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FREIWILD: Interview mit der Band

26.04.2018 | 13:49

Vor zwei Jahren sahen sie sich selbst der öffentlichen Diskussion um den Musikpreis ausgesetzt, 2018 findet FREIWILD klare Worte für den ECHO: "Dieses Jahr hat der Ethikbeirat gezeigt, dass er umsonst ist", sagt Philipp Burger, seines Zeichens Sänger der Südtiroler Deutschrock-Band. Wir sprachen bei dem ausverkauften Gig in Frankfurt mit der Band über das neue Album, Gegenwind aus der Presse und unvergessliche Momente auf Tour.

Erst einmal vielen lieben Dank, dass ihr euch die Zeit für das Interview nehmt. Ihr steht heute am Ende des Tourblocks, nächste Woche folgen noch vier Konzerte. Wie war es bisher für euch?

Philipp: Sehr anstrengend. Aber auch unvergesslich schön. Bis auf ein Technikproblem in Leipzig war es an sich auch sehr entspannt. Innerhalb einer Platine im Interface, welches die Daten von der Bühne abholt und speichert, lag ein Fehler vor. Uns wurde das so erklärt: Man kann es sich wie einen Rechner vorstellen, der - egal, wie du ihn durchmisst - überhaupt keine Anzeichen auf Fehler liefert, aber sich dennoch manchmal aufhängt. Technisch ist es da unfassbar schwer zu ermitteln, was kaputt ist und deshalb wird einfach die Platine ausgetauscht.

Macht man sich als Band denn ab diesem Zeitpunkt nicht ständig Gedanken darüber, ob so etwas noch einmal passieren könnte?

Philipp: Nein. In der Nacht wurden sämtliche Ersatzteile bestellt und potentielle Fehlerquellen ausgetauscht. Außerdem wurden zwei weitere Signalstrecken und Interfaces gestellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Fehler gleich dreimal auftritt, geht gegen Null.

Jochen: Wir haben eine super Crew mit dabei, der wir auch voll vertrauen.

Jonas: Auf der Bühne haben wir als Band auch gar nichts gemerkt. Anfangs haben wir ein Geräusch gehört, aber das wurde irgendwann einfach weggeschaltet. Wir haben von der Situation überhaupt nichts mitbekommen.

Jochen: Es war ja nicht nur der Ton, sondern gleich auch das Licht, das betroffen war. Die komplette Show musste per Hand gesteuert werden.

Wie groß ist die Crew eigentlich, die euch auf diese Tour begleitet?

Philipp: Ich schätze, dass mit den Einsatzleuten, Securitys, Sanitätern und lokalen Helfern heute bestimmt 300 Leute am Start sind. Die Bestandscrew, die mit uns mitfährt, da sind wir circa bei 100.

Vor dieser Tour habt ihr eine relativ lange Livepause gemacht. Direkt danach mit einer solch fetten Produktion rauszufahren, hat sich das für euch sofort wieder vertraut angefühlt oder war das schon anders?

Philipp: Das ist schon anders. Man ist unsicher.

Jonas: Aber man vermisst das auch.

Jochen: Du gehst zwar in den Proberaum, doch du kannst proben, so viel du willst, es bleibt etwas anderes. Dazu kommt die Nervosität, die Leute kommen dazu - das ist eine ganz andere Baustelle. Anfangs kommen die Fehler dazu, die wir in der Probe hatten. Das braucht immer zwei oder drei Konzerte, um wirklich reinzukommen.

Das Resultat eurer Konzertpause war schließlich das neue Album "Rivalen und Rebellen". Als ich mir die Scheibe angehört habe, ist mir zuerst die Dichte an selbstreflexiven Songs aufgefallen. Ob das nun eure Selbstdefinition als Band in der Gesellschaft ('Antiwillkommen') oder persönliche Werte sind ('Unbrechbar') - kann man diese Innensicht als Leitfaden oder Leitmotiv für das Album sehen?

Philipp: Es gibt keinen Leitfaden. Es ist der persönliche Zustand, der unsere Lieder beeinflusst. Es sind die Diskussionen, die man in den Tagen zuvor geführt hat. Vielleicht wird man auch von den Menschen beeinflusst, die man irgendwo auf der Welt trifft. Manchmal kann es auch inspirierend sein, sich andere Bands anzuhören und deren Sichtweise mit der eigenen abzugleichen und festzustellen, dass man zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Wir haben noch nie ein Konzeptalbum gemacht. Außer "15 Jahre Deutschrock & SKAndale" - das ist musikalisch betrachtet ein Konzeptalbum, das ist allerdings auch kein offizielles Album.

