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GRAVE DIGGER: Interview mit Chris Boltendahl

07.02.2009 | 23:28

Der Provinz-Metal-Gott im Kreuzverhör: Über Knochen, den Reaper und warum Joey DeMaio und der Tod Arschlöcher sind.

Mit einem Paukenschlag haben sich die DIGGER im Jahr 2009 mit einem neuen Label, einer durch Thilo Hermann (FAITFUL BREATH/RISK) verstärkten Instrumental-Front und der Mörder-Platte "Ballads Of A Hangman" auf den Thron des Heavy Metals geschwungen. Auf der laufenden Tour hatte ich die Möglichkeit, Chris Boltendahl (Gesang) zum Interview zu bitten. Nach einer kurzen Komplikation mit dem Thema "Wo zum Teufel ist der kaum zu übersehende Tourbus hinverschwunden?" hatten wir gut zwanzig Minuten, in denen der Frontmann Rede und Antwort stand - und sich vielleicht weniger durch die Fragen, aber durchaus von der hochwertigen Photo-Ausrüstung unseres Fotografen Sebastian Helmke beeindruckt zeigte - und die auch durchaus verständig kommentierte. Doch kommen wir nun zum Gespräch...


Julian:
Hast du zufällig mitbekommen, dass wir ein Albumcover-Spezial (mit dem Titel "Musik für die Augen") auf unserer Homepage hatten?

Chris:
Ne, ich guck zwar eigentlich recht häufig dahin, aber das habe ich nicht mitgekriegt.

Julian:
Schade, weil ihr habt nämlich sowohl den Platz 11 mit "The Reaper", als auch den Platz 15 mit "The Grave Digger" gemacht und seid damit - glaube ich - die einzige Band, die mit zwei Covern vertreten war. Das Thema war "Der Sensenmann". (Der gesamte Artikel wird demnächst hier auf POWERMETAL.de erscheinen. - d. Red.) Gratulation!

Chris:
Ah ja, okay. Danke.

Julian:
Habt ihr bei "The Reaper" einen Holzstich als Grundlage verwendet?

Chris:
Ja, das ist von Albrecht Dürer. Da sitzt dieser Sensenmann auf einem Skelett-Gaul und daraus ist eigentlich die Idee entstanden - als danach die Mini "Symphony Of Death" rausgekommen ist - einen richtigen Reaper mit Geige und so zu verwenden. Den haben wir dann mit Andreas Marschall entwickelt - er hat ihn gemalt - und daraufhin wurde er als Maskottchen annektiert.

Julian:
Und den habt ihr jetzt seit fast fünfzehn Jahren.

Chris:
Genau, mehr oder weniger seit '93.

Julian:
Folglich hat er sich durchgesetzt. Und das, obwohl du dir - zumindest deiner Biographie nach zu urteilen - gar nicht sicher warst, ob er sich längerfristig durchsetzen wird. Die Hoffnung war, einen Eddie für GRAVE DIGGER zu finden, oder?

Chris:
Gut, das ist natürlich ein kleiner Eddie und nicht zu vergleichen mit der Dimension wie bei IRON MAIDEN - da sind definitiv noch ein paar Klassen dazwischen. Aber er ist schon zu so 'nem Markenzeichen geworden.

Julian:
Bleiben wir doch noch einen Moment bei Covern: Auf der neuen Scheibe habt ihr ja wieder eine coole Optik hinbekommen. Überall finden sich Schädel ... fasziniert dich das auch privat? Immerhin gibt es ja Künstler, die dieser Sammelwut folgen; prominentes Beispiel: Peavy von RAGE.

Chris:
(lacht) Naja, Peavy ist ja schon speziell ... im Prinzip hat das ja was mit seinem Beruf zu tun, da er Tierpräparator ist. Wir haben schon erlebt, dass er mitten auf der Autobahn "Halt, der Bus muss anhalten!" geschrien hat, weil da irgendwo ein toter Hund lag. Und dann macht er halt mal so (macht komische Geräusche und bewegt die Hände in den Eingeweiden imaginärer Hundeleichen), weil er den Schädel zum Präparieren haben möchte. Für uns sind die Schädel allerdings ein Stilmittel oder Klischee. Ich find's einfach cool und uns macht es Spaß, mit Schädeln, Reapern und Tod zu arbeiten. Gerade das "...Hangman"-Cover empfinde ich als eines der gelungensten der letzten Jahre. (Überlegt kurz) Auf der "The Last Supper" ist übrigens kein Totenschädel drauf, nur der Reaper.

