgesehen, dass wir es uns natürlich nach dem Mastern nochmal angehört haben, liebe ich es mit der jeweiligen neuen Scheibe auf eine lange Autofahrt zu gehen und die Anlage dabei voll aufzudrehen. Das mache ich selbst bei Bands so, die ich mag. Es ist meine Art etwas zu "umarmen". Ich könnte es natürlich auch im Wohnzimmer machen, oder über Kopfhörer. Aber es im Auto zu hören ist so eine Art Ritual und ich bin vollauf zufrieden mit der neuen Scheibe, denn sie ist genauso geworden, wie wir gehofft und es uns vorgestellt haben.

Daniel:
Gab es denn so etwas wie einen Plan, eine Art Vision wie das Album klingen sollte?

James:
Nun ja, wir kommunizieren ständig untereinander, bis zu dem Tag, an dem wir fertig sind. Normalerweise sitzen wir halt im Studio und reden über Inspirationen und Ideen, bevor wir dann in den eigentlichen Aufnahmeraum gehen und loslegen. Die Entstehung dieses Albums nun war eher organisch, also gab es vorher nicht dutzende Tapes mit Ideen. Natürlich hatten wir alles schon diverse Ideen, die bei Soundchecks entstanden sind, aber im Grunde haben wir bei fast null angefangen und es begann alles in diesem Raum. John hat dann irgendein Riff gespielt, oder Jordan etwas auf den Keyboards und von da an entwickelte es sich.

Daniel:
Ist es eine neue Herangehensweise für euch, dass ihr tatsächlich spontan anfangt im Proberaum zu jammen, anstelle dass die Dinge schon vorher in groben Zügen individuell ausgearbeitet wurden?

James:
Diesmal hat erst alles im Avatar-Studio angefangen, wo wir dann gejammt haben und so Stück für Stück entstanden ist. Wie man es von uns kennt, mit der Schultafel an der Wand, auf der wir uns die Songteile notieren. Zwischendurch hört man sich dann immer mal wieder die Teile an, bis sich herauskristallisiert, wohin ein Song steuert. Wenn wir dann mit etwas so zufrieden sind, dass es sich abgeschlossen anfühlt, spielen wir erstmal eine Rough-Version ein, wonach dann anschließend alle anderen Mitglieder ihren jeweiligen Teil sauber einspielen.

Daniel:
Wie den Staments eures Labels schon zu entnehmen war, bezieht sich der Titel "Systematic Chaos" in erster Linie auf die Musik, also dass man das Phänomen DREAM THEATER in diesem Terminus gut zusammenfassen könnte.

James:
Definitiv. Wenn man sich vor Augen hält, wie unsere Songs entstehen, wie immer wieder diese verschiedenen Meinungen und Einstellungen der Mitglieder zusammenkommen und daraus etwas entsteht, ist das schon irgendwie ein Mysterium. Und je länger wir als Individuen zusammenarbeiten, desto einfacher wird es auch untereinander zu kommunizieren, auch ohne Worte. Aber ja, andererseits ist es immer auch chaotisch, denn manchmal strömt die Kreativität aus allen Richtungen und doch fügt es sich dann zu einem Ende, einem Ergebnis. Das ist dann wohl dem systematischen Teil geschuldet.

Daniel:
Würdest du mir zustimmen, dass der Titel auch auf einer anderen Ebene funktioniert? Neben einer guten Beschreibung eurer Musik durch diesen Titel, war das erste woran ich dachte, dass es eine Aussage über die menschliche Existenz generell ist. Das Leben als ein oberflächliches Chaos, dem vielleicht doch eine logische Struktur inne wohnt. Repräsentiert der Titel auch eine religiöse oder spirituelle Aussage?

James:
Ja, ich denke die reine menschliche Existenz ist schon einer Struktur unterworfen, die oberflächlich betrachtet manchmal chaotisch daherkommt. Die ganzen sozialen Probleme, denen wir uns heutzutage stellen müssen, die verschiedenen Kulturen, die aufeinander treffen. Ich denke, die Intoleranz und das Unverständnis gegenüber dem Unbekannten gehört zu den großen Tragödien unserer Zeit. Wenn du es so betrachtest, dann ja: Das Chaos umgibt uns. Aber gleichzeitig gibt es diese Form von Blase, in der Friede herrscht, Vernunft und Sensibilität. Wenn du allerdings schaust, was wir in lyrischer Hinsicht auf diesem Album sagen, dann geht es da um die Sicht nach innen, um Probleme die den Einzelnen umgeben und vielleicht betreffen und die gleichzeitig inspirieren. Gleichzeitig gibt es aber auch Tracks, die rein fiktionale Themen behandeln. Fantasy, wenn du so willst. Es sind düstere, böse, geheimnisvolle kleine Geschichten, die aber auch die Stimmung des jeweiligen Songs unterstützen, also die BLACK SABBATH meets PANTERA-Songs.

Daniel:
Für mich scheint es eine Entwicklung bei DREAM THEATER zu geben, von den ersten Alben an, die euch von Album zu Album in textlicher Hinsicht in eine immer düster werdende, härtere Richtung treibt. Von rein fiktionalen Themen hin zu mehr realitätsbasierten?

James:
Also egal, ob unsere Texte jetzt fiktional oder eben nicht sind, es gibt immer ein Verständnis für, oder zumindest einen Bezug zur Realität. Es ist nun auch so, dass die Texte immer so offen gestaltet sind, dass jeder Hörer seinen eigenen Bezug dazu herstellen kann. Wir schreiben die Texte auch erst, wenn die Songs fertig sind, also sind diese immer auf die Energie und die Stimmung des jeweiligen Songs abgestimmt. Die Überlegung geht dann eben auch dahin, dass man versucht ein Gefühl zu bekommen, wie dich ein Song berührt und wie du ihn textlich passend unterstützen kannst. Trotzdem muss ein Text eine Aussage haben, sonst ist es nur unsinnig, bedeutungslos.