Christian: Wir hatten ja eigentlich noch mehr Songs zur Auswahl, wir haben aus insgesamt siebzig Titeln ausgewählt. Da ist es fast schon unmöglich, eine Schublade zu finden, in welche man die alle stecken will. Da würde die Sache mit dem Leitfaden nicht funktionieren.

Philipp: Doch, wenn du siebzigmal bei einem Thema... Wenn man wirklich einen Leitfaden für "Rivalen und Rebellen" sucht, dann lässt sich das Ganze am ehesten mit "Gedanken aus dem Leben" betiteln. Wir singen nie über fiktive Geschichten. Entweder sind es Anekdoten, die einer von uns selbst erlebt hat, oder die uns von außen zugetragen wurden. Außer 'Miss America', dieser Titel ist tatsächlich relativ fiktiv.

Und Geschichten wie 'Von der Wiege bis zur Bar'?

Philipp: Das ist nicht fiktiv. Aber ich finde es auch sympathisch, wenn solche Themen angeschnitten werden, die relativ selten besungen werden. Damit gibt man natürlich zu, dass man sich durchaus auch mal wie ein Arschloch verhält. Meine Güte, das gehört zum Leben dazu! Das ist ein Findungsprozess. Es gehört zum Menschwerden dazu, dass man Dinge ausprobiert und vielleicht wieder feststellt, dass es nicht das Klügste war. Das geschieht ein Leben lang, bis man stirbt.

Ein wenig auch die Botschaft von 'Ich bin nicht heilig', oder?

Philipp: Natürlich.

Einige eurer Titel sind ziemlich persönlicher Natur - Songs, mit denen ihr auch emotional eine Menge von euch preisgebt. Wie schwierig ist es denn für euch, auf der Bühne seelisch so die Hosen runterzulassen?

Philipp: Ich rede ohnehin viel zu viel, ich bin kein verschlossener Mensch. Ich gehe fast zu Grunde, wenn ich gewisse Dinge nicht selbst sage.

Jonas: Man muss sich auch als Band einfach von vornherein im Klaren sein, was gesagt werden darf und was nicht.

Christian: Das war bei uns allerdings nie ein Problem und ich glaube, das spürt man auch.

Kommen wir zu einem Thema, was man derzeit einfach anschneiden muss - auch, wenn ihr es vermutlich mittlerweile Leid seid. Nachdem Kollegah und Farid Bang in diesem Jahr den Echo gewannen und eine große Diskussion darüber lostraten, was Musik darf und was nicht - wie ernst könnt ihr, nach euren Erlebnissen mit dem Echo, die nachfolgende Debatte und die Rückgabe der Preise nehmen?

Philipp: Der Grundgedanke des Echos ist der beste, welchen die Musikindustrie hatte. Die Menschen draußen bringen durch den Albenkauf und den Support gewisser Bands den Künstler hin zu diesem Preis. Ich finde, wie Peter Maffay es treffend genannt hat, dass das "Feigenblatt" namens Ethikbeirat an dieser Stelle gänzlich versagt hat. Und zwar deshalb, weil es natürlich Gesetze wie Indizierungen gibt, die dafür sorgen, dass entsprechende Alben gar nicht erst in den Verkauf kommen. Doch damit diese greifen, muss erst jemand aktiv werden, damit die Prüfstelle an sich aktiv wird. Das ist eigentlich ein Witz! Bis etwas geschieht, haben schon derart viele Leute das Album gehört, dass es schon weit verbreitet ist. Natürlich: Es gibt ein wahnsinniges Glück namens künstlerische Freiheit. Doch wenn Grenzen überschritten werden, dann sind sie überschritten. Und dieses Jahr hat der Ethikbeirat gezeigt, dass er eigentlich umsonst da ist.

Was den ganzen Rest mit Echos zurückgeben betrifft, insbesondere die Personen, die nach zwei Wochen ihren Echo zurückgeben... Meine Güte, das ist nicht unser Bier. Wir haben unseren Echo immer öffentlich gemacht. Wir haben es damals schon gesagt, dass wir einfach an dieses unfassbare Geschehen damals erinnern wollen und den Preis auch gegen Ausgrenzung, Engstirnigkeit und musikindustrielle Überheblichkeit behalten. Deshalb werden wir ihn nicht zurückgeben. Ich glaube auch, dass im Falle einer Rückgabe gleich die ersten Stimmen wieder laut werden würden: "Das machen die eh nur, weil..." Das werden sich derzeit alle anhören müssen.