Julian:
Stimmt, aber das gibt ja auch das Thema der Platte nicht unbedingt her. Die aktuelle Platte ist ja insofern ein neuer Schritt, weil ihr von einer fetten Gitarre zu zwei nicht ganz so präsenten Gitarren umgestiegen seid. Wann hat die endgültige Entscheidung, so weiterzumachen, eigentlich stattgefunden? Während dem Studioaufenthalt?

Chris:
Nein, nein, schon weit davor. Wir waren ja 2007 mit THERION auf Tour und haben dann im Sommer ein bisschen überlegt, was wir beim nächsten Album machen können. Da habe ich dann mit Manni (Schmidt, Git.) gesprochen und ihm gesagt, dass ich schon ein paar Ideen hätte, aber sich irgendwie auch ein bisschen Leerlauf einschleichen würde. Es ist eigentlich immer ganz gut, wenn man eine solche Stagnation frühzeitig bemerkt und handelt. Wir haben uns dann überlegt: Wie können wir das umgehen, wie wäre es sinnvoll, darauf zu reagieren und haben dann gesagt: "Okay, nehmen wir doch einfach einen zweiten Gitarristen." Dieser soll dann natürlich neue Einflüsse mit reinbringen. Manni und ich hatten beide den Thilo (Hermann, Git., vormals bei FAITHFUL BREATH/RISK, RUNNING WILD) im Kopf, der dann aber nicht so leicht aufzutreiben war, weil er ja auch schon einige Zeit nichts mehr gemacht hat. Aber über Jürgen, unseren Drum-Roadie - welcher der ehemalige Drummer von RISK und FAITHFUL BREATH ist - haben wir dann doch die Email-Adresse herausgefunden und konnten den Kontakt herstellen. Er hatte richtig Bock drauf und so ist es dann gekommen. Im Studio lief es dann so, dass man sich erstmal finden musste. Beide Gitarristen hatten vorgeschlagen, dass jeder seinen Song macht und in denen, die er mitkomponiert hat, die Rhythmusgitarre spielt. Ich habe gleich gesagt, dass das Quatsch ist, denn dann bräuchten wir ja gar keinen zweiten Gitarristen. Ich wollte es eher klassisch haben: Einen links, einen rechts, Soli aus der Mitte. Und so haben wir's dann schließlich auch gemacht: Wenn du vor der Anlage sitzt, hast du rechts Manni und links Thilo - jeder spielt nur eine Rhythmusgitarre, nichts wurde gedoppelt und die Soli haben sie sich geteilt.

Julian:
Jetzt muss ich doch die Gelegenheit beim Schopfe packen und eine kurzen Exkurs anstrengen: Du hast gerade RISK und FAITHFUL BREATH erwähnt. Wie schätzt du das ein: Meinst du, die kommen noch mal auf die Bühne?

Chris:
Nee, auf keinen Fall. Ne, ne, kann ich mir nicht vorstellen. Thilo hat ja auch noch bei RUNNING WILD gespielt und da sehe ich auch eher schwarz.

Julian:
Schade. Aber gut, weiter im Text: In der ersten Hälfte deiner Biographie schreibst du darüber, wie es für GRAVE DIGGER immer so gerade nicht zum großen Erfolg kam, während du andere Bands aus eurem Umfeld nennst, die es geschafft habe. Heute, im Jahr 2009, seid plötzlich ihr diejenigen, die auf Tour gehen und neue Platten veröffentlichen, während es viele von den damaligen Helden gar nicht mehr gibt. Was ist das für ein Gefühl?

Chris:
Zum einen ist es ein Gefühl von Kontinuität. Wir haben ja auch unsere Lehre aus der "Digger"-CD ziehen müssen und haben damals gesagt, dass wir den Fehler nie wieder machen wollen. Danach haben wir uns immer auf das berufen, was wir können: Klassischen Heavy Metal zu spielen. Wir wollen unterhalten und keine Message rüberbringen. Viele Leute haben in der Vergangenheit gesagt, dass wir zuviel live spielen. Okay, heute Abend in München kommen vielleicht nur 300 - in Speyer waren es 700 Leute - und wir spielen wirklich relativ viel, seien es kleine Festivals wie das Kuttenfestival oder das Chronical Moshers. Wenn eine Band wie KREATOR nur alle vier Jahre mal auf Tour geht, machen die natürlich die Hallen voller - wir erreichen unsere Fans durch Vielspielerei. Du wirst es heute sehen: Wir haben Spaß an der Sache, die wir machen, und wenn die Leute uns weiterhin sehen wollen - (unterbricht sich) der Chartsentry war ja auch nicht von schlechten Eltern - werden wir auch noch 'ne Zeit lang dabei bleiben.

