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EQUILIBRIUM: Listening-Session zum neuen Album "ReKreatur"

27.04.2010 | 08:53

Ein neues Line-Up verändert vieles. Auch EQUILIBRIUM? Wir haben das neue Album "ReKreatur" gehört...

 

"Rekreatur", was für ein Name. Ein Name, wie er besser nicht sein könnte für eine Band, die sich im Zuge interner Umstrukturierungen sowohl von ihrem Frontmann als auch von ihrem Schlagzeuger getrennt hat. Das Jahr 2010 soll ein Neuanfang sein, neun Jahre nach der Gründung der Band gilt es, an die Erfolge von "Turis Fratyr" und "Sagas" anzuschließen. Es ist Samstag und wir befinden uns in den Münchner Helion Studios, in denen die Fast-Forward-Power-Folk-Metal-Band EQUILIBRIUM ihr neuestes Album vorstellen. In der entspannten Studioatmosphäre erklärt Sandra Völkl (Bass) den Albumtitel "Rekreatur": "Die Welt verändert sich, alles ist einem steten Rhythmus unterworfen. Nach einer langen, harten Zeit vergeht viel Altes, was vielleicht nicht so gut war, und Neues kommt nach. Bei uns in der Band hat sich mit den neuen Mitgliedern auch einiges ergeben, die Beziehungen sind anders, wir haben eine neue Live-Situation und ein neues Album."

"Diese Kreatur auf dem Cover stellt allerdings auch einen musikalischen Aspekt dar", erklärt René Berthiaume, Gitarrist und Hauptkomponist der Band. "EQUILIBRIUM vereint in sich unheimlich viele Stile und Einflüsse und kombiniert sie neu. Die Einflüsse kommen dabei wie bei dem Wolpertinger aus den verschiedensten Richtungen, sei es asiatisch, irisch oder karibisch..." An dieser Stelle muss der Meister allerdings kurz unterbrochen werden, um nicht alles vorweg zu nehmen, denn die Platte geht zunächst mit einem bombastischen Opener los, der noch nicht allzu viel verrät – sondern eben primär episch aus den Boxen knallt. "Play!" ruft der Bandleader und die versammelte Journalistenschar verliert sich in den fantastischen Melodien von 'In Heiligen Hallen'. Sofort fällt auf, dass der neue EQUILIBRIUM-Sänger Robse Dahn deutlich differenzierter aus den Boxen schallt als Helge Stang seinerzeit. Insgesamt lässt auch feststellen, dass der Neue in den oberen Lagen und vor allem in den Growls eine eigene Note mit in die Songs bringt, an die man sich nach neun Jahren Helge erst einmal gewöhnen muss. Nach der ersten Überraschung folgt die zweite: Das neue Album ist deutlich gitarrenorientierter. "Wir haben bei der Produktion darauf geachtet", erklärt René, der als Mitarbeiter des Helion Studios maßgeblich an diesem Prozess beteiligt war, "dass die Gitarren mehr hervorgehoben werden." Das macht das Album so heavy wie noch nie und erhöht die Freude an dem neuesten Werk massiv.

'Der ewige Sieg' besticht durch die gewohnte EQUI-Highspeed-Maschine und lässt sich deshalb als Klassiker der Band bezeichnen. Interessant sind die Gitarren-arrangements und Harmoniewechsel, die so neu sind bei EQULIBRIUM. Das geht in gewisser Hinsicht auf Kosten des Folk-Anteils und lässt sich am ehesten in der Neo-Classic des Metals wiederfinden. Eine interessante Nuance ist es aber allemal, die zum Verweilen einladen würde, käme mit 'Verbrannte Erde' nicht einer der ungewöhnlichsten EQUI-Songs. Im Mid-Tempo gehalten, verströmt der Song einen dermaßen zwingenden Groove, dass man sich die marschierenden Heere perfekt vorstellen kann. Mit einem verschwindend geringen Folk-Anteil und einer sehr Heavy-Metal-orientierten Gitarrenarbeit rockt der Song extrem. Titel und Härte des Songs lassen vermuten, dass die Band hier auch ein bisschen die eigene Vergangenheit aufarbeitet, oder? "Im Grunde genommen ist der Text von altertümlichen Schlachten motiviert", führt Andi Völkl, der zweite Gitarrist der Band, aus. "Es geht aber tatsächlich um die Schlacht an sich, worin man letztlich natürlich auch Dinge interpretieren kann, wenn man mag. Es ist ein sehr kraftvoller, nach vorne weisender Text, emotional gehalten und definitiv positiv." Im direkten Kontrast zu diesem Nackenbrecher steht der erneute Ausflug in die Karibik, der ja mit "Sagas" Einzug in das Konzept der Band gehalten hat. Mit einem "Monkey Island"-Gedächtnis-Text und einer Geschichte über einen jungen Mann, der Pirat werden will, arbeitet die Band nicht nur ihre eigene Computerspiele-Vergangenheit auf, sondern erschafft auch einen rhythmisch anspruchsvollen Song, der mit RUNNING WILD-Attitüde und einer großen Portion Ironie einfach eine Menge Spaß macht. Text-Ausschnitt gefällig? "Wenn ihr auch wollt Piraten sein, versucht es so, sonst lasst es sein!"

