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FEAR FACTORY: Interview mit Christian Olde-Wolbers

24.03.2006 | 18:36

Ein ziemlich frischer Sommertag gönnt Köln nach einer Serie von schwülen Hitzeattacken ein bisschen Erholung, und Christian Olde-Wolbers, Gitarrist der Industrial-Legende FEAR FACTORY, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Mit großen Augen versucht der ziemlich mitgerissen ausschauende Mensch irgendwas an meinem Zen Mp3-Player auszumachen, das groß genug wäre das folgende Interview aufzunehmen.

"Where the heck is the fucking microphone?"

Das kleine Loch an der Seite.

"U serious?"

Absolut. Bei SOULFLY und SLIPKNOT war das Loch auf jeden Fall groß genug.

"Amazing."

In der Tat. Der Mensch hatte gerade die versammelte Schreiberschaft gut eine halbe Stunde warten lassen, weil er dem Navigationsgerät seiner Mietkarre mal eben den Kölner Dom als Ziel angegeben hat, und somit ein lustiges Versteckspiel mit den Menschen seines hier ansässigen Labels eröffnet hat, und scheint trotzdem bester Laune zu sein.

"Wow, this cathedral over there is fucking big!"

Die drei vorangegangenen Wochen hatte Christian bei seiner Familie in Antwerpen verbracht, es hätte ihm verdammt gut getan mal etwas länger als ein paar Tage Familie und Freunde zu besuchen. Vor 14 Jahren hätte sich ein "Urlaub" mit einer Hand voll Kohle in Los Angeles in was Handfesteres entwickelt. Die Tatsache, dass er seine Gitarre mit auf die Reise nahm, brachte ihn dann ziemlich schnell mit der dortigen Szene in Kontakt. Freunde von BIOHAZARD hätten ihm schließlich von einer Band namens FEAR FACTORY erzählt, die auf der Suche nach einem Bassisten war, und so nahmen die Dinge schließlich ihren Lauf.

"And so, I never came back."

Das neue Album sei übrigens im Tourbus entstanden, was die Tatsache erklärt, dass die neue Scheibe weniger straight und abgeklärt erscheint, weil man die ganze Zeit irgendwelche anderen Klamotten um die Ohren hatte. Das Label sei letztendlich der Meinung gewesen, dass man ein paar der nun zwanzig Songs veröffentlichen sollte, weil damit die Aufmerksamkeit größer sei als wenn man sich mehr Zeit ließe. Nichtsdestotrotz steht das neue Album den älteren in Sachen Härte in nichts nach.

Die Verpflichtung eines eher unbekannten Produzenten sei vergleichbar mit einem Schiff, dessen Kapitän man nicht kannte: man wusste nie, wohin die Ladung nun verfrachtet wurde. Der Einfluss, den man auf den Produzenten hatte, hielt sich auch stark in Grenzen. Größere Namen im Gewerbe würden letztendlich darauf eingehen, was die Band für Vorstellungen von ihrem eigenen Sound hatte, doch dieses Mal konnte man genau raushören, was der Produzent an eigenen Ideen im Kopf hatte, was der Sache in Olde-Wolbers Augen einiges an Spannung verlieh. Wenn man dem Produzenten einfach nur sagen würde, wie man den Sound am liebsten hätte, würde man ihn damit überflüssig machen.
Natürlich wäre es ein enormer Schritt für die Band gewesen, soviel Einfluss auf die eigene Musik abzugeben, aber das Risiko war es dann letztendlich wert.

Diese Veränderung sei letztendlich auf Kosten eines der bekanntesten Bandmerkmale vonstatten gegangen: dem Basssound. Christian sei diese Entwicklung durchaus bewusst, und auch die Tatsache, dass die meisten FEAR FACTORY-Fans dem nicht gerade viel abgewinnen werden können, aber für ihn persönlich habe das alles schon seine Richtigkeit.

"It sounds more than a SLAYER record, or a SEPULTURA record, more natural..."

Die Drums hätten schließlich immer noch die selbe Macht wie auf den Platten zuvor, aber die Tatsache, dass Christian an die Gitarre wechselte, sorgte für eine Veränderung im Sound, was unter anderem auch am Produzenten läge, der dafür sorgte, dass die Gitarre immer noch nach Gitarre klingt.

"If I'd have EQ'd them, I would have scooped them until the uttermost."