Julian:
Ja, Gratulation zu Platz 31 der Albumcharts!

Chris:
Dankeschön. Der Witz ist ja, dass wir tatsächlich 80 Scheiben mehr verkauft haben als SAXON. Da das Chartsystem aber nicht mehr nach verkauften Einheiten, sondern nach dem erreichten Umsatz berechnet wird, liegen wir hinter den Jungs. Wir hatten zwar zwei Limited Editions - bei Amazon und EMP - aber SAXON hatte das etwas hochwertigere CD/DVD-Package und konnte damit eben etwas mehr Umsatz generieren. Das muss man auch mal so beleuchten, denn dadurch verschieben sich natürlich auch die Prioritäten bei so einer Veröffentlichung.

Julian:
Lass mich noch ein bisschen auf deinem Alter herumreiten. Ihr habt den Platz 31 der Albumcharts erreicht, vor nicht allzu langer Zeit standen die Jungspunde von EQUILIBRIUM auf Platz 30. Ist das nicht eben jener Generationen-Clash, der auch auf euren Konzerten stattfindet? Mein Bruder kommt heute mit seinen sechzehn ebenso auf euer Konzert wie der Rock-Opa mit sechzig. Wie erlebst du das?

Chris:
Ich finde das super. Wenn junge Leute die Band mit egal welchem Alter entdecken und feststellen, dass es uns schon echt lange gibt, sich vielleicht den Backkatalog reinziehen - das finde ich toll, denn genau davon lebt eine Band. Wenn du nur noch vor 50- oder 60-Jährigen spielen würdest, wäre das irgendwann auch langweilig. Wir genießen das, z.B. in Hamburg waren wieder viele junge Leute in der ersten Reihe, das ist echt witzig...

Julian:
...wenn sich alt und jung in den Armen liegen und mitgrölen...

Chris:
... (grinst) genau.

Julian:
Stichwort "Metal-Gott". Was ist das eigentlich?

Chris:
Eigentlich ist das nur 'ne Verarsche. Der Metal-Gott in meinem Buch ist eine Verarsche auf Rob Halford, der ja auch 1991 gesagt hat, der Metal sei tot. Und dann kam als der ultimative Metal-Gott auf seinem Motorrad mit Leder und Nieten zurück. Da dachte ich mir: Mann, das ist doch die totale Verarschung. So war klar: Wenn ich schon ein Buch schreibe, so stelle ich mich auch als Provinz-Metal-Gott dar. Das hat es eigentlich mit dem Metal-Gott auf sich. Denn es gibt natürlich keinen Metal-Gott in dem Sinn; wir sind alles Menschen und Musiker und keine Götter oder so. Wir sind alle aus Fleisch und Blut.

Julian:
Liegt vielleicht auch darin begründet, dass es euch immer noch gibt? Dass ihr eben nicht auf Teufel komm raus Metal-Götter seid oder sein wollt, sondern dass ihr alles ein wenig lockerer nehmt und nicht hundert Prozent ernsthaft an die Sache rangeht?

Chris:
Ich denke mir immer, dass deine Karriere in dem Moment, in dem du anfängst, dich zu ernst zu nehmen, dem Ende zugehen wird. Das beste Beispiel: MANOWAR. Bei diesem ganzen Metal-hin, Metal-her, haben sie den Bogen lang überspannt. Und das merken die Leute einfach. Allein schon das mit ihrem Festival... (schüttelt den Kopf)

Julian:
Hättet ihr denn dort gespielt, wenn sie euch gefragt hätten?

Chris:
Sie hatten uns ja gefragt. Wir sollten ja als Ersatz für DEF LEPPARD und...

Julian:
WHITESNAKE?

Chris:
Genau, WHITESNAKE - dort aufrollen. Das ging natürlich nicht, weil meine Jungs im Endeffekt alle im Urlaub waren. Aber ich hätte einen utopischen Preis ausgerufen und gesagt: "Jungs, dat will ich haben; wenn ihr mir das zahlt, bin ich dabei, sonst halt nicht".

Julian:
Das Doppelte von WHITESNAKE?