Die Zeit für das Schreiben der Texte durch die Trennung von Texter Helge war zeitlich knapp, doch Andi stellte sich der Herausforderung: "Ich hatte extrem wenig Zeit, um die Texte für die Songs zu schreiben", gibt Andi bereitwillig zu. "Das hat es aber auch sehr spannend und letztlich effektiv gemacht. Ich habe irgendwann runtergerechnet, dass ich noch sieben Texte zu schreiben und zehn Tage Zeit hatte. Einen Tag später waren es noch neun Tage, dann acht", erklärt er lachend. "Es war also wirklich unter extremen Bedingungen." "Dafür sah er danach aber auch aus wie ein Zombie", schiebt Sandra hinterher. "Ohne Schlaf und Essen..." "Uns war es wichtig, dass die Musik und die Texte noch besser zusammenpassen sollten", meldet sich auch René zu Wort. Und spricht damit einen Kritikpunkt des letzten Albums an, der mit "ReKreatur" ausgeräumt wurde. Die Musik und die Themen passen wie die Faust aufs Auge und sind keine verschiedenen Welten mehr, was den Einstieg in das Konzept massiv erleichtert – und seriöser macht. Eine Veränderung, die sich auch in dem tollen, diesmal in asiatischen Einflüssen schwimmenden 'Der Wassermann' bemerkbar macht. Melodien wir Tropfen inmitten eines dampfenden Bades im Grünen zwischen Kirschblüten und Pflaumenwein lassen den Hörer träumen, auch wenn die Asia-Einflüsse deutlich geringer gehalten werden als die Karibik-Einflüsse in anderen Songs. Doch das ist, wie René bestätigt, nichts, was gewollt ist, sondern vielmehr entsteht, ganz generisch. 'Aus ferner Zeit' überrascht zunächst mit der Länge: Knapp zehn Minuten bieten eine Fülle an Stoff, die die Band mit einem Quasi-Medley aus dem bisherigen Schaffen füllt. "Es ist witzig, dass dir das aufgefallen ist", erklärt René überrascht. "Das sind tatsächlich Elemente aus alten Songs, die in der ersten Hälfte verwendet wurden, also eine ältere Komposition, die dann im Weiteren durch neuere Parts ergänzt wurde." Genau diese Elemente geben dem Song ein irisches Feeling, vollgestopft mit klassischem EQUILIBRIUM-Elixier. Eine Sache, die hier nicht verraten wird, ist ein musikalisches Goodie in der zweiten Hälfte, das ihr aber selbst hören müsst...

Zum folgenden Kracher übernimmt René die Vorstellung: "Ich habe mir vor kurzem eine Spielkonsole gekauft und bin großer Fan von Spielen wie Mario Kart und so. Da habe ich mir dann überlegt, wie es wäre, einen Song zu schreiben, der dieses Feeling, das man beim Spielen hat, einfängt. Es ging da jetzt nicht um eine musikalische Interpretation – das wäre extrem strange geworden – aber einfach um dieses Feeling: Dieses...", sprachs und macht komische Saug- und Zischgeräusche, die sich aber durchaus realistisch anhören und erkennen lassen, worum es geht. Auf jeden Fall ist 'Fahrtwind' ein sehr geradlieniger Song, der sich zum abhotten absolut eignet. Ganz im Gegensatz zu 'Wenn Erdreich bricht', dem vorletzten Song des Albums. Der Sturm, den die Band mit diesem Song entfesselt, ist einer, der sehr subtil beginnt. Mit sehr wenig Schlagzeugnoten - für EQUILIBRIUM-Verhältnisse äußerst ungewöhnlich - entwickelt sich eine dramatische Geschichte, die musikalisch perfekt umgesetzt wird. Eine interessante Mischung entsteht durch den Kontrast von Robses Gesang, der hier an RIGER erinnert, während sich die Musik eher mit RHAPSODY OF FIRE und FAIRYLAND vergleichen lässt. "Düster ist immer eine Interpretationssache", antwortet René auf die Frage, ob 'Verrat' von "Sagas" nicht der bösartigere Song war. "aber ich schätze schon, dass es für EQUILIBRIUM der düsterste Song ist. Mit den Harmonien der Orgeln und Chöre entsteht eine sehr dunkle Stimmung." "Wobei die Hoffnung im Refrain ja schon deutlich zu Tage tritt", schränkt Sandra ein. "Ja, das ist aber auch sehr wichtig", stimmt René zu. "Das ist meine Einstellung: Die Hoffnung erhält einen am Leben." Und so leiten diese Worte zum abschließenden Song über, einem knapp 13 Minuten langen Hymnus an das Leben, mit dem leicht ironischen Titel 'Kurzes Epos'. Dieses epische Stück fasst die Emotionen und Themen des Albums als instrumental zusammen und lädt wie auch schon 'Mana' ein, sich in den verschlungenen Pfaden der wahnwitzigen Stimmungen zu verlieren. Einfach toll.



Zeit für ein Resüme: Mir hat das Hören des Albums sehr viel Spaß gemacht und letztlich geht es trotz über einer Stunde Laufzeit viel zu schnell vorbei. Das liegt daran, dass so wahnsinnig viel passiert. Manchmal überfordert es den Hörer beim ersten Durchgang, weil die Musik derart überbordend und vielfach sehr emotional ist. Doch das ist der klassische Trip, den man wählt, wenn man sich die Pille namens EQUI reinschmeisst. Vielleicht ist das Album teilweise etwas zu nah an "Sagas", vielleicht ist das aber auch genau der richtige Weg, um die Fans mit einer neuen Besetzung auf eine Reise in ein neues Band-Kapitel mitzunehmen. Die letzten Worte soll der Mastermind selbst bekommen, treffen sie den Kern der Sache doch sehr genau. "Wir sind erwachsener geworden", stellt René fest, setzt aber hinterher: "Einerseits. Aber wir sind nachwievor verspielt und haben Spaß an Schmarrn." Und das stimmt. Dafür wird die Band von ihren Fans geliebt und so ist es vielleicht die wichtigste Feststellung dieser Listening-Session: Die EQUIs sind so, wie wir sie kennen, und geblieben, wie wir sie mögen. Yeah!

Redakteur:
Julian Rohrer

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