Daniel:
Also könnte man schon von einer Art "Message" sprechen.

James:
Da mir kein besseres Wort einfällt: Es muss ein gewisses Maß an Intelligenz aufweisen.

Daniel:
Sonst würde es auch keinen Sinn im Zusammenhang mit der Musik machen.

James:
Genau, ich meine, wie oft hast du dir schon einen Song angehört und dachtest: "Über was für einen Schwachsinn singt ihr da"?

Daniel:
Hast du auch die Beobachtung gemacht, dass mit der Entwicklung auf textlicher Ebene auch eine Entwicklung der Musik einherging, in einer etwas metal-lastigere Richtung?

James:
Nun, die Metal-Anteile waren ja immer da. Wenn du dir "Train Of Thought" anhörst, das war ja nun "balls to the wall". Wenn du dir hingegen "Systematic Chaos" anhörst, wirst du eben auch feststellen, dass es ein hartes Album ist, mit viel Energie, kraftvoll und intensiv. Der Unterschied zu "Train Of Though" ist allerdings, dass es eine Menge mehr andersartiger Elemente gibt, die sich mit der Härte mischen. Du hast mehr Balance zwischen der Härte, den progressiven Anteilen und dem sozusagen klassischen Rock. Die Songs sind dynamischer und vielseitiger, andernfalls wäre es ja auch nur ein weiteres hartes Metal-Album geworden. Die vordergründige Härte wird sicher den meisten sofort auffallen, aber meine Erfahrung ist eben, dass es genauso dynamisch und vor allem musikalisch ist. Es ist eben nicht ein geshreddetes "Train Of Thougth" II. Die Ausnahme bildet vielleicht 'Repentance', das durch seine betont ruhige Atmosphäre aus dem Rahmen fällt (und offenbar Mike Portnoys Sicht auf das Programm der anonymen Alkoholiker behandelt - Anm. d. Verf.). Ein Ruhepunkt, zum Durchatmen und sehr hypnotisch, mit Verweisen auf eine Band wie PINK FLOYD.

Daniel:
Mit deren Stil der Song ja vorab auch schon verglichen wurde. Der Text, oder einer der Texte, die du beigesteuert hast, ist der zu 'Prophets Of War'. Was kannst du mir dazu sagen?

James:
Die Vorlage bildete ein Buch, das "Politics Of Truth" von Jopseh Wilson, einem ehemaligen Botschafter der USA. Er war als letztes Botschafter in Nigeria und wurde von Vizepräsident Cheney damit beauftragt herauszufinden, was an den Gerüchten dran ist, der Irak habe "Yellowcake" (Ausgangsmaterial um Uran für A-Bomben anzureichern) dort gekauft. Er fand heraus, daß es keinen solchen Handel gab. Aber offenbar passte das den Mächtigen nicht in den Kram, also enttarnten sie als Racheakt seine Frau, die jahrelang als Agentin für die CIA gearbeitet hatte. Dies sind die wahren Propheten des Krieges, denn entgegen allen Beweisen drängten sie auf einen Krieg. Sie jagen den Menschen Angst ein. Später fand man heraus, dass sie einfach gelogen hatten. Diese Propheten. Ihr Handel beeinflusst unmittelbar das Leben anderer, das Leben der Bevölkerung, das Leben der Soldaten in diesem unnötigen Krieg. Aber vor allem beeinflusst es die Gesellschaft, denn es erschafft mehr Wut, mehr Ignoranz, mehr Unverständnis. Das ist die grundlegende Aussage des Songs. Warum behaupten wir immer noch intelligent zu sein, wenn wir nicht einmal Verständnis und Toleranz anderen gegenüber aufbringen können? Ich will noch nicht einmal die Unterschiede aufheben, oder jemanden zum Übertritt zu einer anderen Religion bewegen. Aber jemand zu verstehen, jemanden zu respektieren wird letztlich helfen, diese Probleme zu beseitigen.

Daniel:
Meinst du, dass diese Geschichte schon allein ein Symptom für den Zustand der Gesellschaft ist?

James:
Ich denke, die Geduld der Bevölkerung ist beinahe am Ende. Je mehr die Welt sich vereinigt, desto mehr verstehen die Menschen, dass sie ihre Stimmen einsetzen müssen.

Daniel:
Ist das etwas, was du mit DREAM THEATER gerne erreichen würdest? Eine Art von Botschaft?

James:
Nein, wirklich nicht. Ich möchte uns nicht zu einer politischen Band werden lassen.

Daniel:
Aber drücken DREAM THEATER nicht auch eine bestimmte Geisteshaltung aus, die du so gerne auch unter den Fans herrschen sehen möchtest?

James:
Für mich persönlich geht es nur um meine persönliche Aussage, die mir auf dem Herzen lag. Falls es jemanden anregt oder über Dinge aufklärt, umso besser. Ich fand das Buch nur sehr interessant und ich hoffe wenn überhaupt, dann dass die Leute für sich selbst denken.

Daniel:
Nun, welch guter Abschluss für ein Interview, da die Promoterin auch im Hintergrund schon nervöse Zeichen gibt.

James:
Danke für das Gespräch und wir werden noch in diesem Jahr ein paar Festivals spielen, also bleibt auf dem Laufenden!

Redakteur:
Daniel Rabl

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