Chris:
(lacht) Ich weiß nicht, was die bekommen hätten...

Julian:
Das wäre ja dann im Endeffekt egal, es ginge ja ums Prinzip.

Chris:
Ne. Aber, nur um das klarzustellen: Ich würde jetzt nie 'ne Support-Tour mit MANOWAR machen. Wir haben ja ein paar Mal mit denen gespielt und Joey DeMaio ist - sorry, das sagen zu müssen - ein Arschloch, den die Metalszene null interessiert. Er ist nur scharf auf die Kohle und mit solchen Menschen möchte ich eigentlich auch nix zu tun haben.

Julian:
Dieses Jahr seid ihr ja zu Napalm Records gewechselt. Lief euer alter Vertrag aus oder was war der Grund?

Chris:
Nein, im Prinzip war es einfach so, dass ich ja eine ganze Zeit lang für Locomotive gearbeitet habe und während der Zeit dort alles selbst geregelt habe. Aber im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass das doch keine so gute Idee war, da dort einfach zu viele Interessenkonflikte zusammen kamen. Im Nachhinein bin ich auch ganz froh darüber, weil der Spanier das ganze Deutschland-Team entlassen hat und es Locomotive-Deutschland in dem Sinne nicht mehr gibt. Ich glaube, dass ich das auch unbewusst ein bisschen gerochen habe und dadurch die Band schon vor dem Ganzen herausgeholt habe. Max (Inhaber von Napalm Records) war einfach super-nett und die ganze Firma gefällt mir gut. Und, das sollte man nicht vergessen: Mit Napalm haben wir es zum ersten Mal geschafft, auch in Österreich und der Schweiz zu charten.

Julian:
Seid ihr jetzt das Heavy-Metal-Aushängeschild eines Labels, das ja eher im extremen Sektor angesiedelt ist?

Chris:
Ach, ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Wir haben alle einen guten Job abgeliefert: Wir im Studio, Napalm bei der Promotion und jetzt kann man darauf aufbauen. Wir haben ja nicht erwartet, dass das Ding durch die Decke schießt. Doch die erreichte Grundlage lässt und zuversichtlich in die Zukunft mit Napalm blicken.

Julian:
Einer unserer Leser (Pseudonym: NightLord) wollte dich unbedingt gefragt haben wissen, ob es für dich den ultimativen GRAVE DIGGER-Lieblingssong und den ultimativen No-Go-Song gibt.

Chris:
Hm, überhaupt nicht gut finde ich '20.000 Lightyears From Home' auf der "Heavy Metal Breakdown", da er so punk-rockig ist, worauf ich eigentlich nicht so stehe. Auf der anderen Seite gibt es aber viele Songs, die mir recht gut gefallen: 'Last Supper' finde ich z.B. super, 'Hell Of Disillusion' von der neuen Platte gefällt mir sehr gut, 'Murderer' von der "Rheingold" oder 'Son Of Evil' von der "The Grave Digger" stehen hoch im Kurs und so hat jede Scheibe ein oder zwei Songs, die ich präferiere. Den ultimativen GRAVE DIGGER-Song gibt es aber eigentlich nicht ... schwer zu sagen.

Julian:
Und live geht am besten...

Chris:
(wie aus der Pistole geschossen) ...natürlich 'Rebellion' und 'Heavy Metal Breakdown'. Aber jetzt, wo "Ballads Of A Hangman" auch schon ein bisschen länger draußen ist, singen viele auch schon 'Ballad Of A Hangman' mit.

Julian:
Der ist ja auch auf die Livetauglichkeit schlechthin geschrieben, oder?

Chris:
Ja, genau.

Julian:
Bleiben wir doch noch einen Moment bei den neuen Songs: 'Lonely The Innocent Dies' hat mich echt vom Hocker gehauen. Dieses Duett finde ich schlicht großartig. Wie kam's dazu?

Chris:
Ich wollte ja schon immer mal so eine Mörderballade schreiben, wie es Kylie Minogue und Nick Cave mit 'Where The Wild Roses Grow' gemacht haben. Wir hatten den passenden Song dafür und dann habe ich Veronica (Frontfrau von BENEDICTUM) gefragt - die hatte ich ja damals zu Locomotive gebracht. Ich finde, dass sie eine super Stimme hat. Und im Übrigen geht unsere Beziehung ja weit über die Musik hinaus, da sie einen alten Freund von mir geheiratet hat, mit dem ich sie auch zusammengebracht habe. Daher rührt unser freundschaftliches Verhältnis. Sie hat auch sofort "Ja" gesagt und es schließlich super eingesungen, finde ich.

