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GROBSCHNITT: Interview mit Lupo

11.10.2015 | 14:01

Es ist sicher eines der Wiederveröffentlichungsereignisse des Jahres. Unter Federführung von Leadgitarrist Lupo und Drummer Erke Eroc erschienen alle regulären Studio- und Livealben von GROBSCHNITT remastert in der Box "79:10" (zur Rezension) sowie einzeln. Lupo erzählte im Interview mit POWERMETAL.de äußerst ausführlich von dieser Box sowie von verschiedenen Alben, Mitgliedern und anderen Stationen aus der Geschichte seiner Band.




Mit "79:10" ist eine prächtige Box erschienen, die die vollständige Diskographie der originalen GROBSCHNITT mit verbessertem Sound und reichlich Bonusmaterial enthält. Aus diesem Anlass möchte ich dir einige Fragen zur Geschichte der Band und einzelnen Alben stellen. Aber vielleicht erzählst du zunächst etwas über die Entstehung dieser Box.

Es ist für alle Beteiligten eine unglaubliche Geschichte mit einem geradezu märchenhaften Grande Finale. Die Idee für die Neuauflage des gesamten GROBSCHNITT-Katalogs ist eine Gemeinschaftsproduktion von Universal Music (UM), Erke und mir. Ich hatte bereits seit 2006 Gespräche mit UM geführt und fokussierte mich mehr und mehr auf die Gesamtwerk-Idee, alle 14 Alben von 1972 bis 1989 bei einer weltweit agierenden Major-Company zu veröffentlichen - und das konnte nur UM sein. Mit Moritz Trapp sitzt bei UM ein wirklich vertrauenswürdiger Katalogchef mit einem tollen Team, der sofort großes Interesse für unsere Gesamtwerk-Idee zeigte und sich auch noch an seine erste selbstgekaufte GROBSCHNITT-LP "Rockpommel's Land" erinnern konnte. Das steigerte unsere Zuversicht, im richtigen Boot zu sitzen, und wir starteten das von vielen Fans langersehnte GROBSCHNITT-Backkatalog-Projekt. Die Aktion lief unter der Headline "Top Secret", weil de facto niemand in unserem näheren Umfeld etwas davon wusste. Es sollte auf der ganzen Linie ein Überraschungscoup werden. Nur so konnten wir in Ruhe und ohne Zeitdruck arbeiten. Erke hatte parallel zu meinen Gesprächen mit UM bereits mit dem Remastering begonnen, so dass wir dann auch zeitnah mit dem komplett neuen Artwork beginnen konnten. Wir haben in den letzten drei Jahren unsere Archive durchstöbert, tausende Fotos, Presseartikel, Plakate, Fanbriefe etc. in mühevoller Filigranarbeit eigenhändig restauriert und auf Hochglanz gebracht. Alles, was nur im entferntesten nach GROBSCHNITT aussah, wurde seziert und aufpoliert. UM ließ uns alle erdenklichen Freiheiten und setzte auch kein Zeitlimit fest, so dass wir neben Erocs Tagesgeschäft als Remasterer und meinem als Eventmanager in den Abendstunden und an den Wochenenden das Projekt in völliger Ruhe realisieren konnten.
Zu Beginn der Projektplanung stand tatsächlich nur die Neuveröffentlichung der 14 Einzelalben zur Diskussion. Die Idee mit der Box ist erst ein Jahr später geboren worden und hat das komplette Veröffentlichungs-Timing über Bord geworfen. Ehrlich gesagt, war es das Beste, was uns überhaupt passieren konnte, weil wir bereits nach einem Jahr feststellten, dass unser Archiv schier unerschöpflich war. Wir hatten somit wieder etwas mehr Zeit, um auch die einzelnen Albenbooklets mit noch mehr Seiten auszustatten. Als UM mit der Box-Idee rüberkam, haben Erke und ich als erstes ein LP-Cover in die Hand genommen und uns vorgestellt, wie wunderbar groß die GROBSCHNITT-Geschichte illustriert wird. Das war der absolute Thriller, und wir fühlten uns ab da nur noch auf "Big-Box-Booklet-Wolke-Sieben". Der Clou und die Krönung ist natürlich das 92-seitige Big-Box-Booklet im LP-Format. Als wir es zum ersten Mal in den Händen hielten, war das schon sehr emotional. Alles, was sonst in einem normalen CD-Booklet eher etwas beschaulich rüberkommt, erscheint auf einmal in ganz anderen graphischen Dimensionen, und man kann in die Bilder eintauchen und unseren Werdegang chronologisch verfolgen. Für die GROBSCHNITT-Fangemeinde sind diese Erinnerungen mit den vielen Bildern, Texten, Informationen und Anekdoten eine einzigartige Zeitreise zurück in die eigene Jugend. Ich denke, dass sich das Gesamtergebnis sehen lassen kann und vieles von dem, was wir als Band erlebt haben, auch für Leute interessant ist, die uns nie live gesehen haben.




"79:10" ist Mitte Mai herausgekommen - ebenso wie alle einzelnen Alben von GROBSCHNITT aus der Box. Kannst du schon etwas über die bisherige Nachfrage sagen?