Es folgt eine A Capella-Version seiner Lieblingsriffs im Album, was es einem verdammt schwer macht, nicht lauthals loszulachen.
Seine Ambitionen als Gitarrist halten sich dabei stark in Grenzen, irgendwie dreht sich alles in der Band um Frontmann Burton C. Bell: Passt dieses Riff zu seinem Gesang? Kann er dazu was singen? Wie klingt das damit? Die eigenen Ambitionen werden dabei hinter das Vorhaben gestellt einfach einen guten Song zu schreiben. Dieses Vorhaben kann an produktiven Tagen auch mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden abgeschlossen sein...
In 'Echoes Of My Scream' hätte er ein Solo eingebaut, was letztendlich rausgeflogen wäre, weil es den Gesang in den Hintergrund gedrückt hätte.
Olde-Wolbers sieht sich da auch eher in der Tradition des Bandsoldaten: er spielt, Burton denkt.

"Of course I want to grow with my work, but I have to step back for completing a great album!"

Kommentare über das neue Label der Band fallen nur standardisiert aus, man fühle sich einfach wohl und unterstützt. Naja...
Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus, dass das neue Label wohl einfach froh ist so einen Namen wie FEAR FACTORY im Katalog zu haben, und dass daraus Diskussionsbereitschaft bezüglich diverser Entscheidungen entstehe, die bei Roadrunner schon lange nicht mehr existierte. Die Probleme beschränkten sich offensichtlich nur auf die US-Version des holländischen Vorzeigelabels, denn in Europa werden die Platten immer noch durch Roadrunner Records vertrieben.

Das Thema Dino Cazares sieht Christian mittlerweile relativ locker. Amüsant ist die Tatsache allemal, dass die Band sich nach Split vom bisherigen Mastermind mal eben wieder zusammengesetzt hat und mit 'Archetype' ein Album präsentierte, das den Namen Cazares ohne Spuren aus der Bandgeschichte radierte.

"Mastermind? He wasn't really a mastermind. It was all of us..."

Nachdem Christian an die Gitarre gewechselt ist, wurde die freie Stelle am Bass mit Byron Stroud von STRAPPING YOUNG LAD besetzt, der auf Tour den Tieftöner bedienen wird. Im Studio klampft Olde Wolbers beide Spuren selber ein.

Bell hatte vor einiger Zeit mal erwähnt, dass die "Archetype" nur für die Fans gemacht wurde, quasi genau das, was man von ihnen am meisten erwartete. Die "Transgression" hingegen scheint derartige Motive nicht zu besitzen. Dergleichen ist ihm aber egal...

"I don't analyse things until the album is finished. When I start analysing things, I start fucking good things up."

Wenn jedes Album fertig sei, habe er seinen großen Spaß daran, vorher gibt er einfach den Spieler und denkt nicht über die Mucke nach, die er gerade fabriziert.
Er selber sei ein großer Fan seiner Band, während Burton C. Bell sich als ziemlicher Musikabstinent erweist...

"I do listen to our records, that's my job to do. Burton doesn't, he doesn't listen to ANY records."

Seitdem Dino Cazaras Richtung Nirgendwo verschwunden ist, sei sowieso alles besser. In der nach dem Split folgenden Selbstfindungsphase habe er Burton und Raymond besser kennengelernt als in den zehn Jahren zuvor. Ohne den ganzen Stress wäre es für sie einfacher gewesen aufeinander einzugehen, wobei die Antwort auf die Frage nach dem Grund für den ganzen Stress wohl etwas umfangreicher ausfallen könnte...

"Do you have a couple of months?"

Sowieso zeichnet sich FEAR FACTORY auch nach der Besetzungsänderung dadurch aus, immer einer gewissen Grundlage im Sound treu zu bleiben, während man darauf dann verschiedene neue Elemente ausprobiere. Hat bisher ja auch blendend funktioniert... auf dem neuen Album fallen vor allem die melodischen Songs ('Supernova', 'Echoes Of My Scream') und die beiden Cover ('Millenium' von KILLING JOKE und 'I Will Follow' von U2) auf, was Olde-
Wolbers schmunzelnd als Spielerei ansieht, die sich Label und Band erlaubt haben. Das größte Glücksgefühl ist für ihn der Fan, der an der Platte zweifelt...

"Well, that sounds like FEAR FACTORY, but hmh... I'm not sure..."

Die Verspätung des Mannes sorgt dafür, dass unser Interview etwas kürzer als geplant ausfällt, aber die letzte Frage, ob die Entwicklung im Sound sich auch auf die Liveperformance auswirkt, kann er nur mit einem breiten Grinsen beantworten...

"You'll hear."

Redakteur:
Michael Kulueke

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