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DREAM THEATER: Interview mit John Petrucci

01.01.1970 | 01:00

Als ich hörte, dass DREAM THEATER im Januar ihr neues Album, "Six Degrees Of Inner Turbulence", veröffentlichen und dann anschließend auch auf Europatour kommen würden, war für mich klar, dass der Besuch einer ihrer Shows auf dem Pflichtprogramm stand. Natürlich hoffte ich dabei auch, dass sich vielleicht die Möglichkeit zu einem Interview ergeben würde. Doch da hatte die Plattenfirma von DREAM THEATER zunächst etwas dagegen. :-( Eineinhalb Wochen vor dem Konzert in Böblingen haben sie es sich aber dann doch noch anders überlegt und mir angeboten, ein Interview mit Mike Portnoy zu führen - dass ich diese Offerte nicht ablehnte, war ja klar. Als mich am Tag vor dem Konzert dann die Tourmanagerin anrief, um den Termin nochmals zu bestätigen, stellte sich zwar heraus, dass nun nicht Mike, sondern John Petrucci mein Gesprächspartner sein würde, aber das spielte ja auch keine große Rolle.

John stellte sich während des Gesprächs als außerordentlich sympathischer Zeitgenosse heraus, der mir alle meine Fragen, vor allem zum neuen Album, freundlich beantwortete. Er war an diesem Tag zwar nicht hundertprozentig fit, da er sich mit einer Erkältung herumquälte, aber das ließ er sich weder während des Interviews noch später während des Konzerts anmerken.

Martin:
Zuerst möchte ich dir zu eurem aktuellen Album, "Six Degrees Of Inner Turbulence", gratulieren. Ich denke, dass es ein sehr gutes Album geworden ist...

John:
Vielen Dank.

Martin:
Und wie seid ihr selber mit dem Album zufrieden?

John:
Ich denke, dass es ganz gut geworden ist. Es unterscheidet sich sehr stark von dem, was wir bisher gemacht haben. Aber es ist immer schwierig, da man nie weiß, wie die Leute darüber denken. So wird es sicherlich auch Leute geben, die etwas irritiert sein dürften. Aber wir hatten sehr viel Spaß, als wir diese Platte gemacht haben. Und sie klingt ja auch wirklich gut.

Martin:
Ich würde gerne mit dir die Songs auf dem Album durchgehen, um ein paar Gedanken von dir dazu zu hören... Fangen wir also mit der ersten CD und "The Glass Prison" an, einem wirklich heftigen Metal-Song, oder?

John:
Ja, das ist er auf jeden Fall. Das Ziel dieses Songs ist es, sehr aggressiv zu sein, und zwar während des kompletten Songs - mit sehr vielen Riffs, über fast 15 Minuten. Dieser Song ist gar nicht so einfach zu spielen... (grinst)

Martin:
Von wem stammte denn die ursprüngliche Idee dazu?

John:
Nun, in der Tat ist eines der Riffs ein ziemlich altes Riff, das schon eine sehr lange Zeit zurückliegt, aber an das John (Myung (b.) - d. Verf.) sich noch erinnern konnte. Er kam also mit diesem Riff an, und dann haben wir gemeinsam daran weitergearbeitet.

Martin:
Kommen wir zu "Blind Faith" - dieser Song erinnert mich etwas an "Peruvian Skies", aber auch an LIQUID TENSION EXPERIMENT. Wie denkst du darüber?

John:
Ja, damit liegst du ganz gut. Das ist auch einer der andersartigen Songs. Es kommen ganz andere Töne vor, auch ganz andere Gitarrentöne, insbesondere sehr tiefe Riffs. Und an manchen Stellen klingen auch RUSH-Einflüsse an.

Martin:
Sprechen wir kurz über "Misunderstood" - dieser Song beginnt ja mit einem LED ZEPPELIN-mäßigen Gitarrenteil. Oder wie denkst du darüber?

