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Das Doom-Triple: SORCERER, PROCESSION und FORSAKEN in der Gruppen-Gruppentherapie

12.11.2017 | 14:13

Es ist Herbst, es ist Zeit für Doom und Größen des Genres wie SORCERER, PROCESSION und FORSAKEN liefern auch ab. Also dachten wir uns, wir therapieren die drei Alben gleich auf einen Schlag.


Soviel epischer Doom in einem Monat war schon lang nicht mehr, wenn überhaupt und da begibt man sich als Hörer automatisch ins Wunderland der direkten Vergleiche. Wohlan, schauen wir doch mal, wo die Stärken von FORSAKEN, PROCESSION und SORCERER so liegen und wo die Truppen ihre Achillesfersen versteckt haben. Klar am bombastischsten, geschliffensten und ausladendsten kommt der Hexenmeister aus Schweden um die Ecke, was wohl niemanden mehr verwundert, der das brilliante Comeback kennt. Der Feuerkönig schließt da nahtlos an und da ich mich klar als Fan der Band sehe, verwundert es nicht, dass man mich sowohl mit Songwriting als auch Performance und Sound voll abholen kann. Klar, hier und da könnte der Sound eetwas weniger poliert sein doch das gleichen Götterrefrains wie im Titelsong oder 'Crimson Cross' locker wieder aus.

Den gewünschten Dreck bietet dann PROCESSION, denn die Chilenen machen mehr oder weniger da weiter, wo sie mit "To Reap Heavens Apart" aufhörten, epischer Power Doom, der erdig produziert wurde und ohne viel Bombast, Soundspielereien oder ähnliches auskommt. Starker Gesang von Felipe und ordentlich drückende Riffs, aber eben keine absoluten Überhits stehen hier auf der Habenseite, echte Abzüge gibt es keine und so ist der Abstand zu SORCERER auch eher klein.

Anders sieht es leider beim dritten im Bunde, dem malteser Urgestein FORSAKEN aus. Denn neben soliden Songs ohne absolute Überhits steht eine extrem unvorteilhafte Produktion, die dafür sorgt, dass manche Songs seltsam auseinanderzufallen scheinen, so als hätte man vergessen, die einzelnen Instrumente im Gesamtbild aufeinander abzustimmen. Das macht es schwer, die Kompositionen in ihre Gänze zu erfassen und sorgt dafür, dass "Pentateuch" mit deutlichem Abstand hinter den Chilenen und Schweden ins Ziel geht, trotz großer Sympathie für die Band, die hier wohl meine Note noch positiv beeinflusst hat.

SORCERER: 9.5
PROCESSION: 9.0
FORSAKEN: 7.5


[Raphael Paebst]

Sorcerer The Crowning Of The Fire King

Ja, Kollege Raphael hat hier meine Wertung fast 1:1 vorweg genommen. Sogar die Höhepunkte des SORCERER-Werks hat er korrekt genannt. Was bei PROCESSION auffällt, ist in meinen Ohren der stärker werdende schwedische Einfluss im Sound der Band seit Bandkopf Felipe Plaza nach Schweden umgesiedelt ist. "Doom Decimation" ist an vielen Stellen deutlich flotter unterwegs als es bei den bisherigen drei Veröffentlichungen der Fall war, was im Verbund mit der rohen Produktion allerdings wunderbar funktioniert. Einen echten Hit hat das Werk in meinen Ohren mit 'All Descending Suns' im übrigen auch. FORSAKEN hingegen war so etwas wie mein Geheimtipp in diesem Triple. Die bisherigen Alben boten immer hohe Qualität inklusive einiger epischer Doom-Hits wie einst 'Via Crucis (The Way Of The Cross)'. Diese sucht man ebenso vergebens wie eine ordentliche Produktion. Und so ist "Pentateuch" das bislang schwächste Werk des Malta-Exports. Tja, und SORCERER ist einfach ein Killer-Album gelungen, wie in meiner vollständigen Rezension ausführlich beschrieben.

SORCERER: 9.5
PROCESSION: 9.0
FORSAKEN: 6.0


[Peter Kubaschk]

Selbst als jemand wie ich, der traditionellen Releases gerne mal kritischer als manche seiner Redaktionskollegen gegenübersteht, muss ich anerkennen, dass SORCERER mit "The Crowning Of The Fire King" den epischen Doom auf allerhöchstem Niveau zelebriert, dabei war der Vorgänger "In The Shadow Of The Inverted Cross" schon sehr ordentlich, Chapeau! SORCERER macht vieles richtig, erstmal haben die Schweden erkannt, dass auch traditionellen Alben eine zeitgemäße Produktion nicht schadet, sprich "The Crowning Of The Fire King" klingt erfreulich transparent, druckvoll, gewissermaßen "modern" und schafft es dennoch der Platte genügend Tiefgang durch viel Melodie und Atmosphäre verschaffen. Zusätzlich ist mit Anders Engberg ein Sänger an Bord, der nicht nur alle Töne trifft, sondern den mitunter schweren Brocken eine gewisse Leichtigkeit verschafft und große Refrains singen kann.