Das Feedback ist einfach phänomenal. Die GROBSCHNITT-Gemeinde feiert "79:10" als riesiges Geschenk, die Resonanz in den Fan-Foren und auf unserer neuen Facebook-Seite ist geradezu euphorisch. Von daher: Ja, die Arbeit hat sich gelohnt, auch wenn es ein echter Marathon bis zur Veröffentlichung war. Was dann aber mit der Veröffentlichung des Gesamtwerkes ab dem 15. Mai 2015 passierte, hat uns dann doch regelrecht vom Hocker gehauen. Wir hatten zwar registriert, dass die bereits sechs Monate zuvor veröffentlichte Ankündigung eine regelrechte Euphoriewelle unter den GROBSCHNITT-Freunden auslöste, aber mit diesen Reaktionen hatten wir dann doch nicht gerechnet. Nicht im Traum hätten wir daran gedacht, dass sich die Box binnen einer Woche von Null auf Platz 25 in die deutschen Albumcharts katapultieren würde und damit sofort ausverkauft war. Das hatte weniger etwas mit der Limitierung der Box, sondern mit der großen Nachfrage zu tun. Was uns besonders überrascht hat: Viele junge Leute haben die GROBSCHNITT-Musik dank der Box für sich entdeckt, und auch die weltweiten Fanreaktionen sind sehr positiv. Wir hätten den Zeitpunkt nicht besser wählen können, zumal Erke, unser Sänger und Rhythmusgitarrist Willi Wildschwein und ich als die GROBSCHNITT-Gründer in diesem Jahr auch noch fünfzigjähriges Musiker-Jubiläum feiern, obwohl die Dreierbeziehung zwischendurch auch schon mal an Liebesentzug litt.
Ich habe bei dieser Erfolgsstory auch den Eindruck, dass die Wertschätzung für unser Schaffen heute größer ist als selbst zu unserer aktiven Zeit. Vor vierzig Jahren mussten wir noch mit Mann und Maus um jede gute Rezension kämpfen, heute erstarre ich nur noch vor Ehrfurcht über das, was geschrieben wird. Bestes Beispiel dafür ist die wirklich sehr kompetente und faire Rezension unserer Box "79:10" hier bei POWERMETAL.de. Ich finde es ausgesprochen positiv, wenn Musik nicht so engmaschig in Genreschubladen gepackt wird. Wir müssen auch nicht mehr erklären, wer GROBSCHNITT ist, sondern können es überall nachlesen. Das Internet hat nicht nur die Welt revolutioniert, sondern auch den Namen GROBSCHNITT bekannter gemacht.


Wieso hat es so lange gedauert, bis der gesamte Backkatalog mit remastertem Sound neu auf dem Markt gekommen ist? Nicht notwendig in einem vollständigem Boxset, sondern überhaupt in irgendeiner Form.

Realistisch gesehen haben wir 25 Jahre für die Veröffentlichung des Gesamtwerkes gebraucht. Ich finde dieses Zeitfenster aber völlig angemessen, weil sonst wieder irgendwelche kommerziellen Statements aus dem Boden geschossen wären. Ich selbst bin viele Jahre völlig abgetaucht, und GROBSCHNITT war morgens nicht mehr mein erster Gedanke. Nach 25 Jahren Musik, die Zeit in der Vorgängerband CREW mit eingerechnet, dazu noch den Job des Managers mit über 1300 gebuchten Konzerten, Fanbetreuer, Presse-Attaché und Bandpfarrer in einer Person, brauchte ich mal eine längere Luftveränderung.


Bei den CDs finden sich keine Verfasserangaben für die einzelnen Stücke. Haben die Bandmitglieder immer alles gemeinsam komponiert und getextet oder sollte niemand herausgestellt werden?

Das Banner GROBSCHNITT stand und steht für alles, was wir gemacht haben. Dass Erke bei uns in der ersten Dekade die meisten Texte geschrieben hat, dass unser leider viel zu früh verstorbene Keyboarder Volker "Mist" Kahrs die Story-Idee zu "Rockpommel's Land" hatte, die wir dann gemeinsam kompositorisch auf den Weg gebracht haben, und ich mit einem offenen d-Moll Akkord bereits 1968 das GROBSCHNITT-Opus 'Solar Music' zum Leben erweckt habe, ist auch bekannt. Viele der Songs entstanden in Teamarbeit und kleineren Gruppen. Willi und ich waren von jeher ein akustisches Gitarrenteam und haben viele Kompositionen vorbereitet, die dann gemeinsam mit der Band im Proberaum arrangiert wurden. Dazu kamen dann immer noch unsere heißgeliebten Improvisationen, aus denen wir die interessantesten Elemente für neue Stücke herausgefiltert haben.


Dann möchte ich jetzt gerne in die Geschichte der Band eintauchen und etwas Vergangenheitsbewältigung betreiben. Zuerst natürlich "Solar Music Live": Hier nehme ich den verbesserten Sound gegenüber der älteren CD-Ausgabe besonders deutlich wahr. Ist das nur eine subjektive Empfindung meinerseits oder kannst du das bestätigen?