Julian:
Ich denke das hört man auch, dass das nicht nur eine reine, musikalische Zusammenarbeit war, sondern vielmehr der Funke übergesprungen ist. Aber um was geht's in dem Song eigentlich genau?

Chris:
Ach, das ist halt so ne Mörderballade. Da ist ein Typ - ich - der sieht, wie ihn seine Frau - also Veronica - mit einem Priester betrügt. Und deshalb muss sie halt dran glauben. (grinst)

Julian:
Kurz und knackig.

Chris:
(lacht) Genau.

Julian:
Der Videoclip zum Album ist ja total old-school-mäßig geworden und vermittelt so einen ganz eigenen Charme. Wie seid ihr da rangegangen?

Chris:
Ja, das Video ist einfach total old-school angelegt. Wir haben ein nettes Mädel dabei. Insgesamt hat mir die Umsetzung sehr gut gefallen.

Julian:
Zu 'Pray' habt ihr auch noch ein Video gemacht?

Chris:
Das war ein Studiovideo, das ich selbst gemacht habe. Ich habe die Kamera im Studio mitlaufen lassen und das Ganze dann selbst zusammengeschnitten.

Julian:
Gibt es eigentlich schon Planungen für eine neue Live-DVD?

Chris:
Hm, also wir feiern nächstes Jahr 30 Jahre GRAVE DIGGER und von dem Event gibt's bestimmt wieder 'ne DVD. Aber vorher wird es nix Neues geben.

Julian:
Apropos Jubiläum. Du hast 2000 ein Interview mit unserem Cheffe Georg Weihrauch geführt, das irgendwie recht nett zu lesen ist, da der Funken zwischen euch nicht wirklich übersprang.

Chris:
(grinst) Kann gut sein.

Julian:
Nun, dort meintest du, dass in vier Jahren, also 2012, Schluss sei mit GRAVE DIGGER. Da habe ich erst mal geschluckt, dachte erschreckt: "Was, höchstens noch zwei Alben oder so ..." - was ist dran an dieser Aussage?

Chris:
Pff, ach nix im Endeffekt. 2012 werde ich 50, wenn's mir weiterhin gut geht. Aber wir machen GRAVE DIGGER solange, wie wir Lust haben. Wir haben noch ein paar ganz gute Ideen, welche wir noch umsetzen wollen und dann gucken wir weiter.

Julian:
Also Entwarnung, oder?

Chris:
Jaja, auf jeden Fall.

Julian:
Sehr gut. Ich denke, man kann die Karriere GRAVE DIGGERs in verschiedene Ären teilen. Welche Ära war diejenige, die dir gezeigt hat, dass es mit der Band einfach immer weiter gehen muss, weil es so eine geile Sache ist?

Chris:
Ich war ja wirklich kurz davor, das alles hinzuschmeißen, nachdem der Lulis (Uwe, Git. von 1986 - 2000) angefangen hat, um den Namen zu schachern. Da habe ich mir ganz genau überlegt, warum ich den ganzen Scheiß noch mache. Aber im Endeffekt haben mich meine Jungs auch immer wieder bestätigt und das war für mich der Zeitpunkt, an dem ich erkannt habe, dass es das alles wert ist und es weiterzumachen gilt. Seitdem habe ich auch eine andere Einstellung dazu und es macht mir viel, viel mehr Spaß als früher.

Julian:
Wir haben im Vorfeld ein bisschen in der Redaktion und im Forum über GRAVE DIGGER geschrieben und dabei kam raus, dass es doch ein ziemlich zweigeteiltes Fanlager gibt. Auf der einen Seite diejenigen, die auf die Zeit vor Manni schwören, und auf der anderen Seite jene, die sich GRAVE DIGGER ohne Manni gar nicht mehr vorstellen können. Die einen sagen, die früheren Alben wären stärker auf den Punkt gespielt, hätte eine andere Attitüde, während auf der anderen Seite auf den neuen Spirit, der durch Manni in die Band kam, geschworen wird. Wie siehst du das?