John:
Ja, sicherlich. Das ist definitiv LED ZEPPELIN. Der Song ist auch ein Beispiel, bei dem wir etwas experimenteller zu Werke gehen, wie wir gewisse Töne und das alles erzeugen. Und ich wollte eben, dass sich der Song schön langsam aufbaut.

Martin:
Meiner Meinung nach ist Jordans Keyboardspiel etwas anders als das, was wir von ihm auf der letzten Platte gehört haben...

John:
Für mich klingt es eigentlich nicht großartig anders... (grins) Obwohl, wenn ich an Songs wie "The Glass Prison" oder "The Great Debate" denke, dann kommen da natürlich Passagen vor, wo er einen Gegenpol darstellen muss, um den Songs hin und wieder etwas Heaviness zu nehmen. Das wirkt dann wohl schon ein wenig ungewohnt.

Martin:
Wo wir schon bei "The Great Debate" sind - als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, musste ich an TOOL denken. Kannst du das nachvollziehen?

John:
Ja, klar. Sicher ist das sehr TOOL-beeinflusst. Es kommen sehr viele Aspekte vor, die auch TOOL verwendet, zum Beispiel, die Art und Weise, wie Riffs wiederholt werden, dieses Hypnotische, aber auch rhythmisch - es gibt auch diese Art von Tönen, diese dunklen, rhythmischen Töne. Das ist wie TOOL, und wie RUSH mal wieder.

Martin:
Wessen Idee war es, einen Song über Stammzellenforschung zu machen?

John:
Das war meine Idee. Und deshalb habe auch ich den Text geschrieben. Das ist natürlich ein sehr empfindliches Thema, aber es war in aller Munde und die Menschen haben sich sehr damit beschäftigt.

Martin:
Kommen wir nun zu "Disappear" - wenn ich es nicht besser wissen würde, könnte ich schwören, dass Kevin Moore immer noch in der Band ist...

John:
(lacht) Ja, das habe ich schon öfter gehört. Einige Leute sagen, dass sie dieser Song an "Space Dye Vest" erinnern würde. Das liegt wohl an der Stimmung, die sehr düster, ja sogar bedrückend ist. Wir haben dabei an RADIOHEAD gedacht, an deren dunkle Atmosphären, oder auch an PINK FLOYD und an deren zum Teil bedrückenden Stil der Instrumentierung.

Martin:
Gehen wir nun über zur zweiten CD - ihr habt da einen 42-Minuten-Track gemacht, der sich "Six Degrees Of Inner Turbulence" nennt. Was kannst du mir über die Idee erzählen, die dahintersteckt?

John:
Zunächst wollten wir einfach nur ein längeres Stück schreiben. Wir haben nicht daran gedacht, dass es schließlich 42 Minuten lang wird. Wir dachten eher an 20 Minuten - wie bei "A Change Of Seasons". Aber es entwickelte sich immer weiter und weiter. Das erinnert mich ein wenig an "Bohemian Rhapsody".

Martin:
Der erste Teil, "Overture", klingt für mich etwas Broadway-mäßig...

John:
Die Idee hinter diesem Eröffnungsteil war, dass wir eine Ouvertüre haben wollten, die wie der Anfang eines Films klingt, also wie wenn du zum Beispiel "Star Wars" oder so etwas in der Art anschaust - der Film beginnt, und du hast dann den Soundtrack. So sollte sich das hier auch anhören.

Martin:
"About To Crash" erinnert mich an "Scenes From A Memory", euer vorhergehendes Album. Ist das für dich auch irgendwie nachvollziehbar?

John:
Ja, ich denke schon. Mich erinnert es beispielsweise auch an "Finally Free". Das liegt wohl daran, dass es sehr Keyboard-lastig ist.

Martin:
Mit "War Inside My Head" und "The Test That Stumped Them All" geht es dann wieder etwas mehr in die Metal-Richtung...


John:
Ja, klar. Das sind auch meine bevorzugten Teile des Stücks - zum Teil sehr METALLICA-beeinflusst...

Martin:
"The Test That Stumped Them All" hat für mich auch einen gewissen MEGADETH-Charakter...

John:
Ja, sicherlich.