Ihr habt es trotz reichlich Gegenwind dennoch ganz nach oben geschafft: ausverkaufte Konzerthallen, Top-Platzierungen in den Charts, auch euer aktueller Langspieler "Rivalen und Rebellen" hält sich hartnäckig in den Top 10. Es gibt einige junge Bands, die sich ähnlich vielen Vorwürfen der Gesellschaft und der Öffentlichkeit ausgesetzt fühlen. Glaubt ihr, dass dadurch Künstler gehemmt werden, Fuß zu fassen?

Philipp: Es kommt auf die Art der Vorwürfe an. Es ist so, dass in Bezug auf Dazugehörigkeit und traditionelle Wertevermittlung in durchaus konservativ denkenden Ländern wie Italien FREIWILD zu tausend Prozent kein Problem dargestellt hätte, zumindest nicht in dieser Ebene wie in Deutschland. Ich glaube, dass es auch darauf ankommt, welche Art von Musik welche Themen behandelt. Im Hip-Hop wird durchaus ein gewisser Duktus verwendet, der bei anderen Musikarten weitaus heftigeren Gegenwind bekommen würde. Ich glaube auch, dass die Mehrheit der Gesellschaft nicht die Meinung vertritt, welche die Mehrheit der Pressevertreter schreibt. Man nehme mal an, wir bringen 250.000 Leute auf unsere Konzerte, wenn wir zwei Touren fahren, Festivals spielen... Diese Menschen stellen 98% dar, die Medien eben die restlichen 2%. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es in Deutschland eine gewisse Zunft gibt, nämlich die Pressevertreter, die per se eher ein größeres Problem mit uns haben als der große Teil der Gesellschaft. Das muss man einfach im Hinterkopf behalten. Im Übrigen gibt es allerdings auch im Journalismus tolle Menschen, die mit einer tollen Recherche und Arbeit auch uns zeigen, dass man auch hier nicht alle Menschen über einen Kamm scheren darf.

Hat dieser Gegenwind denn bei euch jemals für eine Hemmschwelle gesorgt, was eure Musik betrifft?

Philipp: Nein, sicher nicht. Wir entscheiden zu viert und auch mit Stefan, unserem Manager. Wir halten ja Listening Sessions ab und wenn irgendetwas nicht stimmen würde, würden wir das direkt ansprechen. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass wir den Hebel der Provokation nutzen, aber immer innerhalb einer Grenze. Die geht bei uns bis zu dem Punkt, an dem wir Menschen verletzen würden. Ich würde niemals den Glauben von Menschen in irgendeiner Form in einem unserer Songs angreifen. Natürlich würde ich gegen fanatische Ausprägungen in welcher Art auch immer singen, aber nie über persönliche Aversionen. Wir kennen wirklich viele Leute aus verschiedenen Regionen und Ländern, viele von ihnen sind Freunde. Arschlöcher gibt es überall auf der Welt, aber der Großteil der Welt ist großartig.

Gab es denn jemals einen Moment, in dem ihr von der Dauerkritik aus den Medien die Nase voll hattet und ihr dachtet: "Ich will doch eigentlich nur Musik machen?"

Philipp: Nein, irgendwo sind wir selbst in der Verantwortung. Natürlich nervt es, keine Frage. Aber wir könnten auch über Gummibärchen und Teddybären singen. Aber dann wären wir todunglücklich. Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass man als Musiker die Möglichkeit hat, mit seiner Musik die Leute zu erreichen und vor allem seine Gedankenwelt unverblümt in die Welt zu tragen.

Gab es denn auf dieser Tour schon Momente, die euch genau darin bestätigt haben, was ihr macht?

Jonas: Das Highlight? Da gab es viele.

Philipp: Auf jeden Fall die erste Show in der Arena in München mit der neuen Bühne.

Jonas: Die meisten dieser Eindrücke realisiert man allerdings auch erst einige Tage später. Wenn man Zeit hatte, alles zu sortieren.

Philipp: Gestern war es auch ein schöner Moment nach dem Auftritt in Riesa, als wir das erste Mal auf der Tour mit der Crew noch draußen gesessen haben, weil es endlich warm genug dafür war. Das sind auch tolle Momente, die auch wichtig für uns sind und die den ganzen Druck aufreißen. Auch auf Frankfurt haben wir uns sehr gefreut, weil es für uns jedes Mal eine besondere Halle ist. Wir freuen uns jedes Mal auf das Wiedersehen mit der Crew, dass man in jeder Stadt Menschen trifft, die man nur auf unseren Konzerten trifft... Der Besuch unserer Familien bei unserem Heimspiel in Brixen... Alles.

Redakteur:
Leoni Dowidat

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