Chris:
Zum einen hat Manni einfach einen anderen Stil, wodurch GRAVE DIGGER eine andere Nase bekommen hat - obwohl wir unsere Herkunft nie verleugnet haben. Außerdem hat er ganz klar eine andere Gitarre geprägt. Ich glaube, dass wir mit "Ballads Of A Hangman" genau an dieser Schnittstelle sind: Zwischen dem Gitarrenspiel von Thilo und dem von Manni. Thilo deckt mehr die etwas klassische Metalecke ab und das hörst du auch. Ganz viele Sachen könnten auch auf den Mittelalter-Trilogien sein und bei anderen Sachen hört man mehr Mannis Feder. Bestes Beispiel: 'Stormrider' - das ist ein Manni-Riff. Demgegenüber steht 'Hell Of Disillusion', welcher von Thilo kommt. Und das finde ich eigentlich ganz gut, da es der Band noch einiges an Perspektive eröffnet. (überlegt) GRAVE DIGGER war eigentlich immer eine Band, die polarisiert hat. Im Endeffekt läuft darauf hinaus: Entweder die Leute mögen es oder eben nicht. Ein Mittelding gibt es da eigentlich nicht. Das zeigt das neue Album ganz klar: Wir haben wieder einen Schritt back-to-the-roots gemacht und auf die ganzen Bombast-Klamotten verzichtet und dadurch ein richtiges Metal-Album geschrieben, welches von vorne bis hinten auf die Zwölf geht. Ich denke mal, die Leute haben jetzt endlich mal gerafft, dass wir verschiedene Gesichter haben.

Julian:
Ich denke aber doch, dass nach dem kritisierten "Liberty Or Death"-Album - welches mir übrigens recht gut gefiel - das aktuelle Album deutlich besser angekommen ist, oder?

Chris:
Ja, doch. Gut, so zwei, drei hast du natürlich immer, die das Ding ablehnen. In irgend so einem dämlichen Magazin haben wir sogar nur zwei von sechs Punkten bekommen ... aber irgendwo ist das natürlich eine ganz individuelle Geschichte bei Kritiken. Und deswegen muss es in erster Linie uns gefallen. Den Leuten draußen gefällt aber auch, glaube ich. Zumal die neuen Songs auch wesentlich live-kompatibler sind als die der letzten zwei Alben.

Julian:
Habt ihr sie unter dieser Voraussetzung geschrieben?

Chris:
Ja, doch. Wir haben darauf geachtet, dass sie ein bisschen kompakter sind, nicht so verspielt wie auf "Liberty..." und dass man sie auch live gut umsetzen kann.

Julian:
Da die Uhr unaufhaltsam weiter tickt komme ich nun zu meiner letzten Frage: Die ganzen Alkohol-Exzesse, die du in deinem Buch beschreibst - wie stehst du dazu, haben die einfach dazugehört?

Chris:
Eine Zeit lang mit Sicherheit. Aber irgendwann muss man einfach mal den Absprung schaffen. Ich sehe es ja an unseren Mitfahrern, den ALESTORMs, die wir hier im Bus haben. Die hätten mich wahrscheinlich noch in meiner Höchstzeit unter den Tisch gesoffen, mit dem was sie hier wegzerren. Das macht sich allerdings auch live bemerkbar. Also, ich muss ja ganz ehrlich sagen: Ich habe selten so eine Rumpelkombo gehört wie die. Da spielt jeder was anderes. Aber den Leuten scheint's zu gefallen, was ja auch okay ist. GRAVE DIGGER hat aber auf jeden Fall seine stärksten Live-Phasen, seitdem wir mit der Sauferei aufgehört haben. Ich komplett - und die anderen Jungs zumindest vor der Show so gut wie gar nicht mehr.

Julian:
Und was würdest du den Jungmusikern à la ALESTORM als Rat auf den Weg mitgeben?

Chris:
Wir haben denen gesagt, die sollen mit der Sauferei aufhören. Erstens, weil sie sich ständig daneben benehmen und zweitens, weil sie live einfach kacke sind. Und wenn sie ihre Karriere weitertreiben wollen, müssen sie sich in der Richtung mal ein paar Gedanken machen. Und nochmal: Wenn ich sage, die hätten mich in meinen Höchstzeiten unter den Tisch gesoffen (macht eine bedeutungsvolle Mimik), dann meine ich das auch so.

Julian:
Okay. Chris, ich danke dir für deine Zeit und freue mich auf den Auftritt später.

Chris:
Alles klar, gerne und danke dir.

Was für ein Feuerwerk die Grabschaufler im anschließenden Konzert abfeuerten, lest ihr im Konzertbericht.

Redakteur:
Julian Rohrer

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