Martin:
... und dann kommt da dieser eigenartige, aber ziemlich interessant klingende Gesang. Was kannst du mir denn darüber erzählen?

John:
Nun, da wollten wir eben wieder einmal etwas ganz anderes machen. Die Musik ist an sich ja schon etwas eigenartig - wenn du dir die Musik anhörst, ist es schwierig, "normale" Melodien herauszuhören. Und dann kam Mike (Portnoy (d.) - d. Verf.) mit der Idee an, doch mal diesen "hohen Gesang" auszuprobieren. Es hat etwas von "Rocky Horror". (lacht)

Martin:
"Goodnight Kiss" hört sich dann für mich etwas nach QUEEN an...

John:
Ja, definitiv. Und James (LaBrie (v.) - d. Verf.) singt hier ja auch ähnlich wie Freddie Mercury.

Martin:
Kommen wir nun zu "Solitary Shell" - ich denke, dass dieser Song durchaus auch im Radio gespielt werden könnte. Siehst du das auch so?

John:
Es ist ja ein sehr schöner Song. Und wenn jeder, der ihn hört, sich denkt: "Oh, das könnte ein Hit werden!", dann könnte es auch ein Hit werden. Aber das ist in erster Linie die Sache der Plattenfirma, ob sie den Song veröffentlicht und dann auch fördert.

Martin:
Und was kannst du mir über "About To Crash (Reprise)" erzählen?

John:
Nun, musikalisch geht es zurück zum zweiten Teil des Songs. Das liegt vor allem an diesem speziellen Text - es geht hier um jemand, der manisch-depressiv ist. Diese Person erlebt Zeiten, in denen sie gut drauf ist, aber dann verfällt sie wieder sehr schnell in ihre manische Depression. Und das kannst du dann auch hören...

Martin:
Und zum Schluss haben wir noch "Losing Time (Grand Finale)". Was hat es damit auf sich?

John:
Für mich schließt sich damit ein Kreis. Denn schon in der "Overture" taucht diese Melodie auf, und du hörst diese Melodie aus dem "Losing Time"-Teil bereits zum ersten Mal. Ich denke, es ist eine wunderbare Melodie. Und während des Songs spielt sie dann auch die Gitarre - sozusagen eine "Lead-Version" dieser Melodie. Und dann hörst du sie im "Finale" wieder... Für mich ist das eine sehr klassische Art, Musik zu schreiben - Motive, Sätze, Wiederholungen, Variationen, du weißt schon...

Martin:
Soweit zu den Songs auf dem Album. - Werdet ihr "Six Degrees..." auch komplett live spielen?

John:
Ja, das werden wir - aber nicht heute abend...

Martin:
Das ist aber schade!

John:
Wie du ja weißt, ist das Album erst vor kurzem erschienen. Und deshalb wollen wir den Leuten eine Chance geben, es sich zuerst einmal anzuhören. Wenn wir im März unsere US-Tour machen, dann werden wir den Song voraussichtlich auch live spielen...

Martin:
Sprechen wir nun über den vergangenen Dezember, der - ich weiß nicht, wie ich es nennen soll - inoffiziellen Veröffentlichung des Albums...

John:
Das finden wir eigentlich nicht besonders lustig, und du frägst dich natürlich, wie es kommt, dass die Songs schon so früh im Internet sind und sie schon so viele Leute haben. Und für uns ist es natürlich auch etwas enttäuschend, da wir gerne hätten, dass alle Leute zur gleichen Zeit das Album zum ersten Mal hören können. Denn sonst passiert es, dass manche Leute im Vorfeld versuchen, Meinungen zu beeinflussen. Da kann man dann im Internet lesen: "Dieser Song ist viel zu heavy" oder "Mir gefällt das so" - du weißt schon... Deshalb ist es für mich schon besser, wenn alle gemeinsam das Album zum ersten Mal hören.

Martin:
Und wie denkst du über Online-Magazine, im Vergleich zu den herkömmlichen Print-Magazinen?