Das ist absolut richtig, Erke hat hier beim Remastering summa summarum noch einmal in die Zauberkiste gegriffen und das Optimum herausgeholt. Genauer gesagt, hat er sich nicht nur bei "Solar Music Live" viel mehr Zeit dafür genommen, sondern bei allen Alben. Das mit Abstand hören, ruhen lassen und wieder ein bisschen feilen ist beim Remastering einfach die beste Herangehensweise. Ich bin übrigens ähnlich vorgegangen und habe mir die remasterten Aufnahmen immer wieder aufs Neue mit etwas Abstand angehört. Es sind hunderte von Stunden allein in das Remastering geflossen, auch bedingt dadurch, dass ich tatsächlich Dinge heraushörte, die Erke mitunter durchgegangen waren, und er des Öfteren mehrere klangliche Alternativen zur Diskussion stellte. Ich habe dicke Blöcke mit Remastering-Änderungen vollgeschrieben, die wir dann gemeinsam bearbeitet haben.
Das macht letztendlich den unschätzbaren Wert unserer gemeinsamen Arbeit an dem Projekt aus. Das wiedererwachte Teamwork aus alten Zeiten hat während der drei Jahre sehr viel zum aktuellen Erfolg des Projektes beigetragen. Ob wir jemals wieder Hand an "Solar Music-Live" legen werden, steht in den Sternen. Wir haben versichert, dass wir es nicht mehr machen wollen. Aber wer weiß heute schon, was vielleicht in zehn Jahren technisch alles möglich ist. Entscheidend ist viel mehr, dass sich dieses Stück GROBSCHNITT-Musikgeschichte für alle Zeiten in den Köpfen der 'Solar Music'-Enthusiasten manifestiert und vielleicht auch noch in fünfzig Jahren an den Lagerfeuern gespielt wird. Ich werde meinem Sohn sagen, dass er das checken soll und mir dann eine Himmels-Mail schickt.
Ich habe in den letzten drei Jahren eine Menge Rezensionen und Fankommentare über 'Solar Music' gelesen, wobei mir ein Text aus dem Jahr 2001 besonders auffiel. Ich habe keine Ahnung, wer der Schreiber ist, lesenswert ist es allemal, und wie oben bereits erwähnt, ist die remasterte Aufnahme von 2015 noch besser gelungen:
"Wer hat sie nicht erlebt, damals in den wilden 70ern des Deutsch-Rock. GROBSCHNITT war damals schon zu Spielzeiten eine Legende und ihr Epos 'Solar Musik' war ein Muss für jedes Konzert. Der Magie und Faszination dieses Stückes konnte sich wohl niemand entziehen, der solch einen Live-Act je miterlebt hat. Auch heute gut 25 Jahre nach dieser Zeit hat diese CD ihre musikalische Gültigkeit. Was hier an Trance- und ich sage mittlerweile auch New Age-Musik zu hören ist, das ist ein zeitloses Dokument der Krautrock-Szene geworden. Wobei hier der Begriff Rockmusik einfach die Sache nicht mehr beschreiben kann. Es ist ein Werk, vergleichbar mit den Werken der Klassik. Musikstile verschmelzen in einer Art und Weise, wie es genialer kaum gemacht werden konnte. Selbst wenn das Cover mehrere Stücke ausweist, es ist in seiner Komplexität eigentlich nur ein Stück - 'Solar Musik' eben. Was hier in knapp einer Stunde an ekstatischem Feuerwerk abgebrannt wird, ob mit lauten schnellen, aber auch sehr langsamen und gefühlvollen Akkorden, das hat es in der deutschen Rocklandschaft kein zweites Mal gegeben."


Du erwähnst das aufwendige Remastering. Ich habe da auch etwas von einem Backofen-Verfahren gehört.

Ich zitiere hier mal Erke, der das wunderbar erklären kann: "Das mit dem Backofen ist kein Witz und kein Weihnachtsmärchen. Im Gegenteil: Es ist zwingende Notwendigkeit und oft der einzige Weg zur Rettung alter Aufnahmen. Ich will das mal sehr einfach erklären: Bei bestimmten Tonbandsorten treten nach vielen Jahren Verfallserscheinungen auf, die dazu führen, dass die Bänder klebrig und stumpf werden und nicht mehr einwandfrei abgespielt werden können. Die Maschinen verschmutzen dann sehr schnell und bleiben mitunter sogar stehen, weil nach ein paar Minuten alles vom Abrieb des Bandes zugeschmiert ist. Dagegen hilft kein Reinigen der Maschine und des Bandes, es passiert sofort wieder, und man sollte ein solches Band auch tunlichst nicht mehr abspielen, denn sonst nimmt es totalen Schaden und ist unrettbar verloren. Das gehört in fachlich qualifizierte Hände. Ein bekannter Hersteller von Magnetbändern hat deswegen eine Lösung ausgearbeitet, als das Problem konkret wurde: Die Bänder kommen bei genau 55°C für mehrere Stunden in einen Warmluftofen. Sie werden tatsächlich "gebacken". Dadurch festigt sich das Material wieder. Danach lässt man sie abkühlen, und dann laufen sie auf der Maschine, als seien sie brandneu. Man hat dann ca. drei bis vier Wochen Zeit, um sie in Ruhe abzuspielen und sie dabei zu kopieren. Danach fängt der Zerfallsprozess langsam wieder an. Das "Backen" lässt sich angeblich sogar einige Male problemlos wiederholen, aber es reicht eigentlich, das einmal zu machen und dann die Aufnahmen professionell zu retten."


Wie einige andere deutsche Bands habt auch ihr euch nicht vollends nur für eine Sprache entschieden. Eure Musik war anfangs englisch, später deutsch, das dritte Album "Jumbo" ist sogar in beiden Sprachen erschienen. War es das übliche Dilemma, zwischen dem international etablierten Englisch und der Muttersprache, in der man sich besser ausdrücken kann, zu wählen, oder wie stellte sich das Problem für GROBSCHNITT dar?