Das alles kann über FORSAKENs "Pentateuch" leider gar nicht behaupten, es ist eher das exakte Gegenteil von "The Crowning Of The Fire King": Ein schreckliche undifferenzierte Produktion möchte als erstes verarbeitet werden, was allerdings sehr schwer fällt - Hand aufs Herz, da hat jemand richtig Mist gebaut. Die Songs wirken auch sehr unausgegoren, beim 15-minütigem (!) 'Apocryphal Winds' habe ich gar den Eindruck, dass meine Füße einschlafen. Nein, das macht wirklich keinen Spaß und findet sich deshalb auch, leider zurecht, relativ abgeschlagen auf Platz 22 des Oktober-Soundchecks wieder.

PROCESSION wiederum steht SORCERER in nicht Vielem nach. Es ist ebenso toll produziert und fantastisch gesungen, doch nutzen sich die Songs schneller ab und lassen sich vielleicht auch nicht so gut voneinander abgrenzen, trumpft umso mehr in punkto Doom-Atmosphäre auf. "Doom Decimation" belegt deshalb auch Platz zwei in diesem Tripple.

SORCERER: 8.5
PROCESSION: 7.5
FORSAKEN: 4.0


[Jakob Ehmke]

Procession Doom Decimation

In meiner persönlichen Gunst wird die Reihenfolge der drei Doom-Scheibletten zwar auch nicht durcheinander gewirbelt, aber was die FORSAKEN betrifft, bescherte sie mir doch zumindest einen ersten wunderbaren Moment, als nach dem Intro bei 'Serpent Bride' dieses sägende MeloDeath-Riff einsetzt, das mich - man höre und staune - an beste BOLT THROWER-Zeiten ("No Guts, No Glory") erinnert. Doch leider machte sich auch hier schnell Ernüchterung breit. Bei mir ist es vor allem der ausdruckslose Gesang, der den kurzen Anflug eines Jawoll-Gefühls wieder zunichte machte. Auch dass die Produktion nach dem schönen Eingangs-Rumpelriff so unsagbar dumpf tönt, stört mich ebenfalls. Insgesamt schon eine Enttäuschung und eine Platte, die ich wohl nach dieser Gruppentherapie nicht mehr hören werde, obwohl ich sehr gerne Doom auflege.

Bei der durchgängig guten PROCESSION fehlt mir irgendwie ein absolutes Glanzlicht, dahingehend hatte mich damals (vor sieben Jahren) "Destroyers Of The Faith" mehr umgehauen. 'Chants Of The Nameless' schlägt auch Peters Highlight 'All Descending Suns'. Aber um meinem Vorredner Jakob recht zu geben, die Atmosphäre beschert großes Kopfkino - das ist genau das, was ich unter Doom verstehe. Die Truppe kam zwar früher, wieder Richtung "Destroyers Of The Faith" schielend, noch urwüchsiger und bedrohlicher rüber, aber das ist ja eine Entwicklung, die ganz viele Bands durchmachen und die dafür in einen variableren Ansatz mündet. Gut so, denn zumindest ich habe kein Interesse daran, immer wieder das exakt gleiche Album von einer Band zu hören. PROCESSION bleibt spannend.

Demgegenüber fällt der epische Anteil bei SORCERER sehr stark ins Gewicht, was mir als WHILE HEAVEN WEPT-Freund natürlich gleich eine Menge Spaß macht. Dass hier die Kollegen von Killeralbum, Götterrefrains und allerhöchstem Niveau sprechen, kann ich nachvollziehen, wobei ich es sogar für möglich halte, dass - was die Wertung betrifft - im Langzeittest SORCERER von PROCESSION noch über- oder zumindest eingeholt wird. Und dass Doom ggf. langsam wächst, sollte nicht verwundern...

SORCERER: 9.0
PROCESSION: 8.5
FORSAKEN: 5.5


[Stephan Voigtländer]

Forsaken Pentateuch

Da sind ja einige ziemlich enttäuscht vom neuen FORSAKEN-Album. Ich habe keine Erwartungen an "Pentateuch", da ich die Band bisher immer nur vom Namen kannte. Was ich gehört habe war solider, aber nie überragender Doom. Tut nicht weh, muss aber auch nicht in die Sammlung. Da schaut es bei den Schweden von SORCERER natürlich ganz anders aus. Wahnsinn, wie eine Neunziger-Underground-Truppe 2015 mit einem überragenden Debüt-Album erscheint und jetzt sogar das Karrierehighlight abliefert. Wir haben es hier nicht nur mit einem der besten Doom-Alben von 2017 zu tun, sondern einem der besten Metal-Alben. Selbst DOOMOCRACY, ARGUS oder PAGAN ALTAR können vor Neid nur staunen, wenn die Schweden auf höchstem Niveau CANDLEMASS, alten RAINBOW, BLACK SABBATH (mit Dio) oder SOLITUDE AETURNUS huldigen. Von den Exil-Chilenen von PROCESSION hätte ich mir dagegen etwas mehr erwartet. Ich hatte den Eindruck: Mit dem Vorgänger hatten sie endlich die Champions League des Doom erreicht. Jetzt geht es wieder zurück in die Europa League. Zwar stimmt der Sound, und Durchhänger sind auch keine zu verzeichnen, aber ein Überhit hätte schon gut getan. Vielleicht ist der Eindruck neben dem übermächtigen Feuerkönig aber auch verzerrt. Insgesamt bin ich schon froh, dass bei den Chilenen der langatmige Rumpelsound der ersten Veröffentlichungen überstanden ist.

SORCERER 10
PROCESSION 7.5
FORSAKEN 6.5

[Jonathan Walzer]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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