John:
Ich denke, dass diese Magazine offensichtlich immer beliebter werden. Es gibt dadurch sehr viele Informationen, die von Tausenden von Online-Magazinen angeboten werden. Aber den Leuten ist es doch schon gar nicht mehr möglich, allen diesen Informationen Beachtung zu schenken...

Martin:
Gehen wir noch einen Schritt zurück, zum 11. September - wie denkst du denn jetzt über diesen Tag?

John:
Das ist natürlich etwas, an das ich jeden Tag denken muss. Du weißt ja - ich lebe in New York, ich bin ein Amerikaner, ich bin ein Mensch, dessen Land sich im Krieg befindet. Das ist sehr unheimlich, sehr beängstigend...

Martin:
Wo warst du zu diesem Zeitpunkt?

John:
Ich war in meinem Haus und habe es im Fernsehen gesehen. Und es war auch so, dass DREAM THEATER am 10. September mit dem Abmischen der neuen CD begonnen haben, und am Tag darauf wollten wir natürlich daran weiterarbeiten, also dem Tag, an dem das alles passiert ist.

Martin:
Das war derselbe Tag, an dem auch "Live: Scenes From New York" veröffentlicht wurde, und dadurch seid ihr ja auch in die Medien gekommen...

John:
Ja, leider. Das war ein sehr unglücklicher Zufall. Wir hatten ja dieses Cover-Artwork mit den Twin-Towers in Flammen... Das mussten wir dann natürlich ändern.

Martin:
Ihr seid nun mit PAIN OF SALVATION auf Tour. Wie sind denn so deine bisherigen Erfahrungen?

John:
Sie scheinen wirklich sehr nett zu sein. Ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit, viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich habe gerade ihre CD bekommen, um sie mir mal anzuhören. Sie scheinen sehr nette Jungs zu sein, die auch sehr talentiert sind.

Martin:
Wie wird es denn mit DREAM THEATER nach dieser Tour weitergehen?

John:
Wir planen im Moment selbstverständlich, dass wir danach wieder ins Studio zurückkehren, um eine neue CD aufzunehmen. Da wollen wir dann natürlich wieder etwas ganz anderes machen... (grinst)

Martin:
Ich habe gehört, du arbeitest an einem Soloalbum. Kannst du dazu schon ein paar Worte sagen?

John:
Ja, sicher. Ich habe schon vor einiger Zeit mit der Arbeit daran angefangen, aber bis jetzt bin ich noch nicht ganz fertig geworden, es gibt schon noch etwas zu tun - aber halt nicht jetzt. Es ist auf jeden Fall komplett instrumental - es wird drei Instrumente geben: Gitarre, Bass und Schlagzeug. Gitarre werde natürlich ich spielen (grinst), Bass wird Dave LaRue spielen, und am Schlagzeug wird Dave DiCenso sein, der Drummer von BOSTON, sowie noch ein weiterer Schlagzeuger aus New York, Tony Verderosa. Die Musik stammt zum Teil aus der Zeit, als ich mit G3 gespielt habe, also mit Joe Satriani und Steve Vai. Und musikalisch ist es sehr gitarrenlastig, ziemlich heavy, progressiv und wirklich rockig, mit sehr vielen Solos und Melodien. Ich glaube, es wird ziemlich gut. (grinst) Ich habe ein gutes Gefühl.

Martin:
Hast du denn sonst noch andere Projekte für die Zukunft im Hinterkopf?

John:
Nicht wirklich. Im Moment möchte ich erstmal dieses Solo-Album herausbringen. Und was danach kommt, das wird man ja sehen...

Martin:
Noch eine letzte Frage: Warum hast du dir die Haare abgeschnitten?

John:
(lacht) Ich hatte meine Haare für sehr lange Zeit wirklich lang. Und ich habe lange hin- und herüberlegt - soll ich mir die Haare abschneiden, oder lieber nicht. Und dann habe ich es einfach gemacht. Ich wollte mich eben ein wenig verändern...

Martin:
Vielen Dank für das Interview...

John:
Vielen Dank auch an dich!

Redakteur:
Martin Schaich

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