Es war weder ein Dilemma noch ein Problem. Die Idee zu der "Jumbo"-Veröffentlichung auf Deutsch hatte unsere damalige Plattenfirma Metronome Musik. Wir konnten uns damit relativ schnell anfreunden und befürchteten auch nicht, in die Schlagerkiste abzudriften. Willi signalisierte auch sofort, das mit den deutschen Texten mal probieren zu wollen. Erke übersetzte die Texte, und Willi ging in Liedermacher-Klausur. Das Ergebnis hat uns alle mehr als positiv überrascht, obwohl uns die eine oder andere Textzeile am Anfang schon ziemlich querging. "Wisch fort den Schleim, er macht Dich blind" entsprach jetzt nicht unbedingt Willis Vorstellung von einem deutschen Text, und unser legendärer Toningenieur Conny Plank sah gar das Ende der deutschen Sprachkultur am Horizont aufziehen. Nebenbei, ich kann hier eidesstattlich versichern, dass Erke diese Textzeile nicht geschrieben hat. Aber nach einem Gläschen "Schmirgel" - das ist die GROBSCHNITT-Definition für Bier und Schnaps: "Kipp weg den Schmirgel" - und gutem Zureden der Kollegen hauchte Willi selbst dieser Textzeile noch seine unnachahmliche Grazilität ein. 
Der Metronome gefiel die deutsche "Jumbo"-Version außerordentlich gut, und wir waren gespannt auf die Reaktionen der Fans, auch weil sich die englische "Jumbo"-LP richtig gut verkauft hatte. Das gleiche Album aber zweisprachig zu veröffentlichen, war ein Novum in deutschen Landen. Auf der anderen Seite konnten wir das Geld aber gut gebrauchen, weil permanent neue Anschaffungen von Musikinstrumenten, PA-Equipment, Showrequisiten und im Fuhrpark anstanden.
Bei der Arbeit für die "Illegal" 1980 konnten wir uns noch nicht hundertprozentig entschließen, nur auf Deutsch zu singen. "Illegal" war ein textliches Zwitteralbum, aber der sprachliche Mix passte gut zu den Titeln und kam bei den Leuten auch sehr gut an. Da wir auf dem Album mit 'Silent Movie' und dem 'Joker' auch zwei Instrumentalstücke und mit 'Raintime' eine akustische Gitarrennummer hatten, war "Illegal" für GROBSCHNITT-Verhältnisse eine richtig schöne bunte Wundertüte.
Ab 1982 haben wir dann bestärkt durch den großen Erfolg von "Illegal" nur noch deutsche Texte gesungen. Der Gedanke, den "Razzia"-Titelsong in Englisch zu singen, ist uns nie gekommen. Die inhaltliche Thematik kommt durch Willis ausdrucksstarke Textinterpretation auf Deutsch wesentlich explosiver rüber, als es je ein englischer Text vermocht hätte. Dasselbe gilt auch für 'Wir wollen leben'. Bandintern gab es in diesem Punkt auch keine Diskussionen.


Sehr witzig finde ich das Cover der erwähnten "Jumbo". Nicht dass ich unbedingt Werbefiguren auf Plattenhüllen schätze, aber das cholerische Männchen eines Zigarettenherstellers, der biertrinkende Musketier, der Schriftzug einer seinerzeit sehr populären Fernsehzeitschrift rufen Erinnerungen an diese Figuren, darüber hinaus auch an die Alltagsästhetik der 70er zurück. Kannst du etwas zu dem Cover erzählen?

Das "Jumbo"-Cover war eine Idee des renommierten Hamburger Künstlers Petrus Wandrey, die er ursprünglich für einen Wettbewerb als Titelblatt für die Fernsehprogrammzeitschrift "Hör Zu" entworfen hatte. Wir haben ihn nie persönlich kennengelernt. Er galt schon zu Lebzeiten als anerkannter surrealistischer und Pop-Art-Künstler und gestaltete zahlreiche Plattencover. Er hat eine sehr bewegende und lesenswerte Biografie und einen eigenen Eintrag bei Wikipedia.
Als die Metronome uns den Coverentwurf vorlegte, fielen wir aus allen Wolken, weil wir urplötzlich gemeinsam mit der Creme de la Creme der deutschen Werbeprodukte im größten Flugzeug der Welt konfrontiert wurden, aber außer auf der Cover-Rückseite nirgendwo eine nennenswerte Verbindung zu GROBSCHNITT erkennen konnten. Okay, einige Tafeln Milka oder eine Schachtel HB hatten wir auf Tour hin und wieder mit im Gepäck, aber Klosterfrau Melissengeist oder Ariel gehörten nicht unbedingt zu unserer Catering-Ausstattung. Die Idee, statt der Werbefiguren die Bandmusiker in das Flugzeug zu setzen, konnte in der Kürze der Zeit nicht mehr realisiert werden. Da uns aber so langsam die Zeit weglief und es keinen Alternativentwurf gab, stimmten wir schließlich zu, weil wir den Titel "Jumbo" auch ganz witzig fanden. Zudem versicherte uns die Metronome, dass das Plattencover eine große Aufmerksamkeit erzielen würde, was sich im Nachhinein auch als richtig erwies. Wandreys Plattencover machte unter den Fans schnell die Runde, und jeder hatte eine andere Interpretation parat. Das nennt man, glaube ich, suggestive Manipulation für ein Produkt, das äußerlich etwas ganz anders verspricht, als was tatsächlich drinsteckt.


Einige Jahre spielte der bereits verstorbene Wolfgang Jäger, der auf so sonderbare Spitznamen wie "Popo" oder "Hunter" hörte, bei euch. Wie war eure Reaktion, als der Bassist, der mit euch anspruchsvolle Alben wie "Rockpommel's Land" oder "Solar Music Live" gemacht hatte, eines Tages bei der auch aus Hagen stammenden Band EXTRABREIT auftauchte?

Genau gesagt war es ein Wechsel von langen Stücken zu etwas kürzeren Stücken. Die Kunst, aus drei Akkorden einen Hit zu basteln, hatten die "Breiten" aber drauf. Am besten finde ich nach wie vor ihre Version des Hildegard-Knef-Klassikers 'Für mich soll's rote Rosen regnen', da hatten die Jungs so richtig Tiefgang. Es hat uns also nicht gewundert und schon gar nicht überrascht. Hagen ist, was die Musikszene betrifft, ein Dorf, und die bekannten Musiker haben eine entsprechende Signifikanz. Hunter hatte vier Jahre bei GROBSCHNITT gespielt, was als Referenz für jede Hagener Band mehr als ausreichte. Er hatte auch einen direkteren Kontakt zur Hagener Musikerszene als wir anderen GROBSCHNITT-Musiker. Wir arbeiteten völlig abgeschottet wie auf einer einsamen Insel in unserem Bauernhof-Domizil, wo Hunter übrigens im Wohnhaus nebenan logierte, und waren froh, wenn wir an den wenigen freien Wochenenden mal zu Hause waren oder einfach nur in der Stammkneipe sitzen konnten.
Als die Breiten sich 1978 gründeten, wurden wir mit GROBSCHNITT gerade im WDR-Fernsehen zur weltweit besten Rockpalast-Liveband des Jahres gekürt. 1980 erschien dann ihr erstes Album, und wir brachten fast zeitgleich mit "Volle Molle" unser bereits achtes Album auf den Markt. Für Hagener Verhältnisse galten wir mit diesen Erfolgen als eine Band wie von einem anderen Stern, unerreicht und schon zu Lebzeiten legendär. Wir spielten in den dicken Hallen und blieben trotzdem die netten Jungs von nebenan. Wir waren aber auch Ansporn für andere Bands, es uns gleichzutun. Anfang der 80er gab es in Hagen mit dem Aufkommen der NDW geradezu eine Bandschwemme und verlieh der Stadt den Namen "Little Liverpool". Unser späterer Drummer Rolf Möller alias "Admiral Top-Sahne" hat mir kürzlich noch erzählt, dass er mit Stefan Kleinkrieg, dem Gitarristen von EXTRABREIT, bei den ersten GROBSCHNITT-Konzerten Anfang der Siebziger oft in der ersten Reihe stand und beide den Musikertraum träumten, der dann Jahre später in Erfüllung gehen sollte.


Auf den ersten Scheiben der 80er, der vorhin erwähnten "Illegal" sowie "Razzia", hatte sich die musikalische Ausrichtung deutlich geändert. Vielleicht kannst du etwas über den neuen Ansatz der Gruppe in dieser Zeit sagen?

Hier muss ich mal etwas detaillierter in die Tiefe gehen. Eine Band 20 Jahre erfolgreich auf Kurs zu halten, ist verdammt schwer, weil Du als Musiker auch nach Veränderungen suchst und den eigenen Anforderungen gerecht werden möchtest. Als Musiker wirst Du auch unbewusst von neuen Strömungen beeinflusst, was aber nicht heißt, auch mitgerissen zu werden. Wenn es nach der Journaille geht, haben wir alle Stilrichtungen durchlaufen und sind auch in jede Schublade gepackt worden. Sei es Krautrock, Progressive Rock, Art Rock, NDW und 80er Rock. Überall steckt ein bisschen Wahrheit drin, obwohl wir eigentlich immer nur GROBSCHNITT waren. Wir haben nie daran gedacht, vielleicht mal eine Langspielplatte für die Fans zu machen. Undenkbar, der Maßstab waren immer nur wir selbst! Zugegebenermaßen waren die Plattenproduktionen bei so unterschiedlichen Musiker-Charakteren alles andere als einfach. Wir haben uns aber immer wieder zusammengerauft, und der Erfolg gab uns meistens Recht.
Es gab de facto Anfang der 80er keinen hierarchisch geplanten neuen Ansatz oder musikalische Ausrichtung. Bei "Illegal" kam Milla Kapolke als neuer Bassist in die Band und spielte deutlich rhythmischer im Stil von Chris Squire von YES als Hunter, der immer einen warmen und begleitenden Bass bevorzugt hatte. Die textliche Komponente habe ich oben ja ausführlich geschildert. "Illegal" war stilistisch Lichtjahre von "Rockpommel" entfernt, weil eben auch vier Jahre dazwischen lagen. Die 70er Jahre waren passé, die Songs gestalteten sich komprimierter und nicht mehr so ausufernd lang. Die Musikmagazine verkündeten: "Neue Klänge braucht das Land." Bands wie YES oder GENESIS, mit denen wir ja auch schon mal in einen Topf geworfen wurden, hatten sich längst aus der Ära der Siebziger verabschiedet und formierten sich ständig um. Bei YES konnte man auf der Suche nach neuen Erfolgen locker einen großen Reisebus mit ehemaligen Bandmitgliedern füllen. Im Vergleich dazu waren wir immer noch eine verschworene Gemeinschaft, und "Illegal" traf 1981 voll den Nerv der Leute.

Ich erinnere mich natürlich auch noch sehr gut an die Jahre 1982 und 1983. Wir hatten in dieser Zeit zwei einschneidende Musikerwechsel in der Band zu verzeichnen. 1982 haben wir uns ausschließlich aus persönlichen Gründen von unserem Keyboarder Volker "Mist" getrennt, weil er das eingespielte GROBSCHNITT-Familienleben in der bis dato praktizierten Form nicht mehr fortsetzen wollte. Stattdessen überraschte er uns mitten in den Vorbereitungen für das Album "Razzia" damit, wieder in seine alte Heimat in der Nähe von Bremen zurückzukehren und fortan in einem Wohnmobil zu leben. Zu den Proben in der Studioscheune wollte er dann nur noch zu festgelegten Arbeitsintervallen erscheinen. Das war uns dann doch etwas zu GROBSCHNITT-weltfremd, und wir zogen die Reißleine. Aus heutiger Sicht hätten wir das Problem anders lösen müssen, obwohl die Bremer Hürden damals verdammt hoch waren. Nennenswerte musikalische Gründe gab es jedenfalls vordergründig nicht, auch wenn darüber spekuliert wurde. Keiner von uns wäre je auf die Idee gekommen, Mist aus musikalischen Gründen zu feuern. Es existieren auch noch einige unfertige Songmitschnitte, die wir mit ihm während der Vorbereitungen zur "Razzia" gespielt haben. Da waren wirklich gute Sachen dabei, die ich beim Hören der alten Bänder entdeckt habe. Ich habe mich mit ihm musikalisch auch immer richtig gut verstanden. Im Rückblick überwiegt das Positive auf der ganzen Linie, der dunkle Rest soll bleiben, wo er ist, und spielt für mich auch keine Rolle mehr. Von heute auf morgen war dann Schluss mit der Herrlichkeit der letzten Jahre, und wir standen ohne Keyboarder da. Wir haben uns dann dafür ausgesprochen, das Album ohne etatmäßigen Keyboarder fertigzustellen, und Erke hat die Keyboard-Parts eingespielt.

Natürlich haben wir mit "Razzia" auch etliche neue Leute erreicht, die uns zuvor überhaupt nicht kannten. Dass 'Wir wollen leben' dann auch noch zur Umwelthymne und Protestsong gegen den Bau der Startbahn-West am Frankfurter Flughafen auserkoren wurde, konnten wir nicht ahnen. Auch heute hat der Titel nichts von seiner Strahlkraft verloren und avancierte aktuell beim Stuttgart-21-Bahnprojekt wieder zum Symbolsong. Urplötzlich wurden wir zu TV-Auftritten eingeladen, und alle, die uns nicht wirklich kannten, reduzierten uns auf diesen Song. Schwuppdiwupp meldeten sich dann auch einige Pseudo-Kritiker zu Wort und steckten uns in die NDW-Kiste. "Razzia" hatte aus unserer Sicht aber nichts mit der aufkommenden Neuen Deutschen Welle zu tun, obwohl einige Leute versuchten, die Platte in diese Genre-Ecke zu drängen. Das Album war lediglich ein weiterer notwendiger Wechsel im Stil und in der Band und hätte auch mit Mist tendenziell nicht völlig anders geklungen. Ich hätte vielleicht einige schöne Melodien mehr gespielt und Mist das orchestrale Mellotron noch einmal aufleben lassen. Das wär es dann aber auch gewesen. Nehmen wir nur mal den Titel 'Schweine im Weltall', den wir von Anfang an als eine 100-prozentige Persiflage auf die NDW geplant hatten. Wir konnten mit dieser ganzen NDW-Hysterie überhaupt nichts anfangen. Jede Pappnase hängte sich eine Gitarre um, trällerte belanglose Texte ins Mikrofon und machte auf Popstar. Wir antworteten mit: "Lass doch endlich mal die Sau raus". Die "Razzia"-Tour war nicht weniger erfolgreich als die Tourneen zuvor auch, und paradoxerweise standen bei den Livekonzerten diejenigen, die uns von vielen Konzerten her kannten, in Reih und Glied mit denen, die uns live noch nie gesehen hatten und für die wir die 'Wir wollen leben'-Startbahn-West-Frontmusikanten waren. Das hatte schon was und steigerte sich dann darin, dass beide Gruppen 'Solar Music' und 'Wir wollen leben' gleichermaßen abfeierten. Wer GROBSCHNITT und das "Razzia"-Album in dieser Zeit verstehen wollte, musste ins Konzert kommen. Vielleicht hätten wir das auf die Platte schreiben sollen...


Bald darauf gab es wieder Änderungen. Ich finde, dass GROBSCHNITT sicher keine Pop- oder gar NDW-Band war. Aber auf euren späten Alben ab "Kinder + Narren" ist ein Einfluss dieser in den 80ern erfolgreichen Musikrichtungen in meinen Ohren nicht zu leugnen. Gerade die britische Popmusik hat mit modischen Keyboards und Saxophon Spuren hinterlassen. Wie erinnerst du dich an diesen musikalischen Umbruch der Band und was waren eure Motive?

Nach Erkes Ausstieg im Juni 1983 - das war der zweite einschneidende Musikerwechsel in dieser Zeit - haben wir einen Neustart, aber keinen beabsichtigten Umbruch vollzogen und auf eine weitere mögliche Zusammenarbeit mit ihm ohne jegliche Animositäten verzichtet. Es ranken sich viele Mythen über seinen Ausstieg, und ich bin immer wieder überrascht, was da alles hineininterpretiert wird. Für sein viertes Soloalbum hatte ich noch die Songs 'Vogelfrei' und 'Javea' komponiert und die Gitarren eingespielt, so dass wir auch weiterhin Kontakt hatten. Trotzdem sind Willi und ich nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen. Wir drei hatten immerhin seit unserer Jugend zusammengespielt, und das ließ sich nicht einfach so auf Knopfdruck auslöschen.
Mit Peter Jureit kam ein neuer Schlagzeuger, während "JR" Jürgen Kramer ja bereits auf der "Razzia"-Tour im Einsatz gewesen war. Beide waren exzellente Musiker, sonst hätten wir sie auch nicht genommen. Was ihnen fehlte, war das vielgerühmte charismatische GROBSCHNITT-Gefühl und der Musikgeist der wilden 70er Jahre. Das brauchte aber auch Zeit, und die hatten wir leider nicht. Du kannst auch keinem neuen Musiker glaubhaft vermitteln oder gar aufoktroyieren, so zu spielen wie seine Vorgänger. Auf der anderen Seite ist es natürlich immer so, dass neue Musiker das Bild einer Band auch verändern. Insofern war das aber auch für uns wieder eine neue Herausforderung. Glücklicherweise hatten die beiden späteren Bandmusiker "Tarzan" Waskönig, von 1985 bis 1988 Keyboarder, und "Admiral-Top-Sahne-Ernie-Möller", von Mitte 1986 bis 1989 Schlagzeuger, den GROBSCHNITT-Humor-Virus schon nach kurzer Zeit aufgesogen und konnten gar nicht genug davon bekommen.
Ich kann das mit den "modischen Keyboards" nicht so ganz unterschreiben. Unser damaliger Keyboarder hat die Instrumente eingesetzt, die für sein Musikverständnis und den Einsatz bei GROBSCHNITT optimal geeignet waren. Ich glaube auch nicht, dass er sich wie sein Vorgänger "Mist" eine "Dr. Böhm-Orgel" oder ein Mellotron gekauft hätte. Willis Leidenschaft für das Saxophon war auch nicht neu. Er wollte immer schon damit anfangen, ist aber nie aus den Puschen gekommen. Dass es dann ausgerechnet die 80er Jahre waren, in denen das Saxophon seine Auferstehung erlebte, war einfach purer Zufall. Auf der anderen Seite hätte das Saxophon auch nicht unbedingt zu "Rockpommel's Land" gepasst.
Mir war von Beginn an klar, dass "Kinder und Narren" ein Experiment mit unbekanntem Ausgang sein würde, obwohl unsere Plattenfirma von dem Album richtig begeistert war. Die NDW haben wir in dieser Zeit überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Ich kann auch die Leute verstehen, die mit dem Album nicht allzu viel anfangen können, weil der 80er Sound und einige Songs aus ihrer Sicht nicht unbedingt GROBSCHNITT-typisch waren. Aber was war musikalisch in all den Jahren schon GROBSCHNITT-typisch? Wir haben doch die Leute mehr oder weniger mit jedem neuen Album überrascht. "Solar Music Live" war das einzige Album in der gesamten Bandgeschichte, das unmittelbar nach der Veröffentlichung richtig durchgestartet ist. Kein anderes Album hat diesen Quick-Start jemals erreicht, auch "RPL" nicht. GROBSCHNITT-Alben waren immer schon Langzeitprodukte und haben nie einen Ramschtisch aus der Nähe gesehen.
Noch mal zurück zu "Kinder und Narren". Stücke wie 'Könige der Welt', 'Wie der Wind', 'Keine Angst' oder 'Die Kinder ziehn zum Strand', die in der Grundkomposition allesamt aus der Feder von Willi und mir stammen, halte ich nach wie vor für absolute Perlen, und das Remastering hat den Songs auch richtig gut getan. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn die Single 'Wie der Wind' richtig durchgestartet wäre. Die Leute hätten sich auf das Album gestürzt und uns in den Himmel gehoben, zumindest diejenigen, die GROBSCHNITT gerade erst kennengelernt hatten.


Bemerkenswert finde ich die ursprüngliche Tracklist eures letzten Livealbums "Last Party", mit dem sich die Gruppe vor ihrer Auflösung von den Fans verabschiedete. Eure ersten drei Platten wurden wie in der Vergangenheit - Ausnahme natürlich 'Solar Music' - nicht berücksichtigt. Fast das gesamte Material stammt von den 80er Alben, dabei ist die "Illegal" sehr stark und die damals aktuelle Studioscheibe "Fantasten" überhaupt nicht vertreten. Was waren die Gründe für diese Titelauswahl?

Eigentlich war kein letztes Livealbum mehr geplant, obwohl wir bei einigen Konzerten mitgeschnitten hatten. Auch waren wir bei einer normalen LP mit maximal zweimal 20 Minuten Spieldauer zeitlich sehr begrenzt, weil unsere langjährige Plattenfirma Metronome kein Doppelalbum veröffentlichen wollte. Der CD-Verkauf steckte bei GROBSCHNITT noch in den Kinderschuhen und lief erst Jahre später langsam an. Deshalb konnten wir auch die Songs vom "Fantasten"-Album, die jetzt auf der "Last-Party"-Bonus-CD sind, nicht berücksichtigen. Entsprechend schwierig gestaltete sich dann auch die Titelauswahl. Wir haben uns dann für die bekannten Klassiker aus den 80ern entschieden. Die Musik der ersten drei Alben haben wir mit Ausnahme von "Vater Schmidt" bereits Ende der Siebziger live nicht mehr gespielt. Aus heutiger Sicht und x-maligem Durchhören dieser ersten drei Alben finde ich das eigentlich sehr schade, aber trotz der mitunter fast vierstündigen Konzerte mussten wir aus Zeitgründen immer genau auf die Songauswahl schauen. Das aktuelle Album hatte auf Tour per se immer Priorität, und 'Solar Music' sowie Auszüge von "RPL" waren ebenfalls gesetzt.
Die Setlist der Last-Party-Tour umfasste mit Ausnahme des RPL-Medleys ausschließlich Songmaterial der 80er Alben, darunter fast das komplette "Fantasten"-Album mit neuen Livearrangements und Showaktionen. Der "Solar Music-Sonnentanz"-Mitschnitt aus Hagen ist auf der Last-Party-CD2 in einer über 53-minütigen Fassung zu hören. Ich halte diese Liveversion für eine der emotional kreativsten Versionen, die wir jemals gespielt haben. Bei unserem Grande-Finale-Konzert der Last-Party-Tour in Hagen am 4. Dezember 1989 gab es auf der Bühne auch ein Wiedersehen mit ehemaligen GROBSCHNITT-Musikern. Einige Fotos davon befinden sich auch im Booklet der Box und der CD, darunter auch ein Bild mit Erke, Hunter, mir, Mist und Willi aus der Musiker-Traumbesetzung der ersten GROBSCHNITT-Dekade.



Jetzt überrascht mich das Fehlen von "Fantasten"-Material eigentlich noch mehr. Mit "79:10" liegt die ultimative Neuauflage der Diskographie von GROBSCHNITT vor. Viele ursprünglich unveröffentlichte Aufnahmen sind in der Reihe "Grobschnitt Story" zugänglich gemacht worden, einschließlich der Vor- und Frühgeschichte auf "Die Grobschnitt Story 0". Wie Eroc mir im Interview vor ein paar Jahren gesagt hat, will er die Story ab Teil 3 noch soundtechnisch überarbeiten. Gibt es für euch sonst noch etwas zu tun in Sachen GROBSCHNITT?

Ja, wir haben noch eine Menge vor, gerade auch was Veröffentlichungen betrifft. Es hört sich geradezu unglaublich an, aber wir haben immer noch genügend Material im Archiv, das vielleicht noch mal das Licht der Welt erblicken möchte. Dazu gehören bisher unveröffentlichte Live-DVDs wie die von unserem legendären Rockpalast-Auftritt. Außerdem denken wir ernsthaft über Vinyl-Box-Sets nach. Vinyl erlebt ja gerade eine enorme Renaissance und bringt das Artwork im Großformat wieder ins Gedächtnis der Leute zurück. Auch die von Dir angesprochenen Grobschnitt-Stories sind ein Thema. Im Moment hat aber das aktuelle GROBSCHNITT-Gesamtwerk absolute Priorität. Erke, Willi und ich sind die Gründungsmitglieder und kümmern uns zunächst einmal gemeinsam um die Promotion der Box. "Alles andere steht in den Sternen, aber manchmal gibt das Universum ja wieder etwas frei", wie ich immer so schön sage.


Als großer Fan von Livealben frage ich alle meine Interviewpartner nach ihren Lieblings-Livemitschnitten. Was sind also deine? Hier sind übrigens nicht nur Livealben der eigenen Band, sondern aus der Rockmusik insgesamt gemeint.

Da wir gerade im Thema GROBSCHNITT sind, möchte ich an erster Stelle eigene Platten nennen, zunächst die Bonus-CD zu "Rockpommel's Land". Als ich die Aufnahme nach fast vierzig Jahren das erste Mal gehört habe, war ich mir nicht sicher, dass wir das wirklich live gespielt haben. Es klingt alles so spielerisch leicht, und auch der Mix ist sehr ausgeglichen. Das ist umso wertvoller, weil unser damaliger Mixer Udo eigentlich nur sehr wenig am Pult nachgeregelt hat. Er knutschte stattdessen lieber mit seiner Freundin rum und ließ uns einfach spielen. Glücklicherweise war die oft zitierte orchestrale Livedynamik eine unserer Domänen. Bei extrem leisen Stellen konnte man ein Streichholz fallen hören und im Nebel auf den Wolken schweben. Dann natürlich die Bonus-CD zu "Solar Music Live", aufgenommen im Winterhuder Fährhaus von 1977. Aus dem Jahr 1985 "Sonnentanz" mit Saxophon- und Akustikgitarren-Solo. Und natürlich das 'Solar-Music'-Grande-Finale unseres erwähnten letzten Konzertes in Hagen von der "Last Party"-Doppel-CD. Hier gefallen mir auch die Live-Bonustracks aus Wuppertal richtig gut, weil wir einige Songs vom "Fantasten"-Album wesentlich rockiger spielen als in der Studiofassung.
Ansonsten höre ich nicht mehr so intensiv Rockmusik, sondern öfters mal Klassik. Seit einigen Jahren bin ich mit der Familie regelmäßig in Berlin und genieße die Livekonzerte von Daniel Barenboim. Zu Silvester schaue ich mir aber immer die Livekonzerte auf 3Sat an. Wenn mir etwas besonders gut gefällt, dann kaufe ich mir auch die Live-DVDs wie z.B. "Live At Shea Stadium“ von Billy Joel, "Live From Melbourne" von Pink, "Back To Brooklyn" von Barbra Streisand, "One Night Only" von den BEE GEES, "Old Friends, Live on Stage" von SIMON & GARFUNKEL mit den EVERLY BROTHERS oder "Live aus Berlin" von PETER FOX & COLD STEEL. Und wenn der Tag mal völlig hektisch war, höre ich Waltraud Meiers 'Liebestod' aus Richard Wagners "Tristan und Isolde". Danach ist die Welt dann wieder in Ordnung.


Tja, Rockmusik hörst du dann wirklich nicht mehr viel. Danke für das Interview und viel Erfolg bei euren weiteren Vorhaben mit GROBSCHNITT.

Redakteur:
Stefan Kayser

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